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Thema des Tages Drogen, Müll, Urin: Anwohner kritisieren Missstände in der nördlichen City
Thema Specials Thema des Tages Drogen, Müll, Urin: Anwohner kritisieren Missstände in der nördlichen City
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08:56 31.01.2019
Bei Gutem Wetter ist der Bereich am Leinekanal Treffpunkt für „benachteiligte Gruppen“. Quelle: Swen Pförtner
Göttingen, Göttingen

Wettbüros, Dönerbuden und Treffpunkt für Trinker: Das nördliche Tor zur Innenstadt zwischen Weender Tor und Robert-Gernhardt-Platz ist Göttingens neue Problemzone. Die bekannten Probleme, die es in jeder Stadt gibt, werden durch ein weiteres verschärft: Am Leinekanal ist der zentrale Treffpunkt für junge, männliche Geflüchtete.

Polizei will mehr Präsenz zeigen

Sorgen machen sich beispielsweise Anwohner: Eine etwa 50-köpfige Gemeinschaft hat sich in einem Brief an Stadtverwaltung und Polizei gewandt, es gab bereits Treffen mit den Ordnungsbehörden. Thomas Rath, Leiter der Polizeiinspektion Göttingen, und Thomas Breyer, Chef der Kripo, nehmen die Sorgen ernst. Aber: „Der Bereich der Stadt ist auffällig, aber nicht alarmierend”, sagt Rath. Die Polizisten nennen diesen Zustand „handlungsauslösend”. Das heißt, die Polizei will dort unter anderem mehr Präsenz zeigen.

120 Polizeieinsätze im Jahr 2017

2017 verzeichneten die Beamten einzelne Ruhestörungen, Betäubungsmitteldelikte und Bedrohungen, 26-mal musste sie bei Körperverletzungen tätig werden. Insgesamt hatte die Polizei dort 120 Einsätze. Die Zahlen aus 2018 werden noch ausgewertet. Breyer weiß aber, dass sich die Zahl der Körperverletzungen leicht erhöht hat. „Wir haben etwa in jeder zweiten Woche eine Körperverletzung und einen Diebstahl, darunter viele Fahrraddiebstähle”, erklärt der Kripochef. Die Ruhestörungen ereignen sich in der Regel zwischen 20 und 6 Uhr.

Anwohner beobachten Drogenhandel

Auch das nervt die Anwohner am Wall. Die registrieren ihrem Schreiben zufolge „mit großer Sorge eine zunehmende Verschlechterung der Wohn- und Lebensqualität im Umkreis”. Im Lauf der vergangenen Jahre habe sich dort eine Drogenszene entwickelt. „Auf dem Wall sowie auf der Treppe am Leinekanal und in den Ein- und Ausfahrten zu den Tiefgaragen unserer Wohnanlage wird offen mit Drogen gehandelt und Drogen werden konsumiert”, schreiben die Eigentümer. Zudem würden die Tiefgaragen-Ausfahrten regelmäßig als Toilette benutzt, „sodass sich immer wieder Urinlachen ansammeln”. Sie berichten zudem von Lärmbelästigungen, Vandalismus und Pöbeleien.

Gutachter: „Vernachlässigter Eindruck“

Die nördliche Innenstadt ist im November 2018 in Sanierungsprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen worden. Dafür hat die Stadt das Quartier untersuchen lassen. In dem daraus resultierenden Gutachten wird dem City-Bereich ein „vernachlässigter Eindruck” attestiert. Die Plätze dienen demnach als Treffpunkte „für Menschen vorwiegend benachteiligter Gruppen”. In den Abendstunden dominieren laut der Untersuchung „Gruppen von Trinkern und jungen Geflüchteten”. Verletzungen durch herumliegende Scherben schreckten Eltern mit Kindern und Hundebesitzer ab, Frauen mieden die Umgebung, „da sie sich von einer Vielzahl von Männern beobachtet und latent bedroht fühlen”, so die Gutachter.

Dönermeile mit Wettbüros zwischen Weender Tor und Weender Straße. Quelle: Swen Pförtner

Wettbüros auf der „Dönermeile

Die benachbarte Weender Straße sei durch eine Vielzahl an preisgünstigen und schnellen Gastronomieangeboten geprägt. Der Begriff „Dönermeile“ habe sich für diesen Bereich etabliert. Die Imbiss-Angebote bilden mit der hohen Zahl der Kioske und Wettbüros „einen einseitigen Geschäftsbesatz”, steht es in der Untersuchung. Zum negativen Erscheinungsbild trage zudem der Verpackungsmüll bei. Die Vermutung, dass die Wettbüros soziale Probleme insbesondere junger Geflüchteter verschärfen, wurde auf der Innenstadtjugendkonferenz wiederholt geäußert: Die bieten kostenfrei Raum zum Aufenthalt, begünstigen aber, dass Menschen in Notlagen ihr weniges Geld verspielen und sich verschulden.

Streetworker für Flüchtlinge

 Um die Geflüchteten in der nördlichen City kümmert sich unter anderem Fabian Dietz von dem im Juni 2018 dafür ins Leben gerufenen Projekt „Streetwork nördliche Innenstadt” der Jugendhilfe Südniedersachsen. „Wir wollen den jungen Männern vor allem zeigen, wo sie Ansprechpartner und Hilfe finden”, sagt er. „Ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Geflüchteten”, ist eines der Anliegen der Streetworker. Auch Dietz bewertet die Wettbüros dort kritisch.

Anwohner „maßlos verärgert“

Die Polizei spricht sich dafür aus, die Menschenansammlung am Leinekanal zu entzerren. Zwar verzeichne man dort kaum schwere Delikte. Das Sicherheitsgefühl, so Rath, sei aber ein anderes. Deshalb will die Polizei dort verstärkt kontrollieren und die Präsenz verstärken. Die Anwohner jedenfalls wollen nicht erst auf das Sanierungsprogramm warten. Sie seien „maßlos verärgert darüber, dass die in der Stadt Göttingen seit langem bekannten Probleme in diesem Quartier und auf dem Wall nicht angegangen worden sind. Dies ist nicht weiter hinnehmbar“. Die Vertretung der Wohnungseigentümer fordert die Stadt auf, „zeitnah und effektiv” Maßnahmen zu ergreifen, damit „die Missstände nachhaltig ausgeräumt” werden.

Das sagt die Stadtverwaltung:

 Anwohner kritisieren die Zustände in der nördlichen Innenstadt rund um die Dönermeile und den Waageplatz. Das sagt der Pressesprecher der Göttinger Stadtverwaltung, Dominik Kimyon, dazu:

Zu den Wettbüros: Warum gibt es drei in dem Bereich, müssen die genehmigt werden und wenn ja warum werden sie genehmigt?

Gewerberechtlich besteht keine Möglichkeit einzugreifen, da lediglich die Pflicht zur Anmeldung des Gewerbe besteht. Ansonsten unterliegen Wettbüros der staatlichen Glücksspielaufsicht und damit dem niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport.

Die Anwohner haben einen Brief an die Verwaltung geschrieben aber keine Antwort erhalten. Warum?

Der Kontakt lief nicht direkt über die Anwohner, sondern über ein Immobilienbüro und über eine Rechtsvertretung. Die Situation vor Ort wurde aufgrund der Hinweise beleuchtet, dazu gab es mehrere Abstimmungen mit der Straßensozialarbeit, der Jugendhilfe, dem Stadtordnungsdienst und der Polizei. Eine Antwort ist nun erteilt.

Wie oft ist das Ordnungsamt vor Ort? Wie oft kommt die Stadtreinigung? Und wer ist für die Reinigung des Leinekanals zuständig?

Der Bereich wird täglich außer an Wochenenden durch den Stadtordnungsdienst kontrolliert. Der Straßenabschnitt entlang der Döner-Meile unterliegt dem wöchentlichen siebenmaligen Reinigungsrhythmus. Dort sind wir also inklusive Sonnabend und Sonntag gleich am frühen Morgen im Einsatz. Der Robert-Gernhardt-Platz wird ebenfalls siebenmal wöchentlich gereinigt. Grundsätzlich wird der Leinekanal im Rahmen des Frühjahrsputzes und zum Entenrennen turnusmäßig durch den Baubetriebshof gereinigt – bei besonderer Verschmutzung mit Sperrmüll, gefährlichen Abfällen und ähnlichem sofort nach Bekanntwerden.

Thema Beleuchtung: Der Wall zwischen der Diskothek Savoy und dem Weender Tor ist recht dunkel. Ist dort Abhilfe in Sicht?

Zwischen Leinekanal und Weender Tor sind im Bestand drei Leuchten vorhanden, nach dem Wallbeleuchtungskonzept ist für 2021 ein Austausch der Leuchten vorgesehen, diese Maßnahme soll im Rahmen des Sanierungsgebietes nördliche Innenstadt mit Fördergeldern vorgezogen werden. Zwischen Savoy und Leinekanal sind für das Jahr 2019/2020 zwei neue Lampen geplant.

Zum Sanierungsprogramm nördliche City: Welche Maßnahmen werden als erstes umgesetzt? Wo liegt die Priorität?

Die vorbereitende Untersuchung soll vom Ausschuss für Bauen, Planung und Grundstücke in seiner Sitzung am 7. Februar beraten und dem Rat der Stadt Göttingen am 15. Februar zum Beschluss vorgelegt werden. Erst im Anschluss daran geht es in die Detailplanung.

Die Autorin erreichen Sie unter redaktion@goettinger-tageblatt.de und b.bielefeld@goettinger-tageblatt.de.

Von Britta Bielefeld

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