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Thema des Tages Ein X am Baum heißt überleben
Thema Specials Thema des Tages Ein X am Baum heißt überleben
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13:36 22.02.2017
Der Arbeitsplatz von Patricia Rothhämel ist der Wald.
Der Arbeitsplatz von Patricia Rothhämel ist der Wald. Quelle: Peter Heller
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Verliehausen

Ein Büro wie jedes andere, nur ist es in einem alten Fachwerk-Bauernhaus in Verliehausen bei Uslar untergebracht. Draußen gekreuzte Niedersachsen-Pferde auf dem Giebel, drinnen Ordner, PC, Drucker. Das Telefon klingelt. "Ein Anfrage nach Brennholz", sagt sie. Jetzt, am Ende des Winters, bereitet sich die Försterin auf die Frühlings-Arbeit vor, das Anpflanzen neuer Bäume. "Wir arbeiten mit den Jahreszeiten", sagt sie.

Der größte Teil ihrer Arbeit finde im Freien statt. Der Winter sei Holzschlag-Saison, die Arbeit im Vorfeld der Holzernte aber beginnt schon im Herbst, denn jeder einzelne Baum, der gefällt werden soll, wird zuvor von ihr ausgesucht und markiert. "Wer stehen bleibt, wird ausge-x-t", erklärt sie. Das heißt, sie sprüht mit spezieller Farbe ein X auf den Stamm.  "Es geht ja um die langfristige ökologische Entwicklung des Waldes", sagt die zierliche Frau.

Im Frühling heißt es: Neue Bäume pflanzen, im Sommer steht die die Pflege des Bestandes an. "Begleitwuchs entfernen, Bäume vereinzeln, Mischwuchsregulierung", so nennt die Försterin diese Arbeiten. "Wenn wir den Wald sich selbst überlassen würden, hätten wir hier wohl nur Buchen." Gepflanzt werden deshalb unter anderem Lärche, Douglasie, Bergahorn, Weißtanne - und neue Buchen.

Ihr Revier am Rande des Sollings umfasst 10600 Hektar Landeswald und  8000 Hektar so genannte Betreuungsforsten. Das sind Wälder im Privatbesitz, die aber ebenfalls vom Forstamt Münden der niedersächsischen Landesforsten, also Rothhämels Arbeitsgeber, betreut werden.  Den ganzen Tag im Wald und an der frischen Luft arbeiten, im Sommer ist das herrlich aber jetzt, wenn die feuchte Kälte in den Fleece kriecht, ein kräftezehrender Job. "Mit zunehmenden Alter merke ich das schon", sagt die Mutter eines 20-jährigen Sohnes.

Der Holzeinschlag ist bereits zu einem guten Teil erledigt. Das Fällen erledigen die Forstarbeiter, das Rücken - also das Herausziehen der Stämme aus dem Wald - Spezialfirmen. "Unter den Forstarbeitern gibt es kaum Frauen", sagt Rothhämel. Die körperlichen Belastungen seien es wohl, die viele abschrecken. Als studierte Försterin muss sie nicht mit der Kettensäge hantieren, auch wenn sie es kann.

Ein Jagdschein gehört ebenso zur Ausbildung, auch wenn die Jagd "nicht mein Hobby ist", wie sie sagt.  Rothhämel hat an der Fachhochschule Göttingen Forstwirtschaft studiert, seit 1991 arbeitet sie in diesem Job. Sie war viele Jahre als Revierassistentin Springer in einigen Forstämtern, unter anderem bei Braunschweig und im Bramwald. Revierförsterin in Verliehausen ist sie seit 2011.

" 0735" oder "1,5" und "INK" steht auf den Stämmen, die als Brenn- oder Industrieholz verkauft werden. Länge, Durchmesser, Rothhämel nimmt mit Zollstock und Maßband die Daten auf, später werden daraus die Festmeter errechnet, die zur Abrechnung gebraucht werden. Mit einem speziellen Gerät tackert sie zudem Marken in die Stämme, die eine genaue Identifizierung des Holzes erlauben- Forstamt Münden steht darauf. Tägliches Brot der Försterin im Winter.

Forstämter: Acht Prozent Frauen

Die acht südniedersächsischen Forstämter zwischen Harz und Hann.Münden sind noch immer eine Männerdomäne: 135 männliche Förster sind dort Angestellte der Landesforsten - und 13 Frauen. "Die Erhöhung des Frauenanteils bleibt schwierig", sagt Michael Rudolph, Sprecher der Landesforsten in Südniedersachsen.

Im gesamten Bundesland Niedersachsen arbeiten vergleichsweise wenige Frauen in einem staatlichen Forstamt. In den Landesforsten sind 477 Förster und 44 Försterinnen angestellt, was einem Frauenanteil von acht Prozent entspricht. Auch bei den Forst-Anwärtern sind nur drei von 16 Mitarbeitern Frauen. Noch geringer ist die Frauenquote bei den Auszubildenden als Forstwirt, dort sind es nicht einmal fünf Prozent Frauen, die diese Ausbildung absolvieren. 

"2011 wurde nur eine weibliche Auszubildende in diesem Bereich eingestellt", so Rudolph. Von 103 Forstwirtauszubildenden sind 95 Prozent Männer (98). Der Frauenanteil bei den Einstellungen im Bereich der Forstwirtausbildung schwankte von 2005 bis 2011 auf niedrigem Niveau zwischen drei und elf Prozent. Die starke körperliche Belastung sei laut Rudolph einer der Gründe dafür.

Generell sei die klassische Trennung von Männerarbeiten im Außenbereich und Frauenarbeiten im Innenbereich in der Forstwirtschaft immer noch vorherrschend. Bürotätigkeiten oder Sachbearbeitung würden  in vielen Fällen von Frauen ausgeübt.

"Die Situation macht deutlich, dass eine Erhöhung des Frauenanteils schwierig bleibt, da die Zahl der Absolventinnen an den Fachhochschulen und Universitäten rückläufig ist oder auf niedrigem Niveau stagniert", sagt Rudolph. Zudem würden in den Laufbahnen des höheren Forstdienstes nur wenige Stellen frei. Dennoch:  Landesweit steige die Zahl der Försterinnen allmählich, so Landesforsten-Sprecher Reiner Baumgart.

Unter den Anwärtern, Trainees und Referendaren finden sich derzeit 72 Männer und 25 Frauen. Baumgart:  "Der Anteil der Frauen ist in den vergangenen Jahren  gestiegen".

Auch in den von der Landwirtschaftskammer verwalteten Privatwäldern liegt die Quote nicht höher. "Im gehobenen Forstdienst sind 170 Förster eingesetzt, davon 13 Frauen", erklärt Bezirksförster Günther Arnaschus von der Kammer.

 

Forststudium: Ein Drittel Frauen

Der Anteil der weiblichen Studierenden an der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie an der Universität Göttingen liegt seit vielen Jahren relativ konstant bei etwa einem Drittel, so Universitätssprecher Romas Bielke. Derzeit sind dort 837 Studenten eingeschrieben, 244 davon sind Frauen. Bei den Promotionen im Fachbereich liegt die Frauenquote bei etwa 40 Prozent. Von den 21 Professuren sind sechs mit Frauen besetzt.

Ähnlich liegt der Prozentsatz an der Göttinger HAWK-Fakultät Ressourcenmanagement waren im Studiengang Forstwirtschaft zum Wintersemester 2016/2017 rund 300 Studierende eingeschrieben, davon rund 90 Frauen. "

Zum Vergleich: Vor fünf Jahren, also zum Wintersemester 2011/2012, waren bei Forstwirtschaft rund 290 Studierende immatrikuliert, davon rund 40 Frauen", so Sprecherin Sabine zu Klampen. Der Anteil Frauen ist also deutlich gestiegen.

Im Bezirk der Arbeitsagentur Göttingen waren 2016 insgesamt 24 Forstarbeiter (eine Frau) und 32 Forstwissenschaftler (fünf Frauen) arbeitslos gemeldet.  Die relativ hohe Zahl liege daran, dass  in Göttingen, verglichen mit Niedersachsen,  die Absolventen der Universität und der Fachhochschule nach ihrem Abschluss übergangsweise als arbeitslos gemeldet seien, erklärt Christine Gudd von der Agentur für Arbeit.

Gudd: "Bundesweit ist Göttingen einer der führenden Ausbildungsstandorte für angehende aber so vielfältig, so dass es neben der klassischen Beschäftigung als Revierförster vielfältige Alternativen gibt, beispielsweise im Projektmanagement oder bei Naturschutzverbänden.