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Thema des Tages Quintett hält alte Tradition am Leben
Thema Specials Thema des Tages Quintett hält alte Tradition am Leben
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00:20 12.07.2018
Die Stadtpfeifer Peter Palmai, Johannes Burchard, Jürgen Rhöse, und Rüdiger Brzeske (v.l.) sind beim Schützenfest in Duderstadt unterwegs. Quelle: Foto:
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Duderstadt

Rüdiger Brzeske, Jürgen Rhöse, Johannes Burchard, Peter Palmai und Herbert Engelke sind Hingucker in ihren aufwendig gearbeiteten Kostümen in den Duderstädter Stadtfarben blau und gelb. Gerade gönnen sie sich eine kleine Pause, genießen bei einem ihrer Gönner im Restaurant Ratskeller ein leckeres Mittagessen. Allerdings nur als Quartett, denn dem mit 82 Jahren ältesten Mitglied Herbert Engelke sind die Touren an den „tollen Tagen“ in Duderstadt inzwischen zu beschwerlich.

Zimperlich dürfen die Vier nicht sein, denn die Zeit während des Schützenfestes ist eine anstrengende, aber auch eine sehr abwechslungsreiche und lustige. Johannes Burchard ist mit seinen 15 Jahren der Jüngste in der Truppe. „Ich finde es schade, dass nicht noch mehr junge Leute mitmachen. Aber für viele ist es einfach nicht cool, sich mit einem solchen Outfit zu zeigen“, erzählt Burchard. Er will auf jeden Fall dabeibleiben, zusammen mit den anderen die Tradition hochhalten.

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Die Sirenen von früher

Stadtpfeifer in Duderstadt hatten damals nur eine Aufgabe: Sie sollten die Bevölkerung vor Feinden oder aber auch vor Feuer warnen. „Die Stadtpfeifer waren quasi die Sirene“, berichtet Rüdiger Brzeske. Wobei die Pfeifer eigentlich keine Pfeifer waren, sondern Trommler, die mit lauten Trommelschlägen alarmieren sollten. Geld bekamen sie dafür nicht, wohl aber ein Mal im Jahr einen Obolus in Form von Naturalien.

Friedrich II., König von Preußen und besser bekannt als „Alter Fritz“, war schließlich der Initiator dafür, dass auch Flötenspielen mit zum Repertoire der Stadtpfeifer gehörte. Denn der Monarch interessierte sich sehr für dieses Musikinstrument.

Brzeske und Röhse sind die Flötisten bei den Eichsfeldern, Burchard und Palmai trommeln für die Traditionstruppe, die sich komplett selbst organisiert.

Beim Schützenfest „muss alles zurückstehen“

Fünf Tage im Jahr gibt es für das homogene Team nur eins: Das Schützenfest in Duderstadt. „Da muss alles andere zurückstehen“, sagt Rhöse. Klappt innerhalb der einzelnen Familien sehr gut. „Es ziehen alle mit und stehen dahinter. Anders geht es auch nicht“, bekräftigt Röhse.

Bevor das Schützenfest auf der Rathaustreppe ausgerufen wird, sind die Stadtpfeifer schon unterwegs, um die Bevölkerung auf das bevorstehende Ereignis aufmerksam zu machen. „Wir starten praktisch den Ruf zum Ausrufen“, erzählt Palmai. Der 72-Jährige ist stolz darauf, ein Stadtpfeifer zu sein. „Seitdem ich dazugehöre, ist meine Akzeptanz in Duderstadt gestiegen“, hat er die Beobachtung gemacht.

Billig ist das Hobby nicht, denn immerhin hat das Kostüm, bestehend aus Überwurf, Hemd, Landsknechthose, Stutzen und dem Hut, der von ihnen „Pizza“ genannt wird, einen Wert von 2500 Euro. „Hans Georg Näder hat uns dabei unterstützt“, berichten die Duderstädter sehr froh über die Finanzspritze. Darüber hinaus können sie sich aber auch auf ihre treuen “Fans“ verlassen. „Die Firma Reischl sorgt meistens für ein Frühstück, der Ratskeller für ein Mittagessen am Montag und auch Bauer Borchardt unterstützt uns“, freuen sich die musikalischen Stadtpfeifer, die auf ihren Stationen auch noch die eine oder andere geöffnete Tür vorfinden, dort sehr willkommen sind.

„Viele warten auf uns“

12 bis 15 Auftritte absolvieren sie, über das ganze Jahr gesehen. Bei Hochzeiten oder Jubiläen sind sie gern gesehene Gäste, haben im Laufe der Jahre viel erlebt. Mitunter auch sehr berührende Dinge bei Besuchen in Alten- oder Kinderheimen oder auch in Krankenhäusern. „Viele warten regelrecht auf uns“, erzählt Röhse.

Kontakte zu anderen Gruppen führten sie schon des öfteren in andere Städte. Auch eine Einladung nach Chicago war darunter. „Die Reise dorthin ist allerdings am Geld gescheitert“, erinnert sich Brzeske. Für die Vier allerdings kein Problem, denn für sie gilt es in erster Linie, die Tradition in heimischen Gefilden aufrechtzuerhalten, den Spaß zu vermitteln und vor allem die Stadt zu repräsentieren. Deshalb gilt auch für sie ohne Wenn und Aber: Trinken in Uniform kommt nicht in Frage. „Wenn einer von uns nach unseren offiziellen Aufgaben noch auf den Festplatz gehen möchte, gar kein Thema, aber dann nicht in Uniform“, verdeutlicht Peter Palmai. Denn etwas haben die Fünf ebenfalls gemeinsam: Sie sind große Schützenfest-Fans.

Fanfarenzug „Brassfusion“ will moderner werden

Der Name klingt modern und ist neu: „Brassfusion“ heißt die Fusion aus dem Fanfarenzug Duderstadt und dem Musikcorps Marchingpower aus Bad Lauterberg.

Nachwuchsprobleme führten zu diesem Zusammenschluss. „Wir haben uns letztes Jahr schon immer gegenseitig ausgeholfen“, berichtet Sebastian Sauer, 1. Vorsitzender bei den Eichsfeldern und musikalischer Leiter der neuen Verbindung. Beide Vereine kamen sehr gut miteinander klar, hatten Spaß, miteinander zu musizieren. Und so zählt „Brassfusion“ nun immerhin 25 Mitglieder (15 aus Bad Lauterberg/10 aus Duderstadt).

Schützenumzug anlässlich 90 Jahre Kreisschützenverband Südharz (KSV)). Auch der Fanfarenzug ist dabei. Quelle: Helge Schneemann

Beim Duderstädter Schützenfest traten sie gemeinsam auf, in schicken neuen weißen Hemden. „Die haben wir selber finanziert“, erzählt Sauer, denn mit Sponsoren sind die Musiker nicht gesegnet. Zum Ende des Jahres sollen noch einheitliche Uniformjacken dazukommen. „Die werden allerdings noch genäht, und da sie maßgeschneidert sind, dauert es eben ein bisschen“, erklärt Sauer.

Die beiden Gruppen möchten regelmäßig einmal pro Woche miteinander zu üben. Einmal in Duderstadt, einmal in Bad Lauterberg. „Es klappt gut“, so Sauer. Das jüngste Mitglied ist fünf Jahre alt, das älteste 62. Kein Problem für die Gruppe, die gerade versucht, sich ein wenig moderner aufzustellen. Dies ist auch im Sinne von Sascha Pohl, dem 1. Vorsitzenden aus Bad Lauterberg.

Bislang haben die Vereine eher ältere Stücke im Angebot. „Die aktiven Mitglieder möchten aber inzwischen lieber neuere Stücke spielen, weil es einfach auch wieder mehr Spaß macht“, gibt Sauer die Stimmung innerhalb der Gruppe wieder.

Sie bringen sich die Stücke selber bei, die eine oder andere Übungseinheit muss dafür schon investiert werden. Für den 28-jährigen Sauer, der im sechsten Jahr den Vorsitz innehat und seine Mitstreiter kein Problem. „Es macht einfach Spaß.“ Dies merkt man „Brassfusion“, die auch extra ein neues Logo entworfen haben, auch an. Und der nächste Auftritt bei einem Schützenfest kommt ganz bestimmt.

Wenn Sauer dann noch einen Wunsch frei hätte, wüsste er genau, wie er diesen formulieren würde. „Ich würde mir noch mehr neue Mitglieder wünschen.“ Und leise fügt er hinzu: „Und natürlich Sponsoren.“ (vw)

Von Vicki Schwarze