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Thema des Tages Sommerzeit: Zweifelhafter Nutzen, ungewisse Zukunft
Thema Specials Thema des Tages Sommerzeit: Zweifelhafter Nutzen, ungewisse Zukunft
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10:11 28.03.2020
Die Zeitumstellung ist eine komplizierte Angelegenheit – nicht nur, wie hier, im Kirchturm von St. Jacobi in Göttingen. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Sie sorgt mit großer Zuverlässigkeit zweimal im Jahr für Diskussionen: die Zeitumstellung. Mancher fühlt sich durch sie des Schlafes beraubt, andere freuen sich, dass sie im Sommer besonders lange in der Sonne sitzen können. Seit einer europaweiten Umfrage 2018 ist es erklärtes Ziel der Europäischen Union, die Zeiten der Zeitumstellung enden zu lassen. Getan hat sich aber nicht viel. Denn an der Sommerzeit ist vieles kompliziert: Kosten und Nutzen, Regelungen in anderen Staaten – und ihre Abschaffung.

Warum gibt es die Sommerzeit?

Die ursprüngliche Idee hinter der Sommerzeit war es, Energie zu sparen – schon Benjamin Franklin soll dafür plädiert haben, die Uhren umzustellen. Die Logik war eine einfache: Die Menschen sollten im Sommer abends länger etwas von der Sonne haben und deshalb weniger Energie für Beleuchtung und Heizung verbrauchen. Am Morgen, so die Idee, werde es im Sommer schließlich früh genug hell. Das erklärt auch, warum es die Sommerzeit fast nur in Ländern der gemäßigten Klimazone gibt: Hier werden die Tage lang im Sommer lang genug. Viele Staaten in Afrika und Asien haben die Zeitumstellung längst wieder abgeschafft – oder nie eingeführt.

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In Deutschland wurde die Sommerzeit erstmals 1916 installiert. Im Krieg galt es, Energie zu sparen. Nach nur drei Jahren wurde das Experiment beendet, bevor die Nationalsozialisten die Sommerzeit wieder einführten – zwei Jahre lang sogar mit „Hochsommerzeit“ im Mai und Juni, in der die Uhren um eine weitere Stunde verstellt wurden. Die heutige Zeitumstellung ist seit den 1980er-Jahren gesetzlich geregelt.

Was nützt das?

Der erwiesene Nutzen der Sommerzeit ist gering und beschränkt sich im Wesentlichen darauf, dass die Menschen abends weniger Strom für Licht verbrauchen. Insgesamt wird durch die Zeitumstellung aber sogar mehr Energie verbraucht – weil die Menschen am Morgen mehr heizen. Viele medizinische Studien besagen, dass die Zeitumstellung für Schlafstörungen sorgen kann. Sogar das Risiko für Herzinfarkte steigt in den Tagen nach der Umstellung, und Milchkühe geben weniger Milch als üblich.

Wann muss ich die Uhr wie umstellen?

Die mitteleuropäische Sommerzeit beginnt immer am letzten Sonntag im März, wenn die Uhren um eine Stunde von 2 auf 3 Uhr vorgestellt werden. Sie endet jeweils am letzten Sonntag im Oktober. Dann werden die Uhren von 3 auf 2 Uhr zurück gestellt. Als Gedächtnisstütze kann man an die Gartenmöbel denken: Im Frühling werden sie vor das Haus gestellt und im Herbst wieder zurück in den Schuppen.

Eine „Winterzeit“ gibt es übrigens eigentlich gar nicht. In der dunklen Jahreszeit gilt die normale Zeit, die sich am Stand der Sonne orientiert: Die Sonne steht dann um ziemlich genau 12 Uhr mittags im Süden im Zenit.

Wie lange soll das noch so weitergehen?

2018 durften die Europäer abstimmen, ob sie die Sommerzeit beibehalten wollen. Eine große Mehrheit stimmte für die Abschaffung der Zeitumstellung. Allerdings war die Umfrage weder repräsentativ noch rechtlich bindend. Seitdem sucht die EU nach einer Lösung. Doch dabei stellen sich viele Fragen: Welche Zeit soll beibehalten werden? Die Winterzeit als „echte“ Uhrzeit wäre naheliegend, doch dann würde es im Sommer noch früher hell und früher dunkel. Eine ewige Sommerzeit würde im Winter düstere Morgenstunden bedeuten.

Nach aktuellem Stand soll 2021 das Ende der Zeitumstellungen kommen – und die europäischen Staaten haben freie Wahl, welche Zeit sie beibehalten wollen. Die Folge könnte ein Flickenteppich der Zeitzonen in Europa sein – was die EU verhindern will. Ob deshalb in diesem Jahr tatsächlich letztmals die Uhren umgestellt werden, ist völlig offen.

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Von Tammo Kohlwes

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