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Thema des Tages Warum Alkoholkonsum zunimmt – vor allem bei Senioren
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21:56 05.06.2019
Krankenkassen warnen vor der Zunahme von Alkoholkonsum vor allem bei Senioren. Quelle: dpa
Göttingen

Christian Krause-Gründel hat 30 Jahre lang seine eigene Hausarztpraxis in Göttingen betrieben. Seit einem Jahr ist er im Ruhestand, aber noch immer stellvertretender Vorsitzender der Ärztekammer in Göttingen, Vorsitzender des Schmerz- und Hospizvereins und beteiligt an weiteren Gremien. Aus seiner langjährigen Erfahrung könne er sagen, dass Alkoholkonsum enorm zugenommen habe, gerade auch bei Senioren.

Wenn er Patienten gefragt habe „Trinken Sie? Die Antwort: „Zwei bis drei Bierchen am Abend.“ „Jeden Abend?“ Abende ohne Alkohol kämen in manchen Fällen so gut wie nicht vor. Den Konsum beförderten beispielsweise Termine wie Vereinssitzungen. Krause-Gründel: „Da staunt man schon, was gesellschaftlich akzeptiert ist.“ Ein Grund für Alkoholabhängigkeiten im Alter sieht der Mediziner darin, dass seine Altersgruppe, die 68er, „sehr viel früher Alkohol konsumiert“ hätten.

Christian Krause-Gründel warnt vor den Gefahren von Alkoholgenuss im Alter. Quelle: Christina Hinzmann / GT

Probleme bereiteten den Senioren bei exzessivem Alkohol verschiedene Faktoren. Die Alkoholtoleranz sei im Alter abgeschwächt. Medikamenteneinnahmen führten zu Wechselwirkungen, und bei Durchblutungsstörungen und cerebralem Abbau komme Alkohol verstärkt zum Tragen.

Etwa 150 Patienten habe er auch in Altenheimen betreut. Dabei hätten sich weitere Probleme gezeigt. Demente Patienten vergäßen, dass sie Alkohol konsumiert hätten, erläutert Krause-Gründel. „Sie wissen nicht mehr, was Alkohol ist und was der für sie bedeutet.“ Dann komme es manchmal zu „kleinen Exzessen“. So sei er vom Pflegepersonal wegen des Verdachts auf Herzinfarkt ins Heim gerufen worden. Dann habe sich herausgestellt, dass der Bewohner schlicht getrunken hatte. Doch in der Regel werde der Umgang mit Alkohol vom Pflegepersonal reglementiert. Allerdings könne man ältere Herrschaften jenseits der 80 oder 90 Jahre auch nicht „restriktiv vom Alkohol fernhalten“, sagt Krause-Gründel.

Folgen von Alkoholkonsum im Alter

Mit zunehmendem Alter sinkt der Wasseranteil im Körper. Getrunkener Alkohol verteilt sich bei älteren Menschen somit auf weniger Körperflüssigkeit und führt bei der gleichen Menge zu einem höheren Alkoholspiegel als bei jüngeren Menschen. Bereits kleine Mengen von Alkohol können im Alter schon betrunken machen, da die Leber nicht mehr so gut arbeitet. Alterserkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck verschlimmern sich durch Alkohol. Im betrunkenen Zustand steigt die Gefahr von Stürzen, Unfällen und schweren Verletzungen wie beispielsweise Oberschenkelhalsbrüchen. R

Häufig wird der Missbrauch von Alkohol bei der Befragung in der Arztpraxis geleugnet, allerdings mit wenig Aussicht auf Erfolg. Der Mediziner berichtet von Laborparametern, die trinkende Patienten offenbarten, darunter erhöhte Leberwerte und die Größe der roten Blutkörperchen.

Einen Anstieg der Zahlen richtig Alkoholkranker hat Krause-Gründel nicht festgestellt. Wohl aber eine Zunahme des Alkoholkonsums. Ein Grund dafür sei die gesellschaftliche Akzeptanz des Trinkens, ein anderer die Werbung, die vorgaukele, dass Biertrinken Strände sauberer mache und die Natur schütze. Vereinsamung im Alter, der Verlust des Partners, sozialer Rückzug, Ärger mit den Kindern: Krause-Gründel fallen viele mögliche Gründe für verstärktes Trinken ein.

Viele seiner Patienten hätten Alkohol auch genutzt, um in stressigen Zeiten herunterzukommen, als eine Art Beruhigungsmittel. Das allerdings funktioniere nicht, erklärt der Arzt. Denn die Schlafqualität ändere sich. Andere trinken, um ihre Schmerzen zu betäuben. Dabei sei vor allem die Verbindung von Schmerzmitteln und Alkohol eine schlechte Kombination.

Alkohol und Medikamente

Da ältere Menschen häufiger und unter Umständen auch dauerhaft Medikamente einnehmen müssen, ist besondere Vorsicht mit Alkohol geboten. Die Kombination kann fatale Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen und Herzrasen haben. Außerdem kann Alkohol die Wirkung eines Medikaments aufheben, verringern oder unkontrollierbar verstärken. Im schlimmsten Fall ist die Kombination von Alkohol und Medikamenten lebensbedrohlich. „Senioren, die Medikamente einnehmen, sollten auf jeden Fall ihren Arzt fragen, ob sie in dieser Zeit auf Alkohol verzichten müssen“, betont Leonhardt. R

Ärztlich behandelter Alkoholkonsum gestiegen

Das Komasaufen bei Jugendlichen stand lange im Fokus der Öffentlichkeit. Viel wurde dagegen unternommen, die Zahlen gehen zurück. Ein deutlich geringeres Problembewusstsein herrsche dagegen dann, wenn es ums Trinke im Alter gehe, teilt die KKH Kaufmännische Krankenkasse. Doch das riskante Trinken der Generation 65 plus nimmt einer Auswertung der KKH zufolge deutlich zu: Demnach sei die Zahl der 65- bis 84-Jährigen, die wegen eines akuten Alkoholrauschs oder psychischer Probleme aufgrund von Alkohol ärztlich behandelt werden mussten, in den zehn Jahren zwischen 2007 auf 2017 um zwei Drittel gestiegen. Hochgerechnet auf ganz Deutschland waren zuletzt mehr als 355500 Senioren der Generation 65 plus betroffen.

Die Auswertung zeigt laut der KKH darüber hinaus, dass der Anstieg in bestimmten Altersgruppen erheblich höher ist als im Durchschnitt, vor allem bei Männern: Bei den 70- bis 74-Jährigen betrug der Anstieg etwa 95 Prozent, bei den 80- bis 84-Jährigen sogar weit mehr als das Doppelte. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn die Daten erfassen nur ärztlich behandelten Alkoholmissbrauch“, erläutert Bernd Leonhardt vom KKH-Serviceteam in Göttingen. Die Dunkelziffer sei also weitaus höher.

Anstieg der Rauschzahlen bei Senioren zwischen 2007 und 2018. Quelle: R

Einer Studie des Robert Koch-Instituts zufolge legen in Deutschland mehr als 34 Prozent der Männer und rund 18 Prozent der Frauen zwischen 65 und 79 Jahren einen riskanten Alkoholkonsum an den Tag. Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele Senioren leben einsam und isoliert: Früher waren sie im Job unentbehrlich, heute fühlen sie sich als Rentner nicht mehr gebraucht. Der Partner istvielleicht schon gestorben, die Angehörigen leben weit entfernt, Freunde und enge Bekannte fehlen.

Das Tückische: Schädliches Trinkverhalten bei Senioren ist nicht leicht festzustellen. „Das Thema ist in Arztpraxen und beim Pflegepersonal oft nicht präsent“, erläutert Leonhardt, denn häufig werden Folgen von Alkoholproblemen mit Alterserscheinungen verwechselt. Schlafstörungen, Orientierungslosigkeit, undeutliches Sprechen oder Nachlässigkeit bei der Hygiene können altersbedingt sein, aber auch auf einen zu hohen Alkoholkonsum hinweisen.

„Senioren müssen deutlich weniger Alkohol trinken als Jüngere, um die Gesundheit nicht zu gefährden“, betont Leonhardt. Derzeit gibt es laut Robert Koch-Institut in Deutschland für ältere Menschen aber keine genaue Richtlinie für einen risikoarmen Alkoholkonsum. Einige Experten empfehlen ab dem 65. Lebensjahr maximal zehn Gramm reinen Alkohols täglich für Männer und Frauen, also ein kleines Glas Bier (0,25 Liter) oder Wein (0,1 Liter). Zwei Tage pro Woche sollten ganz alkoholfrei sein.

Von Peter Krüger-Lenz

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