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Thema des Tages Zusammenwirken vieler Kräfte soll die Wucht des Wassers bändigen
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11:00 06.04.2019
Überschwemmter Sandweg in Göttingen im Sommer 2017 Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Göttingen

Vor neue Herausforderungen stellt der Klimawandel den Hochwasserschutz. Zwischen Weser, Leine und Rhume herrscht aufgrund extremer Wetterlagen immer häufiger Land unter – sowohl großflächig nach lang anhaltendem Dauerregen wie Ende Mai 2013, als in Hann. Münden Sandsackwälle gelegt und Fußgängerstege gebaut werden mussten, als auch örtlich begrenzt durch schwer vorhersehbaren punktuellen Starkregen. Das Thema ist ebenso komplex wie die Wetterkapriolen und die Verästelungen der Wasserwege, die Vergleiche zum Blutkreislauf von den Kapillaren bis zu den Hauptschlagadern heraufbeschwören. Die Arbeit beginnt im Kleinen beim Freihalten von Gräben und Bächen und endet bei Rückhaltebecken, Poldern und Dämmen. Die Flächenversiegelung spielt in den Diskussionen ebenso eine Rolle wie der Erosionsschutz, die Kanalnetzbetreiber sind vorbeugend ebenso gefordert wie Hauseigentümer, denen die Entwässerung ihrer Grundstücke obliegt. Auch die Unterhaltungsverbände sind mit an Bord, sichten bei ihren Gewässerschauen mögliche Hindernisse und Hochwasserrisiken.

Hochwasser in Hann Münden im Januar 2011. Quelle: Jan Vetter

 

Verstärkte Bemühungen seit 1981

Die Kommunen Südniedersachsens haben den Hochwasserschutz seit dem Jahrhunderthochwasser 1981 verstärkt in den Fokus genommen, der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) managt das Thema im Zusammenspiel mit den unteren Wasserbehörden, entscheidet über Förderanträge von Städten und Gemeinden und ermittelt Überschwemmungsgebiete. Die wurden in Südniedersachsen bereits um 1919 festgelegt. Neufestsetzungen mit einer Reihe von Auflagen hat der Landkreis Göttingen in den Jahren 2012 bis 2016 für Schwülme, Leine, Weser, Werra, Fulda, Rhume, Garte, Harste, Rase, Aue, Dramme, Scheenbach, Wendebach, Hahle, Nathe, Nieme, Schede und Suhle vorgenommen.

Landesbehörde untersucht Folgen des Klimawandels

Extreme Wetterlagen, die mit Starkregen einhergehen, sind auch Gegenstand von Forschungsprojekten der Landesbehörde NLWKN. Dazu gehört das Projekt KliBiW, hinter dem sich der sperrige Titel „Globaler Klimawandel – Wasserwirtschaftliche Folgenabschätzung für das Binnenland“ verbirgt. Der NLWKN untersucht dabei zusammen mit den Universitäten Braunschweig und Hannover mögliche Auswirkungen auf Hoch- und Niedrigwasser – basierend auf verschiedenen Treibhausgas-Szenarien. Der Abschlussbericht für den Bereich Hochwasser mit Klima- und Abflussdaten liegt bereits vor. Daraus geht unter anderem hervor, dass die Temperaturen in Niedersachsen seit Mitte des 20. Jahrhunderts im Mittel um 1,6 Grad, die Niederschlagsmengen um sechs Prozent zugenommen haben. Im Herbst und Winter hat die Regenmenge zugelegt, im Sommer leicht abgenommen. Diese Tendenzen, wird prognostiziert, würden sich fortsetzen und auf die wasserwirtschaftliche Planung auswirken. ku

Im Katastrophenfall ist auch der Landkreis gefragt, und der NLWKN stellt der Polizeidirektion Göttingen einen Fachberater zur Verfügung. Lageberichte würden auf einem Pegelportal bereitgestellt, eng mit den Hochwassermeldediensten zusammengearbeitet, Behörden, Einsatzkräfte und Anrainer könnten sich über eine Pegel-App informieren, sagt Carsten Lippe als Sprecher der Landesbehörde: „Im Landkreis Göttingen betreiben wir die Pegel Reckershausen/Leine, Göttingen/Leine, Mariengarten/Dramme, Gartemühle/Garte, Rollshausen/Hahle, Hilkerode/Eller, Rhumspringe/Rhume, Hattorf/Sieber, Zorge/Zorge, Adelebsen/Schwülme und Weendespring/Weende.“ Der NLWKN unterhalte auch eigene Einrichtungen, ergänzt Michael Gruttke von der Betriebsstelle Süd in Göttingen und nennt exemplarisch das Flüthewehr, die Wendebach-Talsperre und das Rückhaltebecken Salzderhelden.

Schutzmaßnahmen ausgeweitet

Noch gut in Erinnerung ist vielen das Hochwasser im Landkreis Göttingen im Juli 2017 – mit historischem Pegel-Höchststand der Leine in Göttingen von 3,84 Metern. Dabei haben sich Schutzmaßnahmen bewährt, die in den Jahren zuvor umgesetzt wurden. Die Stadt Göttingen hat zwischen 2001 und 2013 vom Flüthe-Wehr im Süden bis zum Klärwerk im Norden Deiche durch Spundwände verstärkt, Hochwasser-Schutzwände erhöht, ein Siel- und ein Schöpfbauwerk errichtet. „In Göttingen liegt der Leine-Hochwasserschutz über den Anforderungen, die vor einem sogenannten 100-jährigen Ereignis schützen“, sagt Bernd Knyrim, Projektleiter Hochwasserschutz der Stadt Göttingen: „Kurz- und mittelfristig werden wir das Thema Starkregen in den Blick nehmen. Dabei geht es nicht mehr um Flusshochwasser, sondern um die Auswirkungen von örtlichen Starkregenereignissen im städtischen Raum und die Frage, wie daraus entstehende Schäden minimiert werden können.“ In Neubaugebieten werden in Göttingen wie andernorts auch Regenrückhaltebecken angelegt, die das Ableiten des Niederschlagwassers verzögern und das Kanalnetz entlasten. Auf Basis des Generalentwässerungsplans für die Stadt würden die Dimensionen der Regenwasserkanäle bei Sanierungsprojekten vergrößert und Querverbindungen zur Vermaschung des bestehenden Netzes geschaffen, teilt Dominik Kimyon, Sprecher der Göttinger Stadtverwaltung, mit.

Land unter am Göttinger Sandweg Quelle: Christina Hinzmann

Option für Rückhaltebecken bei Duderstadt

In Duderstadt ist 2017 erstmals das 1989 in Betrieb gegangene Brehme/Sandwasser-Rückhaltebecken bis zum Rand gefüllt gewesen. Erst vor wenigen Wochen wurde das Hochwasserschutzkonzept der Stadt fortgeschrieben – mit vorläufigem Verzicht, aber mittelfristiger Option auf das seit Jahren diskutierte Hahle-Rückhaltebecken südlich von Gerblingerode. Die Verbesserung der Abflussverhältnisse steht ebenso auf der Agenda wie die Sicherung der Verdolung des Hartmannkanals und der Objektschutz von der Eichsfeldhalle bis zum Duderstädter Freibad, das im Überschwemmungsgebiet liegt, kleinere Schutzwälle für neuralgische Bereiche, Ausbuschungs- und Mäharbeiten, teilt Duderstadts Bauamtsleiter Johannes Böning mit: „Durch die Maßnahmen zum Hochwasserschutz sind wir auch besser gerüstet für die immer häufiger auftretenden, aber kaum zu kalkulierenden Starkregenereignisse.“

Helfer in der Not

Ist das Wasser erstmal da, sollte schnell gehandelt werden. In Göttingen können sich die Bürger auf die Berufsfeuerwehr, die Freiwilligen Feuerwehren aus der Region und das Technische Hilfswerk verlassen.

„Extreme Wetterlagen wie Starkregen haben in den letzten Jahren zugenommen“, sagt Claus Bode, Abschnittsleiter Ost der Kreisfeuerwehr des Landkreises Göttingen und Gemeindebrandmeister in Gieboldehausen. Ihm zufolge sind auch Gebiete von Überschwemmungen betroffen, die bisher nicht als hochwassergefährdet gesehen wurden.

Hilfreiche Ortskenntnisse der Feuerwehren

Die Freiwilligen Feuerwehren helfen regional und überregional bei der Bekämpfung von Hochwassern. „Die Feuerwehren können relativ kurzfristig Einsatzkräfte und Ausstattung stellen“, sagt Bode. „Gut ist, dass wir in der Fläche überall Feuerwehren haben, die sich in den betroffenen Gebieten auskennen.“ Um einen möglichst reibungslosen Ablauf bei der Bekämpfung von Hochwasser zu gewährleisten, hat der Landkreis Göttingen vier Kreisfeuerwehrbereitschaften eingerichtet, die sich jeweils aus den Freiwilligen Feuerwehren der Orte zusammensetzen.

Um das Wasser aufzuhalten, verfügen die Feuerwehren wie auch das Technische Hilfswerk (THW) über Sandsäcke, die zentral in Bauhöfen gelagert werden und per Hand oder mit einer Sandsackfüllmaschine gefüllt werden. Jörg Kortebröcker vom Bereich Zivil- und Katastrophenschutz der Berufsfeuerwehr Göttingen berichtet außerdem, dass die Berufsfeuerwehr zusätzlich XXL-Sandsäcke hat. Als weiteres Schutzsystem dienen Schläuche mit bis zu einem Meter Durchmesser, die mit Wasser gefüllt werden und die die Feuerwehr gerade auf dem Land als Hochwasserbegrenzung einsetzt.

Hochleistungspumpen für große Flächen

Läuft der Keller trotz Schutzmaßnahmen voll, sind die Feuerwehren der Stadt und des Landkreises gut aufgestellt. „Die Feuerwehr hat auf jedem der Fahrzeuge Pumpen dabei“, sagt Kortebröcker. Bei großflächigeren Überschwemmungen kommen die Hochleistungspumpen der Fachgruppe Wasserschaden und Pumpen des THW ins Spiel. Die Pumpen, die mit Diesel betrieben werden, können insgesamt 22 000 Liter Wasser in der Minute fördern, die größte von ihnen allein 5000 Liter in der Minute. „Das ist dann nichts mehr für vollgelaufene Keller“, sagt Axel Rentschka vom THW Göttingen. Er führt weiter aus, dass diese Pumpen eher bei überfluteten Tiefgaragen oder großen überschwemmten Flächen zum Einsatz kommen, um Deiche und Brücken zu entlasten.

THW-Einsatz auf Anforderung

Das THW rückt jedoch nur auf Anforderung aus. Die Einsatzleitung der Feuerwehr muss gegebenenfalls einen Fachberater verständigen, der die Hochwasserlage beurteilt, die Feuerwehr berät und weitere Einsatzkräfte sowie technische Ausrüstung vom THW anfordert. „Grundsätzlich kann das THW bundesweit weitere Unterstützung und Einsatzkräfte hinzuziehen“, sagt Rentschka für den Fall, dass der Ortsverband die Lage alleine nicht unter Kontrolle bekommt. In Göttingen engagieren sich etwa 70 Ehrenamtliche beim THW, bundesweit sind es nach Rentschkas Angaben 70 000 Mitglieder.

 

Von Kuno Mahnkopf und Lisa Marie Bolander

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