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Thema des Tages Der Zauberberg im Harz
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16:48 21.06.2018
Vorbild Grandhotel: Albin Müller hat die Anlage zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet. Quelle: Foto: dpa
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Braunlage

Linoleumboden, dunkles Holz, lange Tafeln, feines Geschirr, ein paar Essensreste, abgelegte Servietten: Der blaue Saal wirkt, als habe soeben eine Frühstücksgesellschaft das Speisezimmer des Sanatoriums verlassen, das Thomas Mann in seinem 1924 erschienenen Roman „Der Zauber-berg“ beschrieben hat. Hier haben allerdings bis vor einigen Minuten echte Patienten gefrühstückt - und zwar im Jahr 2018. Der blaue Saal ist Teil eines einzigartigen Bauwerks: des Sanatoriums Dr. Barner im Harzer Ferienort Braunlage. Das im Jugendstil errichtete Ensemble hat außen und innen seinen ursprünglichen Charakter bewahrt.

„Hier zu arbeiten ist etwas ganz Besonderes“, sagt Christiane Sparmann, die zusammen mit einer Kollegin die Frühstückstafeln abräumt. „Und wenn man erzählt, wie es hier aussieht: Das glaubt einem keiner.“ Das Sanatorium präsentiert sich nämlich noch heute so, wie es der Jugendstilarchitekt und Leiter der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe, Albin Müller, zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Stil zeitgenössischer Grandhotels geschaffen hat.

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„Nirgends ist ein vergleichbares Gebäude dieser Stilepoche so komplett erhalten geblieben wie hier“, freut sich Johann Barner, der die Einrichtung in vierter Generation leitet. Alles ist, wie es war: Die Fußböden, die holzvertäfelten Treppenhäuser, Leuchten, Wandbespannungen, Stuckverzierungen, Möbelstücke: Selbst das von Müller entworfene Geschirr und Besteck ist original erhalten. Das gilt auch für die Patientenzimmer: Teppiche, Lampen, Türgriffe, Vorhänge – alles ist so, wie es der Jugendstil-Künstler geschaffen hat. Fernseher sucht man deshalb auch vergebens. Als Zugeständnis an die heutige Zeit wurden allerdings moderne Bäder eingebaut.

Das Sanatorium sei „eines der bedeutendsten Jugendstil-Gebäude in Deutschland“ und das letzte verbliebene Beispiel für diese Art Sanatorien, heißt es in der Würdigung der EU-Jury.

„Die Klinik besitzt eine außergewöhnliche denkmalpflegerische Bedeutung“, sagt auch Anna Anding vom niedersächsischen Kulturministerium. „Sie dokumentiert in einer ungewöhnlichen Vollständigkeit mehr als 100 Jahre Sanatoriums-, Kultur- und Medizingeschichte.“ Das einzigartige Ensemble werde zu Recht als „deutscher Zauberberg“ bezeichnet.

Der Gebäudekomplex wird seit Jahren mit Fördergeldern vom Land Niedersachsen, vom Bund und der EU in Millionenhöhe nach einem Masterplan des britischen Star-Architekten David Chipperfield bei laufendem Sanatoriums-Betrieb saniert. Die Arbeiten seien allerdings noch lange nicht abgeschlossen, berichtet die zuständige Stiftungs-Kuratorin Daniela Lorenz. „Das ist eine Daueraufgabe.“ Allein um die vielen Jugendstil-Möbel in Schuss zu halten, benötige man eine eigene Spezialistin.

Der medizinische Schwerpunkt in Braunlage liegt auf der Behandlung von Traumata: „Unsere Patienten sind vor allem Soldaten, Polizisten, Feuerwehrleute oder Mitglieder von Rettungsdiensten“, sagt der ärztliche Leiter Andreas Barner. Das historische Haus biete dabei Vorteile: „Es entschleunigt und schafft den größtmöglichen Abstand zum Alltag“, sagt Barner. „Es ist eine andere Welt.“ Indem sie das Sanatorium ohne nennenswerte Eingriffe und Veränderungen bewahrte, habe die Eigentümer-Familie „einen unersetzlichen Beitrag zum Erhalt der kulturellen Schätze“ in Niedersachsen geleistet, sagt Ministeriumssprecherin Anding.

Die Barners selbst sind mit der niedersächsischen Landesregierung weniger zufrieden. Denn das Gesundheitsministerium hat den Antrag zur Aufnahme des Sanatoriums in den Krankenhausplan als Fachkrankenhaus für Psychosomatik abgelehnt. Ohne diese Anerkennung und damit die Berechtigung, auch Kassenpatienten zu behandeln, fürchten die Brüder um die Zukunftsfähigkeit ihres „Zauberbergs“. Weil das Sanatorium den Klageweg beschritten habe, wolle sich das Gesundheitsministerium zu dem Fall derzeit nicht äußern, sagt Sprecherin Naila Eid.

Der Europäische Kulturpreis

„Eines der bedeutendsten Jugendstilgebäude in Deutschland“ nennt die Jury des Europa-Nostra-Preises das Sanatorium im Harz bei Braunlage. Dieses erhält am Freitag den EU-Preis für das Kulturererbe. Die Anlage sei „ein kennzeichnendes Element des Europäischen Erbes und ein bedeutendes Beispiel der Architektur und Innenausstattung des frühen 20. Jahrhunderts“. Das Sanatorium ist weitgehend so erhalten geblieben, wie es der Jugendstilarchitekt Albin Müller zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Stil zeitgenössischer Grandhotels geschaffen hat. Der EU-Preis für das Kulturerbe wird am 22. Juni in Berlin verliehen. Es gibt insgesamt 29 Gewinner aus 17 Ländern, darunter drei aus Deutschland: Neben dem Braunlager Sanatorium sind dies in der Kategorie Denkmalschutz „Der Winzerberg - königlicher Weinberg im Schloss Sanssouci-Ensemble“ und in der Kategorie Forschung das „CultLab3D: Automatisierte Scan-Technologie für 3D-Digitalisierung“ aus Darmstadt.

Von Matthias Brunnert, dpa