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Thema des Tages Schüler im Zeitalter von Fake News
Thema Specials Thema des Tages Schüler im Zeitalter von Fake News
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20:30 21.02.2017
Frauke Heiligenstadt im Gespräch mit Tageblatt-Redakteur Ullrich Schubert.
Frauke Heiligenstadt im Gespräch mit Tageblatt-Redakteur Ullrich Schubert. Quelle: Wenzel
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Göttingen

Sie beantwortete die Fragen von  Christoph Oppermann (Stellvertretender Chefredakteur), Ullrich Schubert (Tageblatt-Redakteur) und dem fachkundigen Publikum. Die Ministerin sprach sich unter anderem für eine Zweckverbands-Lösung bei den Schüler-Anmeldungen und für weniger Verwaltungsaufgaben an kleinen Schulen aus.

Schüler im Zeitalter von Fake News

Zu Beginn des Townhall-Talks schockte Moderator Ulrich Schubert Kultusministerin Frauke Heiligenstadt mit einer Negativ-Information: In einem europaweiten Ranking hätten die niedersächsischen Lehrer grottenschlecht abgeschnitten. In den sozialen Netzwerken koche das Thema derzeit hoch.

Als Heiligenstadt die Stirn runzelte, löste Schubert das Rätsel schnell auf: Alles nur erfunden. Die Frage dahinter: Wie macht man Schüler im Zeitalter von Fake News und Twitter-Tiraden im Bereich der Medienkompetenz fit?

Die Bewertung von Informationen, eine seriöse Recherche und Quellenkritik seien schon immer Themen des Unterrichts in unterschiedlichen Fächern gewesen, antwortete Heiligenstadt. Die Ministerin räumte aber ein, dass das Thema mit den sozialen Medien eine andere Dynamik bekommen habe – und setzte dabei vor den Begriff "soziale Medien" ein "sogenannte". Häufig seien die nämlich gar nicht so sozial.

Heiligenstadt verwies darauf, dass das Thema Medienbildung mittlerweile in der Lehrerausbildung verankert sei. Das Konzept der Landesregierung "Medienkompetenz in Niedersachsen – Ziellinie 2020" sehe eine Reihe von weiteren Maßnahmen vor.

Wo es sinnvoll sei, würden Smartphones oder I-Pads schon jetzt im Unterricht eingesetzt, erklärten die beiden Schulleiter Wolfgang Schimpf (Max-Planck-Gymnasium Göttingen) und Jens Haepe (Carl-Friedrich-Gauß-Schule Groß Schneen). Ansonsten müssten Smartphones jedoch ausbleiben, da sie auch eine Quelle der Ablenkung seien, sagte Schimpf. Der Einsatz neuer Medien stehe und falle mit dem Engagement der Lehrer, fügte Haepe hinzu. Es sei jedoch schwierig, fachlich ausgebildete Informatik-Lehrer zu finden. Die Ministerin verwies darauf, dass es viele Fortbildungen und auch die Möglichkeit eines berufsbegleitenden Aufbau-Studiums gebe. Der Forderung nach Informatik als Pflichtfach erteilte sie allerdings ein Absage. Digitales Lernen sei vielmehr in allen Fächern notwendig.

Von Jörn Barke

"Extrem hoher Bedarf" aber nicht genügend Sonderpädagogen: Land investiert jährlich 30 Millionen Euro für Inklusion an Schulen

Inklusion, damit sei man in Schule und Bildung schon weiter als in anderen Teilen der Gesellschaft, erklärte Niedersachsens Bildungsministein Frauke Heiligenstadt (SPD). Rund 29000 Lehrkräfte hätten sich Fortbildungen  unterzogen, binnen fünf Jahren habe man 400 Sonderpädagogen ausgebildet und auch die Zahl der Studienplätze von 200 auf 400 erhöht. "Die Landesregierung  investiert von 2013 bis 2019 rund 1,7 Milliarden Euro in die Inklusion", so die Ministerin. Dennoch, so räumte sie ein, verfüge man über zu wenige Sonderpädagogen.

Schulleiter Jens Haepe kritisierte, dass die Verantwortung für die Kinder mit Sonderbedarf auf Lehrer abgewälzt werde, die dafür gar nicht ausgebildet sind. "Die Kollegen kommen an ihre Grenzen." An seiner Schule komme es vor, dass der Rettungsdienst gerufen werden müsse, um Schüler in die Psychiatrie zu bringen. "Und Sie glauben, dass Lehrer diesen Kindern helfen können? Das ist in der Realität nicht umsetzbar". Heiligenstadt wies darauf hin, dass die Mittel bereits "massiv aufgestockt" wurde. Jährlich stünden 30 Millionen Euro bereit. Aber: "Wir haben einen extrem hohen Bedarf an Sonderpädagogen aber nicht genügend Sonderpädagogen."

Ein Zuhörer erklärte, dass 153 Inklusions-Kinder an Grundschulen, 143 an Gesamtschulen aber nur neun an den fünf Göttinger Gymnasien unterrichtet werden. "Welche Möglichkeit hat das Ministerium, auf die Gymnasien einzuwirken?" wollte er wissen.

Die Ministerin forderte insgesamt aber auch an Gymnasien eine "Haltungsveränderung". Dass Eltern von Inklusionskindern an Gymnasien immer noch "weg-beraten" statt wirklich beraten werden, "ist nicht im Sinne der Landesregierung".

Elf Beratungszentren für Inklusion hat das Land ausgewiesen, "warum keines in Südniedersachsen?", wollte Schubert wissen. Heiligenstadt verwies darauf, dass weitere Zentren gegründet werden und in fünf Jahren jeder Landkreis über eines verfüge. "Auch Göttingen hat daran Interesse", sagt sie.

Zuhörer Werner Tönsman fragte danach, wie es denn mit  Schulleitungen an Grundschule aussehe, die seien ja zum Teil vakant. "Ja, 140 von 1800 Grundschulen sind ohne Leitung", räumte sie ein. Es sei an kleinen Schulen schwierig, diese Stellen zu besetzten. Die Rahmenbedingungen habe man bereits verbessert, beispielsweise kleine Leitungsfreistellungen erreicht. Noch in dieser Woche werde darüber beraten, kleine Schulen von Verwaltungsaufgaben zu befreien. Den Einwand  von Moderator Ulrich Schubert, dass bessere Bezahlung hilfreich wäre, ließ sie nicht gelten - das zeige die Praxis in anderen Bundesländern. 

Von Britta Bielefeld

Löst ein Zweckverband alle Probleme im Schulstreit?

Im Streit um Schülerströme und Anmeldeverfahren an den Gesamtschulen in Stadt und Landkreis Göttingen sicherte Kultusministerin Frauke Heiligenstadt eine schnelle Einigung zu. Dabei brachte sie als einen Lösungsweg einen Zweckverband ins Spiel.

Signale aus dem Kultusministerium, dass die Göttinger Gesamtschulen künftig vorrangig Stadtschüler aufnehmen müssen, hatten zuletzt Eltern, Schulleiter und Schuldezernenten in der Region aufgeschreckt. Auch ein Geschwisterbonus soll es nicht mehr geben. Die Rechtslage sei kompliziert, „ganz einfach“ wäre es aber, wenn Stadt und Kreis einen Zweckverband gründen würden, so Heiligenstadt.

Niedersachsens Bildungsministerin Frauke Heiligenstadt ist am Montag Abend zu Gast in der Tageblatt-Townhall. Sie spricht über Medienkompetenz, Integration und die Göttinger Schullandschaft.

Ein Zweckverband ist ein Zusammenschluss von Städte, Kreise oder Gemeinden, der eine bestimmte öffentliche Aufgabe übernimmt – zum Beispiel die Wasserversorgung. Er unterliegt strengen Vorgaben. Es muss eine Satzung geben, eine Verbandsversammlung mit Delegierten der Mitglieder und Geschäftsführer. Im aktuellen Fall könnte ein Zweckverband neuer Träger der drei Göttinger Gesamtschulen und der IGS Bovenden sein und alle Anmeldemodalitäten regeln.

Dann hätte die Politik aber weniger Einfluss auf die Schulentwicklung und Organisation, fürchtet Göttingens Schuldezernent Siegfried Lieske - „das ist undemokratisch“. Für diese Sorge hat Kreisschuldezernent Marcel Riethig „Verständnis“ und betont: „Wir lassen uns in der Schul-Partnerschaft nicht auseinanderdividieren.“ Hinzu komme, dass mit einem Zweckverband zwar das eine Problem gelöst werde, viele andere aber erst entstünden. 

Von Ullrich Schubert