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Thema des Tages "Kleine Revolution nach dem Nobelpreis"
Thema Specials Thema des Tages "Kleine Revolution nach dem Nobelpreis"
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19:02 14.03.2017
Nobelpreisträger Stefan Hell im Interview mit den GT- und YLAB-Schülerreportern. Quelle: Wenzel
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Herr Hell, was machen Sie, wenn Sie eine Denkblockade haben?

Ich kann mich nicht konkret an Denkblockaden erinnern. Wenn man zwanghaft an etwas herangeht und denkt, das muss zu etwas führen, dann können wohl Denkblockaden entstehen. Wichtig ist, dass man spielerisch mit Problemen umgeht.

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Also war es nicht Ihr Ziel, den Nobelpreis zu gewinnen?

Nein, weil die Chancen viel zu gering sind. Da ist der Frust in der Regel vorprogrammiert. Andererseits - der Nobelpreis ist schon etwas Attraktives, wie auch der Oscar für einen Schauspieler. Natürlich bekommen die Wenigsten einen. Ich finde es aber gut, dass es so eine hohe Anerkennung für wissenschaftliche Höchstleistungen gibt.

Zur Person: Stefan Hell

Der Physiker Stefan Hell hat im Jahr 2014 den Nobelpreis für Chemie gewonnen. Er ist Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie Göttingen und erhielt den „Oscar der Wissenschaft“ für einen Durchbruch im Bereich der STED-Mikroskopie, die besonders hochauflösende Bilder ermöglicht.

Stefan Hell Quelle: Wenzel

Hell stammt ursprünglich aus Rumänien, forschte lange in Heidelberg und ließ sich 1997 in Göttingen nieder.

Hielten Sie Ihre Erfindung selbst für nobelpreiswürdig?

Als mir die Idee kam, war mir schon klar, das könnte wichtig sein. Aber ich war nicht der Meinung, sie sei nobelpreisverdächtig. Später haben mich Leute darauf aufmerksam gemacht.

Werden die Schulbücher jetzt wegen Ihrer Entdeckung umgeschrieben?

Ich hoffe es. Wenn die Frage darauf abzielt, ob das mittlerweile Lehrbuchwissen ist, dann sicher. In der Mikroskopie ist es ein historischer Umbruch.

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Was haben Sie gemacht, als Sie den Anruf für die Nominierung zum Nobelpreis bekommen haben?

Dass ich nominiert sein würde, war mir klar. Kollegen aus dem Feld haben gesagt: ‚Ich habe dich vorgeschlagen‘. Aber das werden mehr als hundert Personen im Jahr. Als es herauskam, dass ich ihn auch gewonnen hatte, saß ich hier am Schreibtisch. Es war auch eine Erleichterung, weil mich viele Leute schon vorher wie jemanden behandelt haben, der dabei ist, ihn zu bekommen. Das war mir oft sehr peinlich oder brachte mich in eine doofe Situation. Ich war froh, dass dieses ‚Kandidat sein‘ vorbei war.

Wen haben Sie nach dem Anruf als erstes informiert?

Ich durfte es niemandem sagen. Der Anruf kam um 11.15 Uhr, die Pressekonferenz war um 11.45 Uhr. Also hatte ich eine halbe Stunde Zeit, in der ich es nicht verraten durfte. Ich habe meiner Sekretärin gesagt, dass ich die Leitungen freihalten muss für ein Interview. Einen meiner Mitarbeiter schickte ich, um Champagner zu besorgen, und rief dann meine Frau an.

Das sind die Schülerreporter

Hallo, wir sind die neuen Schülerredakteure vom Göttinger Tageblatt und dem YLAB Schülerlabor. Wir treffen uns einmal pro Woche im YLAB oder beim Tageblatt und arbeitet dort an Ideen, Texten, Videos und vielem mehr. Betreut werden wir dabei von Gilbert Heß und Nina-Maria Knohl vom YLAB und von Tageblatt-Volontärin Hannah Scheiwe. Wir haben in den vergangenen Wochen rund ums Thema On/Off Austellung gearbeitet – wir ihr seht. Und schreiben sonst über alles, was uns interessiert.

Von links: die Schülerreporterinnen Ida, Lilly und Pia

Eure Pia, Lilly und Ida

Nach der Verleihung haben Sie viele Einladungen bekommen, unter anderem von Königshäusern und wichtigen Persönlichkeiten. Gab es eine, auf die sie gar keine Lust hatten?

Man nimmt weniger gern die Einladungen an, bei denen man das Gefühl hat, eigentlich nur Staffage zu sein. Also dass sie mich nur dort haben wollen, weil ich den Nobelpreis gewonnen habe.

Hält die durch den Nobelpreis errungene Prominenz Sie denn vom Forschen ab?

Ja, wie man es in diesem Augenblick sieht. Und nein, weil es auch vieles erleichtert. Ich kann jetzt viel leichter nein sagen, das stößt auf mehr Verständnis. Die Forschungsaktivität hat sich nicht verringert.

Haben Sie seitdem neue Ziele verfolgt?

Meine Leute und ich haben weitergemacht und haben die höchstauflösende Mikroskopie noch einmal deutlich verbessert. Mittlerweile ist man schon bei einer zehnmal besseren Auflösung als der, für die ich den Nobelpreis bekommen habe. Da hat sich noch einmal eine kleine Revolution ereignet.

Sie kommen aus Rumänien und haben in Heidelberg studiert. Warum sind sie dann ein Göttinger Nobelpreisträger?

Die entscheidenden Experimente, die zum Nobelpreis geführt haben, wurden in Göttingen gemacht, hier an diesem Institut. Und ich war ja auch zu dem Zeitpunkt der Preisvergabe hier tätig. Insofern ist es gerechtfertigt, dass es ein Göttinger Nobelpreis ist.

Was bedeutet es für Sie, dass Ihre Biografie öffentlich ausgestellt wird in der On-Off-Ausstellung in Göttingen?

Ich hatte gemischte Gefühle und war nicht unbedingt begeistert, als ich gemerkt hatte, dass die Ausstellungsmacher doch mehr über meine Person wissen wollten, als ich mir ursprünglich vorstellte. Stellen Sie sich mal vor, es wird über Sie ausgestellt, wie Sie als Schüler waren. Aber am Ende des Tages haben wir uns geeinigt.

In die Ausstellung gehen auch viele wissenschaftsinteressierte junge Menschen. Haben Sie einen Rat für junge Wissenschaftler?

Mein Rat wäre, das zu machen, was einem Spaß macht und nicht das, was einem aufgedrückt wird oder was die Eltern wollen. Man wird nur dann gut sein, wenn man etwas macht, wofür das Herz schlägt. Ich hatte Spaß an diesem Problem der Auflösung im Lichtmikroskop. Es war mein Problem und nicht das Problem, an dem viele gearbeitet haben. Ich war der Einzige, der es wirklich wissen wollte. Später sind dann auch andere in das Thema eingestiegen.

Interview: Pia Bucher, Ida Conrady, Lilly Müller-Radnai

Schüler führen Schüler

Auf einem Podest steht ein schwarzer Frack mit Fliege, perfekt hergerichtet. Die Knöpfe strahlen im sanften Scheinwerferlicht. Drumherum steht eine Gruppe Schüler, die gespannt den Erzählungen eines anderen Schülers lauschen – den Erzählungen des 18-jährigen Maximilian von Oldershausen. Er führt als Schülerscout Gruppen durch die On-Off-Ausstellung über Nobelpreisträger Stefan Hell in der Alten Mensa.

Maximilian ist einer von drei Schülerscouts für die Ausstellung, die Ausschnitte aus dem Leben von Hell zeigt und Einblicke in die STED Mikroskopie gibt, für die er 2014 den Nobelpreis gewann. Wenn Maximilian spricht, klingt das ruhig, aber bestimmt. Auf die Idee, Schüler-Scout zu werden, sei er durch seine Lehrerin gekommen, die in seiner Klasse Flyer für die Ausstellung ausgeteilt habe. „Das Thema hat mich interessiert. Nicht nur die STED-Mikroskopie an sich, sondern auch der gesamte Prozess: also die Idee zu haben, dass hinter einem Thema wie der Mikroskopie doch vielleicht noch mehr stecken könnte.“ Das werde in der Ausstellung eindrücklich dargestellt, findet der Abiturient.

Schwerpunkte setzen die Schülerscouts

Bis jetzt habe er zwei Führungen durch die Ausstellung geleitet. Die Schwerpunkte dürften sich die Schüler-Scouts selbst aussuchen, so seien die Führungen von Schüler zu Schüler unterschiedlich. Maximilian setze die Schwerpunkte auf Stefan Hells Leben. „Die Ausstellung setzt sich auch damit auseinander, Grenzen zu überwinden und das kann man an Stefan Hells Leben sehr gut nachvollziehen, weil er immer wieder auch Tiefpunkte in seinem Leben hatte, die er überwunden hat“, berichtet der Zwölftklässler.

Der Unterschied zwischen der Führung eines Schüler-Scouts und der eines professionellen Museums- oder Ausstellungsführer sei, dass die Schüler die Führungen für die gleiche Altersgruppe gestalten. „Ich kann mir vorstellen, dass, wenn Gleichaltrige erzählen, man eher zuhört und von vornherein interessierter ist, als wenn Erwachsene erzählen“, sagt Maximilian.

Wissenschaftler werden, will Maximilian dann doch nicht

Ihn persönlich interessierten an der Ausstellung die Exponate zur STED-Mikroskopie am meisten, aber selbst Wissenschaftler werden wolle er dann doch nicht, sagt er grinsend.

Von Pia Bucher