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Thema des Tages So funktioniert Inklusion im Sport
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09:00 31.05.2019
Inklusionstennis mit Anthony Dittmar (l.) und NTV-Vizepräsident Reiner Beushausen. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Anthony „Toni“ Dittmar muss gleich zwei Sportgeräte beherrschen, wenn er auf dem Tennisplatz steht: Natürlich den Schläger und sein Fortbewegungsmittel, den Rollstuhl. Der 24-jährige Göttinger, der inzwischen in Hannover lebt, hat sich in der Weltrangliste auf Platz 65 gespielt, zuletzt musste er sich bei einem Turnier in Italien erst im Finale geschlagen geben.

Der Rollstuhl-Tennisspieler leidet an der Glasknochenkrankheit. Diese Erbkrankheit begleitet ihn seit frühester Kindheit, als ein Arzt „eher zufällig“ bei einer Routine-Untersuchung festgestellt hat, dass mit den Knochen des Jungen nicht alles in Ordnung sei. „Es war schnell klar, dass ich keinen Sport im Laufen würde ausüben können“, erzählt der aufgeschlossene Tennisspieler, für den Sport in der Wachstumsphase im Kindesalter nie ein Thema gewesen ist. „Das Risiko war einfach zu groß.“ Der Schalke 04-Fan kann sich selbst versorgen und auch laufen, „allerdings nicht allzu lange Strecken“.

Mitmachaktion beim TSC-Pfingstturnier

Wenn über Pfingsten beim Tennis- und Skiclub an der Calsowstraße die Göttinger Stadtmeister ausgespielt werden, nutzt der Tennisverband Niedersachsen-Bremen (TNB) die Bühne rund um die Spiele der Herren-, Damen- und Herren 30-Konkurrenzen, um für Inklusion in den Vereinen zu werben. Am Pfingstsonntag, 9. Juni, haben Vereinsvertreter aus der Region und Interessierte die Möglichkeit, sich über Fördermaßnahmen zu erkundigen. TNB-Vizepräsident Reiner Beushausen gibt dazu Auskunft. Mit dem Inklusionsmobil und dem TNB-Mobil wird für die Aktion „Tennis für alle“ geworben. Mit dabei ist auch Rollstuhltennis-Spieler Anthony Dittmar.

Im Alter von zehn Jahren ist Dittmar zu den Rollstuhlbasketballern des ASC 46 gegangen, später wechselte er nach Hannover, um dort höherklassig zu spielen. Rollstuhltennis hat er 2010 während einer Reha durch eine ehemalige Paralympics-Teilnehmerin kennengelernt. „Da habe ich Talent bewiesen und Spaß an diesem Sport bekommen.“ Weil es rund um Göttingen keine Möglichkeit gab, diesen Sport auszuüben, ist der Jugendliche damals alle zwei Wochen nach Dortmund gefahren, um 90 Minuten zu trainieren. „Da war ich allein fünf Stunden unterwegs“, erzählt er von den Strapazen, die er für diesen Sport auf sich genommen hat. Später hatte er die Möglichkeit auf den Hallenplätzen im Göttinger Freizeit In zu trainieren, ehe er nach Hannover gewechselt ist.

Nach dem Abitur an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule begann er ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hannover – und fand endlich optimale Trainingsbedingungen in der TennisBase. Gemeinsam trainiert er dort mit Ingo Herzgerodt und dem ehemaligen Göttinger Stadtmeisterschafts-Gewinner Friedrich Klasen. In Sabine Ellerbrock hat er eine international erfolgreiche Rollstuhltennis-Spielerin als regelmäßige Trainingspartnerin.

Inklusionstennis mit Anthony Dittmar und NTV-Vizepräsident Reiner Beushausen. Foto (v. l.): Anthony Dittmar, Reiner Beushausen, Ellen Dodos und Samia Herchenhein. Quelle: Niklas Richter

Nur ein Jahr nachdem Dittmar mit dem Tennissport begonnen hatte, spielte er in Nürnberg 2011 sein erstes Turnier. „Da habe ich aber erst einmal nur Erfahrungen gesammelt.“ 2013 folgten die ersten internationalen Einsätze, zunächst meistens nur vier Konkurrenzen pro Jahr. „Wenn du international weit kommen willst, musst du etwa 15 Turniere im Jahr spielen. Ich bin jetzt bei zehn Turnieren im Jahr angekommen, mehr schaffe ich zeitlich einfach nicht.“ Bis nach Portugal, Kroatien, Italien, Holland, Polen, Tschechien, Polen, Litauen und in die Türkei hat der Sport den 24-Jährigen schon geführt. Während er früher allein zu den Turnieren gereist ist, hat er inzwischen einen Trainer dabei – dank der Unterstützung des Deutschen Behinderten Sportverbandes (DBS), des Deutschen Tennis Bundes (DTV) und des Tennisverbandes Niedersachsen/Bremen (TNB), bei dem er zurzeit eine Ausbildung zum Kaufmann für Büro-Management im zweiten Ausbildungsjahr macht.

Seinen ersten Titel hat Dittmar, Ranglistenerster in Deutschland, im Oktober 2018 in Litauen gewonnen, Ende April war der zweite Turniersieg in der Nähe von Mailand zum Greifen nahe. Dort verlor er als ungesetzter Spieler das Finale mit 1:6, 1:6 gegen Österreicher Nico Langmann, den 18. der Weltrangliste. „Das war ein sehr, sehr gutes Turnier. Im Doppel bin ich mit Steffen Sommerfeld erst im Halbfinale ausgeschieden.“

Mit dem Inklusionsmodell auf Tour

Das Thema „Inklusion“ fällt beim Tennisverband Niedersachsen-Bremen (TNB) in das Ressort Vereins- und Sportentwicklung des Vizepräsidenten Reiner Beushausen. Seit zwei Jahren engagieren sich der Bremker und seine Mitstreiter für die Inklusion. „Wir gehen mit dem Thema und einem Inklusionsmobil auf Tour – in Vereinen und Schulen“, erzählt Beushausen. Dieses ist ausgestattet mit speziellen Brillen und Rollstühlen vom Partner Ottobock und wird von Personen betreut, die den Umgang mit Behinderten gelernt haben.

„Ein Großteil der Betroffenen hat die Behinderung im Laufe ihres Lebens bekommen. Das sind Sportler, die neu inspiriert werden müssen“, sagt der Funktionär, der mit verstärkter Informationspolitik darauf setzt, dass sich auch Vereine in Südniedersachsen an dieses Thema herantrauen. Natürlich müsse oft erst eine gewisse Infrastruktur geschaffen werden. „Das ist aber möglich, Baumaßnahmen werden entsprechend gefördert.“

Visionen hat Dittmar natürlich auch: Die Teilnahme an den Paralympics sei für ihn ein Traum. Ob es für Tokio 2020 reichen wird, bezweifelt er. „Der Behindertensportverband hat strenge Zulassungsregeln. Um dort teilzunehmen, müsste ich die Top 20 in der Welt erreichen. Das liegt noch in weiter Ferne“, schätzt er realistisch ein.

Erstes Ziel ist für den Tennisspieler jetzt erst einmal die Anschaffung eines neuen Sport-Rollstuhls. „Den bekomme ich zum Glück finanziert, weil er bei einem Flug zum Turnier nach England kaputt gegangen ist. Die Airline übernimmt dafür die Kosten. So eine Spezialanfertigung kostet um die 6000 Euro – nach oben sind keine Grenzen gesetzt“, erzählt Dittmar, für den es unverständlich ist, dass von den Krankenkassen keine Unterstützung kommt. „Durch den Sport werden Muskeln aufgebaut. Meine Gesundheit ist sehr stabil, ich kann ein normales Leben führen, habe mich beim Sport noch nie ernsthaft verletzt. Meine Intention ist es auch, behinderten Sportlern die Angst zu nehmen, sich zu präsentieren.“ Als Referent für Rollstuhltennis im TNB hat er sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben.

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Rollstuhltennis

Erfunden wurde Rollstuhltennis 1976 vom Amerikaner Brad Parks. Seit 1992 ist es paralympisch und seit 1998 offizieller Teil der Internationalen Tennis Föderation (ITF). 2009 wurde die Sportart offiziell als Referat in den Deutschen Tennisbund integriert.

Regeln und Material: Rollstuhltennis wird nach den offiziellen ITF-Regeln gespielt. Die einzige Modifikation ist, dass der Ball zwei Mal aufspringen darf, wobei der erste Kontakt im regulären Feld sein muss. Zum Tennisspielen wird ein Sportrollstuhl benötigt, der – entgegen gängiger Vorurteile – den gut gepflegten Sandplatz nicht beschädigt.

Koordination: Das permanente Fahren mit dem Schläger in der Hand, eine hohe Mobilität und rasante Beschleunigung sind wesentlich für Rollstuhltennis. Fahrt- und Koordinationstraining sollte daher zu jeder Trainingseinheit gehören.

Zielgruppe: Aktive werden nach ihrer Fähigkeit, Tennis zu spielen eingestuft, nicht nach Art ihrer Behinderung. Häufig sitzen Spieler mit Querschnittslähmung oder Amputationen im Tennis-Sportrollstuhl. Offiziell teilnehmen darf, wer eine attestierte Gehbehinderung hat, sich nur mittels Rollstuhl fortbewegen kann oder einen irreparablen Schaden an Hüft-, Knie- oder Fußgelenk aufweist.

Blindentennis

Blindentennis wurde 1984 vom blinden japanischen Studenten Miyoshi Takai erfunden. Seit 2014 gibt es als Dachverband die „International Blind Tennis Association“ und darin auch eine deutsche Spielervertretung. In Deutschland wird Blindentennis seit Anfang 2016 gespielt.

Regeln und Material: Es gelten modifizierte ITF-Regeln. Je nach Grad der Erblindung wird im T-Feld oder Mid-Court gespielt, wobei der Ball zwei- oder dreimal aufspringen darf. Die Linien werden fühlbar gemacht, zum Beispiel durch eine mit Tape überklebte Schnur und die Bälle sind etwas größer, weicher und rasseln.

Koordination: Der Spieler muss die Fähigkeit trainieren, mittels akustischer Orientierung durch das Rasseln des Balls und mittels taktiler Orientierung an den Linien zunehmend dynamisch zwischen Netz, Außen- und Grundlinie zu agieren.

Grundschläge: Die Hauptaktionen aller Schläge im Blindentennis sind identisch mit dem regulären Tennis. Einen wichtigen Fokus muss die Rhythmisierung des Auftippens und Schlagens zur akustischen Antizipation des Balles einnehmen.

Tennis für Menschen mit geistiger Behinderung

Seit mehreren Jahrzehnten gibt es in Deutschland für diese Klientel vereinzelte Angebote, die vor allem von Privatinitiative ausgehen.

Regeln und Material: Es gelten die gängigen ITF-Regeln. Je nach Grad der Lernschwäche kann hier jedoch kreativ modifiziert werden, etwa bei der Zählweise.

Vermittlungswege: Generell gilt, dass Sportler mit geistiger Behinderung uneingeschränkt konditionell und motorisch trainierbar sind. Das Training sollte von wiederkehrenden Abläufen geprägt sein. Geduld bei der Vermittlung der verschiedenen Kompetenzen sowie eine hohe Wiederholungszahl spielen eine wichtige Rolle.

Gehörlosentennis

„Deaf-Tennis“ ist eine Sparte im bereits 1919 gegründeten Deutschen Gehörlosen Sportverband. Es existieren ein Nationalteam sowie Turniere auf nationaler und internationaler Ebene. Ein Großteil der Tennisspieler mit Hörminderung nimmt auch am regulären Spielbetrieb teil.

Regeln und Material: Es wird nach internationalen ITF-Regeln gespielt. Allerdings ist bei offiziellen Gehörlosen-Wettkämpfen das Tragen von Hörgeräten oder Hörhilfen verboten.

Vermittlungswege: Während des Trainings sollte nie komplett auf Sprache verzichtet werden, Sichtkontakt, wenig Störgeräusche und die Unterstützung durch visuelle Hilfen, vereinbarte Signale oder Gebärden tragen zur Kommunikation bei.

Koordination: Die Ursachen von Hörschädigungen sind vielfältig. In manchen Fällen kann es zu einer eingeschränkten Gleichgewichtsfähigkeit kommen. Immer ist jedoch die Reaktion auf visuelle Reize von entscheidender Bedeutung.

Von Kathrin Lienig

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