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Thema des Tages Immer mehr Menschen landen auf der Straße
Thema Specials Thema des Tages Immer mehr Menschen landen auf der Straße
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00:22 13.09.2018
Fühlt sich topfit: Kuno Kunibert Alles (r. ) mit Mike Wacker, Abteilungsleiter der Diakonie-Straßensozialarbeit. Quelle: Mahnkopf
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Göttingen

„Die Zahl der Obdachlosen hat zugenommen“, meint Mike Wacker, der die Straßensozialarbeit (Straso) des Diakonieverbandes leitet und für den Anstieg eine Mischung aus persönlichen und gesellschaftlichen Problemen ausmacht: „Immer mehr Menschen werden vom System abgehängt.“ Zahl psychischer Erkrankungen steige, die betroffener Frauen auch. Oft handele es sich dabei um verdeckte Wohnungslosigkeit.

1000 sind von Wohnungslosigkeit in Göttingen bedroht

Die 1983 am Jacobi-Kirchhof gestartete und seit 2015 in der Tilsiter Straße 2a angesiedelte Straso unterstützt auch von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen in prekären Wohnverhältnissen und sozialen Brennpunkten. Wacker geht von bis zu 1000 Betroffenen in Göttingen aus. Der Mangel an bezahlbaren Sozialwohnungen mache sich immer mehr bemerkbar – trotz hoher Vermittlungsquote, ergänzt Straso-Wohnraumvermittler Gerd-Rüdiger Reich. Jeder Vorstoß für mehr Sozialwohnungen sei unterstützenswert. Viele Vermieter hätten Vorurteile gegenüber dem schwer vermittelbaren Klientel, hinzu komme der Konkurrenzdruck durch Studenten.

Tagestreff und Mittagstisch, Beratung und Kleiderkammer

Zu den Angeboten der Straso gehören persönliche Beratung, Unterstützung beim Umgang mit Behörden, aufsuchende Streetwork-Arbeit, hygienische Basis- und medizinische Notfallversorgung, Kleiderkammer, Lebensmittelspenden, Tagestreff und Mittagstisch, die laut Wacker täglich von rund 30 Menschen genutzt werden. Ehrenamtliche Helfer unterstützen die Arbeit der Straso. Ein pensionierter Arzt für die zum Teil nicht krankenversicherten Klienten ist ebenso mit an Bord wie ein Sozial- und ein Strafrechtsanwalt. Ein Schneider flickt Kleidung, Helfer gibt es auch für Fahrdienste und bei der Küchenarbeit.

Probleme mit der Straso-Anlaufstelle in der Wohngegend um die Tilsiter Straße gebe es nicht, sagt Wacker. Anfängliche Bedenken hätten sich zerstreut: „Wir sind in der Nachbarschaft akzeptiert.“ Zunehmende Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft kann Wacker für Göttingen nicht bestätigen. Es sei aber eine gewisse Verrohung zu spüren, auch hier würden in Einzelfällen Obdachlose tätlich angegangen.

 Zahl der Wohnungslosen steigt

13 obdachlose Männer und ebensoviele Frauen sind momentan bei der Stadt Göttingen registriert. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs.

Mehr als 100 Menschen haben eine Erreichbarkeitsadresse allein bei der Straßensozialarbeit (Straso) des Diakonieverbandes. Hilfsangebote für Wohnungslose gibt es in Göttingen nicht nur von Wohlfahrtsverbänden. Zu den weiteren Anlaufstellen im Stadtgebiet gehören die Heilsarmee, der Mittagstisch von St. Michael, die Göttinger Tafel und ein Förderverein. Für die Unterbringung (unfreiwilliger) Obdachloser sind die Kommunen zuständig.

Stadt Göttingen hält Notunterkünfte vor

Notunterkünfte gibt es auch in ländlichen Gemeinden. Dort spielen sie aber nur eine Nebenrolle und werden selten in Anspruch genommen, das Problem konzentriert sich auf größere Städte.

In der Stadt Göttingen habe sich die Zahl Wohnungsloser erhöht, berichtet Verwaltungssprecher Dominik Kymion. In den Vorjahren seien es durchschnittlich bis zu acht Männer und drei Frauen gewesen, Kinder nie dabei gewesen. Zurzeit seien auch drei Frauen mit Kindern betroffen.

Als Notunterkunft gebe es stets eine Wohnung für Frauen und eine für Männer, über die auch die Polizei zum Beispiel an Wochenenden verfügen könne, ansonsten gibt es städtische Unterkünfte unter anderem im Rosenwinkel, Maschmühlenweg, Europa-Allee und Hannah-Vogt-Straße.

Für Frauen ist das harte Leben auf der Straße besonders gefährlich. Ihnen drohen auch sexuelle Übergriffe. Am Heiligabend 2007 wurde in Göttingen eine als "James" bekannte Obdachlose von einem Psychiatriepatienten erstickt, der sich an ihr vergehen wollte. Ein Holzkreuz an der Theaterstraße erinnert an die aus dem Eichsfeld stammende Frau. Quelle: Mischke

 

Pilger statt Penner

Gezwirbelter Kinnzopf, gepflegtes Äußeres, selbstbewusstes Auftreten. Kunibert Kuno Alles – der Mann heißt tatsächlich so – entspricht nicht gerade dem Klischeebild eines Obachlosen. Seit vier Monaten hält sich der 51-Jährige in Göttingen auf. Auf dem Weserradweg habe ihn ein Fuchs gebissen, eine Tollwutimpfung ihn nach Göttingen verschlagen, erzählt Alles. Über die Straßensozialarbeit hat er ein Zimmer mit befristetem Mietvertrag bekommen. In zwei Monaten will er weiterziehen, auf dem Donau-Radweg in die Türkei wandern. Für das Leben auf der Straße und auf Achse hat er sich bewusst entschieden: „Ich bin für Wohnungen und den ganzen Quatsch nicht geschaffen.“

„Ich bin für Wohnungen und den ganzen Quatsch nicht geschaffen“: Kunibert Kuno Alles. Quelle: Mahnkopf

Aufgewachsen ist Alles im Saarland in stabilen Familienverhältnissen. „Meine Mutter war französische Sintiza, mein Vater alter deutscher Adel, ich hatte eine geile Kindheit.“ Nach der Hauptschule habe er nach persönlichen Schicksalsschlägen eine Ausbildung abgebrochen, war unter anderem bei einem Sicherheitsdienst und als Möbelrestaurator tätig. Bis 1989 sei er sesshaft gewesen, sagt Alles. Er habe zwar Alkohol- und Drogenprobleme gehabt, räumt der vital wirkende Saarländer ein, den Boden unter den Füßen verloren habe er aber durch die Grenzöffnung – ohne das zu präzisieren.

„Besser Blasen als kaputte Knie.“

Mit Kumpeln habe er zunächst in Fulda unter der Brücke gelebt. „Ich hatte nichts anzubinden, war nie verheiratet, habe keine Kinder und wollte einfach nur aussteigen“, sprudelt es auch ihm heraus. Bewusst und „aus spirituellen Gründen“ habe er sich dann für die Pilgerei entschieden, um sein Leben zu ändern. Seit 27 Jahren ist Alles mit Stab, Kutte und Hund auf allen europäischen Pilgerpfaden unterwegs, hat den gesamten Jakobsweg beschritten, war in Rom, Bari, Lourdes und Fatima. „Pilgern ist für mich Beten mit Füßen“, sagt der 51-Jährige: „Besser Blasen als kaputte Knie.“

An seiner Weste prangt eine Jakobsmuschel, an seiner Halskette hängt neben einer Hasenpfote als Schutzamulett ein Schlüssel aus Rom. Die Türen zum Vatikan bleiben ihm dennoch verschlossen. „Dort habe ich Hausverbot“, plaudert der unorthodoxe Pilger. Nachdem er am Obelisken auf dem Petersplatz Brot gebrochen und sich Wein eingeschenkt habe, sei er wegen seines Wunsches nach einer Sonderbehandlung mit der Schweizer Garde aneinandergeraten. Auf diese Anekdote ist er ebenso stolz wie auf seinen Gesundheitszustand. Trotz Herzinfarkten fühlt er sich topfit: „Ich habe Energie, von der andere nur träumen können.“

13 obdachlose Männer und ebensoviele Frauen sind momentan bei der Stadt Göttingen registriert. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Quelle: dpa

 

W. hat das Leben auf der Straße satt

Ein ganz anderes Kaliber als Kuno Alles ist W. (Name ist der Redaktion bekannt). Von „On the road“-Romantik ist bei dem 49-Jährigen nichts zu spüren. Platte gemacht hat er stets nur notgedrungen, mit Hilfe der Straßensozialarbeit (Straso) den Absprung geschafft, nach langer Suche eine Bleibe in einem Dorf südlich von Göttingen gefunden.

„Ich habe das Straßenleben satt“, sagt W., der seit dreieinhalb Jahren bei der Straso Küchen- und Hausmeistertätigkeiten ausübt. Auch Alkohol ist seitdem tabu für ihn. Der hat ihn immer wieder aus der Lebensbahn geworfen, die von vornherein dornig war.

Ausbruch aus dem „Spießerleben“

Im Alter von drei Monaten ist der gebürtige Stuttgarter nach dem Tod seines Vaters ins Heim gekommen, hat verschiedene Einrichtungen und Pflegefamilien durchlaufen. Realschulabschluss und Ausbildung zum Kfz-Mechaniker haben ihn nicht daran hindern können, „aus dem Spießerleben auszubrechen“.

Bereits als junger Mann hat W. auf der Straße gelebt, ist durch Kleinkriminalität immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. W. hat sich in süddeutschen Städten durchgeschnorrt, von Tagesgeld gelebt. Versuche, in Wien, Heidenheim und München wieder im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen, seien gescheitert, berichtet W. Der Teufelskreis aus Arbeits- und Wohnungslosigkeit hat ihn stets eingeholt.

Kritik an sich selbst

Bei allem Verdruss über die zermürbende und vergebliche Suche nach einem Job und einer Bleibe, Wohnraummangel und Mieterhöhungen, nimmt sich W. auch selbst in die Kritik: „Wenn es mir zu gut ging, habe ich leider vieles kaputtgemacht. Und wenn ich wieder auf der Straße war, habe ich alles schleifen lassen.“

Fast immer hat W. als treuer Weggefährte ein Hund Trost gespendet, aber auch die Wohnungssuche erschwert. „Hunde sind alles für mich“, sagt der hagere Wahl-Göttinger, dem seit 2007 sein Labrador-Schäferhundmischling „Chipsy“ zur Seite steht. Tierfutter-Ausgabestellen und Tierärzte, die auf Bezahlung verzichteten, hätten die Hundehaltung ermöglicht, eine größere Operation sei glücklicherweise nie nötig gewesen. Einen seiner schlimmsten Momente erlebte W., als einer seiner Hunde von einem Bus überfahren wurde. Durch einen Hund an seiner Seite habe er sich auch sicherer gefühlt, sagt W. Die Zahl gewalttätiger Übergriffe auf Obdachlose in Deutschland hat sich in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdoppelt. W. ist davon verschont geblieben: „Es gab zwar mal Stress mit anderen Berbern, ich bin aber nie attackiert oder überfallen worden.“

Von Kuno Mahnkopf

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