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Thema des Tages Neues Kulturviertel auf der anderen Seite des Walls: Junges Theater zieht erste Bilanz
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10:25 16.01.2020
Junges Theater am Interimsstandort in der Bürgerstraße – die Innenräume nach Umbau Quelle: Jochen Quast / JT
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Göttingen

„Neun Minuten brauche ich zu Fuß von hier“, sagt Tobias Sosinka, Geschäftsführer des Jungen Theaters (JT) über den Weg vom Otfried-Müller-Haus, der alten Heimat des JT, in die Interimsspielstätte Junges Theater an der Bürgerstraße 15. Der Wall verläuft direkt hinter dem Gebäude, streng genommen liegt der Spielort nicht im Innenstadtbereich. Gemeinsam mit Intendant Nico Dietrich will Sosinka einen „neuen Stadtteil der Kultur“ etablieren. Beide ziehen eine erste Bilanz.

Gute Absprachen mit der Stadt

Nicht nur der spektakuläre Umzug mit Hunderten Kulturliebhabern im Schlepptau habe gut funktioniert, sondern auch die gesamte Planung bisher. „Die Absprachen mit der Stadt haben gut gepasst“, sagt Sosinka. Er hoffe, dass auch der Umbau des Otfried-Müller-Hauses so gut laufen werde. Geplant war, dass JT und KAZ nach drei Jahren ins Otfried-Müller-Haus zurückkehren, das bis dahin umgebaut werden sollte. Dezernentin Petra Broistedt erklärte vergangene Woche, dass das städtische Gebäude frühestens ab dem dritten Quartal 2021 umgebaut werde. Grund sei ein Raumkonzept, das den Kostenrahmen sprenge.

Die Nachricht von der Verzögerung bezeichnete Dietrich als „bittersüß“. Er habe aber keinen Zweifel daran, dass alle beteiligten Kräfte, das Projekt anständig durchplanen. Dietrich: „Wenn uns der Entwurf gefällt, dann warten wir doch gerne.“Andere Theater müssten bei Sanierungen in Container umziehen, Göttingen habe dafür gesorgt, dass sie ein festes Haus bekommen für das mehrjährige Exil.

Der Interimsstandort des JT nach dem Umbau für das Theater: Das meiste Geld floss in die Publikumsräume, für die Büros und Proberäume nehmen die Mitarbeiter auch abgeblätterten Lack oder ältere Böden in Kauf. „Wichtig war nur, dass sich das Publikum wohlfühlt“, so Geschäftsführer Tobias Sosinka.

Für die Sanierung des alten Hauses an der Hospitalstraße und des Übergangsstandorts habe die Stadt einen Ausgleich von 126 000 Euro bewilligt, so Verwaltungssprecher Dominik Kimyon. Der Zuschuss kam zu den 687 100 Euro Kulturförderung im Jahr 2019 hinzu, wovon 119 100 Euro auf den Mietzuschuss entfallen. 2020 bekommt das Theater mit 698 460 Euro etwas mehr Geld, die Anpassung soll die Inflation ausgleichen.

530 000 Euro erwirtschaftete das JT in den vergangenen drei Jahren durchschnittlich. Damit nahm das Theater mehr als 40 Prozent seines Gesamtbudgets selbst ein. Das sei eine sehr hohe Quote für eine Einrichtungen der Größe des JTs, erklärte Sosinka. Durch den Umzug komme es bisher nur zu marginalen Einbußen, „das kalkulierte Rechenmodell geht gerade gut auf“.

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Mit weniger Plätzen haben die Betreiber zu kämpfen. Quelle: Jochen Quast / JT

Stammpublikum bleibt treu

Das Stammpublikum komme auch in die ehemalige Schule, die Saalgröße sei ein Problem. „Um die 60 Plätze weniger haben wir hier im Saal, das sorgt für einen Ertragsverlust.“ Die Stadt kompensiere den Ertragsverlust, so Sosinka. Von 100 Prozent Auslastung waren zu Spielzeitbeginn noch etwa 70 vorhanden, „mittlerweile sind wir wieder bei 80 Prozent“. Dietrich bricht es herunter: „Da geht es um etwa 15 Plätze, die in einer Vorstellung leer bleiben – damit können wir leben und vielleicht ändert sich das auch bald zum Guten.“

Nico Dietrich und Tobias Sosinka im neuen Saal. Quelle: lel

Manche Besucher hätten immer noch nicht auf dem Schirm, dass sie eine andere Adresse ansteuern müssen. „Da streiten sich Lehrer mit Busfahrern, weil die nicht in die Hospitalstraße fahren wollen auf der Exkursion“, so Dietrich. „Wenn sich das dann aufklärt, ruft der ein oder andere panisch an, damit wir mit dem Vorführungsstart warten“, erzählt er lachend.

Ehemalige Voigt-Realschule: Gebäude weckt Erinnerungen

Bis 2011 war in dem Gebäude die Voigt-Realschule untergebracht. Übrig geblieben sind die langen Flure, in ehemaligen Klassenzimmern wird nun geplant, geprobt und die Technik gefahren. Die Flure hätten einen großen Vorteil, sagt Dietrich: Die Mitarbeiter aus den verschieden Bereichen kämen so leichter in Kontakt. Ein Blick in den Keller offenbart die Vergangenheit: Die Toiletten sind original. Obwohl sie einen neuen Anstrich bekommen haben, hört so mancher Besucher dort eine imaginäre Pausenglocke.

Der neue Standort des JT zieht auch ehemalige Schüler der Voigt-Realschule an, berichtet Sosinka. Sie hätten eine besondere Verbindung zu dem Gebäude, und täglich kämen ein, zwei von ihnen vorbei. Ein ehemaliger Schüler habe vor der Vorstellung draußen auf dem Parkplatz gestanden und beim Rauchen ungläubig den Kopf geschüttelt: „Früher war das hier verboten, geraucht wurde nur um die Ecke.“

Neuer Stadtteil der Kultur

Auch Kooperationen mit umliegenden Institutionen haben sich durch den Standort ergeben: Das Jugendhaus Gartetalbahnhof und die Kindertagesstätte Gartenstraße haben schon Theaterluft geschnuppert. Der Wirkungsraum reiche nun bis ins Leineviertel hinein und werte so das Viertel auf, sagt JT-Intendant Nico Dietrich erfreut. „Wann bekommt man schon plötzlich eine neue Kulturstätte dazu?“, fragt er und lacht.

Nico Dietrich und Tobias Sosinka spielen sich den Ball zu. Der ehmalige Klassenraum ist zur Probebühne geworden. Quelle: lel

Das JT steht nicht alleine da. Viel Potenzial sehen beide auch in der Eröffnung des Kinos in der ehemaligen Baptistenkirche nebenan. Im März soll „Méliès – Das Kino am Wall“ starten. Hinzu kommt ein Bistro und Café mit Blick auf den Wall – davon würden sowohl das Méliès als auch das JT profitieren. „Im Sommer fügt der Biergarten uns zusammen, die Menschen sitzen draußen und unterhalten sich über Kino und Theater“, prognostiziert Dietrich. Dann bespielt das JT auch den Hinterhof und den Stadtwall gleich mit. Beim Dschungelbuch soll es tierisch zugehen. „,Vorsicht vor den Affen auf dem Wall’ heißt es dann“, sagt Dietrich.

Neue Raumaufteilung: Hier stimmt die Logistik

Bei der Nutzung der Innenräume ging es dem JT vor allen Dingen darum, Prioritäten zu setzen, sagt Sosinka. So nutzt das JT alle Räume des ersten und zweiten Obergeschosses, das KAZ das Erdgeschoss und den Keller. Das Dachgeschoss wurde nicht ausgebaut. Zu kompliziert wäre es mit der Brandschutzverordnung geworden. Wenn es nicht zwingend nötig war, seien Heizkörper und Fußböden in den Hinterräumen nicht erneuert worden – das Geld „haben wir lieber in Saal und Foyer investiert“, so Sosinka weiter.

Für die Schneiderei reiche der Platz gut aus. Quelle: Jochen Quast / JT

Ein besonderes Augenmerk bei der Planung lag auf der Logistik: Sie sei in der Interimsspielstätte viel besser, betont Dietrich. Im Otfried-Müller-Haus lag der Ankleideraum hinter der Bühne, aber die Schneiderei „auf der anderen Seite des Hauses im Dachgeschoss“. Schauspieler hatten lange Wege, um ihre Kostüme anpassen zu lassen. Im Haus Bürgerstraße 15 erreicht man von der Schneiderei aus in wenigen Schritten über das Treppenhaus die Bühne. Die Requisiten lagern im ersten Obergeschoss neben dem Fahrstuhl. Wenn auf der Bühne in der zweiten Etage das Verlangen nach einem neuen Hut besteht, können die Ausstatter ihn in weniger als einer Minute bringen.

Welches ist nun das Provisorium?

Eingelebt hat sich die JT-Belegschaft. „Der Standort ist viel mehr als ein Provisorium geworden“, so Dietrich. Die Anpassungen hätten das Haus zu einer Art soziokulturellem Zentrum gemacht, das fehlte. „Wir bekommen viele Anfragen von Bands oder anderen Künstlern, die unsere Räume nutzen wollen“, bestätigt Sosinka. Für die Kulturszene sei das Haus ein Zugewinn, wenn es längerfristig bestehen bleibe. „Es wird schon niemand die Bühne wieder herausreißen, wenn wir zurück in die alten Hallen wandern“, prognostiziert Dietrich.

Zurück in das Otfried-Müller-Haus wollen nämlich beide nach der Umbauphase. „In Wahrheit war unser altes Haus das wahre Provisorium. 40 Jahre wurde nichts daran getan“, sagt Sosinka. Nun müssen die neue Brandschutzverordnung und aktuelle Bauvorschriften eingehalten werden. Um die 400 Quadratmeter weniger Fläche wird das JT dann zur Verfügung haben. „Bei einer Fläche von mehreren Tausend Quadratmetern ist das aber nicht viel“, relativiert Dietrich. Er freut sich mit Sosinka auf die sanierte Villa. Aber erst einmal machen sie da weiter, wo sie den Stein für ein neues Kulturviertel ins Rollen gebracht haben.

Theaterführungen durch die neue Spielstätte

Das Junge Theater in Göttingen bietet Theaterführungen durch die Interimsspielstätte in der Bürgerstraße 15 an. Intendant Nico Dietrich führt durch das Haus und hinter die Kulissen des Theaters. Wie sieht die Übergangsspielstätte für die kommenden Jahre aus? Was hat sich verändert? Welche Vor- und Nachteile haben sich durch den Umzug ergeben?

An jeweils einem Sonntag pro Monat haben Interessierte die Möglichkeit, die Abläufe und das Programm eines produzierenden Ensemble- und Repertoiretheaters näher kennen zu lernen. Am 23. Februar, 8. März und 4. April beginnt die Führung um 13 Uhr. Treffpunkt ist die Theaterkasse im zweiten Stock des Jungen Theaters, Bürgerstraße 15. Die Teilnahme an der Führung ist kostenlos.

Interessierte werden gebeten, sich vorab bei der Theaterkasse des Jungen Theaters unter 0551-495015 oder per E-Mail an kasse@junges-theater.de anzumelden.

Von Asja Wortmann und Lea Lang

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