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Thema des Tages Ottobock-Chef Hans Georg Näder: „Immer gut profitabel“
Thema Specials Thema des Tages Ottobock-Chef Hans Georg Näder: „Immer gut profitabel“
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14:11 08.02.2019
„Wirtschaftlicher Erfolg ist dafür da, Dinge zu bewegen.“ Hans Georg Näder steht an der Spitze eines 100 Jahre alten Startups.  Quelle: Christoph Neumann, www.christoph-neumann.com
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Duderstadt

Interview mit Hans Georg Näder über seine größten Erfolge und seine Zukunft

Wer ist eigentlich Korrektiv im Privaten?

Näder: Diese Orientierung auf dem Weg habe ich durch die Erfahrungskurve bekommen. Das gilt aber nicht nur für mich, sondern für uns alle. Ich habe zwei Kinder, zwei Ex-Frauen, war über 20 Jahre meines Lebens verheiratet; habe dann aber entschieden, dass eigentlich mein Leben als Lonely Stranger, der in der Welt unterwegs ist, besser passt und für mich auch besser zu organisieren ist. Bis ich diese Entscheidung voriges Jahr fast durchbrochen hätte und – toi, toi, toi noch mal auf Holz geklopft – mir Gott sei Dank rechtzeitig die Augen geöffnet worden sind. Ein Korrektiv heute ist mein Erfahrungsschatz und ein weiteres, und das gilt für uns alle, ist aufzupassen, dass die Gesundheit funktioniert. Und die Erfahrungskurve: Garantiert werde ich dieses Jahr nicht heiraten. Das Korrektiv in der Firma habe ich durch meine Bilanzen, durch die Mitarbeiter, die Finanzierungsstruktur – im Wirtschaftlichen hat man ja Governance und Compliance – vielfältige Korrektive, aber im Persönlichen musst du, das ist auch ein Wort, das ich in meinen beiden Burn-out-Situationen gelernt habe, eben Achtsamkeit entwickeln.

Wen ruft Hans Georg Näder an, wenn er ein persönliches Problem hat? Persönlich im Sinne von Angst vorm Älterwerden, Angst vorm Alleinsein?

Also, das mache ich erst mal mit mir selbst aus. Und dann garantiert mit meinen Töchtern. Sie sind ja keine Kinder mehr, sie sind junge Frauen. Große Kinder werden zu Kumpeln und Freunden, und bei Töchtern sind das eben die Chef-Beraterinnen, die dann sagen: „Papa, jetzt komm mal fünf Kilo runter, und es gibt eben keine Zigarre vormittags mehr.“ Also sie sind schon die engsten Berater. Dann habe ich eben ein paar gute Freunde wie Michael Käfer oder auch Peter Maffay. Das sind gute Freunde, mit denen ich Persönliches bespreche.

Wir reden über 100 Jahre Ottobock, eine Erfolgsgeschichte. Wir haben zu Recht Anlass zum Feiern. Aber was war Ihre größte Niederlage?

Die größte Niederlage war, dass ich feststellen musste, dass auch so ein Bär aus dem Eichsfeld seinen eigenen Körper und seinen eigenen Geist nicht überlasten kann. In dieser ersten und zweiten Burn-out-Situation habe ich meine Grenzen vollkommen gespürt. Dadurch habe ich gemerkt, dass ich eben nicht nur Kraft und Mut und Neugierde und Engagement habe, sondern auch einen Körper. Und wenn der überlastet wird, dann fliegt die Sicherung heraus, und du wirst an deine Grenzbereiche erinnert. Allerdings würde ich es nicht einmal als Niederlage bezeichnen. Vielleicht hat mir das auch geholfen, nicht noch intensiver durch die Welt zu gehen, nicht noch intensiver zu arbeiten, mich nicht noch mehr in die Themen reinzudrehen: Das ist ja auch ein Überlastungsschutz, wie eine Sicherung, die fliegt eben heraus, bevor alles brennt.

Was ist der größte Erfolg in Ihrem Leben?

Privat: zwei tolle Töchter. Beruflich: Ein großer Erfolg ist, wenn eine Unternehmensgruppe, die vor 30 Jahren 1000 Mitarbeiter hatte, heute 8000 hat, zehnmal größer ist und ungefähr vierzigmal wertvoller ist als damals. Wichtig ist, dass wir trotz gewaltiger Veränderungsprozesse, und wir sind ja genauso wie Sie in den Medien in der digitalen Transformation, immer am Jahresende sagen konnten: Wir sind gewachsen und waren immer gut profitabel. Und das, finde ich, ist etwas, was mir schon eine gewisse Genugtuung verschafft. Wobei ich diese Leistung natürlich nicht allein erbringe, sondern zusammen mit unseren Führungskräften, allen voran Harry Wertz als mein Co-Pilot, und Mitarbeitern. Entscheidend dafür waren die Erfindungen wie das C-Leg. Als erstes mikroprozessorgesteuertes Kniegelenk hat es die gesamte Beinprothetik und damit das Leben unserer Anwender verändert. Und für die Zukunft ist es der Schritt in industrielle Anwendungen. Wir übertragen die Technologien und Patente, die wir im Bereich der Healthcare haben, in den Industriebereich und entlasten so zum Beispiel Menschen bei Über-Kopf-Montagen in der Automobilindustrie. Mit den daraus resultierenden Exoskeletten haben wir großen Erfolg. Sie sind ein Riesenthema, sogar im Wallstreet Journal oder der Onlineausgabe der New York Times. Und so ist diese Lebenszeit im Endeffekt für mich, hört sich jetzt doof an, eine Art kleines Gesamtkunstwerk mit wirtschaftlichem Erfolg, mit philanthropischem Engagement, sei es in der Kunst, sei es in der Stiftungsarbeit, sei es bei Tabaluga oder im heimatlichen Bereich. Ich freue mich über die Entwicklung der Südniedersachsen-Stiftung, von Duderstadt 2030, der Sternwarte, dem Kunstquartier und anderen Projekten – und auch das habe ich von meinen Eltern mitgekriegt. Die haben immer gesagt: Wirtschaftlicher Erfolg ist dafür da, Dinge zu bewegen. Und das sehe ich heute immer noch so.

Sind Sie eigentlich wunschlos glücklich?

Die Wünsche verändern sich im Lauf des Lebens, und im Endeffekt wissen wir alle: Gesundheit ist das Wichtigste. Wir wissen, dass Gesundheit nicht garantiert ist, sondern dass sie sich von heute auf morgen verändern kann in eine Lage, in der man die moderne Medizin braucht oder die moderne Orthopädietechnik. Aber ansonsten bin ich persönlich wunschlos glücklich. Was mich belastet, ist die Armut von Kindern in einem reichen Land wie Deutschland, weshalb ich mich dagegen engagiere.

Eine Frage zum Generationenwechsel. Wie gut kann HGN eigentlich loslassen?

Das übe ich ja schon eine ganze Zeit. Die Akteure erleben das ja. Dadurch, dass ich das operative Tagesgeschäft erstmalig an einen familienfremden CEO übertragen habe, habe ich wirklich mehr Zeit. Ich habe auch nicht mehr die permanenten drei Aktenkoffer dabei, sondern nur noch einen. Oder wenn, wie jetzt nach Südamerika, ein kleiner Dokumentenstau entsteht, dann vielleicht auch mal zwei. Dadurch habe ich mehr Zeit für strategische Themen, auch mehr Zeit für Themen in Berlin, in Duderstadt, und genieße das. Und wir haben ja, Gott sei Dank, nachdem der erste Schuss nicht gesessen hat, mit Philipp Schulte-Noelle die richtige Führungsperson zur richtigen Zeit gefunden. Dabei hilft es, dass er aus einer Unternehmerfamilie kommt und jemand ist, der nicht nur mit mir perfekt agiert, sondern der auch eingebunden ist im Unternehmen, bei den Mitarbeitern und einem unserer wichtigsten Partner in der Region, das ist Joachim Kreuzburg als Chef von Sartorius. Joachim Kreuzburg sitzt bei uns im Aufsichtsrat und im Verwaltungsrat, und er ist für mich auch ein ganz wichtiger, freundschaftlicher Berater. Beraterinnen sind eben auch meine Kinder. Georgia ist mit bald 22 Jahren aktiv in der Holding und im Aufsichtsrat der Healthcare. Sie hat jetzt ihr eigenes Start-up gegründet und geht in Richtung Unternehmen. Julia ist mehr interessiert an Farming und andern Themen, und sie wird sich stärker engagieren im philanthropischen Bereich. Und dabei hat sie mit Karsten Ley und Karl Heinz Burghardt gute Begleiter. So bin ich erst mal ganz zufrieden.

Man findet ganz selten einen Mäzen für eine Stadt, für ein Mittelzentrum dieser Größe, der so viel bewirkt, nicht nur als Arbeitgeber, sondern auch im Immobilienbereich, im Kunstbereich, im gesellschaftlichen Bereich. Ist nicht eigentlich Hans Georg Näder der heimliche Bürgermeister dieser Stadt?

Wenn es einen heimlichen Co-Bürgermeister gibt, dann ist das Lothar Koch. Und wenn es einen heimlichen Co-Landrat gab, dann war das auch Lothar. Ich kenne Lothar Koch und Wolfgang Nolte jetzt 40 Jahre, und wir haben extrem viel über Duderstadt, das Eichsfeld, über Dinge, die wir in irgendeiner Form bewegen wollten, gesprochen und vieles auch wirklich in Gang gesetzt. Große Komplimente an beide: Natur und Städtebau und vieles andere mehr, was sie echt toll gemacht haben, Grenzlandmuseum und vieles andere mehr. Und es passte eben auch menschlich perfekt zusammen. Jeder hatte seine Rolle, keiner wollte persönliche Vorteile generieren, und das war eine gute Mischung, eine Art Raketen-Mischung. Das Ende der Ära Koch und Nolte ist schon eine Zeitenwende für Duderstadt.

Haben Wolfgang Nolte und Lothar Koch vielleicht zu spät oder vielleicht gar nicht an einen sauberen Generationenwechsel gedacht?

Das ist leider so, das haben die beiden nicht ausreichend ernst genommen. Daraus resultieren natürlich Fragen, weil am Dienstag der Bürgermeister seinen Amtsverzicht für den Herbst erklärt hat. Wie stellt sich denn Hans Georg Näder die Situation nach Wolfgang Nolte an der Spitze der Stadt vor?

Jeder hat irgendwann einen Punkt, an dem man abtreten sollte. Das galt eben auch für mich als operativen Chef und gilt für Wolfgang Nolte oder Lothar Koch. In diesem Sinn begrüße ich Wolfgang Noltes Schritt grundsätzlich. Duderstadt 2030 wird sich übrigens nicht nur als Initiative, sondern als Gruppe formieren, mit Bürgern, mit Unterschriften; und diese Gruppe, die sich formiert, wird bis September zu 100 Prozent einen Bürgermeisterkandidaten oder eine Kandidatin unterstützen.

Ist das so etwas wie eine kleine En-marche-Bewegung von HGN für Duderstadt?

Nein, das ist keine Protestgeschichte gegen irgendwas. Da ist ja jetzt so viel Arbeit reingeflossen, nicht nur von mir, sondern von vielen Akteuren. Das soll doch bitte nicht irgendwie verpuffen. Und ich glaube auch, dass so eine Bewegung sehr stark von den Bürgern getragen sein wird. In einer Kleinstadt haben die Menschen genug von Politik hinter verschlossenen Türen. Da ist jemand, der sich engagiert und unpolitisch ist, geeigneter als Bürgermeister als ein „politischer“ Bürgermeister im professionellen Sinn.

Das würde aber bedeuten, dass Duderstadt keinen CDU-Bürgermeister mehr hat.

Näder: Das wird die Wahl zeigen. Und vielleicht ist ja auch ein bürgerschaftlicher Kandidat Mitglied der CDU. Es wird auf jeden Fall ein kurzer, spannender Wahlkampf.

Es gibt vier, fünf aktuelle Themen, die sind natürlich unweigerlich mit Ottobock und dem Namen Hans Georg Näder verbunden. Da geht es um die alte Brauerei, wir haben das Thema Future-Lab, Situation Start-up, es geht um ein neues Wohngebiet, das entstehen soll, samt Teich, Naherholung: Wie fasst man das in so einem Interview zusammen?

Einfach, indem man die Aspekte Stadtentwicklung, regionale Entwicklung anklickt. Das Thema Fab-Lab für Gründer haben wir intensiv untersucht hier in Duderstadt, auch den Bedarf abgefragt. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir lieber mit Sartorius gemeinsam die Idee des Labs auf dem Sartorius-Campus unterstützen. In der Aufgabenteilung wird Sartorius den Wet-Lab-Bereich – das ist ein Begriff von Joachim Kreuzburg – unterstützen, und wir bringen Inhalte aus unserem Start-up-Umfeld ein. Es wird damit ein gemeinsames Lab auf dem Sartorius-Campus in Göttingen geben.

Stichwort Brauerei ...

Ganz frisch. Also: Die frühere Eichsfeldhalle, jetzt Ballhaus zum fidelen Anreischken, wird erweitert in der Kapazität. Das kann man sich so vorstellen: Wir ziehen die Flügel weiter heraus und werden damit die Zuschauerkapazität etwa verdoppeln. Größer ist der Bedarf nicht, weil wir die Lokhalle vor der Tür haben. Im Anschluss an diese Ballhaus-Erweiterung werden wir ungefähr zehn Millionen Euro investieren – wir sind da gerade dabei, die Kreditanträge zu verfassen – in die Produktion des Heimatliebe-Biers. Die Produktionsstätte wird dort angegliedert. Dafür gibt es gerade einen Architektenwettbewerb, in einigen Tagen steht die Entscheidung an. Dann wird praktisch aus der Heimatliebe Micro-Brew- eine Craft-Bier-Brauerei. Das sind die gängigen Größen-Cluster bei kleinen Brauereien. Und im Anschluss daran entsteht dann die Erweiterung im Bereich Schützenwesen, was aber die Schützen aus sich heraus betreiben. Dann kommt der Biergarten dazu, und dieses ehemalige Fachwerk-Lehr-Gebäude am Berufsbildungszentrum, was wir ja dort abbauen und unten wieder aufbauen wollen.

Wohnen in dem neuen Quartier?

Dazu wird in Kürze ein städtebaulicher Vertrag gezeichnet. Das ist die nächste Etappe. Der Entwicklungspartner Laborgh, der für mich auch die Projektentwicklung auf dem Bötzow Areal in Berlin übernimmt, der wird die Projektentwicklung auch auf dem Bernhard-Gelände übernehmen. Das Architektenbüro Chipperfield ist am Zeichnen. Und irgendwann im zweiten Quartal wird es eine Veranstaltung geben, in deren Rahmen wir der Öffentlichkeit diese ganzen Modelle und Module vorstellen – und Interessenten dann auch Reservierungen vornehmen können.

Dann bliebe noch die Frage der Start-up-Szene, die man in einem Bereich der Stadt clustern will...

Ja, gut, wir haben ja einige Start-ups aus meinem Portfolio, die in Duderstadt aktiv sind: Heimatliebe, Cinogy, Cinogy Laser und Ax-Lightness. Darüber hat das Tageblatt ja berichtet. Und so versuchen wir eben, Aktivitäten, die nach Duderstadt passen, auch hier anzusiedeln, wachsen zu lassen. Die Sycor war mal ein Start-up, Technogel war hat als Start-up begonnen. Es gibt damit schon einige Start-up-Aktivitäten, die erwachsen geworden sind.

Außer der Tatsache, dass wir dann einen neuen Bürgermeister kriegen, irgendwann im Oktober, November, der nicht der CDU angehört (Interviewer lacht)…

Das wissen wir doch noch gar nicht. Es wird auf jeden Fall spannend. Und es wird Duderstadt auch guttun, wenn mal jemand aus der Bürgerschaft antritt. Ich würde mich über jemanden freuen, der aus Regionalmanagement, Stadtmanagement, Regionalentwicklung kommt und auf diesen Feldern Erfolge vorzuweisen hat – und eben auch eine emotionale Intelligenz hat und eine empathische Geschichte. Und dann haben wir natürlich hier in Duderstadt massive Investitionen bei Ottobock vor. Einmal haben wir, wenn man jetzt vor der Firma steht, nebenan die Firma Sittig, also meinen Weggefährten Matthias Sittig mit seinem Steinmetzbetrieb. Die Flächen haben wir gekauft. Dort werden wir unseren gesamten Bereich iFab, also digitale Fertigung in Verbindung mit Ottobock iCloud und mit Ottobock iScan, also das Scannen und Transferieren von Daten und das Bauen von Prothesen und Orthesen aus den Daten, dann ansiedeln. Das wird ein weltweit einmaliges Set-up. Ich glaube, wir haben noch nie so viel auf drei Jahre in IT investiert wie wir jetzt auf den Weg gebracht haben, wobei die Sycor natürlich auch eine wichtige Rolle spielt.Und dann, wenn man so ein bisschen in Richtung Zukunft blickt, dann geht es natürlich auch um die Themen „2022 potenzieller Börsengang“, Orientierung an der Erfolgsgeschichte Sartorius, Bötzow-Ensemble. Die Uhr bleibt ja nicht stehen.

Von Uwe Graells

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