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Thema des Tages Ein Schwergewicht entsteht
Thema Specials Thema des Tages Ein Schwergewicht entsteht
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23:23 17.02.2017
So könnte sich der neue Vorstand der Volksbank Kassel-Göttingen zusammensetzen (v.l.): Volker Stern, Martin Schmitt, und Wolfgang Osse (Vorstände der Kasseler Bank) sowie Markus Bludau und Hans-Christian Reuß von der Volksbank Göttingen.foto R Quelle: Stephan Beuermann - TrapezFilm
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Göttingen/Kassel

Es soll eine Partnerschaft unter Gleichen werden, das betonten die versammelten Vorstände unisono. „Wir beabsichtigen eine Fusion auf Augenhöhe, aus der Stärke heraus“, sagt zum Beispiel Martin Schmitt, Vorstandsvorsitzender der Kasseler Bank. Doch die Gewichte sind ungleich verteilt. Die Kasseler Bank bringt eine Bilanzsumme von zwei Milliarden Euro mit. Die Volksbank Göttingen liegt bei rund 740 Millionen Euro. Auch bei der Kundenzahl ergibt sich ein Ungleichgewicht. Die Kasseler Bank bringt mit 96 988 Kunden mehr als doppelt so viele Kunden in das Bündnis ein.

Die neue Bank soll Volksbank Kassel-Göttingen heißen. Auch wenn die Kasseler Bank demnach der stärkere Partner im angestrebten Bündnis und somit auch tonangebend sein dürfte, so ist die Motivation für ein Zusammengehen wohl in der Sicherung einer gemeinsamen Zukunft zu suchen. Dies betonten auch beide Vorstände am Freitag. Bludau räumte dabei ein, dass die gemeinsamen Gespräche, in enger Abstimmung mit den Aufsichtsräten, schon lange geführt wurden.

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Fusion zu Beginn 2017

Ziel sei es nun, die Fusion zügig durchzusetzen. Die Vertreter der Mitglieder beider Banken sollen schon im Mai 2017 entsprechende Beschlüsse fassen. Dabei solle die Fusion beider Bankhäuser rückwirkend auf den 1. Januar 2017 abgesegnet werden. „Im Fall der Fusion entstünde eine Bank mit über 600 Mitarbeitern“, betont Bludau. Alle Mitarbeiter sollen Platz im neuen Haus haben, versprach Bludau. Mit der Fusion entsteht ein Netz aus 39 Filialen und 16 Selbstbedienungs-Stellen. Zusätzlich zu den Hauptstellen in Göttingen und Kassel werden die Kompetenzen vor Ort gestärkt, zum Beispiel in Northeim, Heiligenstadt, Korbach, Hofgeismar. Keine Filiale werde überflüssig, so Bludau.

Der zukünftige Vorstand soll sich aus den bisherigen Vorständen beider Häuser zusammensetzen und damit fünf Mitglieder haben. Die Frage, ob dies bei der Größe der Bank nicht zu viel sei, verneinten die Vorstände. „Wir brauchen einen schlagfertigen Vorstand“, so Schmitt. Er ließ allerdings durchblicken, dass sich dies durch altersbedingtes Ausscheiden ändern könnte.

Über die Landesgrenzen

Eine Fusion zweier Banken über die Landesgrenzen von Bundesländern ist ungewöhnlich. Nicht umsonst kommt die Nachricht darüber für viele Marktbeobachter überraschend. Die Entscheidungsträger beider Volksbanken sehen darin eher Chancen. „Wir wollen ein Bündnis zweier Wachstumsregionen auf die Beine stellen“, sagt Bludau. „Wir wollen die Grenzen zwischen den Regionen aufheben“, meint der Vorstand der Volksbank, Hans-Christian Reuß. Gewachsene regionale Grenzen waren lange Zeit Teil des Geschäftsmodells der Göttinger Bank. „Doch wir meinen, diese Grenzen gehören dem Gestern an“, betont Reuß. Auch die Kasseler Bank setzt auf das Potenzial zweier Wachstumsregionen. „Zwischen den Regionen Göttingen und Kassel gibt es viele Verbindungen“, sagt Schmitt: Geschäfte, Zulieferbeziehungen, Arbeitnehmer, die zwischen den Städten pendeln, Krankenhäuser, die miteinander zusammenarbeiten. „Hier gibt es bereits vielfachen Austausch, die Verbindung, die wir jetzt haben kann durchaus befruchtend sein“, so Schmitt. Die Fusion könne einen kleinen Baustein dafür liefern, die Verbindungen transparent und bewusst zu machen, sodass die Region in den Köpfen der Menschen mitten in Deutschland und mitten in Europa weiter zusammenwächst.„Wir setzen uns an die Spitze, ohne unsere Identität zu verlieren“, sagt Schmitt.

Bankleitzahl könnte sich ändern

Für die Kunden in Göttingen könnte sich eines ändern. Die fusionierte Bank könnte die Bankleitzahl der Kasseler Bank übernehmen. Damit würde sich auch die Kontonummer der Göttinger Kunden ändern. „Aber diese Details sind noch nicht abschließend geklärt“, so Bludau. Die technische Fusion werde frühestens in 2018 erfolgen. bm

Mutig

Ein Kommentar von Chefredakteur Uwe Graells

Das ist mal eine überraschende Nachricht: Die Volksbank Göttingen und die Kasseler Bank wollen fusionieren. Rückwirkend zum Januar, falls die Mitglieder bei den Versammlungen im Mai die Pläne absegnen. Göttingen und Kassel, zwei konkurrierende Oberzentren, zwei Bundesländer, eine unsichtbare Mauer auf der gut 40 Kilometer langen Strecke auf der Autobahn 7 – kann das gut gehen? Ja! Es kann gut gehen, es wird gut gehen, und vor allem ist es die richtige Entscheidung, gerade noch zur rechten Zeit. Die Bankenlandschaft in Deutschland steht vor riesigen Verwerfungen.

Das trifft in einem hohen Maße auch auf die vielen noch selbstständigen Volksbanken und Sparkassen zu. Nehmen wir nur die seit Jahren andauernde Niedrigzinsphase. Das klassische Geschäftsmodell ist quasi in sich zusammengebrochen. Beim Sparkassenverband geht man davon aus, dass in spätestens drei Jahren der Zinsüberschuss von derzeit gut 2 Prozent auf nur noch 1,5 Prozent wegbrechen wird. Damit fehlen in kürzester Zeit Millionen Euro in den Bilanzen der Institute – egal, ob rote oder blaue Gruppe.

Am Markt dagegenzuhalten, wird von Experten als nahezu aussichtslos angesehen. Es geht also ausschließlich um Kostenmanagement, Synergien aus zentral zu erbringenden Dienstleistungen, einen strengen Blick auf das Filialnetz und das Personaltableau. Die Volksbank Göttingen wäre alleine kaum in der Lage, in ein paar Jahren den Anforderungen gerecht zu werden. Denn über der Bankenbranche schwebt „Basel III“ als bislang letzte Stufe der Regulierung, die Ende nächsten Jahres mit Blick auf die erforderliche Eigenkapitalausstattung von Bankhäusern und einer weiteren Regulation Realität wird. Hinzu kommen immer höhere Anforderungen des Verbraucherschutzes. Als Konsequenz aus der Bankenkrise vor fast zehn Jahren hat der Gesetzgeber intensivere Beratungen und entsprechende Protokollierungen verpflichtend vorgeschrieben. Für die Volksbanken und Sparkassen ein immenser Aufwand, der auf die Erträge drückt. D

ie Digitalisierung von Bankprodukten ist ein weiterer Kostentreiber, der bestmöglich von größeren Einheiten erledigt wird. Der Volksbank Göttingen und der Kasseler Bank geht es (noch) gut. So gut, dass sie auf Augenhöhe über eine Fusion reden, an der auf Dauer kein Weg vorbei geht. In den vergangenen Wochen ist in der südniedersächsischen Landschaft der Volksbanken still und heimlich unglaublich viel passiert. Die Volksbank Mitte hat in Thüringen eine Fusion auf den Weg gebracht. Die VR-Bank in Dransfeld geht mit der Volksbank Weserbergland zusammen.

Da ist der künftige Weg von Göttingen und Kassel eine kluge Entscheidung. Die neue Bank bekommt eine Größe, die für die nächsten Jahre trägt. Und nicht ohne Grund hat der Kasseler Vorstand Martin Schmitt bereits betont, dass weitere Zusammenschlüsse wahrscheinlich sind. Auch die „Roten“ werden noch folgen. Allein im Landkreis Göttingen gibt es noch fünf selbstständige Sparkassen. Das sind – in die Zukunft geschaut – vier zu viel. Während die „Blauen“ nur ihre Mitglieder überzeugen müssen, stehen hinter den Sparkassen die Kommunen als Träger. Das macht die Aufgabe nicht einfacher. Eines müssen aber die Verantwortlichen sehen: Alle Volksbanken im Landkreis haben ihre Weichen gestellt. Die Fusion von Göttingen und Kassel ist mutig, aber im gleichen Maße richtig.