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Thema des Tages „Ungeschicktes Flirten ist kein Delikt“
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17:29 21.01.2018
#MeToo-Protest in der USA. Quelle: dpa
Göttingen

In der vergangenen Wochen hat ein von rund hundert Frauen unterzeichneter offener Brief der #MeToo-Debatte eine neue Wendung verliehen. Unter anderem hieß es in dem Schreiben, die „Freiheit zu belästigen“ sei „unerlässlich für die sexuelle Freiheit“. Die Schauspielerin Catherine Deneuve musste in der Folge als Mitunterzeichnerin heftige Kritik einstecken und entschuldigte sich im Nachgang bei den Opfern sexueller Gewalt. Die Aussagen des Textes verteidigte sie jedoch weiterhin.

Jetzt hat sich auch Schauspiel-Legende Brigitte Bardot in die Debatte eingeschaltet. In einem Interview mit dem Magazin „Paris Match“ bezeichnete die 83-Jährige die Anschuldigungen der meisten Schauspielerinnen als „scheinheilig und lächerlich“. Im Bemühen um eine Rolle würden viele ihrer Kolleginnen auch mit dem Produzenten flirten. „Und dann sagen sie, dass sie belästigt wurden, damit wir über sie reden“, sagte Bardot.

Auch männliche Kollegen meldeten sich zuletzt zu Wort. Der irische Schauspieler Liam Neeson bezeichnete die Debatte als „Hexenjagd“. Der 65-Jährige, der sich zuvor öffentlich für die Gleichberechtigung in seiner Branche stark gemacht hatte, wurde bereits mehrfach aufgefordert, sich zu erklären.

Catherine Deneuve Quelle: EPA FILE

Was sagen die Göttinger Frauen zu dieser Entwicklung einer Kampagne, die ursprünglich den Opfern sexueller Gewalt helfen sollte? Die Tageblatt-Redaktion hat um Stellungnahmen zu folgenden Aussagen gebeten:

1. „Die #Metoo-Debatte ist eine Hexenjagd.“ Da gebe es einige „berühmte Leute, die plötzlich beschuldigt werden, ihre Hand auf das Knie irgendeines Mädchens gelegt zu haben oder so etwas. Und dann verlieren sie ebenso plötzlich ihren Job“. (Liam Neeson, Interview in der irischen Talksendung „The Late Late Show“)

2. „Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt, und eine Galanterie auch keine chauvinistische Aggression“. (Unter anderem von Catherine Deneuve unterzeichneter Offener Brief, veröffentlicht in Le Monde)

3. „Als Frauen erkennen wir uns nicht in diesem Feminismus, der über die Anprangerung von Machtmissbrauch hinaus das Gesicht eines Hasses auf Männer und die Sexualität annimmt. (Unter anderem von Catherine Deneuve unterzeichneter Offener Brief, veröffentlicht in Le Monde)

Das sagen Göttingens Frauen

Gabriele Andretta, niedersächsische Landtagspräsidentin:

„In der #MeToo-Bewegung geht es darum, Machtmissbrauch anzuklagen. Gleichberechtigt sind Frauen erst, wenn sie sich Belästigung weder gefallen lassen müssen, noch darauf angewiesen sind, sie über sich ergehen zu lassen. Wer dafür sich einsetzt, verdient Respekt. Kritikerinnen wie Catherine Deneuve und ihre Unterstützerinnen bagatellisieren das Problem in unerträglicher Weise.“

Julia Bytom, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hann. Münden:

„Zu 1.: Grundsätzlich schlecht erscheint mir, dass die #MeToo-Debatte in der öffentlichen Präsentation auf einen Geschlechterkrieg reduziert wird. Seit Oktober übermitteln die Medien das Bild einer Generation von ewig gestrigen Männern in Machtpositionen, die ihre Macht benutzen, um Frauen sexuell zu belästigen. Das schadet viel mehr als es hilft, betroffene Kinder und Frauen vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Sexuelle Gewalt kann jedes Mädchen, jede Frau betreffen. Die Gleichstellungsbeauftragten und Führungskräfte in Verwaltung, Behörden und Firmen sind verpflichtet, sich jederzeit für den Schutz der Mitarbeiterinnen einzusetzen.

Zu 2.: Sexuelle Belästigung darf grundsätzlich keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Das bedeutet, je mehr Frauen und Männer sich mit Respekt auf Augenhöhe begegnen, desto weniger wird sexuelle Belästigung ein Thema sein.

Zu 3.: Nein heißt Nein! Seit November 2016 ist die Änderung im Sexualstrafrecht am Start. Ob sich dadurch die Situation für betroffene Frauen grundsätzlich verändert, wird sich zeigen. Ich sehe mit den täglich präsentierten Täter-Opfer-Schuldzuweisungen und Pauschalurteilen keinen wirklichen Lösungsansatz für eine Reduzierung von Gewalttaten gegen Mädchen und Frauen. Die Medien berichten über spektakuläre Fälle, aber die Zahl der Frauen in unserer direkten Nachbarschaft, über die keine(r) spricht, ist um ein vielfaches höher. Hier sehe ich dringenden Bedarf in unserer Gesellschaft. Traditionelle sexistische Diskriminierungen von Mädchen und Frauen können in früher Kindheit durch einen selbstbewussten Erziehungsstil verhindert werden. Mutige und selbstbewusste Mädchen und Frauen wissen um ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Hier sehe ich persönlich einen großen Auftrag der Menschheit und auch hier gilt hinschauen und reagieren statt wegsehen und schweigen.“

Birte Meyenberg, PR-Managerin BG Göttingen:

„Unabhängig von den Zitaten halte ich es für gefährlich, in dieser Debatte generelle Aussagen zu treffen. Aus meiner Sicht ist die Schwierigkeit, dass es sich hierbei um eine subjektive Wahrnehmung handelt. Was für die eine Frau sexuelle Belästigung ist, mag die andere als Kompliment auffassen. Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Toleranzgrenze bei einem plumpen Anmachspruch, einer Geste oder Berührung bei einem Mann, den ich mag, viel höher ist, als bei einem Mann, der mir unsympathisch ist. Ohne Frage gibt es zu viele Männer, die ihre Machtposition missbrauchen und Grenzen überschreiten. Und dafür müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Die Herausforderung ist, diese Grenzen genau zu definieren.“

Katja Grothe, Gleichstellungsbeauftragte Friedland:

Katja Grothe Quelle: Vetter

„Zunächst ist Machtmissbrauch ein Phänomen, das sich nicht am Geschlecht orientiert. Alle Menschen können davon Betroffen sein, ob sie nun Macht Missbrauchen, oder Opfer des Missbrauchs sind. Machtmissbrauch auf der sexuellen Ebene ist deshalb so schlimm, weil er die Integrität einer jeden Person angreift und missachtet. Unser ethisches Verständnis von Freiheit und Selbstbestimmung wird in höchstem Maße angegriffen.

Wir solidarisieren uns zu Recht mit Betroffenen eines solchen Missbrauchs und zu Recht müssen wir uns als Gesellschaft, die Emanzipation und Fortschritt anstrebt, gegen jede Art von Gewalt stellen. Die Anschuldigung eines sexuellen Machtmissbrauchs kann aber auch als strategisches und mächtiges Instrument missbraucht werden.

Wir müssen als Gesellschaft den schmalen Grad beschreiten, der sich durch die Debatte gezeigt hat. Wir tendieren in unserem Verhalten und Ansichten oftmals zu Extremen und die #MeToo-Aktion oder -Debatte führte zu einem Umschwenken von „es wird alles tot geschwiegen und verharmlost“ hin zu einem „jeder Flirt und jede zufällige Berührung ist sexueller Machtmissbrauch“. Wir müssen das rechte Maß finden zwischen Verharmlosung und ungerechtfertigter Anprangerung, da wir uns sonst unserer Freiheit berauben und eine Atmosphäre des Misstrauens zwischen den Geschlechtern konstruieren, die dem Fortschritt und der Emanzipation der Gesellschaft im Weg steht.“

Heide Haas, Die Partei:

„Zu 1.: Wer auch immer meint, im beruflichen Kontext seine Hände auf fremde Knie oder sonstige Körperteile legen zu können, muss auch mit dem Echo leben. Frei nach Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Wer dann auch noch in die Öffentlichkeit tritt, hat keine Nachsicht zu erwarten und keine zu fordern.

Zu 2.: Wir haben jetzt seit 100 Jahren unser Wahlrecht und da sollte es doch üblich sein, dass auch jede Frau die Wahl hat zu entscheiden, was ihr zu weit geht und was nicht. Mein Tipp: Wahlrecht wahrnehmen und deutliche Grenzen setzen!

Zu 3.: Als Frau erkenne ich mich in einem Feminismus, der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung in den Vordergrund stellt. Weder Männer noch Sexualität sollten dafür verdammt werden. Wir wollen ja mit beiden weiterhin gut und gerne leben.“

Heide Haas Quelle: Hinzmann

Heike Richter, Freigeist Naturkosmetik:

„Zu 1.: Verdächtigungen oder Beschuldigungen dieser Art werden von Frauen auch gern als Druckmittel gegen Männer eingesetzt. Hier sollte genau hingeschaut werden, wann und in welcher Form in den Medien darüber berichtet wird. Ein Ruf ist schnell ruiniert, und wenn die breite Masse erst mal etwas zu Lästern hat, ist der Wahrheitsgehalt der Geschichte zweitrangig.

Zu 2.: Jede Frau mit einem gesunden Selbstbewusstsein hat die Möglichkeit, sich gegen ungeschicktes Flirten oder chauvinistische Aggressionen zur Wehr zu setzten. Sei es durch Ignoranz, Widerspruch oder auch durch den Gang zur Polizei. Nur bitte nicht erst nach Jahren!!

Zu 3.: Diesem Brief schließe ich mich an !

Ich finde die Debatte um Gleichberechtigung wird sehr einseitig geführt, und in Teilen hat sie Ihr Ziel auch weit verfehlt. Hier einige Beispiele: Männer die etwa von Frauen gedemütigt und geschlagen werden, tauchen in keiner Berichterstattung auf. Gleichstellungsbeauftragte in Gemeinden vertreten meines Wissens nur die Interessen der Frauen. Und in unmittelbarer Nähe (Badeparadies Eiswiese) gibt es einen Saunatag bzw. Saunabereich nur für Frauen. Wieso eigentlich? Es bleibt zu hoffen, dass es in naher Zukunft nicht heißt: Der Mann, das schwache Geschlecht!“

Marion Vina, Künstlerin:

Marion Vina Quelle: Heller

„Zu 1.: Es bedarf meines Erachtens einer sehr sensiblen und grundgütigst objektiven Recherche der Zuständigen, um vermeintlichen Opfern und vermeintlichen Tätern gerecht zu werden.

Zu 2.: Genau dieser Grat der unmissverständlichen (!) Verständigung zwischen den Geschlechtern, scheint aus meiner Sicht und in diesen Debatten zwingend ausgelotet werden zu müssen. Möglicherweise kann so etwas nur jede/jeder für sich im Dialog mit seinem Gegenüber klären.

Zu 3.: Eine allgemeingültige Aussage für alle zu finden, ist ein hehres Ziel, aber wer könnte darüber entscheiden? Schon bei den vielen kontroversen Diskussionen um dieses Thema sieht man, dass jede/jeder nur für sich selbst entscheiden kann: Ist es Flirt oder sexuelle Belästigung? Ich sehe bei allen Bewegungen, die zur „Gleichmachung“ neigen, die große Gefahr, dass ein dogmatisches Verhaltensregeln die Fronten verhärten lässt, anstelle ein Zueinanderführen bewirkt.“

Christine Müller, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Göttingen:

„Zu 1.: Damit spielt er das Problem der sexuellen Belästigung/Gewalt im eigenen „Business“ herunter. Für die Enttabuisierung sexueller Übergriffe war und ist es gerade gut, dass erfolgreiche, bekannte starke Frauen sagen „#MeToo“.

Zu 2.: Soweit damit keine Grenzen überschritten und keine Abhängigkeiten ausgenutzt werden, hat sie recht.

Zu 3. Das halte ich für eine „normale“ Gegenreaktion. Viel spannender finde ich, dass in ganz vielen Ländern ähnliche #MeToo-Kampagnen laufen und sich zum Beispiel mit #HowIwillchange Männer solidarisieren.“

Von Markus Scharf

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