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Thema des Tages Lebensmittel aus Göttingen und der Region: So essen Sie wirklich regional
Thema Specials Thema des Tages Lebensmittel aus Göttingen und der Region: So essen Sie wirklich regional
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10:33 31.07.2019
Diese Karte bietet nur eine Auswahl an regionalen Erzeugern. Allein der Erzeugerverband Südniedersachsen zählt aktuell über 70 Produzenten. Quelle: Grafik: Reyer
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Göttingen

Eier, Stroh und Stiefel aus Erbsen, Kartoffeln aus Geismar, hochwertige Öle aus Reiffenhausen, Schafskäse aus Lutterhausen, Wurst aus dem eichsfeldischen Immingerode, Müsli und Nudeln aus Göttingen. Wer bei Einkauf und Genuss Wert auf Produkte aus der Region legt, findet in Südniedersachsen vor allem bei Lebensmitteln ein beachtliches Angebot. In der Regel sind die Produkte teurer als vergleichbare konventionell angebotene Erzeugnisse, doch das Interesse an heimischen Waren ist vorhanden, es steigt sogar. Der Geschmack der Heimat wird wiederentdeckt.

Vielfalt, Buntheit, Frische und guter Geschmack. Das erwarten Verbraucher gemeinhin von Lebensmitteln, die in der „Region“ erzeugt worden sind. Das weiß Heidrun Klaus von der Geschäftsstelle Göttingen der Verbraucherzentrale Niedersachsen. „Für viele ist wichtig, dass die Transportwege kurz sind und dass auch die Zutaten für ein Produkt aus der Region kommen“, ergänzt die Beraterin. Verbraucher würden verärgert reagieren, „wenn ihnen vorgegaukelt wird, dass etwas aus der Region stammt, sie dann aber schon bei kleiner Recherche feststellen, dass dem gar nicht so ist“.

Regional ist kein definierter Begriff

Der Gradmesser für Regionalität beginnt im Garten vor dem Haus. Unmittelbarer als von der eigenen Scholle können Karotten, Kartoffeln und Kohlrabi nicht sein. Doch wo ist die obere Grenze des Regionalen? Eine Definition für dieses Wort gibt es nicht, heißt es unter www.regionalvermarktung-niedersachsen.de. Entsprechend heterogen seien die Regionsabgrenzungen in der Vermarktung. Während einige Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels die regionale Herkunft ihrer Produkte durch die Tatsache definieren, dass zuliefernde Erzeugerbetriebe im Radius von 30 bis 50 Kilometer liegen, würden Handelsketten dazu neigen, die regionale Herkunft auf Deutschland auszuweiten.

„Die Angabe ’Deutschland’ ist für uns nicht regional“, stellt allerdings der Pressesprecher der Rewe Markt GmbH mit Sitz in Köln, Thomas Bonrath, fest. „Regionalität bedeutet für uns, dass wir in unseren Märkten Produkte von Bauern anbieten, die in einem Gebiet liegen, das für jeden nachvollziehbar ist“, erläutert er. Das könnten Bundesländer wie Hessen, kulturelle Regionen wie das Rheinland oder bekannte Anbaugebiete wie das Alte Land sein.

„In dieser Auffassung werden wir unter anderem durch eine Umfrage der Stiftung Warentest bestätigt“, verweist Bonrath auf eine Publikation aus dem Jahr 2013. Damals akzeptierten rund 60 Prozent der Befragten als „Region“ durchaus größere Gebiete wie Norddeutschland, einen Naturraum wie das Allgäu oder ein Bundesland. Laut regionalvermarktung-niedersachsen.de denken die Niedersachsen übrigens durchschnittlich besonders weiträumig und akzeptieren als regional, was aus ihrem Bundesland stammt.

Kennzeichnung „Regionalfenster

 „Bei den regionalen Produkten ist uns generell Transparenz sehr wichtig“, schlägt Rewe-Sprecher Bonrath eine weitere Seite auf. Der Verbraucher könne gleich auf der Verpackung nachvollziehen, aus welcher Region die Möhre oder der Apfel stammt. Die Herkunft eines „Rewe Regional-Apfels“, der am Niederrhein wächst und in Köln verkauft wird, werde mit Bundesland „NRW“ und „Niederrhein“ gekennzeichnet. Das gelte auch für verarbeitete Produkte. Bei Apfelrotkohl müsse sowohl der Apfel als auch der Rotkohl aus der Region kommen. Salz und Kümmel können, müssen aber nicht aus der Region sein.

Darüber hinaus seien Rewe Regional-Produkte auf der Verpackung mit dem sogenannten Regionalfenster gekennzeichnet. Vergeben wird die Kennzeichnung von einem unabhängigen Dritten, dem Trägerverein Regionalfenster e.V. In dessen Auftrag kontrollieren unabhängige Institute mindestens einmal im Jahr die deklarierten Angaben zur Region, zu den Zutaten und dem Ort der Verarbeitung. „Anhand dieser Informationen kann jeder Kunde für sich persönlich entscheiden, ob das Produkt für ihn regional genug ist, auch im Hinblick auf die notwendigerweise zurückgelegten Strecken vom Feld über die Verpackungsstelle in den Supermarkt“, erklärt Bonrath.

Auflebende lokale Erzeugerkultur

Rewe hat aktuell für Rewe Regional Deutschland in 23 Gebiete aufgeteilt. Bundesweit gebe es mehr als 120 Lieferanten für rund 800 Artikel, vor allem Frischwaren. „Unsere Regional-Partner sind überwiegend Genossenschaften und Großbetriebe, mit denen es eine langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit gibt“, erläutert der Sprecher. Um nicht Dutzende Lieferanten pro Region koordinieren zu müssen, brauche es schon eine gewisse Größe der Erzeuger und Erzeugergemeinschaften, um die erforderliche Menge in die Lager liefern zu können.

Bonrath spricht von einer wieder auflebenden regionalen und lokalen Erzeugerkultur. Immer mehr Verbraucher würden wissen wollen, was sie kaufen und woher die Lebensmittel kommen. „Sie fordern Transparenz und Sicherheit“, weiß er. Diese Beobachtung bestätigt auch Heidrun Klaus. Nicht immer ist es für Produzenten möglich, alle für ihre Erzeugnisse erforderlichen Zutaten aus der Region zu ordern. „Wenn das erklärt, wenn hier Transparenz geschaffen wird, trifft das auf Akzeptanz und Verständnis“, sagt die Frau vom Verbraucherschutz.

Schaufenster der Regionalität

Elke Godlewski bietet auf dem Göttinger Wochenmarkt neben selbst hergestelltem Pesto Nudeln aus eigener Produktion an. Interessant sind auch die unterschiedlichen Füllungen. Quelle: Meinhard

Eines der am schönsten gestalteten Schaufenster der Regionalität sind Wochenmärkte. Zu den Händlern, die auf dem Göttinger und dem Bovender Wochenmarkt regelmäßig ihre Waren anbieten, gehört Elke Godlewski. Sie ist die Chefin der Göttinger Nudelmanufaktur und bietet eine Auswahl verschiedener Nudelvariationen an, neuerdings auch mit den uralten Getreidesorten Emmer und Einkorn.

Ihre Ravioli sind unterschiedlich gefüllt, etwa mit Gorgonzola-Birne, mit Spinat-Ricotta oder – saisonal – mit Maronen-Preiselbeeren. „Alles eigene Herstellung“, sagt Godlewski mit Freude in der Stimme. Allerdings muss sie bei Ricotta und Parmesan auf Produkte aus Italien zurückgreifen, den Hartweizen bezieht sie aus Süddeutschland. Nicht alle Zutaten und Rohstoffe finden sich in allen Regionen. Das ist ein gewisses Problem bei der Darstellung von Regionalität. Manchmal müssen Kompromisse her.

So lässt Carl Graf von Hardenberg junior für seinen Gin, der den Namen des großen Göttinger Gelehrten Albrecht von Haller (1708 –1777) trägt, zwar Kräuter aus dem hiesigen Botanischen Garten verwenden – destilliert wird das hochprozentige Getränk jedoch in Irland. An die Grenzen des regional Machbaren stößt auch die Göttinger Müsli-Company. Riegel und Mischungen werden mit kreativer Lust in Göttingen erzeugt, zusammengestellt sowie verkostet, es kommen jedoch nicht alle Zutaten aus dem unmittelbaren Umfeld. Aber Elke Godlewski hat noch ein Ass im Ärmel: „Dafür baue ich alle Kräuter selbst an“, hebt sie hervor. Und Heidrun Klaus von der Verbraucherzentrale wägt ab: „Für uns ist vor allem wichtig, dass der Verbraucher weiß, was drin ist.“ 

Handfeste Wirtschaftsförderung

Aber wie groß ist denn die Chance, als regionaler Erzeuger in den großen Märkten gelistet zu werden? Was sind die Voraussetzungen? Wenn es gleichbleibende Quantität und Qualität sind, dann ist das für kleine Erzeuger wahrscheinlich unmöglich zu erreichen - oder? „Wenn wir einen Lieferanten kennenlernen, dann schauen wir uns die Produktionsbedingungen ganzheitlich an“, erklärt Rewe-Sprecher Bonrath. Er führt weiter aus: „Wenn dann bestimmte Kriterien nicht vorhanden sind, wir aber vom Lieferanten und dem Produkt überzeugt sind, unterstützen wir ihn bei den noch notwendigen folgenden Schritten.“

Konkrete Hilfestellungen könnten etwa Abnahmeversprechen sein oder die Unterstützung bei einem Bankgespräch. „Außerdem ist unser Credo: Wir vereinbaren mit dem Produzenten den Preis, der für das Produkt gerechtfertigt ist und der die weitere Existenz des Betriebs sichert und fördert“, betont der Sprecher. Er verweist auf Fälle, bei denen Rewe lokale Erzeuger zu regionalen Lieferanten weiterentwickeln konnte, „die durch die Zusammenarbeit mit uns betrieblich stark wachsen konnten. Wir betreiben mit unserem lokalen Engagement und Sortimentsangebot also ganz handfeste Wirtschaftsförderung.“  

„Da ist eine Bewegung im Gang“

Für Siegfried Kappey ist Regionalität Leib- und Brotthema. Hier erläutert er bei einem Gespräch mit Journalisten seine Ideen, im Hintergrund Alexander von Uslar Gleichen. Quelle: Christina Hinzmann

Das Interesse an Regionalität und die Hinwendung der Verbraucher zu Produkten aus ihrem unmittelbaren Umfeld sind für Siegfried Kappey Reaktionen auf die Zentralisierung der Märkte. „In den vergangenen Jahrzehnten sind große Strukturen entstanden. Die Inhaltsqualität der Produkte hat sich verändert, freilich zugunsten des Preises. Was wir jetzt beobachten, ist eine Rückbesinnung auf Ursprungsqualitäten“, resümiert Kappey. Der 74-Jährige ist Mitbegründer und 1. Vorsitzender des Regionalen Erzeugerverbandes Kostbares Südniedersachsen mit Sitz in Einbeck.

Er diagnostiziert auch eine fehlende Kundennähe zwischen Verbrauchern und den Konzernen. „Der Preis ist ja toll, aber offenbar ist das ein oder andere Produkt dann doch zu teuer für das, was in ihm steckt“, wägt er ab. Das habe ein Teil der Bevölkerung verstanden. Aus Unternehmersicht sieht er einen Markt, eine Chance für Gründer, die mehr und mehr erkannt und genutzt werde. „Da ist eine ganze Bewegung im Gang“, sagt Kappey und verweist zum Beispiel auf das Neuentstehen kleiner Brauereien oder Käsereien.

Verband startete mit 16 Mitgliedern

In den drei Jahren seit der Gründung des Verbandes sei ein beachtliches Netzwerk entstanden. Kappey berichtet von derzeit 170 Mitgliedern, die Hälfte sind kleine bis mittelgroße produzierende Unternehmen, die andere Hälfte sind fördernde Mitglieder. Privatpersonen sind darunter, aber auch Betriebe, die die Idee der Regionalität unterstützen wollen. „Mit 16 Mitgliedern haben wir 2016 angefangen“, blickt Kappey zurück. Inzwischen dürfen 90 geprüfte Regionalproduzenten das Label ‚Kostbares Südniedersachsen‘ tragen“, erläutert er.

Bei drei Göttinger Handelspartnern von Rewe und Edeka sind Anfang des Jahres Regionalregale eingerichtet worden, aus denen der Kunde ausschließlich geprüfte regionale Produkte der Markenfamilie „Kostbares Südniedersachsen“ erkennen und wählen kann. Eine Studiengruppe der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) fand diese Initiative so interessant, dass sie sich unter verschiedenen Fragestellungen wissenschaftlich damit auseinandersetzt. Die Präsentation des Ergebnisses soll im September erfolgen.

Pro für Regionalität auch in der Politik

Auf jeden Fall nehme das Interesse der Kunden an Produkten aus der Region zu. Bei einigen Artikeln übersteige die Nachfrage sogar das Angebot. Kappey ist überzeugt: „Es lohnt sich, eine Firma zu gründen für regionale Erzeugnisse.“ Auf Nachfrage sagt er, dass er die Idee eines festen Einkaufsmarktes, der ausschließlich regionale Produkte anbietet, für sehr gut halte. Aber es fehle dafür wohl noch der Unternehmergeist. „Wir würden das unterstützen“, macht der Verbandsvorsitzende auf die Möglichkeit einer Wirtschaftsförderung aufmerksam. Er lokalisiert auch in der Politik ein eindeutiges Pro für Regionalität.

Kappey macht bei dieser Gelegenheit auf den jährlichen, vom Verband organisierten Regionaltag aufmerksam, der am 15. September auf Gut Herbigshagen bei Duderstadt ausgerichtet werde. Alle zwei Jahre gibt es zudem die Südniedersachsen-Tage. Sie finden wieder im September 2020 statt, voraussichtlich in Imbshausen bei Northeim. Das sei ein Ereignis, das die gesamte Region zusammenbringe, auch hinsichtlich Kunst und Kultur. „Alles, was mit Regionalentwicklung zu tun hat, findet hier Heimat“, betont Kappey.

Idee für eine eigene Logistikfirma

Er und seine Kollegen vom Verbandsvorstand sind von den Verbandsmitgliedern bei der jüngsten Versammlung übrigens aufgefordert worden, im Fall einer weiteren günstigen Entwicklung des Vermarktens regionaler Produkte die Möglichkeit zu prüfen, ob die Gründung eines Marketing- und Logistikunternehmens Sinn macht. Deren Mitarbeiter hätten dann zum Beispiel die Aufgabe, die Regionalregale zu pflegen. „Und für einen Marktinhaber ist es sicher wesentlich einfacher, wenn er sich anstatt an 30 Unternehmen nur an eine Auslieferungsfirma wenden muss“, zeigt Kappey auf die Strukturarbeit hin, die zu leisten sein wird.

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Von Ulrich Meinhard

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