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Thema des Tages Boat People Projekt im Schloss Gieboldehausen
Thema Specials Thema des Tages Boat People Projekt im Schloss Gieboldehausen
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17:47 25.03.2018
Schwitzen in der Dorfsauna: Laienschauspieler in der Inszenierung "Dorf" der Göttinger Theatermacher Boat People Projekt.
Schwitzen in der Dorfsauna: Laienschauspieler in der Inszenierung "Dorf" der Göttinger Theatermacher Boat People Projekt. Quelle: Foto: r
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Gieboldehausen

Die Besen kratzen über den Boden. Es ist Sonnabend, und sonnabends wird gefegt. Wir sind in Hausen, einem typischen Dorf. Rund 30 Menschen bringen uns ihr Leben näher. Sie sind die Darsteller des Theaterstücks „Dorf“, einer Produktion des Boat People Projekts.

„Großkotz“ grummelt beim Fegen einer der Protagonisten, ein anderer ruft: „Irgendwas ist immer.“ Nur eine Kirmes nicht. „Früher gab es viele, jetzt sind die weg.“ Das Leben auf dem Dorf ist ein wenig ärmer geworden in den vergangenen Jahrzehnten. Busse fahren nur noch spärlich, Telefonzellen sind abgebaut, Dorfläden dicht gemacht. Jetzt kommen potenzielle Sponsoren, die Theaterbesucher. Sie werden in Gruppen durchs Dorf geführt, das passt nicht jedem der 350 Hausener, Altersstruktur 55 aufwärts.

In vier Trüppchen werden die Theaterbesucher an verschiedene Stationen bis auf den Dachboden im Schloss Gieboldehausen geführt, maximal 20 Teilnehmer. Das ist die Grundkonstellation für das Stück, das die Profis der Göttinger Theatermacher mit Theaterlaien aus vielen Orten des Landkreises erarbeitet haben und das am Sonnabend Uraufführung hatte.

Eine Station ist der Partyraum. Hier soll die große Fete steigen. Sie feiern gerne in Hausen. Doch dann fällt mal wieder einmal das Licht aus. Keine Diaschau, das Bier wird knapp, der letzte Schluck ist schal. Die Nörgler nörgeln, das kennt man. Sie nörgeln immer, es gibt ja auch immer was zu bekritteln. Aber eigentlich sitzen sie ganz gerne zusammen.

Die Telefonzellen sind längst Geschichte, aber eine Dorfsauna haben sich die Hausener bewahrt. Hier kommen die Alteingesessenen und die Zugezogenen zusammen und begegnen sich, wie Gott sie schuf. Man beschnuppert sich unter der kalten Dusche, während die Hexen raunen.

Natürlich brodelt die Gerüchteküche, auch wenn man zusammen kocht. Zwiebeln, Paprika und Sellerie werden geschnippelt, immer ein fröhliches Lied auf den Lippen.

Die Inszenierung "Dorf" der Göttinger Theatermacher Boat People Projekt. Quelle: r

Und der Sonntagmittag gehört der Familie. Dann kommen die leckeren Rouladen auf den Tisch und das eine oder andere Schnäpschen. Man spricht über dies und jenes, über die bevorstehende Hochzeit, über Sodom und Gomorrha und was die Nachbarn sagen könnten. Doch wenn sie sich auch nicht immer einig sind zu Hause, was die Nachbarn sagen, ist ihnen schnuppe.

Und wenn die Glocke durchs Dorf bimmelt, dann kommen sie alle zusammen. Dann wird wichtiges verhandelt. Abgestimmt wird darüber, ob nur noch die Einheimischen im Friedwald bestattet werden dürfen oder auch Städter dort ihre letzte Ruhe finden dürfen und damit viel Geld in die Dorfkasse spülen. Diskutiert wird über den Wunsch der Jugend nach einem Friedhof für Meerschweinchen hinter dem Supermarkt oder doch lieber für Hamster. Das FKK-Becken im Nachbardorf ist Thema und der Solarstrom. Und irgendwann taucht auch Heinz wieder auf. Monatelang war er nicht mehr gesehen worden. Nachts brannte Licht in seinem Haus, hämmern war zu hören. Ein Raumschiff hatte er bauen wollen, angetrieben von Gülle. So hatte es die Dorfgemeinschaft beschlossen, so hat es Heinz zumindest verstanden. Eine Zeitmaschine ist es geworden, Heinz ist stolz. Bis ins Jahr 2025 hat er sich katapultiert und dort die rosige Zukunft von Hausen und den Hausenern gesehen, dann auch ohne König. Der ist dann nicht mehr vorgesehen. Sie müssen es nur anpacken, lautet die Botschaft von Heinz.

„Ich bereue keine Sekunde“

Gleich eine ganze Gruppe aus Güntersen steht bei der Produktion „Dorf“ auf der Bühne. Kein Wunder, gibt es dort auch eine Laienspielgruppe, die regelmäßig Inszenierungen auf die Bühne bringt. Ihr Regisseur habe ihnen das Projekt „Dorf“ vorgestellt, erklärt Marco Ilse (35) im Anschluss an die Uraufführung. Weil er im Schichtdienst arbeitet, konnte er nur bei jeder zweiten Probe dabei sein, sagt er. Und: „Ich bereue keine Sekunde.“

Maria Kariger (53) hat hingegen keine Probe verpasst. Mehr noch: Mit ihren Mitstreitern aus Gieboldehausen habe sie sogar heimlich geprobt, erzählt sie. „Wir haben uns bei Lothar getroffen.“ Aus dem Tageblatt habe sie von dem Projekt erfahren, erzählt sie. Zu Beginn habe sie sich nichts darunter vorstellen können, doch das Ergebnis findet sie „absolut geil“ – auf der Bühne, aber auch im richtigen Leben. „Wir sind eine ganz andere Gemeinschaft geworden.“

Klaus Eickhoff (74) ist ein alter Theaterhase. Am Deutschen Theater Göttingen hat er als Statist an verschiedenen Produktionen mitgewirkt und kennt viele der Initiatoren schon lange. Zu einem Vorbereitungstreffen sei er gegangen, um die alten Bekannten mal wieder zu treffen, „da haben sie mich gleich gekrallt“. Mit Begeisterung war der Wöllmarshäuser dann dabei. „Ich habe alles sausen lassen.“

Auch Lothar Laake (56), der Gieboldehäuser mit der Wohnung für die geheimen Proben, bringt Theatererfahrung mit. Im Alter von 15 Jahren habe er bei „Peterchens Mondfahrt“ den Wassermann mit Wasserpistole gespielt. Später schrieb er 30 Jahre lang Büttenreden. Auch er las im Tageblatt von dem Projekt und wollte erleben, wie Theater professioneller gemacht wird. Sein Fazit: „Ich bin lockerer geworden.“

Seine erste Theatererfahrung hat Thomas Deisel (52) mit dem Boat People Projekt gemacht. Der Künstler ist Bürgermeister von Deiderode und erarbeitet gerade mit Kindern ein Theaterstück zur 900-Jahr-Feier des Ortes. Er sagt: „Alles, was wir spielen, ist aus dem Leben gegriffen.“ Wie auch die Kollegen ist auch er noch ganz aufgedreht so kurz nach der Vorstellung. Sicher aber ist er sich: „Das hat mich bereichert.“ Doch jetzt fragt er sich: „Was machen wir denn danach?“ Die anderen Akteure stimmen heftig zu.

Bettin Kowalewski, die ihr Alter nicht verraten will, ist erst spät zu der Theatertruppe gestoßen, eingesprungen für eine Bekannte. Begeistert erzählt sie von Herberhausen, dem Dorf, in dem sie lebt. Kritisch ging sie an das Engagement heran, „ich habe noch nie Theater gespielt“. Dann habe sie „das Nachdenken abgestellt und einfach gemacht – und es hat funktioniert“.

Milena Trampenau (15) hatte familiäre Unterstützung. Ihre Eltern und Bruder Ole spielen ebenfalls mit, Milena offenbar nicht ganz freiwillig. „Meinen Eltern haben mich gezwungen“, erzählt sie schmunzelnd. Alle vier sind in ihrem Heimatdorf Güntersen in der Laienspielgruppe aktiv. Lange habe sie sich nicht vorstellen können, was am Ende dabei herauskommen würde, „meine Motivation war am Boden“. Doch nach der Uraufführung sagt sie mit dem Brustton der Überzeugung: „Mit dem Ergebnis bin ich mehr als zufrieden.“

Die Etzenbornerin Aline Rheinfurth hat „ganz früher mehr Theater gespielt“. Heute singt sie mehr. „Wir haben in Etzenborn einen tollen Chor.“ Die Profis vom Boat People Projekt und ihre Arbeit kenne sie schon länger. Deswegen sei sie auch sehr gelassen eingestiegen, denn sie war sich sicher: „Die machen das schon.“

Ein Dorf, stellvertretend für viele

Vor einigen Jahren haben professionelle Theatermacher, einige aus dem Umfeld des Deutschen Theaters Göttingen, ihr Boat People Projekt gegründet. Sie arbeiten mit professionellen Schauspielern, immer wieder auch mit Theaterlaien, manche kommen aus Deutschland, daneben sind viele Geflüchtete dabei. Vor zwei Jahren habe die Teilnehmerin eines Projektes den Grundstein zu dem Projekt „Dorf“ gelegt. „Warum macht ihr nicht mal was im Landkreis“, habe sie gefragt, erinnert sich Reimar de la Chevallerie, einer der Gründer.

Akteure der Produktion "Dorf" der Theatermacher Boat People Projekt. Quelle: Peter Krüger-Lenz

Herausgekommen ist jetzt ein Projekt, das sich durch den ganzen Landkreis zieht. Im Oktober starteten Franziska Aeschlimann und Birte Müchler in Besenhausen, Nina de la Chevallerie in Gieboldehausen, Reimar de la Chevallerie in Güntersen und Hans Kaul in Rittmarshausen mit den Proben. Sie arbeiteten mit Laienschauspielern aus Bernshausen, Besenhausen, Bilshausen, Deiderode, Etzenborn, Gieboldehausen, Groß Lengden, Güntersen, Göttingen, Herberhausen, Holzerode, Reckershausen, Reiffenhausen, Rittmarshausen, Rüdershausen und Wöllmarshausen.

Geprobt wurde einmal in der Woche, gegen Ende dann ganze Wochenenden im Schloss Gieboldehausen, um die an den verschiedenen Orten entstandenen Szenen zu einem Stück zusammenzufügen. Das Arbeitsprinzip: Die Theaterprofis ließen die Mitspieler zu Beginn aus ihren Dörfern erzählen. Themen wurden gesammelt und von Dramaturgin Nicola Bongard in Bühnentext verarbeitet. „Alles, was gesprochen wird, kommt nicht von uns“, sagt Reimar de la Chevallerie, es sei nicht ihr Blick aus Dorf. Und Nina de la Chevallerie ergänzt: „Der Nicola-Filter war sehr wichtig.“ Sie habe das erzählte verdichtet und in eine Form gegossen.

Ihr Blick habe sich verändert, sagt Nina de la Chevallerie, sie sehe „ mein eigenes Dorf mit anderen Augen.“ Reimar de la Chevallerie hat anders von der Arbeit profitier: „Ich habe den Landkreis kennen gelernt.“

Finanziert haben die Theatermacher mit EU-Förderung und zahlreichen Unterstützern. So stellte ihnen die Initiative Grünes Auto Göttingen ein Fahrzeug zur Verfügung, um überhaupt zu den Probenorten zu kommen. Eine Gaststätte in Gieboldehausen öffnete eigens an ihrem Ruhetag, damit die Gruppe auf dem Tanzsaal proben konnte. Und der Flecken Gieoldehausen habe sich sofort gemeldet und das Schloss zur Verfügung gestellt, als sie einen Auftrittsort suchten. „Es gab keinen Haken“, sagt Nina de la Chevallerie.

Tickets und Termine

Weitere Vorstellungen der Produktion „Dorf – Einmal Landkreis und zurück“ gibt es am Freitag, 6. April, um 19 Uhr sowie am Sonnabend, 7. April, um 15 und um 19 Uhr im Schloss Gieboldehausen, Hahlestraße 13. Karten kosten 12 Euro, ermäßigt 8 Euro. Eintrittskarten gibt es in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44, in Göttingen und Marktstraße 9, in Duderstadt.

Von Peter Krüger-Lenz