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Thema des Tages Ottobock hilft US-Soldaten
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00:22 22.09.2018
Die deutsche Medizinindustrie spielt in der Versorgung von US-Veteranen wie Josh Wells eine herausgehobene Rolle. Quelle: r
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Wahington

Die Gedanken wandern immer wieder zurück in den Krieg. Damals, am 2. November 2007, änderte sich für Josh Wells das Leben von einer Sekunde auf die andere. Der Soldat fuhr unweit von Bagdad auf Patrouille, als plötzlich unter seinem „Stryker“-Fahrzeug eine Mine explodierte. Die Momente, als er nach dem Knall seinen Körper abtastete und zunächst glaubte, den Angriff fast unverletzt überstanden zu haben, kehren regelmäßig in seine Träume zurück.

Fahrt über die Mine

„Im ersten Augenblick hatte ich wirklich gedacht, dass mir nichts passiert ist“, erzählt Wells. Erst als seine Hand unterhalb der Oberschenkel nichts mehr fühlen konnte, ahnte der junge Mann sein Schicksal. Die Mine hatte das gepanzerte Fahrzeug im vorderen Bereich schwer beschädigt und ihm beide Beine abgerissen. Nur mit Mühe konnten ihm seine Kameraden das Leben retten. Glücklicherweise versorgten Sanitäter ihn noch direkt an der Unglücksstelle. Zwei Tage später lag der Soldat bereits im US-Armeekrankenhaus in Landstuhl in Rheinland-Pfalz. „Ich stand noch unter Schock, aber ich hatte das beruhigende Gefühl, wieder daheim zu sein.“ Tatsächlich gehen viele Amerikaner irgendwie davon aus, dass Landstuhl/Rheinland-Pfalz in Amerika oder in einem seiner Außenterritorien liegt. Über das zentrale Militärkrankenhaus wird zu Kriegszeiten in US-Medien so häufig berichtet, das der Name längst nicht mehr nach Ausland klingt.

Die deutsche Medizinindustrie spielt in der Versorgung von US-Veteranen wie Josh Wells eine herausgehobene Rolle. Quelle: r

Wells zählte vor mehr als zehn Jahren zu den vielen jungen Amerikanern, die freiwillig in den Irak zogen. Schon als High-School-Schüler, der sich selbst vor allem als Sportler sah, hatte er nebenbei in der Nationalgarde von Mississippi gedient. 2007 war es schließlich soweit: Zuerst ging es für ein halbes Jahr nach Vilseck in Bayern, um speziell für den Irak-Krieg trainiert zu werden, dann folgte mit dem 2. US-Kavallerieregiment der eigentliche Einsatz: „Ich hätte nicht gedacht, dass es mich erwischen würde. Aber schon nach drei Monaten wurde ich zurückgeflogen - als Schwerverwundeter.“

Wells stand mit seinen Schicksal nicht allein. 2007 war das verheerendste Jahr für die US-Truppen im Irak. Die große „Surge“-Offensive, mit der George W. Bush ein für allemal den Widerstand in Bagdad und Basra brechen wollte, forderte erschreckend viele Opfer. Fast 900 Amerikaner verloren innerhalb von zwölf Monaten ihr Leben, Unzählige wurden verwundet.

Josh Wells Quelle: r

Wells hat all die Details des Krieges, über den heute in Amerika kaum noch jemand spricht, genauestens im Kopf. Wenn der 31-Jährige an sein bisheriges Leben denkt, sind all die Geschichten aus seiner Militärzeit jedoch nur eine Art Einführung, um das Besondere hervorzuheben, das dem Drama folgte.

Es vergingen fast anderthalb Jahre, bis Wells aus dem Rehabilitationszentrum nach Hause entlassen wurde. Damals ging er fest davon aus, dass er den Rest seines Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen bleibt: „Mit einer Prothese kann man sich vielleicht noch helfen. Aber mit zwei künstlichen Beinen?“ Monatelang habe er es versucht, mit Hilfe von Prothesen wieder auf die Beine zu kommen - vergeblich. „Es war ein unglaublicher körperlicher und mentalter Stress.“

„Woundet Warriors“

Dank der Freiwilligenorganisation „Wounded Warriors“ bezog Wells mit seiner Verlobten Jessica Gonzales zwar ein behindertengerechtes Haus, in dem er sich mit seinem Rollstuhl bewegen konnte. „Aber ich hatte es aufgegeben, darüber nachzudenken, ob ich jemals wieder gehen könnte.“

Nur durch das gute Zureden seiner Freundin und eines langjährigen Freundes erklärte sich der Veteran ein Vierteljahr später jedoch bereit, noch einmal einen Versuch zu unternehmen, es mit ganz neuartigen Prothesen aus Deutschland zu versuchen.

In Oklahoma City findet das Trio schließlich eine Orthopädie-Praxis, die auf doppelt-amputierte Patienten spezialisiert ist und dem jungen Mann eine Chance gibt. „Zu Anfang war es eine Quälerei“, erinnert sich Wells. „Aber nach zwei Wochen kehrte ich gehend nach Hause zurück.“ Für den Veteranen steht fest: „Die Prothesen aus Deutschland haben mein Leben verändert.“

. Quelle: r

Wells trägt zwei C-Legs, computergesteuerte Beinprothesensysteme, die sich auf unterschiedliche Bedürfnisse beim Gehen einstellen. Dahinter steckt ein komplexes Sensorsystem, das Daten erfasst und erkennt, in welcher Phase des Gehens sich der Anwender befindet – ob auf der Ebene oder Hinuntergehen von Treppen.

„Ein Mensch, der im Alltag funktioniert“

„Seit diesem Zeitpunkt bin ich nicht mehr ein Mensch, der unter schweren Behinderungen leidet, sondern ein Mensch, der im Alltag wieder funktioniert.“ Wells kann gehen, aber auch beim Gehen zwei Getränke halten, die Hand seiner Frau beim Treppensteigen halten, und eigenständig Hindernisse überwinden.

Nichtsdestotrotz bleibe es ein Leben mit enormen Herausforderungen: „Es gibt Tage, an denen ich aufwache und fast daran verzweifele, dass ich doppelt amputiert bin.“ Aber dann kämen auch wieder Tage, an denen er dankbar sei, überhaupt am Leben zu sein - und dass es Firmen gibt, die Prothesen wie das C-Leg produzieren und seit Jahren weiterentwickeln.

Lieferant der US-Armee für das C-Leg ist Ottobock aus dem niedersächsischen Duderstadt. Die Firma begann vor genau 100 Jahren mit der Produktion von Holzbeinen für die Versehrten des Ersten Weltkriegs. Fast ein halbes Jahrhundert später expandierte Max Näder, Schwiegersohn des Firmengründers Otto Bock, in die USA - und fand frühzeitig den Kontakt zum amerikanischen Militär.

Die Holzbeine, mit denen die verwundeten kaiserlichen Soldaten versorgt wurden, sind noch heute in einer Dauerausstellung in der US-Zentrale von Ottobock in Austin, Texas, zu sehen.

„Wir sind uns unserer Anfänge bewusst, aber wir stehen heute in einer völlig veränderten Welt vor ganz anderen Herausforderungen“, sagt Firmenchef Hans-Georg Näder. Das Orthopädie-Handwerk besitze heute diverse Schnittmengen zur Biontik, zur Mechatronik und zur digitalen Welt. Und was früher Holz als Rohstoff war, sind heute Mikroprozessoren und Künstliche Intelligenz.

Um diesem Wandel offensiv zu mitzugestalten, führt der heutige Eigentümer, der der Firma in dritter Generation vorsteht, die US-Dependancen von Ottobock ganz bewusst aus Austin: Hier findet er die Nähe zu unzähligen Start-up-Unternehmen.

Zweites Silicon Valley

Tatsächlich steht die Universitätsstadt im Herzen von Texas seit Jahren in dem Ruf, sich zu einem zweiten Silicon Valley zu entwickeln. Der 57-jährige Unternehmer sucht denn auch gezielt den persönlichen Kontakt zu Forschern wie dem Biomechanik-Professor Hugh Herr, um den Puls der Zeit zu spüren.

Der Standort in Texas bietet für den deutschen Mittelständler darüber hinaus einen weiteren Vorteil: Im nahegelegenen St. Antonio befindet sich eines der größten Rehabilitationszentren der US-Armee. Das Militär, so Näder, sei im Vergleich zum zivilen Markt in Amerika zwar nur ein kleiner Abnehmer. Aber es zähle eben nach wie vor zu den großen Innovationstreibern. Mit dem milliardenschweren Etat des Pentagons würden eben nicht nur Waffen entwickelt, sondern auch Hilfsmittel zur Versorgung von Versehrten. Von der Zusammenarbeit profitieren daher sicherlich beide Seiten - sowohl die Militärangehörigen, als auch die Firma, die ihre Produkte in erster Linie für den zivilen Markt anbietet.

Wie sehr sich auch das Militär um die Angehörigen bemüht, denen gerade ein Arm oder ein Bein amputiert wurde, lässt sich eindrucksvoll in den Trainingshallen des Rehabilitationszentrums von St. Antonio beobachten. Dort laufen Frauen und Männer an Trainingsgeräten, während ihre Oberkörper durch Korsetts gestützt werden, die per Seil mit der Decke verbunden sind. Andere trainieren im Pool und schwimmen mit nur einem Bein. Einige Prothesenträger machen sich sogar an einer fünf Meter hohen Kletterwand zu schaffen.

Für Zivilisten gewöhnungsbedürftig ist dagegen die Spezialhalle, in denen Amputierte ihre Rückkehr auf das Schlachtfeld üben. Im Zentrum steht eine Art Zelt in Übergröße, das außen mit unzähligen Leitungen und Sensoren versehen ist.

3-D Animation

Mit speziell umgebauten Waffen stehen die Soldaten zunächst in einem 3-D-Animation. Schließlich laufen sie über eine Geröllfeld, es riecht streng nach brennendem Öl, und es erhebt sich ein ohrenbetäubender Lärm. Die Versehrten hängen in einem Korsett, das sie beim Vorwärtsstürmen auffängt, sollten sie mit ihren Prothesen ins Stolpern geraten. Die Versehrten schießen mit Laserwaffen und laufen über ein Gelände, das ihnen wie eine Landschaft aus Afghanistan oder Irak erscheint.

„Das Training ist so realitätsnah wie möglich. Es vermittelt den Patienten das Gefühl, das sie in ihren alten Beruf als Soldat wieder zurückkehren können“, sagt ein beobachtender Arzt. Tatsächlich steigt in der US-Armee die Zahl von Amputierten, die großen Wert darauf legen, wieder in ihre früheren Standorte zurückzukehren.

Auch der Soldat Wells hatte zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt, wieder zum Militär zurückzukehren. Nach der Geburt seines dritten Kind entschied sich der Veteran allerdings um: „Mein Platz ist jetzt bei meiner Familie. Hier werde ich dringender gebraucht.“

Von Stefan Koch

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