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Thema des Tages Dorfschänke Herberhausen: 400 Besucher beim Open-Air-Festival
Thema Specials Thema des Tages Dorfschänke Herberhausen: 400 Besucher beim Open-Air-Festival
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00:19 25.07.2018
Livemusik vor der Dorfschänke. Quelle: Foto: Swen Pförtner
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Herberhausen

Die ersten Gäste bevölkerten bereits kurz nach 16 Uhr die Wiese hinter der Schänke und verwandelten den Hang in eine bunte Feierzone. „Es ist jetzt schon viel mehr los als im letzten Jahr“, sagte Vera Rohrdantz, die zusammen mit ihrer Frau Karin Peinemann die Kneipe betreibt. „Bereits nach den letzten beiden Malen, sagten die Leute, wir sollen es öfter im Jahr machen, aber es soll was Besonderes bleiben“, sagte Peinemann, die pausenlos Wertmarken verkaufte. Eine Dorfschänke benötige das Besondere: „Wir bieten mindestens einmal im Monat Live-Musik, Literaturabende und Dartturniere an“, so die Herberhäuserin.

Karriere der Göttinger Band „Better Than“ begann in Herberhausen

Viele Live-Auftritte wurden auf Anfrage organisiert: „Oft kommen Musiker auf uns zu und wir machen dann was aus.“ So begann auch die Karriere der Göttinger Band „Better Than“, die immer noch in Herberhausen probt und mit Jakob Koch ein Mitglied aus Herberhausen hat. „Die Mutter kam damals auf mich zu und hat gefragt, ob die Jungs hier mal auftreten dürfen, da waren die so zwischen elf und 13 Jahre“, erzählte Peinemann. Fünf Jahre später standen die fünf Musiker wieder auf der Bühne der Dorfschänke: „Wir sind reifer geworden, früher haben wir nur gecovert, daher auch der Name, jetzt schreiben wir unsere eigenen deutschen Songs“, sagte Ricardo Rudolph.

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Das Programm der Kneipe schätzt auch Neumusiker Mario Becker: „Die Vielfältigkeit bringt Leben in den Ort“, so der Herberhäuser, der erst vor kurzem den Mut fasste, mit Cover- und eigenen Songs aufzutreten. Zusammen mit seiner Ukulele leitete er den Abend mit „Whats Up“ von den 4 Non Blondes ein. Aufgrund kleinerer Probleme beim Zeitmanagement begann Becker akustisch und saß, wie alle anderen Gäste, auf dem Rasen. „In der Schänke brauch man Spontanität“, scherzte Becker, der schon öfter bei Ausfällen in der Kneipe eingesprungen ist. „Vera meinte: ‚Jetzt mach doch einfach’. Also bin ich nach Hause und habe meine Gitarre geholt.“ Neben Becker und „Better Than“ traten noch die Bands „Feivel’s Five“ und „Hot Docs“ auf.

Rund 400 Besucher haben am Sonnabend beim dritten Open-Air-Festival der Dorfschänke Herberhausen und dem Verein Kreuzberg on KulTour die familiäre Atmosphäre genossen.

Mehr als sechs Stunden lang schallte die Musik von der kleinen neugebauten Bühne über das Gelände. „Sonst war die Bühne immer unter der Terrassenbedachung, das war gut bei Regen, aber nicht so gut für die Sicht“, sagte Klaus Wißmann von Kreuzberg on KulTour , der die Idee für das Festival hatte. „Jedes Dorf freut sich, wenn sich ein weltgroßes Festival etabliert“, scherzte Wißmann, der selbst mit Duopartner Axel Mehner in der „wunderschönen Szenerie“ auftrat.

„Wir bei Kreuzberg versuchen der Landflucht entgegenzuwirken, in manchen Dörfern gibt es ja nicht mal mehr einen Tante-Emma-Laden“, ergänzte Mitarbeiterin Dana Rotter. Einen Zustand, den Besucherin Karin Wiedebrügge aus Wollershausen gut kennt: „Bei uns kann mal nicht mal Brötchen kaufen.“ Deswegen finde sie die Dorfschänke „fantastisch“. Die Meinung teilen die Herberhäuser: „Wer hat denn sonst heute noch eine Dorfschänke zum Wohlfühlen und Treffen“, fragte Stammgast Peter Albrecht. Das Festivalpublikum, das zu 80 Prozent aus Auswärtigen bestand, trage zur Erhaltung der Schänke bei. „In anderen Orten sitzt ein Nachbar neben dem anderen, aber keiner mehr zusammen, so wie hier an der Theke, das stärkt die Gemeinschaft“, ergänzte Christian Krause.

Schänke durch Festival über Herberhausen hinaus bekannt geworden

Durch das Festival sei die Schänke noch einmal mehr über Herberhausen hinweg bekannt geworden, erklärte Peinemann. Besucherin Susanne Rieks bestätigte diesen Eindruck: „Wenn ich sage, ich wohne in Herberhausen, sagen immer alle ‚Ach, da wo die Dorfschänke ist’.“ Sie selbst gehe manchmal gerne nach dem Hundespaziergang auf ein Alster in die Kneipe. „Gäste, die das erste Mal da waren, kommen öfter mal wieder vorbei“, sagte Peinemann. Ein Grund sei oft die familiäre Atmosphäre, die auch am Sonnabend deutlich spürbar war: Ständig begrüßten sich Leute, unterhielten sich oder scherzten mit den Nachbarn. „Es ist eine Alternative für Zuhause, wenn man mal raus will, aber nicht weit weg, geht man hier hin“, sagte Musiker Koch.

Dorffestivals in der Region schaffen Zusammenhalt

Das Open-Air-Festival in Herberhausen ist kein Einzelfall: Mit dem „Mingeröder Musikfestival“, Rock unterm Hühnstollen in Holzerode und „Jazz ohne Gleichen“ in Rittmarshausen beweisen drei weitere Dorfgemeinschaften Zusammenhalt und Organisationstalent.

„Unser Kernteam besteht aus zehn Leuten, die das ganze Jahr vorbereiten und organisieren“, sagt André Schwedhelm, Mitorganisator des Mingeröder Musikfestivals und Vorsitzender des Kulturvereins. Bei Auf- und Abbau sowie beim Betreiben der Imbissbuden beteiligten sich dann rund 180 aktive Helfer. Von den Mingerödern besuche der Großteil das Fest, selbst wenn die Musik nicht ihrem Geschmack entspreche: „Die essen dann einfach eine Bratwurst und gucken sich an, was wir auf die Beine gestellt haben.“

Eins der zahlreichen kleinen Festivals: Gäste feiern bei Rock unterm Hünstollen. Quelle: Helge Schneemann

Mit rund 50 ehrenamtlichen Helfern organisierte Frank Ronge zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter dieses Jahr zum achten Mal das „Rock unterm Hühnstollen“-Festival in Holzerode. Die Einnahmen gingen wie jedes Jahr an die Häusliche Kinderkrankenpflege Göttingen. „Die Idee kam durch eine Freundin, die als Kinderkrankenschwester arbeitet“, sagt Ronge.

Seitdem habe sich die Spendenaktion auch außerhalb des Festivals im Dorf als Selbstläufer entwickelt: „Die Leute haben sich von uns anstecken lassen und sammeln teilweise auf ihren Hochzeiten Geld, das ist einfach toll“, so Ronge. Auch sonst erfahre das Fest sehr viel Anerkennung im Dorf: „Gerade ältere Leute, die nicht so lange sitzen können, gehen nicht zum Fest, kaufen aber trotzdem eine Karte, um uns zu unterstützen.“

Das Mingeröder Musikfestival spendet die Einnahmen von Getränken und Speisen zu 100 Prozent an lokale Projekte. „Zum Beispiel haben wir vor zwei Jahren das erste freie Beachvolleyballfeld im Raum Duderstadt errichtet“, erzählt Schwedhelm. Ein neuer PC-Raum und neue Ausrüstungen für die Feuerwehr waren weitere Anschaffungen. Diese lokale Unterstützung sei die Motivation für viele Helfer und Besucher: „Sie sehen ja, wo das Geld hingeht und auch wie viel Arbeit dahinter steckt“, sagt Schwedhelm.

Durch Aktionen wie eine Helferparty entstehe eine Gemeinschaft, die sich für die Vereinsarbeit begeistert: „Durch tadellose Abläufe motivieren wir Leute, die sonst nicht in Vereinen tätig sind, dazuzustoßen.“ Die Unterstützung der Bewohner und vor allem der Anwohner motiviere wiederum das Organisationsteam weiter zu machen: „Wir machen das ja jetzt bereits zum elften Mal und sind immer noch mit viel Spaß dabei“, so Schwedhelm.

„Wir haben Leute im Dorf angesprochen und dafür begeistern können, hier in der Kulturscheune eigenverantwortlich Kulturangebote zu organisieren und durchzuführen“, sagt Elias Heintz, Mitglied im Planungskomitee von „Jazz ohne Gleichen“ in Rittmarshausen. „Die Motivation steigt und animiert weitere Leute, wenn erfolgreich kulturelle Angebote verwirklicht werden – und das passierte in den letzten Jahren.“

Das Festival, getragen vom Kulturverein, habe rund 30 ehrenamtliche Unterstützer aus der ganzen Gemeinde Gleichen. „Wir sind stolz über die Tatsache, dass in einem kleinen Dorf viel beachtete Kultur organisiert wird und der Ort Rittmarshausen durch Kulturveranstaltungen wie das Jazzfestival mit überregionaler Kultur verbunden wird“, sagt der Sohn vom Hauptinitiator Matthias Heintz. Ziel des Festivals ist es, Jazz in seinen Facetten bekannt zu machen und den Menschen aus dem Dorf sowie aus der Region neue Horizonte aufzuzeigen.

Von Madita Eggers