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Thema des Tages 2200 Jahre alt und auf Reisen
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00:16 31.01.2017
Von Britta Bielefeld
Die zweite Mumie wird von Birkhofer, Klocke und Großkopf transportfertig gemacht Quelle: HW
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Göttingen

"Deckel des Sarkophags aus Sykomorenholz einer weiblichen Mumie. Sammlung Blumenbach, Geschenk des Königs von Dänemark": So steht es handschriftlich auf einem Zettel in der Biedermeier-Vitrine. Darin liegt eine der beiden Mumien. Reich und bunt verziert, gebettet auf Stoff. "Wir gehen davon aus , dass es eine weibliche Mumie ist, letzte Gewissheit soll die Untersuchung bringen", sagt Dr. Birgit Großkopf vom Institut. Restaurator und "Mumientransporteur" Jens Klocke soll die beiden Göttinger Mumien nach Hildesheim - zunächst ins Römer-Pelizaeus -Museum bringen. In Kooperation mit dem Museum werden sie dann im St-Bernward-Krankenhaus in einem Computertomographien (CT) geröngt. Auch eine DNA-Analyse ist geplant.

Johann Friedrich Blumenbach wurde  1752 in Gotha geboren. Seit 1772 studierte er an der  Universität Göttingen wo er 1776  Professor der Medizin und Inspektor der Naturaliensammlung wurde. Fast 60 Jahre lang  hielt er seine  Vorlesungen über Naturgeschichte,  vergleichende Anatomie,  Physiologie und Geschichte der Medizin. Er trat 1835 in den Ruhestand und starb 1840. Seine Grab liegt auf dem  Albani-Friedhof.

Zunächst aber müssen die beiden Körper aus der ptolemäischen Zeit möglichst schonend dorthin transportiert werden. Klocke, Helfer Joachim Birkhofer und Großkopf nehmen vorsichtig den Deckel der Vitrine ab. Klocke prüft hier und dort und professionellen Handgriffen die Stabilität des Körpers. "Wir müssen sie in Schulterhöhe anfassen", sagt er. Die Platte, auf der "Af 401" liegt, bleibt in Göttingen. Sie wäre zu breit für das CT. "Af steht für Afrika", sagt Großkopf, die Signatur stamme von Blumenbach. Frau Af 401  trägt blau-goldene Sohlen, hat aber keine Füße mehr. "Ein weit verbreiteter Schaden bei Mumien", sagt Fachmann Klocke. Auf den vielen Transporten in vergangenen Jahrhunderten, da blieben Füße schon mal auf der Strecke. Was Großkopf unter anderem Interessiert: Auch die Knochen im Oberkörper der Leiche seinen "gestört", das heißt, sie liegen nicht mehr dort, wo sie liegen sollten. "Bislang wurde das nicht mit modernen wissenschaftlichen Methoden untersucht", sagt die Anthropologin.

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Mumien aus der Blumenbachschen Sammlung

Mumie Nummer zwei wirkt noch filigraner - beide Körper sind deutlich kleiner als 1,60 Meter. Sie ist aber weit weniger verziert. Die "Kartonagen", die beide Mumien tragen, seinen aus Papyrus oder Leinwand gefertigt, erklärt Klocke. "Sie sind wenig persönlich, wurden in Werkstätten auf Formenkernen gefertigt und dann den Leichen angepasst", sagt der Fachmann. Die Mumie trägt eine Kartonage auf der Brust, die vermutlich ein Symbol für den Gott Isis zeigt. Auch oberhalb der Füße -  diese Mumie hat "sehr schöne Füße" -  ragt eine Kartonage aus den Binden. Ihre Bedeutung gibt den Fachleuten Rätsel auf, die ebenfalls bei der Untersuchung geklärt werden sollen.

Etwa eineinhalb Stunden dauert es, bis beide Mumien ist speziellen Transportkisten liegen, komfortabel gebettet auf Schaumgummi, Luftpolsterfolie und Tüchern. Statt mit Schiff und Pferdekarren, reisen die beiden heute im Kleintransporter.

Blumenbach und die Mumien

Unter Blumenbachs umfassenden Schriften gibt es auch die "Abhandlung über die Mumien". Das Dokument ist vom Göttinger Projekt Blumenbach-online digitalisiert worden. In der Abhandlung erwähnt der Wissenschaftler auch, wie er zu den Mumien kam: Denn einige  Veröffentlichungen ... " haben gleich darauf dem academischen Museum das königliche Geschenk einer ganzen Mumie aus Copenhagen verschafft, die ich der Absicht gemäss, wozu sie geschenkt worden war, zur näheren Untersuchung öffnen musste".

Das seitliche Loch im Kopf der Mumie, das die Untersuchung hinterließ, ist nicht zu übersehen. Großkopf ist dennoch froh über den Erhaltungszustand ihrer  beiden Göttinger Mumien, denn Blumenbach hat später in London Mumien untersucht, und sie zu diesem Zweck auch ausgewickelt:

"... Über zehn Jahre nachher, bey meinem Aufenthalte in London, haben mehrere dasige berühmte Gelehrte, besonders aber die Vorsteher des Britischen Museums, mir ... Gelegenheit gegeben, nicht weniger denn sechs Mumien öffnen, und theils zerlegen zu können", schreibt er. 

Auch die Herkunft der zweiten Göttinger Mumie beschreibt er:  "Dass ich aber nun vom neuen wieder an diesen naturhistorisch- antiquarischen Gegenstand gerathen bin, und.... das verdanke ich der Gnade Seiner Durchlaucht des regierenden Herrn Herzogs zu Sachsen Gotha und seines Herrn Bruders, des Prinzen Friedrichs Durchl., die mich vor kurzen mit einer ausnehmend wohlerhaltenen, noch in ihrem Sarcophag befindlichen Mumie aus dem Privatnachlass ihres hochseligen Herrn Vaters beschenkt, und dadurch zugleich die Einzige bisherige bedeutende Lücke in meiner anthropologischen Sammlung von Schedeln und theils ganzen Skeleten und Mumien u.s.w. auf das vollkommenste gefüllt haben."

Blumenbach räumt ein: "Wenn übrigens auch diese Sexualbestimmung bey einer oder anderen von den in Sarcophagen nach Europa gebrachten Mumien nicht zutreffen sollte, so wird das Niemand wundern, der wenigstens aus Maillet weiss, wie manche Verwechselung der nicht zusammen gehörigen Mumien und Sarcophage von den dortigen Arabern vorgenommen wird."

Auch eine Erklärung für die "Störung" der Knochen von Mumie Af 401,  die nun erforcht werden soll,  hat Blumenbach: "Bey der Bereitung dieser mit Harz ganz durchzogenen und verhärteten Mumien, müssen die Leichenbeschicker mitunter gar unsanft und derb umgesprungen seyn, weil  man so häufig zerbrochene Rippenstücken, ausgebrochene Wirbel u. dergl. in der Harzmasse, in der Brusthöhle oder im  Unterleibe antrifft. Einer gewissen von Herodot erwähnten, ganz brutalen und empörenden Gewaltthätigkeit zu geschweigen, derentwegen in der Folge die Leichen schöner Frauenzimmer nicht eher, als bis sie schon in Verwesung zu gehen anfingen, den Händen der wegen Unenthaltsamkeit verdächtigen Leichenbeschicker anvertrauet wurden."