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Thema des Tages Cembalo-Premiere in der Tageblatt-Townhall
Thema Specials Thema des Tages Cembalo-Premiere in der Tageblatt-Townhall
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16:08 11.04.2019
Händel-Talk in der GT-Townhall mit dem künstlerischen Leiter Laurence Cummings (r.), „Rodrigo“-Regisseur Walter Sutcliffe und Tageblatt-Ressortleiterin Angela Brünjes. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Eine weitere Bewährungsprobe als Concert Hall hat die Tageblatt-Townhall am Mittwochabend bestanden. Spielstätte ist sie zwar ebenso wenig wie derzeit die Stadthalle, mit Kostproben am Cembalo weckte der künstlerische Leiter des Göttinger Händel-Festspiele, Laurence Cummings, beim Tageblatt-Talk aber Lust auf mehr. In der von Angela Brünjes moderierten Gesprächsrunde ersetzte Opernregisseur Walter Sutcliffe Festspiel-Intendant Tobias Wolff, der wegen einer Erkrankung kurzfristig absagen musste. Cummings und Sutcliffe äußerten sich nicht nur über Barock-Musik, sondern auch zur Göttinger Stadthalle und zum Brexit.

Geballte Händel-Kompetenz

Laurence Cummings, Dirigent, Brite, Cembalist und Hochschullehrer, leitet seit 1999 das London Handel Festival, seit 2012 ist er künstlerischer Leiter der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen. Der 51-Jährige steht für geballte Händel-Kompetenz und hat als Kurator des Handel House Museums auch tiefe Einblicke in die britische Händel-Forschung. Geboren wurde Cummings in Birminghan, hat am Royal College of Music studiert, unter anderem an der English National Opera sowie an Opernhäusern in Lyon und Zürich dirigiert. „In seinen kontrastreichen Inszenierungen vereinen sich Emotionalität, Feingefühl und Größe“, heißt es in einer Mitteilung der Göttinger Händel-Gesellschaft: „Er bringt Künstler von überall her zusammen, versprüht Inspiration und beflügelt sie mit kreativen, manchmal sogar verrückten Ideen – und die Sänger lieben ihn dafür.“

„Magische Seiten“ (Magical Strings) lautet das Motto der 99. Internationalen Händel-Festspiele Göttingen vom 17. bis 26. Mai. Mit magischen Saiten lockerte Cummings auch den Händel-Talk beim Tageblatt auf. Am Cembalo stimmte er die „Saul“-Ouvertüre und die Suite Nr. 5 Prelude Air and variations von Händel sowie ein Prelude von Louis Couperin an. Da die Gäste keine Übersetzung für erforderlich hielten, plauderte Cummings in seiner Muttersprache über Musik und Politik.

Figuren im Konfliktmodus

Durchaus Parallelen zur Gegenwart sieht Suttcliffe, der die diesjährige Händel-Oper „Rodrigo“ inszeniert, in deren Handlung, die in der Endzeit des römischen Imperiums spielt. Die Oper, die sich als Drama von komödiantischen Händel-Opern abhebe und sicher keine Monthy-Python-Inszenierung werde, drehe sich um einen obsessiven Menschen und Figuren im Konfliktmodus in einer sich im Untergang befindenden Gesellschaft, meinte Sutcliffe. Neugier auf die Inszenierung weckte auch Sutcliffes Anspielung, dass das Libretto gut zu den dystopischen Geschichten des Science-Fiction-Autors J.G. Ballard passen würde. Die verschollene Oper von 1707, die erst 1974 wieder vollständig auftauchte, schildert das Ende der Regentschaft des letzten Westgoten-Königs.

„Rodrigo ist eine ebenso fantastische wie schwierige Oper, die Händel früh für ein italienisches Publikum geschrieben hat“, sagte Cummings. Selbst für ihn als profunden Kenner der Materie ist Händel immer noch für Überraschungen gut: „Jeder große Komponist will seine Zuhörer überraschen.“ Penelopes Arie sei eine solche angenehme Überraschung, ebenso Passagen, die bis Monteverdi zurückblicken. In Händels Oratorium habe Saul eine so furiose Arie, dass er sie zwischendrin ruiniere, nannte Cummings einen weiteren Überraschungsmoment, den er zur Freude der Townhall-Besucher lautmalerisch nachahmte.

Stummfilme und Kirchenmusik

Über die Frage von Tageblatt-Ressortleiterin Brünjes, wie ihn alte Musik schon als jungen Mann in den Bann gezogen habe, kam Cummings auf seine Großmutter zu sprechen. Die Autodidaktin begleitete am Piano Stummfilme. „Ich wollte Kirchenmusiker werden und verliebte mich in die Barock-Musik, speziell ins Cembalo“, erzählte Cummings und gestand: „Ich mag keine Wettbewerbe. Die machen mich nervös.“ Für die „Göttingen Händel Competition“ gilt das natürlich nicht. „Wenn es nicht um Jobs und Geld geht, sondern um Musik“, findet Cummings auch an Wettbewerben Gefallen, die „junge Talente fördern und dem Austausch über Kunst dienen“.

Dass er in Belfast Intendant an einem eher kleinen Opernbetrieb sei, biete auch einen Vorteil, merkte Suttcliffe an, gewürzt mit Humor: „Die lassen mich manchmal auch ’raus.“ Seine Aufgabe in Göttingen lasse ihm Raum, sich auf die Sache zu konzentrieren, ohne ständig an Vorverkauf oder Plakate denken zu müssen.

Vielseitiger Opern- und Theaterregisseur

Walter Sutcliffe, britischer Opern- und Theaterregisseur, inszeniert für die Göttinger Händel-Festspiele die diesjährige Oper „Rodrigo“. Deshalb war er im vergangenen Jahr bereits auf Stippvisite in Göttingen. Der gebürtige Londoner hat am Royal College of Music und der Cambridge University studiert und ist Intendant der Northern Ireland Opera in Belfast. Der 43-Jährige hat Regie bei zahlreichen Produktionen geführt, unter anderem in den USA, Deutschland, Österreich, Estland, Tschechien, Italien und Frankreich. Zu seinen Inszenierungen in jüngerer Vergangenheit gehören Carmen, Kiss me Kate, Don Giovanni, Orpheus in der Unterwelt, La Traviata und Der Ring des Nibelungen. Der Stipendiat des Österreichischen Kulturforums und des italienischen Kulturinstituts übersetzte zudem Stücke und Libretti vom Französischen und Deutschen ins Englische.

Das Deutsche Theater als Aufführungsort für „Rodrigo“ sei überschaubar, Old Fashioned und inspirierend. Gespannt ist Cummings auf völlig neue Spielstätten wie die Halle des PS-Speichers in Einbecks. Er sei glücklich, in berühmte Gebäude rund um die Welt zu kommen, aber auch die kleinste Kirche im einem ländlichen Dorf könne inspirierend sein und Atmosphäre stiften. Entscheidend sei zudem nicht nur der Ort, sondern das Publikum: „Mit Freunden ändert sich auch die Akustik.“ Die Frage nach seinem Lieblingskonzertsaal brachte Cummings sichtlich ins Grübeln, bevor er erklärte: Für Kammermusik seien DT und Aula am Wilhelmsplatz perfekt, international schätzt die Händel-Koryphäe die Wigmore Hall in London, die Halle des Wiener Musikvereins und als besonders „demokratisch“ die Disney Hall in Los Angeles, die allen Zuschauern nahezu gleich gute Plätze biete.

Glückliche Erinnerungen an Stadthalle

Eine Alternative zur Göttinger Stadthalle ist das sicher nicht. Über deren Ausfall als Spielstätte, den er bedauert, äußerte sich Cummings diplomatisch. Er wisse, dass die für ihn mit glücklichen Erinnerungen verbundene Stadthalle in Göttingen, die über die Jahre hinweg viele aufregende Dinge gesehen habe, große Fragen aufwerfe und offensichtlich saniert werden müsse. Auf jeden Fall brauche Göttingen eine gute Konzerthalle für das musikbegeisterte Publikum hier. Dem steht Cummings nur noch bis zu den 100. Händel-Festspielen im kommenden Jahr zur Verfügung, wird dann 2021 vom griechischen Dirigenten und Pianisten George Petrou abgelöst. „Er wird die Händel-Fackel am Brennen halten“, ist sich Cummings sicher.

In der Townhall herrschte aber nicht nur Händel-Harmonie, Moderatorin Brünjes brachte auch politische Dissonanzen ins Spiel. „Wir haben den Glauben an unsere Politik und unser Parlament verloren“, kommentierte Cummings die zermürbende Brexit-Diskussion „in einem gespaltenen Land, in dem die Menschen nicht mehr miteinander diskutieren“. Viele Briten seien schockiert über das Brexit-Votum gewesen, das im Kontrast zur imposanten Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 stehe. Auch Suttcliffe sieht von der Belfaster Warte aus zurzeit keine klare Antwort ( „Ich verstehe dieses Land nicht mehr“), setzt aber auf Ruhe und Zeit und bleibt optimistisch: „Ich glaube immer noch, dass es anstelle der derzeit aggressiven Politik in London zu einer vernünftigen Lösung kommt.“

Gesprächsrunde mit Laurence Cummings, dem künstlerischen Leiter der Händel-Festspiele, und Opernregisseur Walter Sutcliffe.

Mehr und differenziertere Einlassungen zur Brexit-Frage hätte sich Townhall-Gast Gerd Enno Rieger gewünscht, Jutta Haack mehr Informationen zu den Jubiläumsfestspielen 2020. Das Angebot, Fragen zu stellen, hatte allerdings zuvor niemand aus dem Publikum genutzt. Sie habe einen „frischen und lebendigen Regisseur“ kennengelernt, der Townhall-Talk habe Lust auf Händel gemacht, sagte Petra Wichmann. Mit Haack teilt sie den Eindruck, dass Cummings und Sutcliffe gut miteinander können und sich in nur kurzer Zeit aufeinander eingestimmt haben.

Tageblatt verlost Karten für Auftaktkonzert

Für das Auftaktkonzert der Händel-Festspiele verlost das Tageblatt dreimal zwei Karten. Das Programm mit Laurence Cummings (Cembalo) und Ruby Hughes (Sopran) ist überschrieben mit "Händels letzte Primadonna". Wer für das Konzert am Freitag, 3. Mai, um 19.30 Uhr im Muthaus, Burg Hardeg, Hardegsen, Karten gewinnen möchte, kann von Freitag, 12. April, 8 Uhr bis Sonnabend, 13. April, 20 Uhr unter Telefon 0137/8600273 anrufen und deutlich seinen Namen, Anschrift und Telefonnummer sowie das Stichwort "Händels letzte Primadonna" auf Band sprechen. (0,50 Euro pro Anruf aus dem deutschen Festnetz, Preise aus dem Mobilfunknetz können abweichen). Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden informiert, ihre Namen im Tageblatt veröffentlicht. Karten für das Konzert sind auch in den Geschäftsstellen des Göttinger Tageblattes, Weender Straße 44, und des Eichsfelder Tageblattes, Marktstraße 9, Duderstadt, erhältlich.

Restkarten für fast alle Konzerte erhältlich

Mit Ausnahme des Oratoriums „Saul“ in der St.-Blasius-Kirche in Hann. Münden sind für alle Konzerte der Händel-Festspiele vom 17. bis 26. Mai noch Karten erhältlich. Auch für das Galakonzert gebe es durch zusätzliche Bänke jetzt wieder eine kleine Anzahl an Karten, teilt Maren Lippke-Spöcker von der Festspielgesellschaft mit.

Als besondere Empfehlungen nennt sie „Händel & Co“ mit Laurence Cummings und Dorothee Oberlinger am Dienstag, 21. Mai um 19.30 Uhr in der Halle des PS-Speichers in Einbeck, das Preisträger-Konzert der „Händel Competition“ am 22. Mai um 19.30 Uhr in der St.-Johannis-Kirche in Rosdorf, „Almiras Songbook“ mit dem Ensemble Seconda Prat!ca am 23. Mai in der Aula der Universität, „Händel jazzt!“ mit dem Dieter Ilg Trio am 24. Mai um 21 Uhr im Distribo-Logistikzentrum, „Dixit Dominus“ mit Coro e Orchestra Ghislieri am 25. Mai in der Basilika St. Cyriakus in Duderstadt und das Jubiläumsstiftungskonzert „Lieder ohne Worte“ mit Margret Köll (Harfe) und Stefan Temmingh (Blockflöte) am 26. Mai um 11 Uhr in der Universitätsaula. Tickets gibt es auch noch für die Opernvorstellungen am 20., 22., 25. und 26. Mai, für die Premiere am 17. Mai und die Vorstellung am 19. Mai sind nur noch vereinzelt Plätze frei. Im „Händel 4 Kids!-Programm“ sind noch Tickets für das Kinderkonzert „Saitenweise“ mit Concerto Foscari erhältlich.

Vorverkaufsstellen und Online-Buchung

Karten gibt es beim GT-Ticketservice, Weender Str. 44, der Tourist-Information im Alten Rathaus und dem Deutschen Theater. Tickets können auch über die Homepage der Festspiele oder bei Reservix online geordert werden. Gebührenpflichtige Anrufe beim Ticketportal Reservix (01806/700733) sind ebenfalls möglich. Die Abendkasse öffnet jeweils eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn, Unter Vorlage eines entsprechenden Ausweises können Schüler und Studenten ab 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn vergünstigte Last-Minute-Tickets erstehen.

Von Kuno Mahnkopf

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