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Thema des Tages Erstes internationales Studentenwohnheim in Göttingen: So lief die Gründung
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07:36 28.11.2019
Olav und Erika Brennhovd unterwegs nach Osteuropa. Ihnen gelang es, einige Ostblock-Regierungen zu überzeugen, Studienaufenthalte in Göttingen zu erlauben. Aufnahme entstand vermutlich in den 1960er-Jahren. Quelle: Städtisches Museum Göttingen
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Göttingen

Eine alte Zigarrenschachtel und ein Zufallsfund sorgten dafür, dass über das Leben von Olav Brennhovd ein Buch geschrieben wurde, das sechs Jahre nach seinem Erscheinen in Norwegen nun auch als deutsche Ausgabe erschienen ist. Vorgestellt wurde es am wichtigsten Wirkungsort des Norwegers Brennhovd – im Fridtjof-Nansen-Haus in Göttingen.

Ansichten des Fridtjof-Nansen-Hauses und die dortige Vorstellung des Buches „Hassen kann ich nicht“

„Voraussetzungslos miteinander leben“, so lautete das Ziel Brennhovds für das erste internationale Studentenwohnheim in Westdeutschland. Das hatte der Theologe aus Norwegen nach seinem Landsmann, dem Polarforscher und Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen (-1930) benannt. Sein Ziel schrieb der promovierte Theologe im Gründungsprogramm des Hauses am 15. Juni 1948 auf: Studenten aller Nationen zusammenzubringen, die in einem Haus gemeinsam leben können und die den bewussten Willen haben, alle Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten durch persönliche Gespräche und gemeinsames Leben zu überbrücken.

Manuskript im Stadtarchiv entdeckt

70 Jahre später entdeckte die ehemalige Leiterin des Stadtarchivs Göttingen, Dr. Helga-Maria Kühn, das Manuskript im Archiv. Sie befasste sich intensiver mit Brennhovd und dessen „hochaktuelle“ Aussagen. Den beschrieb sie bei der Vorstellung des Buches „Hassen kann ich nicht“ als unerschrocken, glaubensstark, kritisch und am Ende seines Lebens entmutigt.

Im großen Saal des als Fabrikanten-Villa erbauten Gebäudes vor prasselndem Kaminfeuer und fast 100 Gästen stellten Kühn und Rimhaug das Buch vor. „Hassen kann ich nicht“, lautet der Titel, der nach Ansicht seines Biografen die Hauptbotschaft seines Lebens ist.

Kühn, die die deutsche Ausgabe von „Hassen kann ich nicht“ herausgegeben und ergänzt hat, wählte Wesensmerkmale Brennhovds, um in fünf Kapiteln Passagen aus dem Buch zu lesen. So gliederte sie dramaturgisch gelungen Lebenslauf und Standpunkte des Widerstandskämpfers, politischen Gefangenen, Theologen und Menschenfreund.

Randnotizen im Neuen Testament

Für Erling Rimehaug war es eine Zigarrenschachtel im Nachlass seines Schwiegervaters Olav Brennhovd, die er eines Tages im Jahr 2012 genauer betrachtete. Der Inhalt war die Ausgabe des Neuen Testaments im Miniaturformat, das noch mehr zu bieten hatte: Randnotizen, die Brennhovd in den Jahren 1944 und 1945 machte, als er Gefangener der Nationalsozialisten war. Es geht um Heimweh, Haftbedingungen – und immer wieder Hinweise auf Hinrichtungen von Mitgefangenen.

Rimehaug, der als Journalist in Oslo den siebenwöchigen Prozess gegen den Attentäter von Utoya verfolgte, beschreibt Brennhovds detailliert und akribisch. Der Autor hat Brennhovds Leben erforscht mit Erfolgen und Brüchen, die die Hauptperson mit ihren Visionen, aber auch Unzulänglichkeiten darstellt. Rimehaus kommt aber zu dem nachvollziehbaren Schluss, dass Brennhovds Geschichte eine ist „von Ereignissen, die sich wiederholen können, von Dingen die dabei sind, ein Teil unserer Gegenwart zu werden. Wieder bringen die Propheten des Hasses Menschen dazu, ihnen zuzuhören.“

Seelsorger von Kriegsgefangenen

Auch deshalb, da sind sich Kühn und Rimehaug einig, ist es wichtig und soll wie ein Signal wirken, die Gedanken Brennhovds wieder aufzugreifen. „Wir sollten sein Credo für diese Stadt übernehmen“, meint Kühn. Die Historikerin weiß aber auch, dass Brennhovd schon bald nach dem zweiten Weltkrieg erkennen musste, dass die Haltung der Deutschen mehr auf Materialismus setzte als auf Aufarbeitung und Aufklärung der Zeit des Nationalsozialismus.

Darauf hatte Brennhovd gleich nach dem Krieg gesetzt. Hatte Norwegen verlassen, um als Seelsorger in Kriegsgefangenenlagern zu arbeiten. Er spricht mit deutschen Gefangenen, predigt vor ehemaligen SS-Männern. Dafür nimmt er auch in Kauf, seine eigene Haftzeit noch einmal zu durchleben.

Ein Ideal, keine Ideologie

Seine Nächstenliebe war so groß wie seine menschenfreundliche Beurteilung im Juli 1946: „Wir müssen uns erinnern, dass dies intelligente, des Denkens fähige Menschen sind, die alle eine Weltanschauung oder ein Ideal hatten, für das sie bereit waren, zu kämpfen und alles aufzugeben. Nun ist ihnen nichts mehr geblieben und sie suchen nach einem neuen Lebensfundament. Diese Menschen brauchen ein Ideal, keine neue Ideologie.“

Zwei Jahre später hat Brennhovd den Weg vor Augen, wie die Versöhnung und Verständigung der Völker erreicht werden kann, wie er zum Aufbau eines neuen und anderen Deutschland beitragen kann. Er bildet, anfangs mit 28 deutschen und acht ausländischen Studenten, später mit mehr als 100, in Göttingen „eine lebende Gemeinschaft von Studenten aus aller Welt, die den Mut haben, die aktuelle Weltsituation zu betrachten und sich diese ehrliche Frage zu stellen: Was kann ich als Einzelperson und gemeinsam mit anderen unternehmen, um neue Wege zu finden, sodass die Wahrheit wieder wahr werden kann und die Ansprüche meiner Mitmenschen an ihre Leben wieder als echt anerkannt werden können.“

Erling Rimehaug: „Hassen kann ich nicht“. Hogrefe Verlag. 175 Seiten, Fotos. 19,95 Euro.

„Das war eine Zeit, die mein Leben geprägt hat“

Thelma von Freymann war 1954 auf dem Weg nach Tübingen, um dort ihr Studium anzutreten. In Göttingen hatte sie keinen Platz bekommen im Fridtjof-Nansen-Haus. „Es war das erste internationale Studentenheim, das war sehr bekannt“, sagt Freymann (87). Wenn sie dort auch keinen Platz bekommen hatte, so wollte sie den dort lebenden Studenten „aus aller Herren Länder“ doch einen Besuch abstatten, entschied die junge Frau.

„Ich war also zu Besuch, erzählte von meiner abgelehnten Bewerbung und erfuhr, dass gerade ein Platz frei geworden war“, erinnert sich Freymann. Sie blieb gleich in Göttingen, um „Nanseatin“ zu werden, so nannten sich die Bewohner des Fridtjof-Nansen-Hauses, und um an der Universität Anglistik zu studieren.

Die Fachrichtung spielte keine Rolle

Etwa 120 Bewohner habe das Haus damals gehabt. Es ging nicht um die Fachrichtung der Studierenden, sondern um eine breite Internationalität der aus dem Ausland kommenden Hausbewohner, beschreibt Freymann das Konzept. Denn die Hälfte der Bewohner waren deutsche Studenten. „In jeden Zimmer lebten immer ein ausländischer und ein deutscher Student zusammen“, erzählt Freymann, die heute in der Nähe von Hildesheim lebt.

Im Fridtjof-Nansen-Haus habe man „querbeet“ Studenten aller Fachrichtungen kennengelernt und, noch wichtiger, viele Nationalitäten. „So begriff man, dass man mit den anderen auskommen konnte“, erklärt Freymann das Ziel des Zusammenlebens.

„Dass hier junge Menschen aus aller Herren Länder zusammenkamen, das war sensationell und hatte für die Deutschen hier im Haus eine große Bedeutung“, sagt Freymann, die später Redakteurin beim Schulbuchverlag Ernst Klett in Stuttgart war und ab 1975 Dozentin an der Universität Hildesheim bis zu ihrer Pensionierung 1995. Die drei Semester, die Freymann im Nansen-Haus mit anderen Studenten verbrachte, seien für sie und die anderen auch wichtig gewesen: „Für jeden hier waren die Zeit und die Kontakte prägend für das ganze Leben.“

Stimmung änderte sich

Als Lektorin übernahm Freymann die deutsche Bearbeitung des Buches „Hassen kann ich nicht“ von Olav Brennhovd. Zu diesem hatte Freymann über ihre Zeit im Nansen-Haus hinaus Kontakt. Als sehr fromm habe sie den Theologen und Pastor nicht wahrgenommen, erzählt die „Nanseatin“, aber sehr konsequent hinsichtlich seiner Ziele für die Völkerverständigung.

Aber wie Brennhovd nahm auch Freymann wahr, dass sich Mitte der fünfziger Jahre die Stimmung im Haus änderte: Brennhovds Gedanken der Völkerverständigung und -versöhnung „brannten den Neuen nicht mehr so unter den Nägeln“. Die waren, anders als die ersten Bewohner des Nansen-Hauses, nicht mehr direkt mit dem Krieg konfrontiert gewesen. „In den ersten Jahren waren auch ehemalige Kriegsteilnehmer unter den Studenten“, so Freymann. Deren Erlebnisse bestimmten die Diskussionen und sie waren bereit, Brennhovds Gedanken aufzunehmen. Brennhovd wollte, dass der Geist des Hauses weitergegeben wurde, so Freymann, aber das sei ihm mit den Jahren immer weniger gelungen.

Zur Person

Olav Brennhovd (1912-1977) leitete während des zweiten Weltkrieges in Norwegen eine Organisation, die Juden in das neutrale Schweden brachte. 1942 wurde er deshalb von den Nationalsozialisten verhaftet, von einem SS-Gericht zuerst zum Tode verurteilt, dann zu Zuchthaus begnadigt.

Nach Kriegsendekehrte Brennhovd für kurze Zeit zurück nach Norwegen. Er arbeitete für die Weltorganisation des Christlichen Vereins Junger Männer. Als dessen Mitarbeiter war er in Deutschland tätig. 1948 gründete er in Göttingen den Verein „Internationale Studentenfreunde“ und richtete in der von der Stadt Göttingen gemieteten Levinschen Villa das erste internationale Studentenwohnhein in West-Deutschland ein. Benannt wurde es nach dem Polarforscher und Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen (1861-1930).

Brennhovd wollte über das Zusammenleben von jungen Menschen verschiedener Nationalitäten die Versöhnung und Verständigung zwischen den Völkern nach Kriegsende voranbringen. Anfangs waren es westeuropäische Studierende, die kamen. Auf Initiative Brennhovds gelang es, dass ab 1958 auch Studenten aus Osteuropa nach Göttingen zum Studium kommen durften.

Bis 1970 leitete Brennhovd mit seiner Ehefrau Erika das Fridtjof-Nansen-Haus. Kritik am Konzept des Hauses und wirtschaftliche Probleme führten zum Ende des Studentenwohnheims. Brennhovd, der 1972 die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen erhielt, lebte zu dem Zeitpunkt mit seiner Familie in der Schweiz. Dort starb er 1977.

2019 wurde erstmals ein Stipendium von der Olav-Brennhovd-Stiftung in Göttingen vergeben. Abwechselnd soll es an Menschen zwischen 20 und 35 Jahren aus Süd- oder Sub-Sahara-Afrika vergeben werden.

Geschichte des Fridtjof-Nansen-Hauses

Im Jahr 1948 entschied der Rat der Stadt Göttingen, das sanierungsbedürftige Levinsche Haus an Brennhovds Verein Internationale Studentenfreunde zu vermieten. Die 1901 vom Göttinger Tuchmacher Ferdinand Levin und seiner Familie bezogene Villa mit dem charakterischen Turm hatte seit der Weltwirtschaftskrise verschiedene Nutzungen und kam nach Kriegseinde in den Besitz der Stadt.

Im Jahr 1953 wohnten 110 Menschen aus 20 Ländern in dem Gebäude, das nun von Brennhovds Verein genutzt wurde und in der Form bis 1972 existierte. Über die Jahre veränderte sich der Charakter und Aufbau des Fridtjof-Nansen-Hauses, das im Jahr 1973 vom Goethe-Institut bezogen wurden. Weiterhin wohnten junge Menschen aus aller Welt dort. 2018 zog das Goethe-Institut um in ein neues Domizil in Göttingen.

Im Juni 2018 stimmte der Rat der Stadt Göttingen für den Verkauf des Fridtjof-Nansen-Hauses an den Verlag Hogrefe. Dieser hat seine Zentrale seit 2011 im Haus Merkelstraße 3 auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das Fridtjof-Nansen-Haus ist nun ein weiteres Verlagsgebäude. Noch wird das Baudenkmal saniert.

Hogrefe Verlag

Der im Jahr 1949 gegründete Hogrefe Verlag in Göttingen ist spezialisiert auf Fachliteratur und Ratgeber auf dem Gebiet der Psychologie sowie Psychotherapie und Psychiatrie. 400 Mitarbeiter beschäftigt das Familienunternehmen an 16 Standorten weltweit.

Nach eigenen Angaben sind derzeit 2.500 Fach-, Sach- und Lehrbücher lieferbar, jährlich kommen etwa 200 Neuerscheinungen des Verlages hinzu. 41 Zeitschriften für Wissenschaft und Praxis decken alle Themenbereiche des Verlags ab.

Von Angela Brünjes

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