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Thema des Tages Das letzte Bier, die letzte Gans: Das letzte Gasthaus in Landolfshausen schließt
Thema Specials Thema des Tages Das letzte Bier, die letzte Gans: Das letzte Gasthaus in Landolfshausen schließt
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21:05 10.12.2019
Eine Ära geht zu Ende: Hermann und Helga Jünemann wollen kürzertreten, zum Jahresende schließen sie ihr Landgasthaus in Landolfshausen. Quelle: Niklas Richter
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Landolfshausen

„Wir hatten eine wahnsinnig schöne Zeit, aber jetzt ist es gut.“ Auch wenn ein wenig Wehmut in ihrer Stimme mitschwingt, sagt Helga Jünemann diesen Satz betont und bestimmt. Dabei schaut sie sich um in der urigen Gaststube mit Holzvertäfelung, alten Fotos und Geweihen an den Wänden, mit grünem Sofa und rotem Tresen, an dem Generationen ihr Bierchen getrunken haben. „Jetzt ist es gut“, jetzt ist Schluss. Zum Jahresende schließen Helga und Hermann Jünemann ihr Landgasthaus „Am Thieberg“ in Landolfshausen – eines der traditionsreichsten Gasthäuser in der Region.

47 Jahre haben sie als Paar das Gasthaus geführt – zunächst noch mit seinen Eltern. Es ist das letzte verbliebene Gasthaus im Ort und über die Gemeinde Landolfshausen hinaus vor allem bekannt für seine gebratenen Gänse im Winter und Schlachteplatten im Sommer. Nahezu jede Familie aus dem Ort hat hier Hochzeiten, Konfirmationen und Geburtstage gefeiert. Nahezu alle Vereine haben hier ihre Versammlungen gehalten. Göttinger haben hier auf Fahrradausflügen Rast gemacht, auch Motorradfahrer aus Holland.

Legendär: das (heute) grüne Sofa unter dem „röhrenden Hirsch“. Quelle: Niklas Richter

„Das ist wirklich schade“, sagt ein Mann aus der Nachbarschaft, „das ist und war der typische Dorfgasthof, wo jeder hier hingegangen ist“. Der Gesundheit zuliebe wollen Helga (63) und Hermann (68) Jünemann jetzt kürzertreten. Nachfolger gibt es nicht, die beiden Kinder sind Lehrer geworden.

Hochwasser und 250 fertige Rouladen

Der Abschied fällt den Jünemanns trotzdem nicht ganz leicht – vor allem wegen ihrer „vielen wunderbaren Gäste“. „Die Landolfshäuser waren mit uns immer sehr verbunden“, sagt Helga Jünemann. Dann erzählen sie und ihr Mann beispielhaft die ungewöhnliche Geschichte, als um 1980 das Dorfgemeinschaftshaus unter Wasser stand und ein Dorffest abgesagt wurde. „Wir saßen hier plötzlich mit 250 fertigen Rouladen“, erinnert sich Helga Jünemann mit einem Lachen. „Da haben wir in der Not schnell eine Menge Zettel gedruckt, überall verteilt, kurz darauf war die Bude voll“, erzählt ihr Ehemann. Das ganze Dorf sei gekommen, im Nu seien alle Rouladen verkauft und verputzt gewesen. Dazu ein Fass Bier und die Blasmusik. „Da hat uns ganz Landolfshausen geholfen“, fasst der 68-Jährige zusammen.   

Auch jetzt zeigen wieder viele aus dem Dorf und nicht wenige auswärtige Stammgäste, wie verbunden sie mit den „Jünemanns“ sind. Viele bringen Blumen vorbei, überreicht mit herzlichen Wünschen, die den Abschied fast noch schwerer machen. Ähnlich ergeht es den Mitarbeitern – vor allem Helgas „Crew“: Das sind die Frauen aus dem Dorf, die zum Teil seit Jahrzehnten in der Küche oder beim Bedienen ausgeholfen haben. Ihre Verbundenheit ist so groß, dass Helga mit ihnen in jedem Jahr „drei Tage mal weg war“, zuletzt nach Lübeck.

Nach Jahrhunderten geht eine Gaswirts-Ära in Landolfshausen zu Ende. Familie Jünemann schließt das Landasthaus „Am Tieberg“. Ein letzter Blick in die Gaststube:

Gemeinsam haben Helga und Hermann den Laden viele Jahre geschmissen und dabei klar umrissene Aufgaben übernommen. Hermann stand hinterm Tresen und betreute die Gaststube, Helga war für die Küche zuständig – ihre Gänse und Festmenüs erreichten Kultstatus: „Meine Schwiegermutter war meine beste Lehrmeisterin.“ Nicht weniger wichtig aber sei ein Kurs um 1980 vom Deutschen Hotel und Gaststätenverband im Schwarzen Bären in Göttingen gewesen. „Da haben wir so ziemlich alles Wichtige gelernt: von der richtigen Anordnung auf dem Tisch bis zur Küchenorganisation“, verrät Hermann.

Vier bis fünf Kühe und 40 Schweine

Da hatten sich beide schon einige Jahre „langsam“ an den Betrieb gewöhnt. Beide stammen aus Landolfshausen, 1972 haben sie geheiratet. Zunächst haben sie die Gastwirtschaft und den Hof gemeinsam mit seinen Eltern geführt, und Helga noch als Kindergartenhelferin gearbeitet. 1980 folgte die offizielle Übergabe.

Bis dahin stand vor allem die Landwirtschaft im Mittelpunkt, die Gastwirtschaft war Nebenbetrieb. „Wir hatten vier oder fünf Kühe, um die 40 Schweine und Ackerflächen – vor allem für Kartoffel“, zählt Hermann Jünemann auf. Nach und nach rückte die Landwirtschaft in den Hintergrund und das Gasthaus an die erste Stelle. Das ging einher mit immer neuen Gästen – zum Bierchen in der Gaststube, als Kegler, bei Vereinstreffen und als Genießer besonderer Küchenangebote wie das alljährliche Gänseessen.

Alte Familienbilder erinnern an frühere Zeiten der Familie. Quelle: Niklas Richter

„Wir haben immer viel gearbeitet, sagt Helga Jünemann, „nur wenn man als Gastwirt voll dahinter steht, funktioniert das.“ „Ohne die Hilfe der ganzen Familie und den Zuspruch unserer Gäste hätten wir das aber nie geschafft“, fügt sie an. Bei all der Arbeit gab es aber auch immer „viele schöne Momente und vor allem viele interessante Gespräche und Menschen“, sagt Hermann Jünemann.

Natürlich erinnern sich beide an eine ganze Reihe besonderer Gäste: der frühere SPD-Landesminister Alfred Kubel, die einstige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und Ex-Kanzler Gerhard Schröder. „Der hat hier im hinteren Zimmer die Göttinger Jusos ins Leben gerufen“, erzählt Hermann Jünemann.

Begegnung mit dem Gewandhaus-Orchester

Eine der schönsten Geschichten mit besonderen Gästen erlebten die Jünemanns kurz nach der Grenzöffnung. „Wir hatten im Saal die Bude voll mit einer Familienfeier, da hielt ein Reisebus auf dem Hof“, erinnert sich der Gastwirt. Die Gruppe wollte eine kleine Pause machen, eine Kleinigkeit essen. „Wir hatten hinten so viel zu tun, es gab für sie nur Bockwurst mit Brot. Aber sie waren zufrieden.“ Als die Gäste gerade wieder abfahren wollten, sah Hermann Jünemann im Kofferfach des Busses jede Menge Musikinstrumente. Erst im Abfahren erfuhr er, dass er soeben das berühmte Gewandhaus-Orchester aus Leipzig bewirtet hatte. „Da haben wir uns schon ein wenig geärgert – wir hätten ja wenigstens ein Foto machen können.“

Es ist nicht das einzige Foto, das „fehlt“. „Wir haben nie ein Gästebuch geführt“, sagt Helga Jünemann, „das ist schon schade“. Und so gibt es von all den berühmten und auch vielen anderen „lieben, treuen“ Gästen kein Bild und kein Zeugnis. Dafür hängen an den Wänden alte Familienbilder. Auch das prägte das urige und gemütliche Ambiente des letzten Gasthauses in Landolfshausen.

Eines der alten Postkartenbilder zeigt den Gasthof zu der Zeit, als Hermann Jünemann etwa 14 Jahre alt war: mit Fachwerkfassade, großem Stallgebäude an der Straße und großem Hoftor. Kurz darauf wurde der Stall abgerissen und das Haupthaus umgebaut. „Wir haben das ganze Fachwerk rausgekloppt und durch Klinker ersetzt“, weiß der jüngste von drei Söhnen noch: „Eine Schande, wenn man heute drüber nachdenkt. Aber so war das damals.“

400 Jahre und kein Stillstand

Und damals war der Hof schon alt: Nach alten Kirchenbucheinträgen reicht die Geschichte der Gastwirtschaft zurück bis ins Jahr 1620. Seitdem wurde es durch Geburt oder Heirat immer weitergereicht – die Jünemanns führen es in der dritten Generation. Und auch in ihrer Zeit „gab es nie Stillstand“, sagt der 68-Jährige. 1975 wurde die Kegelbahn gebaut („Da hatten wir in den besten Zeiten mehr als 20 Gruppen drauf“), 1983 folgte das Kaminzimmer, 1990 der Veranstaltungsraum, 1998 fünf Fremdenzimmer.

Das Landgasthaus vor dem großen Umbau – noch mit Fachwerk. Quelle: Niklas Richter

Die bleiben, denn so ganz verabschieden sich Jünemanns nicht in den Ruhestand. Sie wollen ihre Zimmer weiterführen – inklusive Frühstück. Den kleinen Saal werden sie an Vereine und andere Gruppen vermieten. „Wenn gewünscht, haben wir dafür schon Kontakt zu zwei Caterern in der Nähe“, sagt ihr Hermann Jünemann.

Der will sich in Zukunft ein wenig mehr der Jagd widmen, „vielleicht hole ich mir auch wieder ein paar Schweine“. Helga Jünemann will sich vor allem erst einmal um ihre Gesundheit kümmern – eine OP steht an. Und sie hofft „auf ein wenig mehr Zeit für uns“. Mit dem Landgasthaus hatten sie zwar „eine wahnsinnig schöne Zeit, aber jetzt ist es gut.“

Von Ulrich Schubert

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