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Thema des Tages So entsteht eine Orgel für das Günter-Grass-Archiv
Thema Specials Thema des Tages So entsteht eine Orgel für das Günter-Grass-Archiv
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00:22 08.04.2019
Christoph Kranz (auf dem Gerüst) und Elmar Krawinkel bauen die Orgel in der Werkstatt auf und stimmen sie. Quelle: Hinzmann
Trendelburg-Deisel

Es geht um Wissen, das im Handwerk geschaffen wird. Für die Ausstellung, die einen Ausblick auf das Forum Wissen gibt, wurde eigens eine Präsentationsorgel gebaut. In Trendelburg-Deisel lebt Orgelbaumeister Markus Krawinkel. Er wurde mit seinem Team mit dem Auftrag betraut. „Ein ungewöhnlicher Auftrag“, wie der Chef der Firma unumwunden zugibt, der den Bau dieses Objektes als Herausforderung ansieht.

Kurz vor Weihnachten bekam er den Anruf aus Göttingen, ob er sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Bei einem Ortstermin im Günter Grass-Archiv informierte er sich über die Gegebenheiten. „Die Vorgabe war, den Blick in den Giebel zu lenken“, berichtet Krawinkel. Er brachte seine Vorstellungen zu Papier und stieß auf Zustimmung.

Historische Elemente eingearbeitet

Im Vergleich zu anderen Orgeln ist diese sehr klein. Sie besteht aus 13 Tasten. Jede Taste ist ein eigenes Register (bedeutet, dass jede Taste eine eigene Klangfarbe besitzt). Ein Meter mal 60 Zentimeter ist die Spiel- und Windanlage groß. Die Gesamthöhe beträgt 1,60 Meter. Der Windkanal geht in die Höhe, die Windlade mit den 13 Pfeifen schwebt in einer Höhe von ungefähr sechs Metern. Zu sehen sind auch zwei Keilbälge. „Dabei handelt es sich um historische Elemente“, erklärt Krawinkel. Weggelassen wurde hingegen das Gehäuse, da den Betrachtern ja gerade der Blick in das Innere der Orgel gewährt werden soll. Ein richtiges Stück darauf spielen, ist nicht möglich – Töne erklingen zu lassen aber schon.

Der Bau einer Orgel kann sich über mehrere Jahre hinziehen, wobei die Dimensionen dann natürlich ganz andere sind. „Der Auftrag in Göttingen war von der Zeit her ein absehbares Projekt, von daher hat es dazwischen gepasst“, erklärt Krawinkel.

Von der Planung bis zur Umsetzung liegt alles in eigener Hand. Mit einer Ausnahme: Die Pfeifen. „Wir haben einen Kooperationsvertrag mit der Firma Jens Klein in Kassel-Calden, der uns die Metallpfeifen liefert“, sagt der Orgelbaumeister. Holz ist dagegen eindeutig das Metier der Trendelburger. Mit Grenadil, Schlangenholz, Palisander, Pflaume, Elsbeere, Buchsbaum, Riegelahorn, Ebenholz und, nicht zu vergessen Rüster sind die Tasten belegt. Rüster: Mit der Holzart kann nicht jeder etwas anfangen, wohl aber mit dem Begriff Ulme. „Eine bearbeitete Ulme nennt man Rüster“, erklärt Michael Biehl, ebenfalls Orgelbaumeister, der diesen Beruf seit 1979 ausübt. „Da es ja ein Instrument zum Ausprobieren sein soll, haben wir für jede Taste eine andere Holzart gewählt, denn es geht ja auch um haptische Dinge“, berichtet Biehl.

Orgelbaumeister Markus Krawinkel aus Trendelburg-Deisel hat für das Günter-Grass-Archiv extra eine Präsentationsorgel gebaut.

Zur Belegschaft gehören inzwischen auch zwei Frauen, die eine Ausbildung absolvieren. „Wir sind ein Meisterbetrieb, bilden jedes Jahr einen Lehrling aus“, sagt Krawinkel nicht ohne Stolz. Dreieinhalb Jahre dauert eine Lehre. „Viel zu wenig“, wie Biehl findet. „Der Beruf bringt eine riesige Vielseitigkeit mit“, erläutert er.

Das beste Beispiel, wie vielseitig und vielschichtig der Beruf ist, hat er täglich vor Augen, nämlich seinen Chef, der den Betrieb von seinem Vater Elmar übernommen hat. Dieser arbeitet nach wie vor mit. Gelernt hat sein Sohn Elektrotechnischer Assistent, absolvierte dann eine Lehre als Orgelbauer, machte seinen Meister, Betriebswirt ist er auch, und nicht zu vergessen Restaurator: „Ich bin von klein auf damit aufgewachsen, habe in den Schulferien immer schon im Betrieb mitgearbeitet“, sagt Krawinkel.

Doch junge Leute, die eine Ausbildung zum Orgelbauer machen möchten, werden immer weniger. Dies hat mehrere Gründe nach Ansicht von Krawinkel und Biehl. „Der Beruf ist gar nicht so bekannt. Wir sind einfach nicht so im Fokus der Öffentlichkeit, da wir ja hauptsächlich in Kirchen arbeiten“, ist sich Biehl sicher.

Große Einschnitte im privaten Bereich

Dazu kommt die alles andere als leichte Ausbildung. Ein breites Spektrum muss von der Schule her abgedeckt werden. Dazu kommt, dass die Berufsschule nicht in der Nachbarschaft steht, sondern in Ludwigsburg. „Die einzige Berufsschule in Deutschland, zu der auch Lehrlinge aus der Schweiz und Österreich gehen“, erklärt Krawinkel. Sechs bis acht Wochen Blockunterricht am Stück bedeuten auch im privaten Bereich Einschnitte. „Die ist nicht jeder bereit hinzunehmen“, weiß Biehl. Zumal eine längere Abwesenheit von zu Hause damit nicht erledigt ist, denn da sich Orgelbauer hauptsächlich mit der Restaurierung von Orgeln beschäftigen, sind längere Montageaufenthalte an der Tagesordnung.

Ein musikalisches Gehör ist wichtig, wenn man sich zu einer Ausbildung als Orgelbauer entschließt. Ein Interesse an alter Musik sollte ebenfalls bestehen. Auch das Spielen eines Instruments ist sehr hilfreich. „Es ist ein körperlich sehr anstrengender Job, denn es sind schwere Lasten zu tragen. Und man muss schon den Willen haben, sich zu bewegen“, skizziert Biehl das Anforderungsprofil. Der Job erfordert ganz viel Feinmotorik. Ruhe und Geduld sind ebenfalls unerlässlich. „Es gibt keine Lösung im Buch, sondern die muss man selber suchen“, weiß Biehl aus Erfahrung. Ihm fällt die eine oder andere Lösung tatsächlich im Schlaf ein. „Ich habe immer einen Zettel und einen Stift auf dem Nachtisch liegen. Wenn mir dann etwas einfällt, dann schreibe ich es auf, und dann wird weiter geschlafen“, erzählt er und lacht dabei.

Zwölf Berufe in einem vereint

Zwölf Berufe vereinen sich nach Meinung von Krawinkel/Biehl in dem Beruf Orgelbauer. Beispielsweise Technischer Zeichner, Metallbauer, Tischler, Schuster, um nur einige zu nennen. „Wenn man feststellen sollte, dass der Job nichts für einen ist, dann könnte man in viele andere Berufe wechseln“, sagt Biehl. Er könnte sich einen Wechsel nicht vorstellen. Er baut nicht nur Orgeln, sondern spielt auch am Wochenende in einem Gottesdienst an einer solchen. „Ich habe eine C-Ausbildung als Organist gemacht.“

Aber nicht nur in Kirchen, wie man denken könnte, lassen sich Orgeln finden. Es gibt durchaus Privatleute, die sich, natürlich immer der Raumsituation angepasst, eine Orgel bauen lassen. Doch dies sind die Ausnahmen. Wie das Präsentationsobjekt, das in Einzelteilen zerlegt, nach Göttingen transportiert wird.

„Wir fahren mit drei Leuten da hin, dann ist das an einem Tag erledigt“, erklärt Krawinkel. Ob noch eine Nachjustierung notwendig wird, wird sich zeigen. „Richtet sich nach der Temperatur, die in dem Haus herrscht“, so der Meister, der wie seine Mitarbeiter auch, schon sehr gespannt darauf ist, wie das Präsentationsobjekt beim Publikum ankommen wird.

Orgelbau und Orgelmusik UNESCO-Kulturerbe

Seit 2017ist Orgelbau und Orgelmusik als immaterielles Kulturerbe anerkannt. 400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit etwa 2 800 Mitarbeitern, 180 Lehrlingen sowie 3500 hauptamtlichen und Zehntausenden ehrenamtlichen Organisten prägen das Handwerk und die Kunst des Orgelbaus und der Orgelmusik in Deutschland. 50 000 Orgeln sind etwa derzeit im Einsatz.

Die Unescounterstützt seit 2003 den Schutz, die Dokumentaion und den Erhalt von Kulturformen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.Zum Immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken.

Die Orgel, der Orgelbau und die Orgelmusik wurden vor mehr als 2000 Jahren im hellenistischen Ägypten erfunden und gelangten über Byzanz nach Europa, wo sie seit der Karolingischen Renaissance als Kulturgut bis in die Gegenwart weiterentwickelt wurden. Bereits seit dem Mittelalter werden Orgeln aus Europa (dort werden die meisten Orgeln gebaut) in viele Länder weltweit exportiert.

Deutschlandzählt weltweit zu den wichtigsten Ländern für die Weiterentwicklung des Orgelbaus und der Orgelmusik. Im Orgelbau verbinden sich Wissen im Umgang mit der Natur und traditionelles Handwerk mit innovativer Technik der jeweiligen Epoche. Seit dem Mittelalter ist Orgelmusik auch Teil der kirchlichen Liturgie. Viele Komponisten, wie beispielsweise Bach, Liszt oder Mendelssohn-Bartholdy ließen sich in Deutschland von ihr inspirieren.

Von Vicki Schwarze

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