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Thema des Tages In Göttingen rasseln 40 Prozent der Fahrschüler in der Theorie durch
Thema Specials Thema des Tages In Göttingen rasseln 40 Prozent der Fahrschüler in der Theorie durch
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00:21 01.03.2019
Viele Fahrschüler scheitern bereits an der theoretischen Prüfung.
Viele Fahrschüler scheitern bereits an der theoretischen Prüfung. Quelle: dpa
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Göttingen

Ein Auto fährt auf der Landstraße langsamer als erlaubt vor mir. Was mache ich?“ Der in der theoretischen Prüfung sitzende Fahrschüler kann unter drei vorgegebenen Antworten wählen. Wenigstens eine von ihnen ist richtig – es können aber auch drei richtige Lösungen sein. In diesem Beispiel ist eine auf jeden Fall falsch.

„Denken Sie positiv!!!“ Das ist eine der Empfehlungen, die der Technische Überwachungsverein (TÜV) allen Probanden gibt, die vor ihrer Führerscheinprüfung stehen. Der Tipp dürfte fraglos nicht schaden. Dennoch: Die Zahl der Prüflinge, die in Theorie und Praxis durchfallen, ist gestiegen. Es ist vor allem die Theorie, an der viele Fahrschüler scheitern. In Niedersachsen haben im Jahr 2017 34 Prozent der Kandidaten den Test nicht bestanden. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Zuwachs von acht Prozent. An der praktischen Prüfung scheiterten knapp 27 Prozent, 4,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Kontinuierlicher Anstieg

„In Göttingen und im Landkreis Göttingen sind die Zahlen in den letzten Jahren, mit ein paar Unterbrechungen, kontinuierlich leicht angestiegen“, erläutert Christian Kampe, Teamleiter Fahrerlaubnis beim TÜV Nord für die Region Braunschweig/Göttingen. So nahmen im Jahr 2017 8268 Fahrschüler an der theoretischen Prüfung teil, 3292 fielen durch, das sind 39,8 Prozent. Zur praktischen Prüfung traten dann noch 7366 Personen an, 2156 bestanden sie nicht, das sind 29,3 Prozent. Im vergangenen Jahr kamen 8170 Fahrschüler zur theoretischen Prüfung, 3291 scheiterten, das sind 40,3 Prozent. In der Praxis konnten 2310 Prüflinge von insgesamt 7631 Probanden die geforderte Sicherheit am Steuer nicht unter Beweis stellen, das sind 30,3 Prozent.


Bundesweit gibt es eine Durchfallquote von 37 Prozent in der Theorie, in der Praxis sind es 28,1 Prozent, berichtet der NDR und beruft sich auf das Kraftfahrbundesamt.

Komplexe Themen

Auch der Allgemeine Deutsche Automobill Club (ADAC) verfolgt die Zahlen. Christine Rettig, Sprecherin des Regionalclubs Niedersachsen/Sachsen-Anhalt, bestätigt: „Es fallen jetzt mehr Fahrschüler durch die theoretische Prüfung.“ Zu den Ursachen sagt sie: „Das können wir auch nur schätzen. Es tauchen auf jeden Fall komplexere Themen in den Prüfungsfragen auf, mit technischen Details.“ Sie vermutet auch, dass einige Fahrschüler die Angelegenheit nicht so ernst nehmen, wie es nötig wäre. Zwar würde es immer mal wieder den ein oder anderen Glücklichen geben, der auch ohne größere Lernanstrengung die Prüfung besteht, grundsätzlich aber warnt sie davor, die Anforderungen auf die leichte Schulter zu nehmen. Prinzipiell, betont Rettig, gebe es in der Bundesrepublik Deutschland eine vorbildliche Fahrausbildung.

Fahren bereits ab 15

Die Anforderungen der theoretischen und praktischen Prüfung werden von den Prüflingen unterschiedlich gut gemeistert und bezüglich ihrer Schwere verschieden interpretiert. Während der 17-jährige Tobias aus Göttingen Prüfungsfragen lediglich kurz vor der theoretischen Prüfung durchging und dann beim ersten Mal mit wenig Fehlerpunkten bestand, musste seine 18-jährige Schwester Svenja, die fleißig lernte, dreimal zum entscheidenden Termin erscheinen, bis es dann endlich klappte. „Ich persönlich fand die Anforderungen leicht“, sagt der Schüler. Den Führerschein mit 17 habe er gemacht, „damit ich nur noch ein Jahr Probezeit habe, wenn ich 18 bin. Außerdem ist es eine gute Übung, zuerst einmal mit einer Begleitperson zu fahren, bevor man alleine fährt.“ Wahrscheinlich hätte er die Prüfung auch schon mit 16 gemacht, wenn das möglich gewesen wäre. Einen entsprechenden Vorstoß hat die niedersächsische Landesregierung bereits unternommen.

Beeindruckende Software

Alle Führerscheininhaber, die ihre Prüfung vor 2006 abgelegt haben, bekamen bei der theoretischen Prüfung noch Papierbögen in die Hand gedrückt. Darauf standen Fragen, wurden Situationen in Text und Bild dargestellt, wie sie im Straßenverkehr passieren können. Dann musste angekreuzt werden, welche der vorgegeben Antworten richtig ist.

Mit Papier kommen heutige Prüflinge nicht mehr in Berührung. Sie sitzen vor einem Computerbildschirm und müssen hier die ihrer Meinung nach richtigen Antworten anklicken. In animierten Sequenzen werden ihnen Straßenszenen vorgespielt. Dafür gibt es eine Software, die beeindruckende Darstellungen ermöglicht, die in vielerlei Hinsicht immer wieder verändert werden können. Einmal herrscht zum Beispiel dicker Nebel auf der Landstraße, dann wieder regnet es oder aber die Landschaft ist winterlich und Schnee und Eis verursachen tückische Gefahren.

Das zumindest hat sich nicht verändert: Immer noch finden sich zu manchen Fragen Antworten, wie sie schon vor 50 Jahren auf dem Prüfungsbogen standen. Darunter ist auch die anfangs gestellte Frage mit dem trödelnden Auto voraus. Hier bitte die Antwort „Lichthupe betätigen“ unbedingt ignorieren.

Nur fünf bestehen die Prüfung

Am 25. Februar ist der für Prüfungen zur Verfügung stehende Raum beim TÜV am Göttinger „Kauf Park“ mit zwölf Personen voll besetzt. Bei Christian Kampe mussten sich die Prüflinge zuerst ausweisen, von ihm bekamen sie dann einen Computer zugewiesen. Kampe machte vor Prüfungsbeginn darauf aufmerksam, dass sämtliche Handys ausgestellt sein müssen. Ist das nicht der Fall, wird das als Betrugsversuch gewertet, eine halbjährige Sperre wäre die Folge. „Wenn Sie gut vorbereitet sind, können Sie in zehn Minuten fertig sein“, sagte Kampe, bevor er das Startzeichen gab. Jetzt erfüllt ein leises Klick-Konzert den Raum. Abschreiben ist für die Prüflinge keine Option, denn der Nachbar bekommt am Monitor einen ganz anderen Fragekomplex eingespielt. Den wiederum erstellt die Arge tp 21. Die 1999 gegründete Arbeitsgemeinschaft für den Kraftfahrzeugverkehr TÜV/Dekra wird von den Betreibern der Technischen Prüfstellen, der TÜV Rheinland Kraftfahrt GmbH, der TÜV Süd Auto Service GmbH, der TÜV Nord Mobilität GmbH und der Dekra Automobil GmbH, getragen. Von den zwölf Prüflingen bestehen an diesem Vorfrühlingstag lediglich fünf die theoretische Prüfung.

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Von Ulrich Meinhard