Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Thema des Tages Country – mehr als eine Musikrichtung
Thema Specials Thema des Tages Country – mehr als eine Musikrichtung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 28.02.2019
Annette und Wolfgang David: Das Ehepaar aus Bad Lauterberg tritt als Duo "David & Heart" auf. Quelle: r
Anzeige
Bad Lauterberg

Das Wort Country hat viele Bedeutungen. Es steht für ein Land oder auch für ländlich. In der Musik wird unter diesem Begriff volkstümliches Liedgut verstanden, ein Country Bumpkin ist im Englischen ein Bauerntölpel, ein Borrower Country ein Kreditnehmerland.

Für viele Menschen ist Country ein Lebensgefühl, eine Hinwendung – schlichtweg eine Freude, die mit Freiheit und Ungebundenheit zu tun hat. Jedoch: „Zum Lebensgefühl, das Country auslöst, kann ich wenig sagen“, wägt Wolfgang David ab. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Annette tourt der Musiker seit 1992 durch die Lande – natürlich mit Country-Musik im Repertoire.

Anzeige

Als Gesangsduo David & Heart sind die beiden unterwegs, manchmal auch mit der Band Sixpack Corner. Der in Bad Lauterberg lebende David lässt wissen: „Vor Pferden habe ich gehörigen Respekt und zum Line Dance sind meine Füße vollkommen ungeeignet. Ich kann nur versuchen, meine Verbindung zur Country Music zu erklären.“

Erste Gage: 40 US-Dollar

Zu diesem Genre ist er während seiner Zeit auf der Lincoln High School in Darmstadt-Eberstadt eher durch Zufall gekommen. Dort gab es eine Schülerband, die in erster Linie Titel der Country Music coverte. „In dieser Band durfte ich als einziger Deutscher seinerzeit mitspielen.“ Damals, das heißt 1966, konnte David zwar mit der Band schon in deutschen Lokalen im Rhein-Main-Gebiet auftreten, aber die amerikanischen NCO-Clubs (Unteroffizier Clubs) waren für ihn tabu.

„Erst mit 18 Jahren durfte ich dann mit der Band in den Clubs in Südhessen, Nordbayern und Rheinland Pfalz spielen“, hält der Musiker Rückschau. Sogar sehr detailliert: „Ich erinnere mich noch, dass meine erste Gage am 1. Mai 1968 – drei Tage vorher war ich 18 geworden – 40 US-Dollar betrug. Der Dollarkurs stand seinerzeit bei etwa 4,20 D-Mark. Das war für einen Schüler mit zehn Mark Taschengeld pro Woche sehr viel Geld.“

Ob es an diesem Erfolgserlebnis lag oder eine Berufung dahinter stand: David ist bei der Country-Musik geblieben. Die Bemerkung über die Vielschichtigkeit des Wortes Country bestätigt er auch hinsichtlich der Musik. „Hier sind unter anderem sowohl Pop- als auch Rockelemente vorhanden und die Grenzen sind bekannterweise fließend. Es gibt keine eindeutige Zuordnung zu einer ‚Schublade‘. Unter dem Sammelbegriff ‚Country Music‘ verbergen sich sehr viele Stilrichtungen, wie Western, Texmex, Western Swing, Cajun, Bluegrass, West Coast, Country Rock, der eher kommerzorientierte Country Pop und anderes mehr.“ Was allerdings in puncto Lebensgefühl auffalle sei, dass es auf Country-Veranstaltungen ein Miteinander der Menschen gibt: Ob Tänzer, Westernreiter, Authentiker – die Menschen würden sich gegenseitig respektieren.

Vielseitigkeit der Musik

„Vielleicht ist ja die Country Music das verbindende Element“, vermutet David. Vermehrt junges Publikum Er hat beobachtet, dass in den vergangenen Jahren vermehrt junges Publikum zu Country-Festen kommt. „Das haben wir unter anderem dem Line Dance zu verdanken. Ich erlebe aber oft auch, dass 40- bis 50-Jährige zum ersten Mal auf eine Country-Veranstaltung kommen und von der Vielseitigkeit dieser Musik total überrascht sind. Viele kannten bis dahin nur Tom Astor, Truck Stop und bestenfalls noch Johnny Cash.“

David selbst hat zwar als Musiker keine Vorbilder, aber Vorlieben für einige Interpreten, wie Waylon Jennings, Merle Haggard, George Jones, Willie Nelson, Johnnie Cash und als Songwriter Kris Kristofferson. Spannende Bands seien beziehungsweise waren CCR, Texas Tornados, Alabama, Kentucky Headhunters, Mavericks und andere mehr.

Befragt nach seinen Träumen als Country-Musiker sagt David: „Die werden mit zunehmendem Alter bescheidener und die Zeiträume, für die man plant, werden enger. Ich würde mich freuen, wenn ich in zwei Jahren als dann 70-jähriger noch mit der Band ‚Sixpack Corner‘ am Himmelfahrtstag auf der Bühne stehen kann, um Menschen mit unserer Musik für ein paar Stunden aus ihrem Alltag zu holen, ihnen ein paar unbeschwerte Stunden zu bescheren und selbst dabei eine Unmenge Spaß habe.“

Die Country-Band Truck Stop Quelle: C.BARZ

Country Night 2019 in Bilshausen wieder mit Truck Stop

In Bilshausen haben sich viele Menschen der Country-Musik verschrieben. Seit 1998 richtet der dortige Country- und Westernclub jährlich die Country Nights aus. „Ich habe 1997 in Rothenburg ob der Tauber eine Band gesehen, von der ich so begeistert war, dass ich mir gesagt habe: die holen wir hier her“, berichtet Vereinschef Uwe „Atze“ Engelhardt von einer Art Initialzündung. Schnell war ihm klar, dass er ein solches Konzert nicht allein stemmen kann. Also gründeten er und weitere Mitstreiter den Country- und Westernclub. Die Band kam und spielte in Bilshausen – wenn auch ihr Abschiedskonzert. 10000-D-Mark kostete diese erste Party Open Air, zum Glück spielte das Wetter mit. Verein mit eigener Ranch.

Seither steigt in Bilshausen alljährlich eine Country Night. Nur einmal musste der Verein aussetzen. Über die Jahre investierten die Country-Freunde viel Geld in eine richtige Ranch. „Unsere Kinder sind da groß geworden“, erinnert sich Engelhardt gerne an glückliche Zeiten. Das Vereinsgelände musste aus Landschaftsschutzgründen aufgegeben werden, bedauert er. Trotzdem lebt die Country-Musik in Bilshausen weiter. Zum 20. Geburtstag des Clubs spielte im vergangenen Sommer die Band „Truck Stop“ in dem Eichsfeld-Ort. Das war gut, sogar so gut, dass Engelhardt die Hamburger für diesen Sommer gleich wieder eingeladen hat. Eine Zusage liegt vor.

Mit Nachwuchs und Idealismus

Allgemein, sagt der Vereinschef, sei es wohl der Zusammenhalt untereinander, der Country-Freunde begeistere. „Es gibt viele gemeinsame Unternehmungen“, erklärt er. Freilich, die „Älteren“ würden sich langsam zurückziehen. „Aber wir haben den Nachwuchs. Auch unsere Familien ziehen mit. Sonst hätten wir schon aufgegeben“, fügt der 57-Jährige hinzu. Wichtig sei der Idealismus. „Ist der weg, bringt es nichts mehr.“ Was grundsätzlich absolut schade wäre für kleine Orte wie Bilshausen, denn es würden allgemein viele Dinge wegbrechen auf den Dörfern.

Andreas Cisek beim Auftritt von Truck Stop 2018 in Bilshausen. Quelle: Swen Pförtner

Truck-Stop-Leadsänger in Tageblatt-Interview

Andreas Cisek ist Leadsänder der Hamburger Gruppe Truck Stop. Am 15. März veröffentlichen die altgedienten Country-Musiker ein neues Album. Die Band ist 1973 gegründet worden.

Hat sich der Auftritt der Band im vergangenen Jahr, zum 20-jährigen Bestehen des Country- und Westernclubs Bilshausen, in das Gedächtnis der Musiker eingebrannt und wenn ja, was ist damals als bemerkenswert wahrgenommen worden?

In Westernclubs zu spielen, ist für uns immer was ganz Besonderes. Es ist einfach klasse für uns mit den Fans gemeinsam „Country“ zu leben. In Bilshausen wurden wir sehr herzlich aufgenommen.

Ich nehme an, es gibt viele Konzertanfragen, ist es deshalb etwas Außergewöhnliches, wenn Truck Stop zweimal in kurzer Zeit an einem Veranstaltungsort auftritt?

In ganz kurzer Zeit zweimal an einem Veranstaltungsort aufzutreten, kommt selten vor. Wenn es aber wie in Bilshausen ein Jahr her ist, dann kommen wir sehr gerne nochmal.

Wie nimmt die Band die Country-Szene insbesondere in Norddeutschland wahr? In einem Song heißt es: „Es gibt keine Cowboys hier“. Ist diese Jahre alte Aussage eines im Lied zitierten Jazzers auch heute noch schlichtweg ein Irrtum?

Die Country-Szene nicht nur in Norddeutschland hat sich doch in den letzten Jahren gewandelt. Die Trucker von heute kommen oft aus anderen Ländern und sind nicht so stark Country affin. So haben wir uns auch textlich verändert und uns anderen Themen gewidmet. Musikalisch ist die Country Music heute auch ein Stück weit moderner geworden.

Interview: Ulrich Meinhard

Westernreiten auf der Anlage des Reit- und Fahrverein Gieboldehausen. Quelle: Helge Schneemann

Mit Lasso und Grashalm: Westernreiten in Gieboldehausen

Ganz und gar dem Westernreiten verschrieben haben sich die Mitglieder des Reit- und Fahrvereins Gieboldehausen 1954. „Es ist einfach eine andere Arbeit mit dem Pferd. Man arbeitet mehr darauf hin, dass das Pferd gerne für einen arbeitet“, erklärt die neue Vorsitzende des Vereins, Janina Gerhardy, die Besonderheit des Westernreiten. Im Unterschied zu sonstigen Reitvereinen arbeiten die Gieboldehäuser auch mit Rindern. Das heißt, das Einfangen mit einem Lasso wird hier geübt, reitend vom Pferd aus. So sind in dem Ort bereits Rodeos ausgetragen worden.

Bettina Borchard-Schnippert vom Verein gebraucht einen alten Spruch: „Ein Ranchhorse muss man an einem Grashalm anbinden können.“ Das bedeutet so viel wie: Ein Pferd muss stehen bleiben, wenn es stehenbleiben soll. „Ich bin umgestiegen vom englischen Stil auf das Westernreiten. Mir hat einfach imponiert, dass man als Mensch erklärt bekommt, wie das Pferd die Dinge versteht“, sagt Borchard-Schnippert. Großen Druck auf das Tier auszuüben, sei gar nicht nötig.

Das Pferd weiß, was zu tun ist

Es gebe aber sicher viele klassische Reiter, die diese Herangehensweise ebenso gut finden, meint sie. Das Pferd muss wissen, was der Reiter will„Das klassische Reiten war nichts für mich“, fasst es Vereinsmitglied Manfred „Manni“ Borchert kurz und bündig zusammen. Das Westernreiten, erklärt er, müsse automatisch gehen, das Pferd müsse von allein wissen, was der Reiter will. „Nur dann kann man sich auf das Lassowerfen konzentrieren.“

Er und Janina Gerhardy haben bereits erfolgreich an Europameisterschaften im Westernreiten teilgenommen. Vereinsmitglieder aus Gieboldehausen waren auch schon im US-Bundesstaat Wyoming zu Besuch, um dort das Westernreiten zu sehen. „Da haben wir schöne Sachen erlebt“, sagt „Manni“. An Nachwuchs mangelt es dem Verein nicht. Gerhardy weist auf eine lange Warteliste hin.

Auch Line Dance habe der Verein schon angeboten, aber die Trainerin beendete ihren Einsatz aus privaten Gründen . „Vielleicht lassen wir Line Dance wieder aufleben“, erklärt die Vorsitzende.

Westernreiten in Gieboldehausen. Quelle: R

Line Dance und die Faszination für Country

Neben dem Westernreiten und Konzerten mit Country-Musik wird in Südniedersachsen auch Line Dance als Freizeitbeschäftigung angeboten. Bekannt dafür sind unter anderem die Dancing Devils aus Adelebsen. Auch der Allgemeine Sportclub (ASC) Göttingen weist auf seiner Internetseite auf dieses Angebot hin. Bei dieser aus den USA stammenden Tanzform gibt es weit über 100 Tänze, die dann aber nur Fortgeschrittene beherrschen.

Das NDR-Fernsehen sendet am 13. März, ab 21 Uhr, einen Film unter dem Titel „Unsere Geschichte – Als der Country in den Norden kam“. Der Film taucht ein in die Archive und zeigt die frühen Protagonisten der Hamburger Countryszene: Truck Stop, Gunter Gabriel, Jonny Hill und Freddy Quinn sind bei Auftritten zu sehen, heißt es in einer Mitteilung des NDR. In neu gedrehten Interviews erklären Jonny Hill, Teddy Ilbing (Truck Stop), Thomas Hoppe, Digger Barnes und andere ihre Faszination für Country.

Von Ulrich Meinhard