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Thema des Tages Ohne diese Helfer gäbe es in Göttingen keine Feuerzangenbowle
Thema Specials Thema des Tages Ohne diese Helfer gäbe es in Göttingen keine Feuerzangenbowle
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15:12 08.12.2019
Volles Haus: Allein die zweite Vorführung im Hörsaal 011 sehen mehr als 900 Zuschauer. Für einen glatten Ablauf des Kinoabends sorgen über 50 Helfer von Unikinos in ganz Deutschland. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

„Das Bild im 008 steht“ – ein kurzer Satz, und die ruhige Minute zwischendurch ist vorzeitig beendet. Wiebke Boelsen muss spontan Standort und Tätigkeit wechseln, zum wiederholten Mal an diesem Abend. Sie eilt in den besagten Hörsaal und dort zum Computer auf der Bühne – das Technikproblem muss schnell behoben sein. Denn die ersten Besucher sitzen schon im Saal, um in 15 Minuten die „Feuerzangenbowle“ zu sehen.

Wiebke ist Teil des dreiköpfigen „Orga-Teams“ des Unikinos in Göttingen, das am Abend der Nikolausparty im Zentralen Hörsaalgebäude (ZHG) der Universität acht Filmvorführungen in fünf Hörsälen auf die Beine stellt – inklusive Rahmenprogramm. Keine Viertelstunde zuvor hat Wiebke die Technik im Raum 008 noch überprüft, da funktionierte alles. „Wie das so ist mit der Technik...“, sagt sie und startet kurzerhand das Programm neu – Problem gelöst.

„Es wird funktionieren“

Zwei Stunden zuvor, um 16.30 Uhr, stehen über 50 Helfer von Unikinos in ganz Deutschland hinter dem Eingang des ZHG beim Blauen Turm und kommen nicht zu ihrer eigenen Veranstaltung. Die Security lässt sie nicht herein – noch sind Sprengstoffspürhunde im Gebäude unterwegs. Das sei vor Großveranstaltungen mittlerweile so üblich, sagt Wiebke. Jedenfalls hindert es die aus Bremen, Magdeburg oder Halle (Saale) angereisten Helfer daran, die Filmvorführungen vorzubereiten. Um 18 Uhr soll die „Feuerzangenbowle“ erstmals anlaufen.

Von außen betrachtet lassen sich die Mitglieder des Orga-Teams nicht beeindrucken. Anke Peters, Alex Masoldt und Wiebke Boelsen versuchen, die Zeit sinnvoll zu nutzen und machen erste Ansagen. Wiebke hat Erfahrung mit ungeplanten Verzögerungen. Die 26-jährige Forstwissenschaftlerin engagiert sich seit fünf Jahren beim Unikino. „Es wird funktionieren“, ist sie sicher: „Auch, wenn wir darauf jetzt keinen Einfluss haben.“ Tatsächlich: Um 17 Uhr schließlich dürfen die Helfer ins Gebäude – eine Stunde vor Beginn der ersten Vorführung. Jetzt kann der Abend beginnen.

„Tausende haben Spaß – dafür lohnt sich der Stress“

17.15 Uhr: Noch ist das ZHG bis auf Mitarbeiter und Security leer. Wiebke betritt mit einem halben Dutzend Helfern die „heiligen Hallen“ ihres Teams – so nennt sie den Projektorraum des Hörsaals 011. Zwischen Kartons, Kleiderbügeln und Einsatzplänen besprechen sich hier Orga-Team und Helfer, werden Säcke mit Lebkuchen befüllt und aus Studierenden werden Nikoläuse und Christkinder, die die Filmvorführungen eröffnen.

Drei von 50, ohne die es keine Feuerzangenbowle geben würde (v.l.): Max Brauer, Maximilian Riedel und Wiebke Boelsen vom Orga-Team. Quelle: Tammo Kohlwes

Jeder im Team ist im Laufe des Abends für verschiedene Aufgaben eingeteilt – doch niemand muss an so vielen Orten und in so verschiedenen Funktionen unterwegs sein wie Wiebke, Anke und Alex. Um 17.30 Uhr gibt Wiebke den Helfern im Saal letzte Hinweise: Was ist zu tun, wenn das Licht ausgeht? Was, wenn der Film stoppt? Was, wenn es einen Notfall gibt? Noch während sie alles erklärt, startet der Einlass – und die 26-Jährige wechselt schnell zum Saaleingang, um dabei zu helfen, Karten zu kontrollieren und Mitmachtüten für den Film auszugeben.

Ständig spricht Wiebke mit den Helfern, diskutiert Planänderungen, schickt Verstärkung dorthin, wo sie benötigt wird, stellt Kartons mit Lebkuchen um, spielt zwischendurch das Christkind im Hörsaal, überprüft die Technik, gibt Anweisungen. Warum macht sie sich diesen Stress? „Wir haben hier tausende Leute, die Spaß haben und den Kult genießen. Daran habe ich auch Spaß, und dafür lohnt sich der Stress.“

„Was mache ich hier eigentlich?“

Das Orga-Team könne sich auf seine Helfer verlassen, sagt Wiebke. Alle wüssten, was sie zu tun haben. Zwei von ihnen sind Max Brauer (24) und Maximilian Riedel (26), die sich um 20.15 Uhr im Projektorraum hinter dem Hörsaal 011 treffen. Sie werden als Nikolaus und Christkind die „Partyvorführung“ eröffnen, wie das Team die zweite Runde im größten der Hörsäle nennt. Über 900 Studierende werden dabei sein, die sich auf die zeitgleich im Foyer startende Party einstimmen wollen. „Vor so vielen Menschen bin ich noch nie aufgetreten“, sagt Max: „Aber vor zwei Kindern – und was ist schon der Unterschied zwischen zwei Kindern und 900 Partygängern?“

Die Luft im Raum ist abgestanden, weil die Tür immer geschlossen bleiben soll. Der zunehmende Lärm aus dem Saal dringt nur dumpf hinein. Nikolaus und Christkind legen ihre Verkleidungen an – oder zwängen sich hinein („Sehe ich in dem Fummel dick aus?“). Wie kommt es, dass ein bärtiger Mann mit Slayer-T-Shirt das Christkind spielt? „Ich habe den Fragebogen zu spät ausgefüllt“, gesteht Maximilian: „Wir wurden in erster Linie als Gäste eingeladen. Wir helfen alle freiwillig, und da blieb eben noch die Rolle als Christkind.“

Spontaner Tanz vor 900 Zuschauern, die Weihnachtslieder singen: Nikolaus Max Brauer mit seinen Helfern um Maximilian Riedel (r.). Quelle: Niklas Richter

Zwischendurch kommen Wiebke und Alex vorbei und basteln an den Einsatzplänen herum. Um 20.40 Uhr bekommen Max und Maximilian Verstärkung von einem weiteren Nikolaus und zwei Christkindern. Dann heißt es warten – denn erst um 21 Uhr eröffnet Wiebke die Vorführung, und zuerst betritt Ehrengast Dietrich Kleiner die Bühne. Nikoläuse und Weihnachtsmänner diskutieren währenddessen den Ablauf ihres Auftritts – und der wird zum Erfolg, inklusive La-Ola-Wellen und Weihnachtsliedern im Kanon, zu denen die Christkinder spontan Tänze aufführen.

„Man fragt sich: Was mache ich hier eigentlich?“, sagt Maximilian zurück im Projektorraum: „Aber man merkt dann schnell: Die Leute wollen mit dir interagieren, und es ist ihnen egal, was genau du machst.“ Dann müssen Nikolaus und Christkind weiter zu ihrem nächsten Einsatz – genau wie Wiebke, die längst wieder auf dem Weg zur nächsten Aufgabe ist. „Ein anstrengender Abend“, fasst sie die Nikolausparty für sich zusammen: „Aber auch ein guter Abend.“

Tausende feiern Nikolausparty

Noch während in den Hörsälen die „Feuerzangenbowle“ lief und die Zuschauer ihre ganz eigene Party feierten, startete im Foyer des Zentralen Hörsaalgebäudes die eigentliche Nikolausparty. Als Erste enterten Amplitude die große Bühne – gefolgt im Kontrastprogramm vom Göttinger Symphonie Orchester, das traditionell bei der Nikolausparty auftritt. Nach Mitternacht gab es für die Besucher Musik von Flooot und Jay-P auf die Ohren, während auf dem 90er-Jahre-Floor DJ Revo auflegte. Die Besucher konnten sich außerdem in einer Fotobox ablichten lassen, Tischkicker spielen und vieles mehr. Organisiert wurde die Nikolausparty von der Festfabrik des Tageblatts und der enjoy! Eventdirektion.

Die Göttinger Nikolausparty ist die größte ihrer Art in Deutschland. 1988 wurde erstmals die „Feuerzangenbowle“ in der Universität aufgeführt. Bis 2013 wuchs die Nikolausparty zum Großereignis heran, das in Spitzenzeiten über 10000 Besucher lockte. Nach einigen Jahren Pause kehrte die Nikolausparty 2018 zurück und erreichte direkt wieder über 8000 Menschen – eine Zahl, die die Organisatoren auch 2019 wieder zu erreichen hofften.

Von Tammo Kohlwes