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Thema des Tages Weihnachten mit Freunden aus aller Welt
Thema Specials Thema des Tages Weihnachten mit Freunden aus aller Welt
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00:16 26.12.2017
Geschenke für die Kinder – bei der Weihnachtsfeier im Haus der Kulturen hat das über alle konfessionellen Grenzen hinweg funktioniert.    Quelle: Foto: Bänsch
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Göttingen

 Über religiöse Grenzen hinweg haben am Donnerstag Flüchtlinge und Helfer in Göttingen ihr Weihnachtsfest gefeiert. Auf Einladung des Göttinger Migrationszentrums sorgten mehr als 150 Gäste für ein rappelvolles Haus der Kulturen - und begeisterten sich für ein Buffet, das von Heringssalat bis zu Falafeln reichte.

„Weihnachtsmann, Weihnachtsmaaaaaaan!“ krakelt eine Gruppe Kinder, als der Gesuchte im Haus der Kulturen endlich auftaucht. Dazu liegt der Geruch von frischfrittiertem in der Luft, im Hintergrund säuselt leise orientalische Disco-Music. Spätestens, als zwei Dutzend Knirpse den Weihnachtsmann angesichts der mitgebrachten Geschenke belagern, lachen fast alle Anwesenden.

Sichtbar zufrieden ist bei diesem Anblick Natascha Wellmann-Rizo. „ Sonst kommen die Menschen immer mit ihren Problemen zu uns“, sagt die Mitarbeiterin des Migrationszentrums der Göttinger Diakonie. Dieses hat die Feier gemeinsam mit dem Team vom Haus der Kulturen organisiert, finanzielle Unterstützung kam vom Rotary-Club Göttingen. „Ich glaube, das war eine gute Idee“, sagt auch Barbara Graf vom Haus der Kulturen, als sich vor dem Buffet eine lange Schlange bildet.

Das Essen hat eine jüngst gegründete Initiative beigesteuert: Yam Yami nennt sich das Team, das als Weihnachtsspeise syrische und deutsche Küche gemischt hat. Auf den Tellern türmen sich wenig später Kartoffel- und Heringssalat mit Falafeln und Kibbeh, kleinen Klößchen aus Bulgur und Hackfleisch. „Wir standen seit Montag in der Küche“, erzählt Susanne Brodkorb, eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, die hier jeder zweite zu kennen scheint.

Sie hat Yam Yami gemeinsam mit dem Syrer Aser Jabi ins Leben gerufen. Als Flüchtling hat erst kürzlich eine Wohnung in Göttingen gefunden, kocht gerne und hat Yam Yami nicht zuletzt gegründet, weil er Kontakt zu anderen gesucht hat. „Die Einsamkeit bringt mich sonst um“, sagt der Familienvater aus Aleppo. Erst auf Nachfrage offenbart er, dass er auf eine Familienzusammenführung mit seiner Frau und seiner Tochter wartet. „Die sind noch in Aleppo, immer noch eine der gefährlichsten Städte der Welt“, erzählt er, und sein zuvor freudestrahlender Blick trübt sich ein. „Freunde machen das Warten einfacher“, sagt er dann und schaut zu Brodkorb.

Derweil hält Wellmann-Rizo eine kurze Ansprache. Auf Deutsch greift sie die Weihnachtsgeschichte auf, bei der es ihrer Ansicht nach nicht zuletzt darum geht, dass eine werdende Familie einen schweren Weg gehen musste, bis sie Schutz fand. „Und das feiern wir heute, dass diese Menschen Schutz gefunden haben“, sagt Wellmann-Rizo. Dann folgen Weihnachtsgrüße auf Arabisch, Kurdisch, Türkisch, Russisch, Spanisch, und noch vielen Sprachen mehr. Und die Kinder dazu präsentieren ihren nicht selten kopftuchtragenden Müttern die ergatterten Weihnachtsgeschenke.

Weihnachten ohne Einschränkungen

Einige der Iraner aus der Gemeinde Wollershausen Quelle: hö

Mitten in den Vorbereitungen für Weihnachten stecken einige iranische Flüchtlinge in Wollershausen: Anders als in ihrer Heimat können sie hier wirklich feiern, und das haben sie auch vor.

„Wir haben gestern den Baum geschmückt“, erzählt Maldeh Nazeri nicht ohne Stolz. Die Iranerin lebt mit ihrem Mann Nasir in Obernfeld. Vor etwas mehr als einem Jahr sind sie nach Deutschland gekommen. „Unser erstes Weihnachten ist es nicht“, klärt ihr Mann schnell auf – „aber das erste mit Weihnachtsbaum“, fügt er dann hinzu.

Beide haben sich auf der Flucht taufen lassen – noch in Griechenland, in einer orientalisch-orthodoxen Gemeinde. In Wollershausen haben sie sich der evangelischen Gemeinde angeschlossen. Die Nazeris bezeichnen sich als regelmäßige Kirchengänger, wollen in Wollershausen auch die Christmesse feiern, bevor sie sich in Obernfeld mit Freunden treffen. Zu essen gibt es dann geräucherte Forelle aus dem Nachbarort – wobei „geräuchert“ für einige Übersetzungsschwierigkeiten sorgt.

Für die christliche Familie Mahpeyman wird es ein Weihnachten, wie es in der Heimat kaum möglich war: „Wir haben dort immer etwas kleiner gefeiert“, erzählt Tochter Ronak. Ihr zufolge sind Weihnachtsbäume im Iran regelrecht tabuisiert. Und selbst wenn man das hätte ignorieren wollen, sei es sehr schwer gewesen, Christbäume aufzutreiben. Auch das laute Singen von Weihnachtsliedern sei verboten gewesen, schildert sie. Das Ergebnis: Weihnachtsfeiern im kleinen Kreis der Familie. Trotzdem sagt Vater Zohrab Mahpeyman, dass die Feier im Kreis der Familie für ihn jedes Jahr das wichtigste Fest war.

Derweil wächst die Zahl der iranischen Mitglieder in der kleinen Wollershäuser Kirchengemeinde stetig an: 19 Iraner hat Pastor Jens-Arne Edelmann nach eigenen Angaben mittlerweile getauft. Hinzu kommen Familien wie die Nazeris und die Mahpeymans, die schon als Christen nach Deutschland gekommen sind. Fast alle von ihnen wollen Edelmann zufolge zur Christmesse kommen. „Das wird richtig gut“, sagt er außerdem über den bevorstehenden Auftritt des Kirchenchores, in dem auch einige der Iraner mitwirken.

Einen Wermutstropfen gibt es für Edelmann allerdings: Zuletzt hätten einige der Iraner Ablehnungsbescheide zu ihren Asylanträgen bekommen. Dagegen laufen ihm zufolge mittlerweile Klagen, so dass seinen Gemeindemitgliedern keine unmittelbare Gefahr droht. Stattdessen freut sich Edelmann schon jetzt auf das Beisammensein nach dem Neujahrssegen: „Dann gibt es auch wieder leckeres persisches Gebäck“, kündigt er angesichts der Backkünste einiger Iranerinnen an.

Feier im Flüchtlingsheim

Weihnachtsfeier in Flüchtlingswohnanlage Europaallee Quelle: Peter Heller

Der Duft von süßen Waffeln umgab am Freitagnachmittag das Gelände der Flüchtlingsunterkunft auf dem Holtenser Berg. Die Ehrenamtlichen hatten den Stand auf der kleinen Weihnachtsfeier organisiert, die im Freien auf dem Hof der Anlage stattfand. Vor allem die Kinder freuten sich über die frisch zubereiteten Waffeln.

Auch herzhafte Speisen standen auf dem Plan. So bereiteten Familien und Wohngemeinschaften der Unterkunft „tschetschenische, syrische und somalische Gerichte“ zu, erklärte Marieke Thüne, Einrichtungsleiterin der Bonveno Wohnanlage Nord.

Doch nicht nur das gemeinsame Essen sondern auch der Kontakt untereinander standen an diesem Nachmittag im Vordergrund. Familien unterschiedlicher Herkunft kamen miteinander ins Gespräch, die Kinder tollten fröhlich auf dem Grundstück herum. Das Angebot richte sich freilich an alle Bewohner der Einrichtung, aber vor allem für die Kinder sei die Weihnachtsfeier besonders, sagte Amar Shamma, die als Ehrenamtliche in der Unterkunft mithilft. Und ganz unabhängig von Religion und Nationalität freuten sich die Kleinen auf den Besuch des Weihnachtsmanns, der sich für den späteren Nachmittag angekündigt hatte. Er verteilte Teddybären an die Kinder, die von den Hochschulgruppen „The European Law Students Association Göttingen“ und vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten Göttingen gespendet wurden.

Mit Blick auf das neue Jahr könnten sich die Ehrenamtlichen über ein besonderes Geschenk freuen, sagte Thüne. So hätten die Bewohner der fünf Bonveno-Unterkünfte als kleines Dankeschön einen Kalender zusammengestellt – mit Porträtaufnahmen der Kinder. Doch auch eine traurige Nachricht verkündete Thüne an diesem Nachmittag: Sie werde nur noch bis Mitte Februar die Einrichtung leiten, da sie dann auswandern werde. Ihre Nachfolge tritt Leonie Engelbert an, die bisher die Einrichtung in Hann. Münden betreut.

Das bedeutet Weihnachten für uns

Fidaa und Selen Bahi Quelle: hö

Fidaa und Selen Bahi aus Aleppo werden Weihnachten auf jeden Fall feiern – „Ich habe am 25. Dezember Geburtstag“, erklärt Tochter Selen. Trotz umfangreicher Vorbereitungen kann auch Mutter Fidaa der Weihnachtszeit in Göttingen einiges abgewinnen: „Die Stimmung ist einfach ansteckend“, erzählt die Muslima mit Vorliebe für den Göttinger Weihnachtsmarkt.

Abdul Abbasi Quelle: Niklas Richter

Der Syrer Abdul Abbasi denkt dieser Tage an seine Heimat: „Ich fand es immer so schön, wie unsere Nachbarn ihr Haus geschmückt haben“, erzählt Abbasi. Obwohl seine Familie muslimisch sei, habe auch er Geschenke zu Weihnachten bekommen, sagt Abbasi. Außerdem hätten sie meist Freunden oder Nachbarn gratuliert und mit ihnen gefeiert – „das haben die während des Ramadans schließlich auch gemacht“.

Wasey Khan Khalil Quelle: r

Wasey Khan Khalil aus Pakistan will Weihnachten in Göttingen mit Freunden feiern. Er ist schon von der Adventszeit begeistert – „mein erster Weihnachtsmarkt wirkte auf mich wie aus einem Disney-Film“, erzählt der Doktorand, der seine Heimat aus Angst vor Islamisten verlassen hat. Dort sei schon ein Weihnachtsbaum ein Politikum. Allerdings hätten zuletzt immer mehr Muslime Christbäume als Zeichen der Solidarität mit der christlichen Minderheit aufgestellt.

. Quelle: r

Selma A. aus Bosnien-Herzegowina will Weihnachten mit ihrer Familie und der deutschen Patentante ihres Sohnes feiern. „Weihnachtliche Stimmung habe ich keine“, sagt die als Muslima geborene Roma trotzdem. Nicht zuletzt wegen Sorgen um den Aufenthaltsstatus ihres Bruders sei das vergangene Jahr zu aufreibend gewesen. Zwei Stunden gemütliches Essen und Zeit füreinander seien alles, was sie sich von Weihnachten erhoffe. r

Von Christoph Höland