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Thema des Tages Weltpolitischer Irrsinn auf einen Blick
Thema Specials Thema des Tages Weltpolitischer Irrsinn auf einen Blick
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00:17 03.04.2017
Von Hannah Scheiwe
Quelle: Landschulz
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Kassel

„Wir wollen die politische Karikatur wieder in den Vordergrund bringen“, sagt Armin Noll, Pressebeauftragter bei der Caricatura Galerie für komische Kunst in Kassel, über die Ausstellung, mit der die Caricatura alle fünf Jahre die Weltkunstausstellung Documenta begleitet – nun bereits zum siebten Mal. So solle mit dem Thema „Systemfehler“ in diesem Jahr kein Crossover der komischen Kunst im Generellen gezeigt werden, sondern eine Reaktion auf den weltpolitischen Irrsinn, unter anderem auf „Despoten, Chaoten und Idioten in Entscheidungspositionen“, wie es in der Ankündigung heißt.

„Die Produktion der Zeichner hat sich durch die Ereignisse politisiert“, erklärt Noll. 50 Künstler sollen in Kassel ihre Werke ausstellen, viele Zeichnungen sind darunter, aber auch Gemälde und andere Objekte.
Zu der Minderheit der Maler gehören unter anderem Frank Hoppmann, Rudi Hurzlmeier, Ernst Kahl und Guido Sieber. Der jüngste von ihnen, Hoppmann (geboren 1975), zeichne sich durch seinen „herausstechenden Blick“ aus, wie Noll erklärt. Über Kahl, der Cartoons für das Satiremagazin Titanic malt, sagt er: „Kahl begleitet die Ausstellung zur Documenta schon lange. Er hat schon 1997 mit einer Skulptur mit dem Namen ‚Die Braut des Maurers‘ für Aufsehen gesorgt.“ Die damals vor dem Kasseler Kulturbahnhof installierte Skulptur war mit einer Öffnung in Hüfthöhe versehen.

Info

Die Ausstellung „Systemfehler“ wird am Freitag, 2. Juni, um 18 Uhr in der Caricatura in Kassel, Rainer-Dierichs-Platz 1, eröffnet. Anschließend ist sie bis zum 17. September täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet.

Von den Zeichnern hebt Noll unter anderem Beck, Franziska Becker, Greser & Lenz, Gerhard Haderer, Gerhard Seyfried und Til Mette hervor. Beck, der bereits mehrfach mit Karikaturistenpreisen ausgezeichnet wurde und international Cartoons veröffentlicht, sei bereits Dozent an der Sommerakademie der Caricatura gewesen, die diese jährlich für den Künstler-Nachwuchs organisiert.
Franziska Becker bezeichnet Noll „als eine der wenigen Vollprofis als weibliche Zeichnerin in einer Männerdomäne“. Sie ist seit 1977 Hauscartoonistin der Zeitschrift Emma von Alice Schwarzer und hat mit ihren Zeichnungen die Entwicklung der feministischen Szene widergespiegelt. „Eine herausragende Zeichnerin“, so Nolls Urteil.
Auch das Zeichner-Duo Greser & Lenz hat eine gute Referenz vorzuweisen: Die beiden Zeichner stehen bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) unter Vertrag. „Obwohl sie für eine eher als konservativ geltende Zeitung arbeiten, haben sie mit die radikalste Sprache als politische Karikaturisten entwickelt“, sagt Noll.
Während viele deutsche Karikaturisten sich zeichnerisch auf den Zeichner Wilhelm Busch (1832 - 1908) bezögen, orientiere sich Gerhard Seyfried sich am amerikanischen Zeichenstil orientieren, nennt Noll eine Besonderheit dieses Zeichners. „Underground-Comic im Stil von Robert Crumb“ sei seine Spezialität. „Mit seinen Berlin-Comics hat Seyfried das Bild der Berliner Studentenszene geprägt“, sagt Noll.
Die Besucher der Ausstellung „Systemfehler“ erwartet also eine vielfältige Zusammenstellung politischer, komischer Kunst. Der Ausstellungstitel werde auch zum Gestaltungselement für die Ausstellung, verspricht Noll. Aber sagt auch: „Wir wollen nicht den Fehler begehen und selbst Systemfehler produzieren, indem wir die Besucher ratlos hinterlassen“. Ziel der Ausstellung seien direkte Aussagen.

„Wenn ein Land in der Krise ist, hat Komik Konjunktur“

Martin Sonntag, geboren 1968, ist seit 2000 Leiter und Geschäftsführer der Caricatura Galerie für komische Kunst in Kassel. Ein Jahr zuvor, 1999, hat er eine Agentur für komische Kunst gegründet, die europaweit tätig ist.
Tageblatt: Martin Sonntag, die Ausstellung „Systemfehler“ soll eine Bestandsaufnahme des weltpolitischen Irrsinns sein. Gibt dieser Irrsinn der komischen Kunst nicht auch Anschub, nützt ihr sogar?
Martin Sonntag: Nutzen wäre das falsche Wort, aber natürlich ist alles, was außerhalb der Norm läuft, dankbar für die Satire, so auch, wenn die Welt aus dem Ruder läuft. Gerade dann ist Satire wichtig. Satire muss mit der notwendigen Leichtigkeit daherkommen, sonst wird es  schnell langweilig.
Macht der politische Irrsinn es der Satire denn auch schwerer, weil die Menschen empfindlicher werden, beispielsweise bei Religion oder Anschlägen wenig Humor verstehen?
Im Gegenteil: Wenn ein Land in der Krise ist, dann hat Komik Konjunktur. Und gerade ist die ganze Welt in der Krise. In unsicheren, durchgeknallten Zeiten wie jetzt ist Satire immer auch ein Ventil, um Angst zu nehmen. Sobald man über etwas lachen kann, wird es erträglicher. Satire wird in solchen Zeiten besser angenommen.
Will die komische Kunst denn immer kritisieren?
Komische Kunst will unterhalten. Aber Satire ist Angriff und will und muss kritisieren, auch scharf. Wir verstehen uns bei der Caricatura eher auf Satire und das soll die Ausstellung „Systemfehler“ auch widerspiegeln.
Angenommen, wir würden in einer perfekten Gesellschaft leben, wo es nicht mehr viel zu kritisieren gäbe, würde es dann noch Satire geben?
Satire würde es immer geben, weil der Mensch an sich gerne lacht. Es ist nur die Frage, auf welchem Niveau gelacht wird.
Auf welchen Künstler freuen Sie sich bei der „Systemfehler“-Ausstellung am meisten?
Auf alle. Donald Trump würde sagen: Das sind alles wunderbare Menschen, jeder von ihnen hätte ein eigenes Museum verdient.

Die Künstlerliste

Diese 50 Künstler stellen bei der Caricatura-Ausstellung „Systemfehler“ Werke aus: Beck, Franziska Becker, Harm Bengen, Bettina Bexte, Burkh, Rainer Ehrt, Tim Oliver Feike, Gerhard Glück, Greser & Lenz, Katharina Greve, Markus Grolik, Gerhard Haderer, Hauck & Bauer, Michael Holtschulte, Frank Hoppmann, Rudi Hurzlmeier, Ernst Kahl, Björn Karnebogen, Kittihawk, Rudi Klein, Kriki, Dorthe Landschulz, Mario Lars, Piero Masztalerz, Dirk Meissner, Til Mette, Denis Metz, Nel, OL, Oliver Ottitsch, Martin Perscheid, Thomas Plaßmann, Ari Plikat, Polo, Andreas Prüstel, Rattelschneck, Hannes Richert, Leonard Riegel, Stephan Rürup, Ralph Ruthe, Heiko Sakurai, Schilling & Blum, Reiner Schwalme, André Sedlaczek, Gerhard Seyfried, Guido Sieber, Klaus Stuttmann, ©TOM, Freimut Wössner, Miriam Wurster.