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Thema des Tages Situation von Autoren in Bangladesch
Thema Specials Thema des Tages Situation von Autoren in Bangladesch
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00:39 30.04.2018
„Auf der Flucht vor der Machete. Selbstjustiz in Bangladesch“: Christian Wagner, Arpita Roychoudhury, Shahabuddin Miah, Zobaen Sondhi und Moderator Alf Mentzer (v. l.). Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Die Writers-in-Exile-Stipendiaten Arpita Roychoudhury und Zobaen Sondhi aus Bangladesch berichteten über die Situation für Autoren in ihrem Heimatland. „Ich wollte über Frauen berichten, die zu Opfern geworden sind. Dann bin ich selbst zum Opfer geworden, weil ich diese Themen angesprochen habe“, erzählt Roychoudhury. „Die Religionsfanatiker waren wütend. Sie haben mich bedroht.“

Belästigt und bedroht, entführt und tagelang misshandelt

Die 23-Jährige aus Bangladesh erzählt im voll besetzten Alten Rathaus ruhig und fast gelassen von ihrer Geschichte. In ihrer Heimat wurde sie öffentlich belästigt und bedroht, entführt und tagelang misshandelt, nachdem sie begonnen hatte, im Internet öffentlich über die Diskriminierung von Frauen, Kindern und Minderheiten in Bangladesh zu schreiben. Längst hatte die bengalische Regierung angefangen, Beiträge islamkritischer Autoren zu zensieren.

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PEN-Zentrum Deutschland

Das PEN-Zentrum Deutschland ist eine von derzeit weltweit mehr als 140 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller. So dokumentiert das 1960 gegründete Komitee „Writers in Prison“ Fälle von Unterdrückung, Zensur, Inhaftierung und Ermordung von Schriftstellern und Publizisten und prangert diese öffentlich an.

In Deutschland wurde das P.EnN.-Zentrum zunächst 1924 gegründet. Zehn Jahre später wurde die Sektion nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten jedoch aufgelöst und ein PEN-Club im Exil mit Heinrich Mann als erstem Präsidenten gegründet. Damals bemühte sich die Gruppe, Kollegen aus den von Deutschen besetzten Gebieten zu retten und sie finanziell zu unterstützen. Das „Writers-in-Exile-Programm“ nimmt bis heute verfolgte Schriftsteller in Deutschland auf und ermöglicht ihnen, für mehrere Jahre in Sicherheit zu leben und weiterhin als Schriftsteller zu arbeiten.

Im November 1948 wurde das PEN-Zentrum Deutschland im Beisein von Erich Kästner in Göttingen gegründet. Drei Jahre später spaltete sich der Verband in die Sektion der Bundesrepublik und in ein ostdeutsches Zentrum. Erst im Oktober 1998 gelang es nach langwierigen Verhandlungen schließlich, die beiden Gruppen zu einem Verband zusammenzufügen.

Nach den Angriffen auf sie verweigerten die staatlichen Behörden Roychoudhury die Unterstützung, sie floh mithilfe von der Nichtregierungsorganisation Front Line Defenders, die sich für Menschenrechtsaktivisten in gefährdeten Situationen einsetzt, nach Indien. Seit Dezember 2017 ist Roychoudhury Stipendiatin des PEN.

„Die humanitäre Lage in Bangladesh ist schlecht.“

Auch Sondhi ist Stipendiat des PEN. Auch er ist wie Roychoudhury aus Bangladesh geflohen. „Die humanitäre Lage in Bangladesh ist schlecht.“ Terrorismus, Zwangskonvertierung und Aberglaube waren die Themen auf die sich der Blogger, Dichter und Online-Aktivist konzentrierte. Auch ihn traf die Zensur humanistischer Autoren durch die Regierung. Fundamentalistische Gruppen forderten die Todesstrafe für islamkritische Blogger. Auch Sondhi erhielt Morddrohungen. Aus Angst vor Übergriffen verbrachte er die letzten Monate bevor er nach Deutschland kam, fern seiner Heimat. Seit August 2016 ist Sondhi Stipendiat des PEN.

„Die andere Seite bloggt ja auch“

„Das Internet ist eine Macht“, glaubt Sondhi. Über das Blog, für das er mit rund 700 anderen Autoren schreibt, erreiche 100 000 Leser im Monat, berichtet er. Auch Roychoudhury bediente sich sozialer Medien, um ihre Texte zu veröffentlichen, und ermutigte Frauen, das auch zu tun.

Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik sieht den Nutzen von Internet und sozialen Medien als Instrument freier Meinungsäußerung, aber sie bergen eben auch Gefahren. „Viele Ausschreitungen basieren auf Gerüchten. Um einen Tempel niederzubrennen, brauchte es in der Vergangenheit auch kein Internet.“ Auch durch soziale Medien werde dieser Mechanismus nicht aufgebrochen. „Die andere Seite bloggt ja auch“, gab Wagner zu bedenken.

„Die Maske von Sheikh Hasina“

In ihrem eindringlichen Text, den Roychoudhury am Donnerstag im Original vortrug und dessen Übersetzung der Autor und Radiosprecher Gert Heidenreich vorlas, geht die Autorin mit der aktuellen Regierung in Bangladesh ins Gericht.

„Die Maske von Sheikh Hasina und ihrer Partei fällt. Es wird immer deutlicher, dass die Partei und die Premierministerin zunehmend streng religiös sind“, schreibt Roychoudhury. Gebetshäuser und Tempel der Buddhisten und Hindus würden angezündet und zerstört, gleichzeitig seien im ganzen Land Angehörige der Minderheiten verletzt worden. „In den meisten Fällen hat man festgestellt, dass die regierende Partei selbst in der ein oder anderen Weise an den Attacken beteiligt war“, formuliert die Autorin ihre Anschuldigung.

Macheten-Attacken gegen Autoren

Eine „schwarze Seite“ der Geschichte Bangladeschs sei die Tötung der „freien“ Denker oder säkularen und atheistischen Autoren und Blogger. „Sie werden aus dem Land verjagt, die Intellektuellen verlieren ihre Meinungs- und Sprachfreiheit.“ Seit 2004 habe es „unzählige Macheten-Attacken gegen Autoren, Blogger, Herausgeber, Online-Aktivisten und progressive Menschen“ gegeben, so Roychoudhury.

Premierministerin Hasina habe sich spöttisch an Blogger und Autoren gewandt: „Es ist nicht akzeptabel, wenn man durch das Schreiben die religiösen Gefühle einer Mehrheit verletzt. Es ist eine Mode geworden, dass man gegen die Religion schreibt. Diese Mode nennt man wohl freies Denken.“ Und weiter: „Es ist meine Islam-Religion, die ich ausübe, aber wenn jemand über meine Islam-Religion schmutzige Worte, falsche Worte schreibt – warum bin ich dann verpflichtet dies zu dulden?“. Die islamischen Fanatiker, der Analphabetismus, schwindende Bildungschancen, Armut, Gender-Ungleichheit seien in Bangladesch überall zu spüren, von der Großstadt bis ins kleinste Dorf.

Bangladesch geht täglich einen Schritt zurück“

„Ich weiß nicht, welche Zukunft Bangladesch hat. In der heutigen Globalisierung, wo viele Länder sich bemühen, ein Stück nach vorne zu gehen und sich mit einer zivilisierten Gesellschaft besser zu entwickeln, genau da geht mein Geburtsland Bangladesch täglich einen Schritt zurück“, mahnt Roychoudhury.

Franziska Speer, PEN-Vizepräsidentin und Writers-in-Exile-beauftragte erinnerte an die verfolgten Schriftsteller aus aller Welt geht, die in Deutschland als PEN-Stipendiaten Zuflucht bekommen haben: „Sie kommen aus Ländern, in denen sie an der freien Meinungsäußerung gehindert, verfolgt, drangsaliert, nicht selten eingesperrt und gefoltert werden. Sie haben nichts weiter getan als etwas zu schreiben, das den Regierenden ihres Landes nicht passt: ein falsches Wort, eine aufmüpfige Zeile in einem Gedicht, einen ironischer Essay, einen kritischer Blog“, sagte Speer in ihrer Eröffnungsrede.

„Ist die Welt bereit für einen globalen Flüchtlingspakt?“

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) gehe davon aus, dass heute etwa 70 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind, so Speer. „Oft gehören die Länder, die Flüchtlinge aufnehmen zu den Ärmsten wie etwa der Libanon und Jordanien - oder eben Bangladesch, das nun fast eine Million Rohingya aufnehmen musste. In solchen Ländern wird die Solidarität zwischen Bevölkerung und Flüchtlingen auf eine harte Probe gestellt“, sagte Speer und fragte: „Ist die Welt bereit für einen globalen Flüchtlingspakt, wie ihn die Vereinten Nationen vorschlagen?“

Türkei eintwickelt sich zu einer „veritablen Diktatur“

Speer erinnerte auch an die sich für Autoren zuspitzende Situation in der Türkei: Das Land entwickele sich „gerade zu einer veritablen Diktatur“. Und Weiter: „In keinem anderen Land sind zur Zeit so viele Journalisten, Schriftsteller und Intellektuelle im Gefängnis wie in der Türkei. Auch aus Jemen und dem Irak, werden die Menschen vertrieben und suchen bei uns Zuflucht.“

Mit dem Writers-in-Exile-Abend und der Verleihung des Kurt-Sigel-Lyrikpreises hat die Jahrestagung des PEN-Zentrums Deutschland begonnen. „Auf der Flucht vor der Machete. Selbstjustiz in Bangladesch“ lautete der Titel der Diskussionsrunde mit zwei Writers-in-Exile Stipendiaten.

Kurt-Sigel-Lyrikpreis 2018 für Lyrikerin Grünzweig

Durch rund 1000 Gedichte hat sich die Jury des Kurt-Sigel-LyrikpreisesNora Bossong, Hans Thill und Herbert Wiesner – in diesem Jahr geackert. Am Ende stand fest: Die Preisträgerin heißt in diesem Jahr Dorothea Grünzweig. Am Donnerstag wurde die in Finnland lebende Autorin im Alten Rathaus ausgezeichnet.

PEN-Jahrestagung, Kurt Sigel-Lyrikpreis, 26.04.2018, Göttingen: Preisträgerin Dorothea Grünzweig und Laudator Herbert Wiesner. Foto: Swen Pförtner Quelle: Swen Pförtner

„Taktilen Reize der Wörter“

Laudator Wiesner, Mitbegründer und langjährige Leiter des Berliner Literaturhauses lobte Grünzweigs: „Daraus hervorstechend, auf fast irritierende Weise herausragend dann Ihre fünf Gedichte, liebe Dorothea Grünzweig.“ Es seien Gedichte aus borealem „Nachtgelände“, Gedichte aus ihrem finnischen Wörterland, Zeilen von der „Heimholung des Schnees“, über die ein „weiches leises weißes Einvernehmen“ herrsche, so Wiesner weiter. „Die sinnfällige Sinnenhaftigkeit, die taktilen Reize der Wörter, ihre physische Präsenz haben uns ungeahnte Zugänge zu einer fremden Wirklichkeit geöffnet, zu fremden Sprachen auch, besonders natürlich zum Finnischen, dessen Einsprengsel die Ausdrucksmöglichkeit der deutschen Grundsprache und Vaterssprache um Klänge und Bedeutungen erweitern.“

Heimat beim Göttinger Wallstein-Verlag

Grünzweig, 1952 in Baden-Württemberg geboren, lebt seit 1998 als Schriftstellerin und Lyrik-Übersetzerin in einem Dorf in Südfinnland. Sie schreibt ausschließlich auf Deutsch. Sie studierte Germanistik und Anglistik in Tübingen und Bangor/Wales und forschte in Oxford zu dem Dichter Gerard Manley Hopkins. Seit 1989 arbeitet sie als Lehrerin in Wales. Ab 1997 hat sie ihre verlegerischeHeimat beim Göttinger Wallstein-Verlag gefunden. Ausgezeichnet wurde Grünzweig bereits mehrfach. So erhielt sie etwa 1997 den Lyrikpreis der Stiftung Niedersachsen und zuletzt 2010 den Anke Bennholdt-Thomsen-Preis der Schillerstiftung für Lyrikerinnen.

Der Kurt-Sigel-Lyrikpreis wird alle zwei Jahre ausgeschrieben. Er ist mit 4000 Euro dotiert. Stifter ist der Frankfurter Schriftsteller Kurt Sigel, der sich als Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichtbänden und von Büchern in hessischer Mundart, teilweise mit eigenen Zeichnungen und Cartoons illustriert, einen Namen gemacht hat.

Weiteres Programm

Mit der Matinee „Deutsche Meckerköppe – Lichtenbergs Erbe und Satire heute“, endet am Sonntag, 29. April, die PEN-Jahrestagung in Göttingen. Sie widmet sich ab 11 Uhr im Alten Rathaus, Markt 9, Georg Christoph Lichtenberg, dem Göttinger Ahnherrn von Aphorismus und Satire, und dessen Erbe. Frank Schäfer, Publizist von Taz bis Titanic, Herausgeber des „Rock-Lexikons“, aber auch Lichtenberg-Experte, gibt eine Einführung, die beiden Autorinnen Angela Krauß und Susanne Fischer „stimmen ein oder widersprechen“, heißt es in der Ankündigung. Die Moderation der Veranstaltung übernimmt der Schriftsteller Matthias Biskupek.

Am Abend zuvor liest die diesjährige Trägerin des Kurt-Sigel-Lyrikpreises Dorothea Grünzweig aus ihrem Gedichtband „Kaamos Kosmos“, der 2014 im Göttinger Wallstein Verlag erschienen ist . Begleitet wird Grünzweig dabei von den Improvisationen der Geigerin Laura Kokko, die Loop-Techniken in ihrer Musik einsetzt. „Kaamos“ sei ein fast mythisches Wort im Finnischen und meine die sonnenlose Zeit, heißt es in der Ankündigung für die Lesung. „Grünzweigs Gedichte loten Licht und Dunkel in Natur und inneren Bildern aus, bringen die Dunkelheit ans Licht und weiten sich in Kokkos suggestive Klangwelten.“ Außerdem sind am Sonnabend Werkstatteinblicke in Grünzweigs Werk das „Wassertrunkene Land der Sprache“ geplant. Beginn der Lesung am Sonnabend, 28. April, ist um 20 Uhr im Literarischen Zentrum Göttingen, Düstere Straße 20. Die Einführung in den Abend übernimmt Thorsten Ahrend, Grünzweigs Verleger vom Wallstein Verlag.

Bis zum Ende der PEN-Jahrestagung ist die Ausstellung zur Geschichte und Bedeutung des PEN seit der Wiedergründung in Göttingen 1948 im Alten Rathaus zu sehen. Auf 25 klar gegliederten Roll-Ups dokumentieren Schwarz-Weiß-Fotos von Schriftstellern sowie Abbildungen historischer Dokumente und Textauszüge von Autoren die Historie von der Gründung der Vereinigung bis in die Gegenwart. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Autoren aus Ost und West, auch Rückkehrer aus der Emigration, darunter Johannes R. Becher, Axel Eggebrecht, Hans Henny Jahnn, Erich Kästner, Hermann Kasack, Elisabeth Langgässer, Theodor Plievier, Anna Seghers, Dolf Sternberger und Günther Weisenborn.

Von Michael Brakemeier

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