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Thema des Tages Landwirte: „Wir machen einen guten Job, leider mit zu wenig Anerkennung“
Thema Specials Thema des Tages Landwirte: „Wir machen einen guten Job, leider mit zu wenig Anerkennung“
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06:46 22.03.2019
Kreislandwirt Hubert Kellner aus Desingerode Quelle: Hinzmann
Landolfshausen

Im Vorfeld des Landvolktages haben Kreislandwirt Hubert Kellner und Landvolk-Geschäftsführer Achim Hübner dem Tageblatt Rede und Antwort gestanden.

Abgesehen vom Warten auf den Frühling - was treibt die Landwirte in der Region zurzeit um, welche Sorgen und Probleme gibt es?

Hübner: Viele! Vor allem die fortlaufende mediale Dresche vom Brunnenvergifter bis zum Tierquäler wird von den einzelnen Landwirtsfamilien häufig als ungerecht und völlig überzogen wahrgenommen. Diese miese Stimmung treibt den ohnehin hohen Strukturwandel noch massiv an. Wir glauben von uns als Branche insgesamt, dass wir im Rahmen der Gesetze einen guten Job machen, leider mit zu wenig Anerkennung. Ein Ende der Debatte ist nicht erkennbar, da unterschiedliche politische Gruppierungen und viele NGOs auch außerhalb der Landwirtschaft das Thema „Angst“ sehr erfolgreich besetzen, um Stimmen und Spenden zu generieren. Das ist für die Stabilität unseres politischen Systems dauerhaft problematisch.

Kellner: Das Wetter spielt immer eine große Rolle in der Landwirtschaft, bestimmt auch im Nachgang, wieviel Geld der Bauer verdient oder nicht. Was uns Landwirte beschäftigt, sind die immer nicht bis zu Ende gedachten Verordnungen und Gesetze. Bei der Nutztierhaltung die K-Fragen, (Kastrieren, Kupieren, Kastenstand) und im Ackerbau die Novellierung der Düngeverordnung, hier fühlen wir uns von der Politik allein gelassen. Bei den K-Fragen, wenn es so kommt, wie NGOs es fordern, wird es einen Strukturbruch geben. Bei der DüngeVO wird das Ziel nicht erreicht, aus den Überschussregionen organischen Dünger in die Ackerbauregionen zu holen, weil auch hier kein Spielraum mehr gegeben ist, diesen aufzunehmen. Unseren jungen Betriebsleitern vergeht die Lust weiterzumachen, das kann es nicht sein.

Hubert Kellner (links) und Achim Hübner äußern sich zu aktuellen Problemen der Landwirtschaft. Quelle: Christina Hinzmann / GT

Was sind die zentralen Themen des diesjährigen Landvolktages?

Hübner: Wir wollen versuchen. unsere Idee Blühstreifenaktion weiter zu verbreiten. Darüber hinaus gibt es natürlich eine Reihe von Themen, die tagesaktuell sind: Stromtrassenbau, FFH-Unterschutzstellung, Wolf, Gänse, Biolandwirtschaft, Nebenerwerb, Direktvermarktung und als überregionale Themen beispielsweise Fragen zur Tierhaltung, Düngeverordnung, Öffentlichkeitsarbeit und vieles mehr.

Kellner: Natürlich werde ich das Klima ansprechen. Klima gibt es schon seit Jahrtausenden, von tropischen Regenwäldern bis hin zur Eiszeit in unseren Breitengraden. Aber nach zwei in Folge extremen Jahren kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Auch der Verbraucher, der nicht mehr weiß, wie Lebensmittel produziert werden, steht im Fokus. Wenn wir wollen, dass der ländliche Raum weiter nach vorn gebracht werden soll, muss die Landwirtschaft mitgenommen werden, das muss und sollte allen bewusst sein. Ohne Landwirtschaft gibt es auch keinen ländlichen Raum. Und zu guter Letzt eine Sache, die mich seit Jahren beschäftigt: Wir können nicht mehr zwischen Risiken und Gefahren unterscheiden. Nur, mit Risiken müssen wir leben, ohne Risiko gäbe es keinen Fortschritt, der es immer mehr Menschen erlaubt, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Wir sollten nicht so pessimistisch in die Zukunft schauen. Wir sollten uns freuen und auf die Schultern klopfen für das, was wir alles schon erreicht haben.

Landwirtschaft und Klimawandel

Grassiert die Angst vor den nächsten Dürresommern? Wird der Klimawandel die Landwirtschaft in Südniedersachsen verändern?

Hübner: Losgelöst von den beiden extremen Jahren (sehr nass in der zweiten Jahreshälfte 2017, sehr trocken in 2018), lebt Landwirtschaft direkt im und auch vom Wetter. Über die letzten Jahre war eine Tendenz zu trockenen Sommern erkennbar. Durch Anbaumethoden und Sortenanpassungen kann darauf reagiert werden. Nach den Niederschlägen der letzten Wochen sind die Böden vielfach wieder mit Wasserreserven aufgefüllt. Wenn wir weiterhin Niederschläge in Maßen bekommen, sollte das passen. Prognosen sind jedoch immer Kaffeesatzleserei.

Kellner: Alle reden immer übers Wetter, wie oben gesagt, wir sind vom Wetter abhängig. Mit unseren schlagkräftigen Maschinen können wir in immer noch weniger Zeit die Ernte einfahren. Wir arbeiten Tag aus Tag ein in und mit der Natur, dieses kennen wir schon seit Jahrhunderten, das wissen wir, das können wir, und das kriegen wir auch hin. Ob das Klima die Landwirtschaft in Südniedersachsen verändert, das wäre der Blick in die berühmte Glaskugel, das kann heute noch keiner beantworten.

Dürre-Hilfen versickern

Haben die sogenannten Dürre-Hilfen wegen des heißen und trockenen Sommers im Vorjahr gefruchtet?

Hübner: Soweit wir wissen, ist noch kaum Geld bei unseren Betrieben angekommen. Mit diesen Bearbeitungszeiten kann man keine akute Not lindern helfen.

Kellner: Auch das war ein Thema, das uns in Göttingen beschäftigt hat, so richtig haben wir da nicht hinter gestanden. Warum? Die Landwirtschaft schreit und schon wird ihr geholfen. Die Bürger dieses Landes denken doch, die Bauern bekommen das Geld vom Staat hinterhergeschmissen! Der bürokratische Aufwand ist hier einfach zu hoch, um den in Schieflage gekommenen Betrieben zu helfen. Das ist noch nicht einmal der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, und jeder meint, den Landwirten wird der Hintern gepudert.

Blühstreifen am Wegesrand Quelle: r

Welche Anstrengungen unternimmt das Landvolk zum Erhalt der Artenvielfalt? Wie entwickelt sich die Blühstreifen-Aktion "Deutschland blüht auf"?

Hübner: Landwirte arbeiten jeden Tag in und mit der Natur – die Artenvielfalt mit einer Vielzahl von Maßnahmen zu schützen, ist für sie selbstverständlich. Unsere Landwirte nehmen vielfach und in erheblichem Umfang an Agrarumweltmaßnahmen teil und setzen den vielfältigen Vertragsnaturschutz gern mit um. Aktuell beschäftigt uns unsere Blühstreifenaktion, die seit einigen Tagen läuft. Neben den Projektpartnern freut uns die erkennbare Resonanz sowohl bei unseren Landwirten, die gern Flächen zur Verfügung stellen wollen, wie auch von interessierten Blühpaten. Schauen wir mal, wie sich das weiter entwickelt, wir sind gespannt.

Kellner: Oh, das ist ein Thema, dass wir aktuell auf der Agenda haben, hier in Göttingen haben wir Anfang der Woche mit unseren Projektpartnern das Projekt „Wir machen Göttingen bunter“ ins Leben gerufen. Hier wollen wir zusätzlich zu den ca. 900 ha Agrarumweltmaßnahmen/ Blühstreifen etwas beitragen. Wir Landwirte stellen Fläche zur Verfügung, und gerade die, die immer von Artenvielfalt und Biodiversität reden, sind angesprochen. Werden sie Pate, machen sie mit uns gemeinsame Sache. Nach dem Motto „nicht mäkeln, sondern machen“. Wir sind alle gespannt, was da auf uns zukommt.

Diskussion über Glyphosat

Frankreich will bis 2020 komplett auf den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat verzichten. Wie steht das Landvolk zu dem Ackergift und welche Alternativen gibt es?

Hübner: Wir können ohne Glyphosat arbeiten, die Frage ist, ob es besser ist. Das Thema ist umfassend, und wir nehmen es eher politisch als sachlich wahr. Wir verlassen uns auf die nach wie vor eindeutigen Aussagen des Bundesinstituts für Risikobewertung. Weniger Glyphosat bedeutet mehr Bodenbearbeitung, mehr Energieverbrauch, mehr CO2 usw. Wir können das machen, aber die Entscheidung, ob wir klimaoptimiert produzieren oder nicht, muss getroffen werden.

Kellner: Glyphosat war mein Thema im letzten Jahr auf unserem Landvolktag, da hat sich meine Meinung auch noch nicht geändert. Glyphosat ist ein Baustein in der bodenschonenden Bodenbearbeitung. Wird dieser Baustein uns genommen, müssen wir mehr pflügen und grubbern, von Bodenerosion ganz zu schweigen. Wir verbrauchen mehr Energie und, und, und. Wenn ein, von Frau Künast ins Leben gerufenes Institut, das BfR, sagt: Keine Bedenken zu Glyphosat, warum sollte ich dem nicht glauben?

Bei den Landwirten wächst die Angst vor der Afrikanischen Schweinepest. Quelle: Patrick Pchalek

Die weiter wachsende Wildschweinpopulation setzt nicht nur den Maisanbauern zu. Wie kann man gegensteuern?

Hübner: Die zunehmende Verbesserung unserer Umwelt kommt vielen Tieren zugute. Neben den Wildschweinen nehmen auch die Probleme mit Gänsen zu, die neben den Ackerbauern insbesondere den Weidetierhaltern Probleme machen. Es ist noch lange nicht so dramatisch wie in Ostfriesland – dort wird hektarweise Ernte vernichtet, aber die Probleme nehmen deutlich zu. Darüber hinaus sind die Weidetierhalter über die Ausbreitung des Wolfs besorgt. Am Ende wird eine stärkere Bejagung die einzige Möglichkeit darstellen.

Kellner: Ich bin selbst Jäger und habe im abgelaufenen Jagdjahr 2017/18 an vielen Jagden teilgenommen. Es ist richtig, das im vergangenen Jahr die Wildschweinstrecke die höchste war, die je im Landkreis zur Strecke gebracht wurde. Doch in diesem Jahr 2018/19 waren es deutlich weniger. Viel mehr Angst und Kopfzerbrechen macht mir die Afrikanische Schweinepest, sie hängt wie ein Damoklesschwert über unseren Veredlungsbetrieben. Hier geht unser Appell an die Spediteure, die auf deutschen Straßen unterwegs sind. Meine Bitte: Informieren sie ihre Fahrer, die aus den osteuropäischen Ländern kommen, keine Lebensmittel (Wurst) einfach aus den Fenster der LKWs zu werfen, denn die Übertragung kommt von dort, die Wildschweine sind hier nur der Zwischenwirt. Wenn das Szenario ASP ausbricht, bedeutet das den Kollaps unserer Veredlungsbetriebe.

Brexit birgt Probleme

Wird sich der Brexit auf die deutsche Landwirtschaft auswirken?

Hübner: Gewaltig, nicht nur für die Märkte. Die Zulassung von neuen und moderneren Pflanzenschutzmitteln beispielsweise wird deutlich problematischer, da die deutschen Behörden fast nichts mehr zulassen. Durch die EU-Regelungen der zonalen Zulassung in den mitteleuropäischen Ländern konnten wir bisher von Weiterentwicklungen profitieren.

Kellner: Ich weiß es nicht, nur eins ist klar, GB gehört zu den Nordländern in der EU. Wir haben gemeinsame Interessen und Probleme, andere als die südlichen Länder und die Länder, die aus dem Osten hinzugekommen sind. Wir verlieren einen Verbündeten, der unsere landwirtschaftlichen Interessen vertritt. Hinzu kommt, das GB ein Nettoimportland ist, das heißt, wir setzen mehr landwirtschaftliche Produkte in GB ab als wir von dort einführen. Mit anderen Worten, es wird bestimmt nicht besser.

Kastration von Ferkeln

Die Ferkelkastration in Deutschland ist nur noch unter Betäubung zulässig – mit zwei Jahren Übergangsfrist. Welche Alternativen zur betäubungslosen Kastration kommen in Frage?

Hübner: Das ist ein sehr weites Thema, ich verstehe nicht, warum es nicht gelingt, Eber zu vermarkten, die Möglichkeiten sind da. Wenn sich die Schlachtindustrie bewegen würde, wäre das Thema fast ohne Auswirkungen bei unseren Landwirten erledigt. Schade, dass es nicht gelingt, darüber zu diskutieren.

Kellner: Wir fordern eine europäische Lösung. In Dänemark und Holland gelten andere Standards als bei uns geplante. Es kommen heute schon mehr als eine Million Ferkel im Jahr aus Ländern wie Dänemark und Holland. Diese Ferkel werden in Deutschland gemästet und liegen später, nach der Schlachtung, in unseren Regalen in den Märkten. Der Verbraucher merkt nichts davon, die deutsche Produktion verteuert sich. Den skandinavischen Weg würden wir, als deutsche Erzeuger, mitgehen. Noch eins, wir haben jetzt zwei Jahre Zeit, an einer Lösung zu arbeiten. Die Zeit muss und sollte genutzt werden, damit es zu einer praktikablen Lösung kommt.

Unmut über Stromtrasse

Demo von Landwirten gegen die Tennet-Erdverkabelung. Quelle: Christina Hinzmann

Pachtflächen für Windräder, Biogasanlagen, mit Photovoltaik gespickte Scheunendächer - die Landwirtschaft profitiert in hohem Maße von der Energiewende. Sollte sie dann nicht auch Trassen zur Verteilung des regenerativ erzeugten Stroms hinnehmen und die Tennet-Kröte schlucken?

Hübner: Wir machen als Landvolkverband keine grundsätzliche Fundamentalopposition gegen notwendige Infrastruktur. Wir treten für die dauerhafte Nutzbarkeit unserer Böden und maßvolle Begleiterscheinungen durch Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen ein, um den Flächenverbrauch gering zu halten. Für das aktuelle Suedlink-Verfahren sind wir bei beiden möglichen Trassenverläufen betroffen. Bei der Leitung Wahle-Mecklar sind wir seit ca. zehn Jahren im Verfahren und erwarten im laufenden Jahr den Planfeststellungsbeschluss, dann geht der Bau los.

Kellner: Es hört sich für die Menschen in unserem Land erst einmal so an, als wollten wir keine Stromautobahn. Tatsache ist, dass wir immer für eine offene Bauweise, für eine Masten- Regelung waren. Jetzt sollen Kabel in der Erde verlegt werden, und da haben wir unsere Probleme. Denn jetzt wird von Schleswig-Holstein bis nach Bayern ein Graben durch Deutschland gebuddelt, zwei Meter tief, 20 Meter breit. Da wir hier in Südniedersachsen keinen durchgängigen Sandboden, sondern unterschiedliche Böden bis zu Gesteinsschichten haben, wird das eine Herausforderung. Der Boden wäre für Jahre nicht mehr zu ackern. Wir fordern eine angemessene Entschädigung, die Verhandlungen laufen.

Von Kuno Mahnkopf

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