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Thema des Tages Ortsheimatpfleger sammelt mehr als 600 Sterbebilder
Thema Specials Thema des Tages Ortsheimatpfleger sammelt mehr als 600 Sterbebilder
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00:19 22.11.2017
Ortsheimatpfleger Josef Engelke hat in seinem Heimatort 600 sogenannte Sterbebilder zusammengetragen. Das sind Bildkarten, auf denen der Tod eines ­Menschen mitgeteilt wird. Über solche Karten und deren Entwicklung sind dicke Bücher veröffentlicht. Quelle: Christina Hinzmann
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Nesselröden

„Während eines Südtirol-Urlaubs fielen mir in der Kirche Zettel auf, mit denen Angehörige an gestorbene Verwandte erinnerten“, erzählt der Ortsheimatpfleger. Das habe ihn auf die Idee gebracht, die im Eichsfeld weit verbreiteten Sterbebilder zu sammeln. „Hinterbliebene verteilen oder verschicken die Karten nach dem Begräbnis als Dank für die Anteilnahme“, berichtet Engelke. Der Empfänger lege die Bilder in sein Gesangbuch, um sich an die Toten zu erinnern und für sie – etwa vor dem Gottesdienst – zu beten.

„Katholiken glauben, dass ein Christ nach dem Tod nicht automatisch in den Himmel kommt“, erläutert Ulrike Neurath, die Kustodin des Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Nach traditionellem katholischem Glauben verbringe die Seele zunächst eine Zeit der Läuterung im Fegefeuer. Angehörige und Freunde könnten durch Gebete diese Zeit verkürzen. Damit möglichst viele das täten, würden die Sterbebilder verteilt. Lutheraner verwendeten solche Karten nicht, da gemäß ihrer Überzeugung Gläubige gleich nach dem Tod ins Paradies gelangen.

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Eine im Untereichsfeld einzigartige Sammlung mit mehr als 600 Sterbebilder hat Nesselrödens Ortsheimatpfleger Josef Engelke zusammengetragen. Katholiken verteilen solche mit Andachtsbild, Gebet und biographischen Angaben versehene Karten nach Todesfällen.

„Der Geburtstag im Himmel“

„Die Bitte, für das Seelenheil der Toten zu beten, findet sich auf heutigen Sterbebildern kaum noch“, stellt Engelke dazu fest. Für Duderstadts Propst Bernd Galluschke ist der Sterbetag „der Geburtstag im Himmel“. Die Karten seien ein „schönes Zeichen der Erinnerung und der Dankbarkeit“, das „gegen das Vergessen“ gesetzt werde, sagt er. Und: „Ich hoffe, dass diese Tradition noch sehr lange anhält.“ Bis heute gebe es bei fast jeder Beerdigung Sterbebilder.

Nach Beobachtung von Engelke, der auch aktuelle Karten sammelt, ist das in Nesselröden nur noch bei weniger als der Hälfte der Beisetzungen der Fall. Der Brauch komme aus der Mode. Viele Katholiken besäßen heute – im Gegensatz zu früher – kein eigenes Gesangbuch mehr. Sie nutzten die in der Kirche ausliegenden Exemplare. Sie wüssten daher nicht wohin mit den Sterbebildern.

Die älteste Karte, die der Ortsheimatpfleger in seiner Sammlung hat, stammt aus dem Jahr 1898. Sie erinnert an den aus Nesselröden stammenden Kaplan Eduard Dreyling, der jahrzehntelang im damals deutschen, heute belgischen Eupen arbeitete. Viele Sterbebilder hat Engelke aus der Zeit der beiden Weltkriege, als junge Nesselröder an der Front starben. Da gibt es etwa die Brüder Heinrich und Augustin Huch. Der eine fiel 1914 in Russland, der andere 1918 in Frankreich. Die Eltern wahrten das Gedenken mit einem Doppelbild.

Brauch im 19. Jahrhundert weit verbreitet

Sterbebilder sind kleinformatige, oft gefaltete Zettel mit Lebensdaten eines Menschen. In katholischen Regionen werden sie bei Beerdigungen an Trauergäste verteilt. „Im Eichsfeld liegen sie meistens zum Mitnehmen in einem Korb neben dem Kondolenzbuch“, berichtet Nesselrödens Ortsheimatpfleger Josef Engelke.

Der älteste erhaltene Totenzettel, wie Sterbebilder laut Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia auch heißen, entstand 1663 in Köln. Weite Verbreitung fand der Brauch allerdings erst im 19. Jahrhundert. Engelke sieht einen Zusammenhang mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die in katholischen Regionen deutlich später erfolgte als in evangelisch geprägten Gebieten.

Anfangs standen die Informationen zum Toten auf der Rückseite von Heiligen- oder Andachtsbildern. „Die Gläubigen riefen die Heiligen um Beistand für das Seelenheit der Toten an“, erläutert Ulrike Neurath, die Kustodin des Kasseler Museums für Sepulkralkultur. Nach 1860 setzten sich Karten mit schwarzem Trauerrand durch. Seit 1885 finden sich Fotos der Person auf dem Zettel. Das wurde während des Ersten Weltkriegs als der zahlreichen Gefallenen zu gedenken war, gängige Praxis.

Die biografischen Angaben verknappten sich im Laufe der Jahrzehnte auf wenige Daten. „Heute stehen dort oft nur noch das Geburts- und Sterbedatum“, berichtet Ortsheimatpfleger Engelke. Er beobachtet zudem eine zunehmende Vereinheitlichung der Sterbebilder, die einander immer stärker ähnelten. Auch eine Säkularisierung lasse sich feststellen. Religiöse Botschaften – Gebete oder Bibelverse – fehlten nun häufiger. Zudem träten an die Stelle von Kreuzigungsszenen oder Bildern der leidenden Gottesmutter stimmungsvolle Bildmotive wie Sonnenuntergänge.

Christus-König-Kreuz gestiftet

Auch die Karte, die an den Tod von Bernward Leineweber im Jahr 1927 erinnert, findet sich in der Sammlung. Der gebürtige Nesseröder, der als Unternehmer in Berlin zu Wohlstand kam, hat das 1926 eingeweihte, monumentale Christus-König-Kreuz auf dem 285 Meter hohen Euzenberg bei Duderstadt gestiftet. Engelke, der früher als Technikmeister in einem Max-Planck-Institut tätig war, hat alle Sterbebilder eingescannt und in einer Datenbank erfasst.

Sterbebilder sind aufgrund ihrer zum Teil recht umfangreichen biografischen Angaben für Historiker eine interessante Quelle“, berichtet Duderstadts Stadtarchivar Hans-Reinhard Fricke. Je mehr Karten für einen Ort vorlägen, je geschlossener also die Sammlung sei, um so spannender seien die Sterbebilder für Geschichtswissenschaftler. Er sei bei seinen Recherchen zur Chronik von Bilshausen auf eine Sammlung von Sterbebildern gestoßen. Friedrich Rudolph, der von 1934 bis 1958 in Bilshausen Pfarrer gewesen sei, habe die Karten von Gefallenen im Zweiten Weltkrieg seiner handgeschriebenen Pfarrchronik beigefügt. Sie befinde sich heute in der Duderstädter Außenstelle des Bistumsarchivs, die von Renate Schopferer geleitet werde. Heinrich Ertmer habe die Bilder 2001 bei der Zusammenstellung eines Gedenkbuchs an Bilshäuser Kriegsopfer verwendet.

Eine große Sammlung solcher Bildchen besitzt, nach Wissen des Propstes, der heute in Erfurt lebende Augustinerpater Jakob Olschewski. Er sei früher Pfarrer von Gieboldehausen gewesen.

Von Michael Caspar

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