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Thema des Tages Polizei in Südniedersachsen mit neuen Strukturen
Thema Specials Thema des Tages Polizei in Südniedersachsen mit neuen Strukturen
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00:20 31.01.2019
Thomas Rath (Leiter der Polizeiinspektion Göttingen), Thomas Breyer (neuer Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Polizeiinspektion Göttingen) sowie Uwe Lührig (Präsident der Polizeidirektion Göttingen, v. l.). Quelle: r
Göttingen

Seit dem 1. Januar 2019 gehören die Südharzer Polizeikommissariate Osterode und Bad Lauterberg zu Göttingen. Damit deckt sich das Zuständigkeitsgebiet der hiesigen Polizeiinspektion (PI) künftig mit der Fläche des vor zwei Jahren fusionierten Landkreises.

In Walkenried hat ein Polizeibeamter sein Dienstzimmer in den Räumlichkeiten der Gemeindeverwaltung. Das ist nicht nur eine der kleinsten, es ist auch der entlegenste Außenposten der neu zugeschnittenen PI Göttingen. Will der dortige Diensthabende mal seinen Chef persönlich treffen, muss er neuerdings über 60 Kilometer in Richtung Westen fahren. Dort sitzt PI-Leiter Thomas Rath in seinem Büro in der Otto-Hahn-Straße und ist seit dem Jahreswechsel auch für die Kollegen aus dem Altkreis Osterode zuständig.

Mehrere Monate mit Vorbereitungen, Gesprächen und Aktenarbeit liegen hinter den Beamten und Mitarbeitern der Polizeiinspektionen in Göttingen und Northeim. Es galt die Zuständigkeiten für die beiden Kommissariate und fünf Polizeistationen neu zu ordnen. 2004 war die zuvor eigenständige PI Osterode mit Northeim zusammengelegt worden – zuletzt mit 422 Mitarbeitern. Jetzt wechselt Osterode zu Göttingen und Northeim behält die Zuständigkeit für den eigenen Landkreis.

„Doch davon bekommt der Bürger im Idealfall nichts mit“, erklärt Rath. Es ist sein Anspruch, dass die Umstrukturierung so geräuschlos wie möglich über die Bühne geht. Alle Inspektionen, Stationen und Kommissariate würden erhalten bleiben, hatte Polizeipräsident Uwe Lührig bereits Ende vergangenen Jahres betont. Stellenstreichungen werde es nicht geben. Auf seinen Antrag hin hatte das niedersächsische Innenministerium die Zuständigkeitsbereiche in Südniedersachsen neu zugeschnitten. Die Strukturen würden jetzt für den Bürger eindeutiger, sagt Rath. „Bisher mussten sich im Landkreis Göttingen die einen in Polizeiangelegenheiten an Northeim wenden, ein anderer an Göttingen. Damit ist jetzt Schluss.“

Aber macht sich die neue Struktur denn auch in der täglichen Arbeit der Beamten bemerkbar? Im Bereich Einsatz wohl kaum. „Es ist im Regelfall nicht so, dass die Göttinger Streifen jetzt beispielsweise zur Unfall-Aufnahme nach Herzberg fahren“, erklärt PI-Leiter Rath. Bei Bedarf können sei das aber tun – enge Zusammenarbeit macht es möglich.

Spätestens für die weitere Aufarbeitung landet der Herzberger Verkehrsunfall dann aber doch bei den Göttinger Kollegen. Ein messbares Ergebnis der Umstrukturierung in Zahlen: Mussten sie Experten bisher etwa 7000 Unfälle im Altkreis Göttingen bearbeiten, kommen durchschnittlich künftig etwa 1600 aus Osterode und Umgebung dazu.

Auch auf den Schreibtischen des Zentralen Kriminaldienstes (ZKD) landen künftig wohl deutlich mehr Akten. Die Beamten der sieben Fachkommissariate unter der Leitung von Kripo-Chef Thomas Breyer sind zuständig für die Bekämpfung und Prävention von schwereren Delikten. Bei Einbruch, Drogenvergehen oder Mord rücken seit dem Jahreswechsel die Ermittler aus Göttingen an.

„In diesen Fällen übernehmen die sogenannten Tatortgruppen den ersten Angriff“, erklärt Breyer. Die Befürchtung, dass die jetzt wesentlich länger unterwegs seien als bisher ihre Northeimer Kollegen, ist nicht ganz unberechtigt. Breyer nennt als Beispiel einen Einbruch in Bad Grund: „In dem Fall fahren wir 57 Kilometer, für die Northeimer waren es nur 33. Die Fahrzeit erhöht sich.“ Ist der Einsatz in Bad Lauterberg, sind die Göttinger hingegen näher dran.

„Die Rechnerei mit den Entfernungen ist graue Theorie“, kommentiert Rath. „Wir sind so organisiert, dass wir in 20 Minuten überall sein können.“ Bei Bedarf werden Kollegen aus anderen Dienststellen hinzugezogen. Und das bezieht im Südharz nicht nur die Northeimer Kollegen, sondern beispielsweise auch die Goslarer mit ein. Und die gehören sogar zu einer anderen Polizeidirektion, sind organisatorisch Braunschweiger. Breyer nennt das grenzenloses Denken.

Was an neuen Fällen auf die Göttinger Kriminalisten zukommt, versetzt den ohnehin eher ruhigen Breyer nicht in Aufregung. Zwar hat es in jüngerer Vergangenheit einige medienwirksame Tötungsdelikte gegeben, im statistischen Durchschnitt ist der Südharz aber kein auffällig kriminelles Pflaster. Über Besonderheit hat man sich im Vorfeld ausgetauscht. „Natürlich redet ein ZKD mit dem anderen.“ Außerdem könne man ja auf das Wissen der Kollegen vor Ort zurückgreifen. „Die kenne ihre schwarzen Schafe.“

Im Bereich Betäubungsmittel (BTM) gelte die Bundesstraße 243 traditionell als eine Drogenlinie zwischen den alten und den neuen Bundesländern, erklärt der Kripochef. Dadurch sei in dem Gebiet durchaus mit entsprechenden Delikten zu rechnen. Außerdem finde die Polizei gerade in jüngerer Vergangenheit in ländlichen Regionen immer mal wieder Hanfplantagen.

Auch spielen die vorzugsweise von international agierenden Banden begangenen Delikte Einbruch und Betrug im gesamten PI-Bereich eine Rolle. „Hier sind dann neben unseren Ermittlern auch die Präventionsteams im Einsatz“, so Breyer. Die politische Szene des Harzvorlands bezeichnet er hingegen im Vergleich zum Rest des Landkreises als unauffällig. Ehemals aktive rechte Strukturen seien zwar noch vorhanden, treten aber weniger in Erscheinung.

Die Übergabe erfolge im Übrigen fließend. „Was aktuell an Ermittlungen noch läuft, wird von den Northeimer Kollegen auch zu Ende gemacht.“ Einige von den Beamten sollen anschließend nach Göttingen wechseln. So sieht es das Konzept vor. Wie groß der Bedarf an personeller Verstärkung sein wird, lasse sich nicht absehen. Für Vorhersagen sei es nach knapp einem Monat noch zu früh, sagt Rath und legt sich mit einer Sache dann aber doch fest: „Das wird alles zusammenwachsen. In einem Jahr denkt da keiner mehr drüber nach.“

Interview mit dem Leiter der Polizeiinspektion Göttingen Thomas Rath

Thomas Rath erklärt im Interview die neuen Zuständigkeiten bei der südniedersächsischen Polizei und wie ein BMW Isetta möglicherweise seinen Berufswunsch geprägt hat. Außerdem erwähnt der langjährige Chef der Göttinger Polizeiinspektion erstmals das Ende seiner Laufbahn.

Thomas Rath ist Leiter der Polizeiinspektion Göttingen. Quelle: r

Seit der Änderung der Organisationsstruktur sind Sie als Leiter der Polizeiinspektion (PI) künftig auch für Ihren Heimatort zuständig. Hilft dieser Heimvorteil bei der Fusion?

Ich denke, der Wohnort des Inspektionsleiters ist bei derartigen Veränderungen eher zweitrangig. Ich gebe aber gerne zu, dass mir die Personal- und Strukturkenntnisse aus meiner Zeit als Dienstabteilungsleiter in Osterode die Aufgabe leichter machen. Und natürlich ist es auch von großem Vorteil, dass ich Land und Leute kenne und die geäußerten Sorgen gut einordnen kann. In meiner Kindheit hat in meinem Nachbarhaus der Stationsleiter Eisdorf als Einzelposten sein Büro gehabt und ausgerüstet mit einer BMW Isetta und einem Schäferhund für Sicherheit in unserem Dorf gesorgt. Das muss wohl abgefärbt haben.

Was waren bisher die Herausforderungen der Umstrukturierung?

Jede Polizeiinspektion hat ihre eigene Philosophie und eine über Jahre gewachsene Struktur. Wenn so etwas verändert wird, gibt es Ängste und Sorgen bei den betroffenen Mitarbeitern. Das ist völlig normal und wird auch ernst genommen. Mittlerweile haben aber durch den Polizeipräsidenten Uwe Lührig und die hiesigen Führungskräfte viele erläuternde Gespräche stattgefunden, die aus meiner Sicht dazu geführt haben, dass alle Beteiligten konstruktiv und engagiert die neue Situation zum Wohl aller Bürger gestalten wollen und werden. Im Übrigen waren es in erster Linie viele technische Aspekte und Geschäftsabläufe, die in penibler Kleinarbeit neu geordnet werden mussten.

Welche Fläche umfasst die neue PI und wie viel Polizeibeamte sind hier beschäftigt?

Die neue PI Göttingen umfasst 1750 Quadratkilometer (alt: 1117) und hat 330000 Einwohner (alt: 267000). Wir verfügen zukünftig über zirka 720 Mitarbeiter, davon rund 600 Vollzugsbeamte (alt: rund 600, davon 500 Vollzug) und sind damit eine der größten Inspektionen landesweit.

Was bedeutet das konkret für den täglichen Dienst? Werden künftig Beamte aus Göttingen ihre Einsätze bis an die Grenzen des Altkreises Osterode fahren?

Die Organisationsstruktur der polizeilichen Basisdienststellen bleibt grundsätzlich unverändert. So wird weiterhin der Osteroder Streifenwagen die Einsätze in seinem Zuständigkeitsbereich selbst abarbeiten, wie das auch die Duderstädter, Göttinger oder Hann. Mündener Kollegen und Kolleginnen tun. Bei hohem Einsatzaufkommen arbeiten wir natürlich nach dem Nächsten-Prinzip. Wenn die Osteroder oder Lauterberger Kollegen ausgelastet sind, fährt der Streifenwagen zur Unterstützung, der den kürzesten Anfahrweg hat. Das kann im Ausnahmefall auch mal ein Göttinger Team sein.

Gibt es im Zuge der Fusion Stellenstreichungen, Umbesetzungen oder Personalwanderung beispielsweise aus Northeim?

Die Personalausstattung der Dienststellen im Altkreis Osterode bleibt unverändert. Für zentrale Aufgaben werden einige wenige Mitarbeiterstellen rechnerisch von Northeim nach Göttingen verlagert. Konkrete Umsetzungen werden aber nur mit Einverständnis der Betroffenen vollzogen.

Für welche Aufgabenbereiche erhoffen Sie sich Verbesserungen durch die neuen Strukturen, wo Mehraufwand?

Insgesamt dürfte die Deckungsgleichheit von Kommune und Polizeiorganisation auf allen Ebenen spürbare Verbesserungen ergeben. Polizeiarbeit aus einer Hand im Landkreis Göttingen schafft gleiche Ansprechpartner, einheitliche Netzwerke und transparente Strukturen. Dies wird unsere Arbeit bei der Kriminalitätsbekämpfung, der Verkehrssicherarbeit, vor allem aber auch bei der Kriminalprävention noch effektiver machen. Mehraufwände wird es für den hiesigen Zentralen Kriminaldienst geben durch entsprechende Vorgänge, die bisher in Northeim bearbeitet wurden, sowie für die Kollegen der spezialisierten Tatortaufnahme und für einige Stabsbereiche (Personal, Verkehr, Einsatz). Diese Aufwände werden wir aber mittelfristig personell ausgleichen.

Wie lange wird es dauern, bis die Übergangsphase abgeschlossen ist?

Wir arbeiten bereits seit Herbst an den entsprechenden Planungen und sind aktuell bereits gut aufgestellt. Nun müssen sich die neuen internen Abläufe einspielen. Ich denke, auch das wird Ende des ersten Quartals 2019 abgeschlossen sein. Im Februar wird es diesbezüglich auch informatorische Besuche der hauptamtlichen Bürgermeister im Altkreis Osterode geben. Wenn ich im Herbst nächsten Jahres in Pension gehe, wird nach meiner Einschätzung kaum noch jemand über diesen Prozess reden.

Was ändert sich konkret für den Bürger, und was bleibt wie es ist?

Wenn wir alles richtigmachen, und davon gehe ich aktuell aus, wird der Bürger die Veränderung nicht spüren, denn die konkrete Polizeiarbeit und Polizeistärke im Altkreis Osterode bleibt ja inhaltlich unverändert. Positiv ändert sich allerdings, dass jeder Bürger im Landkreis Göttingen zukünftig die gleichen polizeilichen Ansprechpartner in Göttingen haben wird, wenn es um Angelegen geht, die über die örtliche Eben hinausgehen. Und da können sich die Einwohner des Altkreises Osterode auf eine sehr erfahrene und professionelle Polizeiinspektion Göttingen verlassen.

Von Markus Scharf

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