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Thema des Tages Gefährliche Altlasten – nicht nur im Harz
Thema Specials Thema des Tages Gefährliche Altlasten – nicht nur im Harz
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06:00 13.03.2019
Bereits auf dem Bauhof der Stadt Herzberg kündet der Rest eines gesprengten Betongebäudes von der Existenz des Werks Kiefer. Quelle: r / BUND Westharz
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Göttingen / Landkreise

 Mehrere Orte im Landkreis Göttingen und im benachbarten Landkreis Goslar haben bis heute unter den Nachwirkungen der Rüstungsindustrie während des Dritten Reiches zu leiden. Mitglieder einer Exkursion der Naturfreunde Göttingen haben sich in Clausthal-Zellerfeld und im Raum Herzberg/Osterode auf Spurensuche begeben.

Ein Lost Place, auf den niemand stolz ist

Am östlichen Stadtrand von Clausthal-Zellerfeld liegt das ehemalige „Werk Tanne“. „Es würde dem Ort gebühren, eine Gedenkstätte zu sein. Stattdessen ist es eine im Wald versteckte, verbotene und gefährliche Rüstungsaltlast, von der gesundheitsgefährdende Giftstoffe bis heute in die Umwelt gelangen“, sagt Exkursionsleiter Dr. Friedhart Knolle, Geologe und 1. Vorsitzender des Regionalverbandes Westharz im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Die Auswirkungen seien bis in den Südharz und weit darüber hinaus bis heute zu messen. „Ein im Internet als ,Lost Place’ bekannter Ort, auf den niemand stolz ist und dessen Zukunft ungeklärt scheint. Er ist monumental, gespensterhaft und erstaunlich gut erhalten. Ein Ort, an dem uns die braune Geschichte des letzten Jahrhunderts im Harz noch roh und ohne museumspädagogische Aufarbeitung entgegentritt“, fasst Knolle zusammen.

Reste von Sprengstoffen finden sich bis heute

Bei strömendem Regen und starken Windböen erkundet die zehnköpfige Gruppe das Werk „Tanne“. Dort mussten während des Zweiten Weltkrieges Kriegsgefangene und verschleppte Zwangsarbeiter Bomben, Minen und Granaten mit dem Sprengstoff Trinitrotoluol befüllen, besser bekannt als „TNT“. „Ein wichtiger Bereich war auch die Sprengstoff-Aufbereitung aus Fehlchargen und Beutemunition“, erklärt Hansjörg Heinrich von den Naturfreunden Göttingen, der schon seit vielen Jahren mit Knolle in Kontakt steht und die Exkursion mit organisiert hat. „Reste der Sprengstoffe und ihre hochgiftigen Abbau-Produkte, die zum Teil krebserregend sind, finden sich bis heute im Werk selbst wie auch im Grundwasser unter dem Werk. Sie belasten die Umwelt schwer“, betont Heinrich.

Giftstoffe in „Schluckbrunnen“ versenkt

In Clausthal beispielsweise seien zwar kürzlich die dortigen Pfauenteiche saniert und mit Wasserrückhaltebecken versehen worden, das stoppe aber nur einen Teil der Belastung. „Sogar im Wasser des 13-Lachter-Stollens bei Wildemann und des Ernst-August-Stollens bei Gittelde konnte das Gift aus dem Werk Tanne nachgewiesen werden“, so Heinrich weiter. Die Abwässer seien derart giftig, dass eine Abwasser-Leitung des Werkes bis nach Osterode führte, wo die Giftstoffe bei Petershütte einst in sogenannten „Schluckbrunnen“ versenkt wurden.

Schluckbrunnen in der Nähe von Petershütte, einem Ortsteil von Osterode. Quelle: r / Morr

„Wohin sie von dort unterirdisch flossen, konnte nie geklärt werden“, sagt Heinrich. Eine ausführliche Aufklärung über die ökologischen und gesundheitlichen Risiken finde nicht statt – das sei auch ein Grund für die Exkursion gewesen. Diese führt die Gruppe später unter anderem ins Bremketal, etwa zu den Teichen am Veilchenweg. Heinrich: „Generationen von Kindern badeten dort, ohne zu wissen, dass die Teiche im Krieg der Zwischenspeicherung der Giftwässer dienten und noch bis heute eine Altlast darstellen“.

Juristisches Gerangel um Zuständigkeiten

Auch das „Werk Kiefer“ in Herzberg am Harz, unterhalb des Schlosses gelegen, schauen sich die Exkursionsteilnehmer an. Hier wurden im Dritten Reich Dinitrobenzol und Trinitrobenzol abgefüllt. Und auch dieses Werk ist laut Heinrich noch immer eine „kritische und Grundwasser belastende Altlast“. Voran ging es hier jedoch viele Jahre lang nicht, denn seit Beginn der 1990er-Jahre gab es ein langwieriges juristisches Gerangel um Zuständigkeiten, das erst 2014 mit einem Vergleich zwischen dem Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz und dem Grundstückseigentümer, der Firma IVG Immobilien AG, endete.

Gesprengtes Gebäude des Werks Kiefer Herzberg. Quelle: r / BUND Westharz

Angesicht der von Gutachtern festgestellten „hochgradigen Kontaminierung“ und der „erheblichen Grundwassergefährdung“ beschreibt Knolle diesen Prozess als „Skandal“ und „nicht akzeptabel“. Getan habe sich auch seit der Einigung vor fünf Jahren nicht viel.

Belastungen „besorgniserregend“

All dies erklärt, warum die Exkursion der Naturfreunde Göttingen nicht die letzte dieser Art gewesen sein soll. Schließlich sei das Thema nach wie vor hochaktuell. Heinrich und Knolle wollen es wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen bringen. So betont Knolle etwa im Hinblick auf die ehemalige Fabrik in Clausthal: „Noch immer besteht teilweise die Einschätzung, dass sich die Umwelt- und Gesundheitsgefährdung durch den ehemaligen Betrieb des Werks Tanne nach so viele Jahrzehnten doch wohl erledigt habe. Doch das Gegenteil ist der Fall“, so der Geologe. Auch die Belastungen in Osterode/Petershütte und Herzberg seien nach wie vor besorgniserregend.

„Vermehrte Krebsfälle nicht überraschend“

Seit einem Abschlussbericht des Niedersächsischen Umweltministeriums zur langjährigen Gefährdungsabschätzung von Rüstungsaltlasten in Niedersachsen von 1997 sei hinsichtlich möglicher Sanierungen im Wesentlichen nicht viel geschehen – übrigens auch, weil das Geld dafür fehle.

Friedhart Knolle erklärt den Exkursionsteilnehmern, was es mit den Rüstungsaltlasten auf sich hat. Quelle: r

„Die Nachrichten über vermehrte Hirntumor-Krebsfälle im Südharz kamen daher im Januar 2018 nicht überraschend“, meint Knolle. Und weiter: „Für Petershütte wurde eine Häufung von Glioblastomfällen bestätigt, die als Zufallsverteilung von den beteiligten Behörden als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt wird und damit die Frage nach auslösenden Faktoren aufwarf.“ Ähnliche Nachweise seien in Clausthal-Zellerfeld und bei detaillierteren Untersuchungen auch in Herzberg zu befürchten.

Belastete Orte im Landkreis Göttingen

Wo genau ist der Boden im Landkreis Göttingen durch die Rüstungsindustrie aus dem Dritten Reich noch belastet?

Verdachtsmomente oder konkrete Hinweise auf das Vorhandensein „explosivstofftypischer Stoffe, Verbindungen und Umsetzungsprodukte ehemaliger Anlagen der Rüstungsindustrie“ bestätigt der Landkreis Göttingen für folgende Standorte:

– Sprengplätze der ehemaligen „Muna Lenglern“ südlich von Parensen – ehemalige „Polte-Werke“ in Duderstadt (Gewerbegebiet „Euzenberg“) – ehemaliges „Werk Kiefer“ westlich von Herzberg am Harz – ehemalige Abwasserleitung des „Werkes Tanne“ von Clausthal-Zellerfeld nach Osterode am Harz durch das Bremketal – ehemalige „Schluckbrunnen“ der Abwasserleitung im Osteroder Ortsteil Petershütte – Austritt von Wässern des Oberharzer Stollensystems in Bad Grund, Ortsteil Gittelde (Verdachtsmomente).

„Das Vorhandensein dieser Stoffe bedeutet zwar nicht gleichzeitig eine umweltrelevante Belastung, deren Relevanz ist aber in jedem Fall abzuklären“, betont Andrea Riedel-Elsner, Sprecherin des Landkreises Göttingen. Auswirkungen können sich beispielsweise auf Bauvorhaben ergeben, sofern die entsprechenden Flächen beispielsweise nicht in einem Landschaftsschutzgebiet liegen und grundsätzlich bebaut werden dürfen: „Für jede Bauleitplanung und praktisch jeden Bauantrag wird vom Landkreis Göttingen die Altlastensituation überprüft – dies schließt auch die Rüstungsaltlasten mit ein“, so Riedel-Elsner. Untersuchungen würden dann ergeben, ob die vorgesehene Nutzung bodenschutz- und baurechtlich zulässig ist oder nicht. Die Beurteilung erfolge nach Maßgaben des Bundes-Bodenschutzgesetzes und der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung.

Aber wie genau werden die Belastungen überhaupt gemessen? „Es werden die üblichen Untersuchungen zur Altlastenbearbeitung durchgeführt“, erläutert die Landkreis-Sprecherin. Hierzu gehöre zunächst eine historische Erkundung – etwa durch Recherchen in Archiven oder Zeitzeugenbefragungen –, an die sich orientierende Untersuchungen und gegebenenfalls vertiefende Detail-Untersuchungen anschließen würden. „In der Regel sind umfangreiche Vorort-Erkundungen notwendig, um ein hinreichendes Bild weiterer möglicherweise anzuschließender Maßnahmen zu gewinnen“, so Riedel-Elsner. Neben Untersuchungen von Bodenproben verschiedener Tiefenhorizonte seien zur Beurteilung von Sickerwässern und Grundwasserbeeinflussungen oftmals entsprechende Bohrungen nötig und Messstellen einzurichten. Zur Abklärung bedürfe es häufig längerer Beobachtungs- und Messzeiträume.

Die ermittelten Daten aus hydrologischen und geologischen Untersuchungen fließen schließlich in die Beurteilung eines Standortes und eventuell nötiger Maßnahmen ein. „Wie diese durchgeführt werden, legt die zuständige Behörde zusammen mit Sachverständigen fest“, erklärt Riedel-Elsner. Neben Sicherungsmaßnahmen – zum Beispiel durch die Abdeckung oder Versiegelung kontaminierter Bereiche oder auch Zutrittsverbote – können auch Sanierungsmaßnahmen erforderlich werden. „Das können Maßnahmen sein, die einen Abbau von Schadstoffen vor Ort ermöglichen oder auch die Entnahme kontaminierten Materials mit anschließender ordnungsgemäßer Entsorgung. Art und Umfang der Maßnahmen ergeben sich auch aus der zukünftigen Nutzung betroffener Bereiche“, so die Landkreis-Sprecherin.

Aber führt das auch zu einer Entlastung der Umwelt? Zumindest bei den Sprengplätzen der ehemaligen „Muna Lenglern“ gebe es laut Riedel-Elsner erste Anzeichen dafür, dass die gewählte Sanierungsmethode, in diesem Fall die Immobilisierung von sprengstofftypischen Verbindungen, erfolgreich ist. Ein Monitoring, das über mehrere Jahre geplant ist, soll die Entwicklung dort weiter überwachen.

Von Markus Riese

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