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Thema des Tages Tempolimit auf Autobahnen: So ist die Lage bei Göttingen
Thema Specials Thema des Tages Tempolimit auf Autobahnen: So ist die Lage bei Göttingen
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13:35 10.02.2019
Streitfrage Tempolimit auf Autobahnen. Im Raum Göttingen gibt es nur auf der A7 zwischen Drammetal und Luttertal eine längere Beschränkung. Quelle: Christina Hinzmann / GT
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Göttingen

Ihr Engagement in der Verkehrspolitik hat viele überrascht: Im März will die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) eine Petition starten und so ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf allen Deutschen Autobahnen erreichen. Ihre Hauptargumente: weniger CO2 Emissionen und damit mehr Klimaschutz – und weniger Verkehrstote durch Raser-Unfälle. Beides diene der Bewahrung der Schöpfung.

Ganz ähnlich argumentiert die Deutsche Umwelthilfe. Sie will ein Tempolimit von 120 km/h notfalls auch gerichtlich durchsetzen. Die Grünen fordern schon seit Jahren immer wieder 120 km/h. Und selbst die Bundes-SPD hatte sich schon während ihres Parteitages 2009 in Hamburg für Tempo-120 ausgesprochen – auf Bestreben des Göttinger Stadtverbandes.

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Beitrag für Bewahrung der Schöpfung

„Ich persönlich halte ein Tempolimit auf Autobahnen für vernünftig“, sagt Göttingens Superintendent Friedrich Selter. „Es verringert den CO2-Ausstoß, es spart Energie-Ressourcen, führt zu mehr Sicherheit und man fährt bedeutend stressfreier“, ist der evangelische Pastor überzeugt. Und bei alledem habe die Kirche wie die Gesellschaft auch eine Verantwortung „für die, die nach uns kommen“. Damit sei ein Tempolimit „natürlich“ auch ein Beitrag für die Bewahrung der Schöpfung.

Friedrich Selter Quelle: r

Die katholische Kirche hat sich bisher nicht öffentlich zu dem Thema positioniert. „Aber ich kann mich persönlich der Forderung der evangelischen Kirche solidarisch anschließen“, sagt der Göttinger Dechant Wigbert Schwarze. Tempolimits seien zwar eine Angelegenheit des Staates, und auch der Freiheitsgedanke eines jeden dürfe nicht außer Acht gelassen werden, „aber in Verantwortung vor dem Schöpfer ist es mit Blick auf den Umweltschutz sicher geboten“.

Dechant Wigbert Schwarze Quelle: Christina Hinzmann / GT

ADAC fordert freie Fahrt

Der ADAC sieht das ganz anders. Der Automobilklub lehnt ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ab und setzt auf stationäre Beschränkungen nur dort, wo es die Verkehrslage gebietet. So könne sich der Verkehr bundesweit „verstetigen“, sagt Christine Rettig, ADAC-Sprecherin für den Regionalbereich Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. Das wiederum sei der richtige Weg für Umweltschutz und mehr Sicherheit. Wenn die Autobahn frei ist, spreche aber nichts dagegen, schnell zu fahren.

Das können Autofahrer auf den beiden Autobahnen in der Region Göttingen mehr ausleben, als viele glauben. Auf der A38 gibt es zwischen der Abzweigung Drammetal und Landesgrenze (Heidkopftunnel) fast keine Tempobeschränkung, bestätigt Henning Hausmann von der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Gandersheim. Auch der A7-Abschnitt zwischen Nörten-Hardenberg und dem Dreieck Drammetal ist weitgehend frei. Nur auf Höhe der Stadt Göttingen gibt es in Südrichtung eine Beschränkung auf 120 km/h. Gas wegnehmen müssen Reisende allerdings beidseitig zwischen Drammetal und Lutterberg.

Erlaubte Geschwindigkeiten auf der A7 und A38

Tempolimit „hat sich bewährt“

Diese Anordnung gibt es seit drei Jahren – „und sie hat sich bewährt“, ist Matthias Rinck, Leiter der Autobahnpolizei Göttingen, überzeugt. Eingerichtet wurde sie nach vielen schweren Unfällen auf diesem Abschnitt und einer Krisenkonferenz mit Vertretern der Polizei, des Landkreises Göttingen und weiteren Verkehrsbehörden. Seit das Tempolimit dort für Pkw und Lkw gilt, gebe es dort deutlich weniger Unfälle.

Es gibt aber auch ein Gegenbeispiel, dass die Schnellfahrer-Fraktion stützt: Auf der A38 bei Friedland können Autofahrer so schnell fahren, wie es ihre Pferdestärken unter der Motorhaube hergeben – „und da haben wir keine Probleme“, sagt Rinck.

Deutlich weniger Stress

Göttingens leitender Polizeidirektor Thomas Rath sieht die Forderungen nach einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen als eine reine verkehrspoltische Frage, zu der es allerdings keine verlässlichen wissenschaftlichen Untersuchungen gebe.

Thomas Rath Quelle: R

Nicht umsonst gibt es global die unterschiedlichsten Gesetzeslagen“, so Rath. „Ich persönlich bin allerdings fest davon überzeugt, dass eine solche Regelung den Stresslevel der allermeisten Autofahrer auf unseren Autobahnen deutlich senken würde“, fügte er an.

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Das sagen die Politiker

Der Göttinger SPD-Stadtverbandsvorsitzende Christoph Lehmann erinnert sich sofort: Schon 2009 hatte sich der Göttinger Stadtverband für ein generelles Tempo-Limit von maximal 130 km/h auf Autobahnen ausgesprochen und seinen Antrag sogar beim Bundesparteitag der SPD in Hamburg mit klarer Mehrheit durchgesetzt. „Und dazu stehen wir auch heute noch“, sagt Lehmann zur aktuellen Debatte. Ein Tempolimit führe zu Entschleunigung, und ein bisschen Entschleunigung „tut gut“.

Christoph Lehmann, Vorsitzender SPD Stadtverband in Göttingen. Quelle: Jan Vetter

Die Forderung nach Tempo 130 stehe zwar nicht im aktuellen Wahlprogramm, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann. Prinzipiell seien Geschwindigkeitsbegrenzungen aber geeignet, die Sicherheit im Straßenverkehr und den Klimaschutz zu verbessern. Allerdings gebe es auf den deutschen Autobahnen „kaum noch Abschnitte“ auf denen eine unbegrenzt hohe Geschwindigkeit zulässig wäre. „Deshalb sehe ich nicht, welche Verbesserungen ein allgemeines Tempolimit bringen würde", so Oppermann.

Thomas Oppermann Quelle: r

Für die Europapolitikerin und Vorstandssprecherin der Grünen im Kreisverband Göttingen, Viola von Cramon, ist Deutschland bei diesem Thema „aus der Zeit gefallen“. Deutschland sei europaweit – vielleicht auch weltweit – das einzige Land, in dem unbegrenzt schnell gefahren werden dürfe – „und nimmt damit mehr Tote in Kauf“. Sollte sich eine Tempo-Begrenzung durchsetzen, gebe es weniger Staus, einen besseren Verkehrsfluss und weniger Tote – „was spricht also dagegen?“

Viola von Cramon. Quelle: R

 

Ganz ähnlich argumentiert der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin und ergänzt den Umweltschutzaspekt. Die Raserei auf deutschen Autobahnen hält Trittin zudem für eine „kollektive Neurose“ – ähnlich wie der Ruf nach freiem Waffenbesitz in den USA. „Offen ist, was mehr Menschenleben kostet.“

Jürgen Trittin Quelle: dpa

„Ich halte davon überhaupt nichts“, sagt Harald Noack, Vorsitzender der CDU im Göttinger Kreistag. Und: „Das wäre eine Einschränkung der persönlichen Freiheit, von der ich wiederum sehr viel halte.“ Es sei erwiesen, dass ein generelles Tempolimit weder der Umwelt nütze, noch zu einer Verringerung der Unfallzahlen führe.

Harald Noack Quelle: Peter Heller

Ganz ähnlich argumentiert der CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler. „Man muss nicht alles reglementieren. Und ehrlich betrachtet, gibt es ja kaum noch unbeschränkte Abschnitte. Da, wo es Gefahren gibt und aus gutem Grund erforderlich ist, wird ja begrenzt – und das ist richtig so.“

Fritz Güntzler Quelle: R

Bei der FDP gibt es gegensätzliche Positionen: Ihr Fraktionsvorsitzender im Kreistag, Tom Stiller, ist für eine generelle Beschränkung: „Ein Tempolimit auf der Autobahn führt zu mehr Sicherheit, und das bedeutet kein Drängeln, kein Überholstress, insgesamt entspannteres Fahren in einem Fluss für alle bei stets hoher Verkehrsdichte.“ Es gebe mehr Natur- und Emissionsschutz durch weniger Wildunfälle, weniger Abgase und weniger Feinstaub.

Thomas Stiller Quelle: r

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Konstantin Kuhle meint hingegen: „Ein allgemeines Tempolimit kostet viel und bringt für den Klimaschutz wenig.“ An Gefahrenstellen oder bei besonders hohem Verkehrsaufkommen seien bereits Tempolimits möglich. Statt reiner Symbolik durch ein neues Verbot sollte die Bundesregierung darüber nachdenken, den Verkehr in das System des Emissionshandels einzubeziehen.

Konstantin Kuhle Quelle: dpa

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„No risk, no fun“ – warum wollen wir rasen (können)?

Warum wollen die Deutschen auf Autobahnen unbedingt rasen können? Antworten gibt der Göttinger Psychiater, Psychologe und Angstforscher Borwin Bandelow im Interview.

Warum ist es vielen Menschen – besonders in Deutschland – so wichtig, auf Autobahnen unbegrenzt rasen zu dürfen? 

Es gibt ja fast kein anderes Land, in dem es möglich ist, so schnell zu fahren. Nur die Deutschen brauchen das offensichtlich. Ich denke, das ist ein Mischung aus der vermeintlichen Freiheit, hier noch schnell fahren zu können und einer stark ausgeprägten Technikaffinität. Vermeintlich, weil man in Deutschland ja kaum wirklich unbegrenzt schnell fahren kann. Denn entweder ist zu viel Verkehr, es gibt eine Tempobegrenzung oder schlechtes Wetter. Aber es reicht offenbar vielen, dass sie theoretische schnell fahren könnten.

Prof. Dr. Borwin Bandelow Quelle: Geisler-Fotopress

Für welchen Typ Menschen gilt das? 

Ich denke, das sind vor allem Männer. Männer sind entwicklungsgeschichtlich technikaffin. Sie lieben ihr Auto, und das wollen sie dann auch mal schnell fahren. Es geht also um das Gefühl der Freiheit und der Technikverliebtheit.

Hat das auch etwas mit der Suche nach dem Rausch zu tun? 

Ja, es gibt das sogenannte Sensation Seeking. Wenn man aus einer Gefahr herauskommt, werden neben Angsthormonen auch Endorphine ausgestoßen – es gibt einen Endorphin-Kick. Das sind eigentlich Wohlfühlhormone, die aber in diesem Fall ausgeschüttet werden, weil man im Stress ist. Wenn man die gefährliche Situation dann überstanden hat, ist die Angst weg, aber die Endorphine sind noch im Blut. Ich nenne das den Achterbahn-Effekt. Das schätzen viele auch beim Autofahren nach dem Motto ’no risk, no fun’.

Warum kämpfen aber gerade die Deutschen für diese vermeintliche Freiheit? 

Ich glaube, wenn wir es erst einmal zehn Jahre hätten, wäre das anderes. Das hat auch etwas mit Gewohnheit zu tun. Auch in Amerika würden sicher manche Autofahrer gerne mal richtig Gas geben, aber sie dürfen es nicht. Und das führt in den USA zu einem sehr ruhigen, fließenden Verkehr. Niemand muss ständig die Spur wechseln oder schnell fahren, und an Kreuzungen wird grundsätzlich gehalten. Bei einer generellen Tempobegrenzung dürfte das Fahren deutlich entspannter werden. Interview: Ulrich Schubert

Von Ulrich Schubert