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Thema des Tages GSO-Dirigent verabschiedet sich im persönlichen Gespräch
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00:20 23.06.2018
GSO-Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller in der GT-Townhall im Gespräch mit Angela Brünjes, Michael Schäfer und seinem Göttinger Publikum. Quelle: Richter
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Göttingen

Die Anfänge:

Vor nunmehr gut 15 Jahren hatte der heute 51-Jährige erstmals Kontakt zu Göttingen. Seine Agentur habe ihm im April 2004 mitgeteilt: „Schau doch mal. Die suchen dort einen Gastdirigenten und auch noch einen Chef. Hättest Du vielleicht Interesse?“ Aber, so schränkte man damals ein, es handele sich lediglich um ein B-Orchester. Mueller fuhr also von Berlin nach Südniedersachsen und absolvierte die erste Probe. „Und die war wunderschön.“ Wenig später hatte ihn das Orchester einstimmig zu seinem neuen Dirigenten gewählt und Mueller war Göttinger.

Christoph-Mathias Mueller in der GT-Townhall

Was er damals merkwürdig gefunden habe, war die Tatsache, dass er zwar schon von der Stadt und seiner Universität gehört habe, aber nicht wusste, wo Göttingen überhaupt lag. „Ich dachte, irgendetwas läuft da schief in dieser Stadt. Vielleicht kann ich mit dem Orchester die Stadt ein wenig bekannter machen“, beschreibt Mueller seine Ambitionen. Und mit dem für ihn typischen Lächeln räumt er ein, dass wohl auch eine gewisse „jugendliche Arroganz“ dabei gewesen sein könnte.

Sein Vorgänger Christian Simonis hatte ihm ein gut funktionierendes Orchester übergeben. „Ich wusste, er hat hier 15 Jahre gute Arbeit gemacht und fragte mich natürlich, wie ich wohl als Nachfolger angenommen werden würde.“ Nach einer gegenseitigen Annäherung – „Niedersachsen brauchen immer diese gewisse Aufwärmphase“ – hatten sich der Dirigent und die Göttinger gefunden. Und nach Boston und Berlin ließ sich der Mann, der von sich sagt, Großstädte zu bevorzugen, im beschaulichen Südniedersachsen nieder. „Es war schnell meine Stadt. Und ich habe die Entscheidung nie bereut.“

Das Orchester und die Solisten:

Das ideale Verhältnis zwischen einem Orchester und dem Dirigenten beschreibt Mueller als „Liebesbeziehung für den Moment“. Diese für die Musik so wesentliche Emotion habe er in Göttingen von der ersten Probe an empfunden. Es hatte gefunkt. Auf diese Art der Zuneigung und des gegenseitigen Respekts legt Mueller bis heute großen Wert. „Das Menschliche hat das GSO immer ausgezeichnet.“

Von dieser Herzlichkeit profitierte das Orchester auch bei der Zusammenarbeit mit Gastmusikern. Viele Solisten von Weltniveau kamen nach Göttingen, oft durch persönliche Kontakte zum Dirigenten. „Es gibt die drei Ps, von denen eines erfüllt sein muss, um namhafte Künstler zu bekommen: Pay – das konnten wir nicht. Prestige – das kommt langsam. Und Pleasure – das konnte das Göttinger Orchester immer bieten.“

13 Jahre Göttingen

Er sei bis heute positiv überrascht, wie groß die Kollegialität innerhalb des Orchesters sei. Bei einem Mammutprogramm von über 100 Konzerten pro Jahr keine Selbstverständlichkeit. Gerade seine letzte Saison habe ihm das noch einmal bewiesen. Es habe ihn gerührt, dass das Orchester bis zuletzt intensiv mit ihm zusammengearbeitet habe, obwohl klar war, dass bald ein anderer den Chefposten übernehmen würde.

Das Publikum:

Mueller beschreibt sich als neugierigen Menschen. Entsprechend vielseitig fiel sein Repertoire aus. Er habe schnell gemerkt, dass man das Göttinger Publikum begeistern könne – sogar mit Musik, die ihm vorher nicht bekannt war. „Wenn man ins Gespräch kommt, ist vieles möglich. Auch moderne Musik.“ Und so habe er in nahezu jedem seiner Programme auch Musik aus dem 20. Jahrhundert untergebracht – wenn auch zunächst in homöopathischen Dosen.

Mueller ist überzeugt, dass man offene und intelligente Zuhörer an moderne Musik gewöhnen kann. Aus seiner Kindheit erzählt er über seine erste Begegnung mit Sergej Prokofjew. „Das hat mir zunächst überhaupt nicht gefallen.“ Aber nachdem er die Platte innerhalb weniger Tage 50-mal gehört hatte, war „ein Tor geöffnet“. Sein Anspruch sei immer gewesen, das Publikum auch mit unbekannter Musik zu erreichen. Und tatsächlich habe er hier eine glückliche Zeit erlebt. „Alle meine verrückten Ideen wurden interessiert aufgenommen.“

Das Repertoire:

Mueller hat mit dem GSO in 13 Jahren nur ganz wenige Werke in den Programmen wiederholt. Wenn er heute auf seine umfangreiche Partiturwand blicke, frage er sich schon, warum er sich das Leben so schwer gemacht habe. Seine Erklärung klingt plausibel: „Es gibt so viel großartige Werke. Davon wollte ich dem Göttinger Publikum so viel wie möglich präsentieren.“ Viele Orchester, die sich meist aus wirtschaftlichen Überlegungen auf die Wiederholung der großen Meister beschränken, würden sich künstlerisch in einer Abwärtsspirale bewegen. „Das habe ich nie gewollt.“ Wenn Meisterwerke in Göttingen auf dem Programm standen, stellte Mueller sie daher stets in einen anderen Kontext oder auch in Kontrast zu anderen Stücken.

Bei aller Vielfältigkeit hatte aber auch ein Mueller seine Schwerpunkte. Neben französischer Literatur und Joseph Haydn ist das die russische Musik. Hiermit waren die Göttinger Symphoniker sowohl auf der Bühne als auch mit Aufnahmen besonders erfolgreich. Dazu Mueller in knappen, treffenden Worten: „Das Publikum liebt’s, ich lieb’s und das Orchester gibt da immer alles.“

Der Ausblick:

Nach weit über 800 gemeinsamen Konzerten und zwei gewonnenen Klassik-Echos verlässt Mueller im August das GSO. Und jetzt? „Ursprünglich dachte ich, ich mache so ein Sabbatical. Mittlerweile sind aber so viele Angebote gekommen, dass daraus wohl nichts wird.“ Fest steht der Umzug mit seiner Frau nach Hannover. Das biete einerseits genug Abstand zu Göttingen, andererseits aber auch die Möglichkeit, ab und zu mal zurückzukommen.

Das Orchester und die Stadthalle

Wer Christoph-Mathias Mueller nach einem Konzertsaal fragt, in dem ihm die Akustik besonders gut gefällt, dann sagt er: „Die Stadthalle in Aschaffenburg ist richtig schön.“ Und er sagt auch, dass ein Orchester „einfach noch einen Zacken besser spielt“, wenn die Akustik gut ist.

Über die Stadthalle Göttingen hingegen urteilt der scheidende Dirigent, dass sie kein Ort sei, der einen Musiker inspirieren könne. Ein Saal sei wie ein Instrument für ein Orchester. Und wenn man das GSO weiterbringen wolle, dann müsse man ihm einen Ort bieten, der der Qualität des Orchesters entspreche. „Dieses Orchester hat es verdient, einen sehr gut klingenden Saal zu haben“, so Mueller.

Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass durch die geplante Sanierung der Stadthalle sich die Situation verbessern könnte, antwortete der Schweizer am Dienstagabend diplomatisch. Er wisse nicht, welche Priorität der Akustik des Saals eingeräumt werde und ob man bereits sei, viel Geld in die Hand zu nehmen. Das sei nötig um hier wirklich etwas zu verbessern.

Der Saal habe nach heutigem Stand einige grundlegende Probleme: Zum einen sei die Bühne für ein Symphonieorchester eigentlich zu klein. Vom Klang komme nur ein Bruchteil wirklich beim Publikum an, er werde förmlich zerquetscht. „Diese Guckkastenbühne ist eine Fehlkonstruktion. Sie funktioniert nicht.“

Auch von der Form sei der Saal für die Akustik problematisch. Hier wurde in der Vergangenheit bereits technisch nachgeholfen, indem der Nachklang der Musik nochmals elektronisch verstärkt gegen die Wand geworfen werden. So sei es gelungen, die Bedingungen auch für die Musiker zu verbessern.

Wenn er träumen dürfe, würde er sich am Albaniplatz einen Ort vorstellen, der für die gesamte Stadt Ausstrahlung besitzt, so Mueller. „Ein Kulturzentrum an dieser Stelle wäre ein Gewinn für alle Göttinger, nicht nur für das Orchester.“

Noch sechs Konzerte mit Mueller

Nach seinem Abschiedskonzert am Freitag, 29. Juni, um 19.45 Uhr in der Göttinger Stadthalle mit dem „Stabat Mater“ von Szymanowski und der „Auferstehungssymphonie“ von Mahler dirigiert Christoph Mueller das Göttinger Symphonie-Orchester im August noch fünfmal:

● Freitag, 10. August, um 20 Uhr Konzert bei den Weilburger Schlosskonzerten. Solistin: Echo-Klassik-Preisträgerin Asya Fateyeva, Saxophon. Programm: Ouvertüre zu „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner, „Legende“ für Altsaxophon und Orchester von André Caplet und Symphonie „Aus der neuen Welt“ von Antonín Dvořák. Spielstätte: Renaissancehof Weilburg, bei schlechtem Wetter in der Schlosskirche. Info: weilburger-schlosskonzerte.de/programmuebersicht/uebersicht/konzert/details/aus-der-neuen-welt-1.html

● Sonntag, 12. August, 18.30 Uhr Konzert auf Schloss Berlepsch. Solistin: Anne Luisa Kramb, Violine. Programm: Ouvertüre zu „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner, Violinkonzert e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy und Symphonie „Aus der neuen Welt“ von Antonín Dvořák. Ab 17 Uhr „Genussstände Speis und Trank“ im Schlosshof, Einlass zu den Sitzplätzen 18 Uhr. Info: schlossberlepsch.de/gso.html

● Sonntag, 19. August, ab 18 Uhr Konzert im Kloster Walkenried. Solist: Niklas Liepe, Violine, Programm mit Werken von Rossini, Mendelssohn und Mozart – ausverkauft.

● Donnerstag, 23., und Freitag, 24. August, jeweils um 20 Uhr Konzerte bei den Murten Classics (Schweiz). Solist: Piotr Pławner, Violine. Programm: Werke von Richard Wagner, Mieczysław Karłowicz und Antonín Dvořák. Murten liegt etwa 30 Kilometer westlich von Bern. Info: murtenclassics.ch/dt_konzertuebersicht.html

Von Markus Scharf

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