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Thema des Tages „Einladend, freundlich, hell und flexibel“
Thema Specials Thema des Tages „Einladend, freundlich, hell und flexibel“
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15:39 02.07.2018
Der Altarraum ist bereits renoviert, der Rest soll folgen. Quelle: Heller
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Göttingen

„Eine Kirche soll in meinen Augen an erster Stelle einladend sein. Ein Ort, an dem das Evangelium gepredigt wird und an dem die Menschen zusammen kommen“, sagt Hildgund Broda. Als stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes von St. Johannis war sie an der Planung unter dem sprechenden Titel „Aufbruch!“ direkt beteiligt. „Wir versuchen an dieser Stelle mit der Innenrenovierung den Raum mit eindeutigen Referenzen an seine Geschichte für eine gegenwärtige Nutzung auszustatten.“ So werde die Kirche für die Stadt zu einem Ort, an dem einerseits christliche Tradition gelebt, andererseits ein Treffpunkt mitten in der Stadt geschaffen werde, an dem man gerne sein möchte. „Sie ist einladend, freundlich, hell und flexibel, lässt aber zu, dass die verschiedenen Zeitschienen wahrnehmbar bleiben.“

Der Weg des Aufbruchs passe gut ins Gesamtkonzept aller Gemeinden, so Broda weiter. „Die Innenstadt von Göttingen bietet vier tolle alte Kirchen. Jede hat ihre eigene Prägung. Die gilt es zu verstärken.“ St. Johannis werde eine Kirche für die Bürger, ein Treffpunkt mitten in der Stadt mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. Auf die Frage, welche Veranstaltung sie in St. Johannis zukünftig gerne mal erleben würde, hat Broda viele Ideen: ein Konzert von Nils Landgren, eine Diskussion über Ethik in der Politik oder Public Viewing bei der Fußball-WM. „Ich bin da eigentlich ganz offen.“

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Deutliche Worte

Broda findet deutliche Worte zum Gestaltungsdrang ihrer Vorgänger: „In St. Johannis ist in den vergangenen Jahrhunderten äußerst unsensibel mit dem historischen Inventar umgegangen worden.“ Ein Punkt, in dem sie auch mit Superintendent Friedrich Selter übereinstimmt. Auf die Frage, ob eine gotische Kirche nicht eher historisch authentisch sein müsste, sagt er: Eine gotische Kirche wie St. Jacobi, in der die historische Ausgestaltung bis hin zum prächtigen Altar über die Jahrhunderte gepflegt und erhalten wurde, sollte so authentisch wie möglich bewahrt werden. In St. Johannis ist das anders. Dort ist man bei der letzten Sanierung vor über fünfzig Jahren geradezu brutal mit der architektonischen Struktur und den historischen Ausstattungen umgegangen.“

Die ursprüngliche optische Wirkung einer dreischiffigen Hallenkirche sei durch die durchgehende Empore mit sichtbaren Stahlträgern und massiven Platten empfindlich gestört worden. Diese optische Radikalität werde durch die Sanierung ein wenig zurückgenommen. „St. Johannis wird optisch deutlich an Leichtigkeit und Frische gewinnen“, betont Selter. Gleichzeitig bleibe die Grundidee der vielfältigen Nutzbarkeit beibehalten und wesentlicher Bestandteil des neuen Konzeptes. Und die historische Funktion als Rats- und Marktkirche werde konsequent weiterentwickelt zur offenen Bürgerkirche.

Kritische Stimmen

Dass es dazu auch kritische Stimmen gibt, freut den Superintendenten. „Sie zeigen mir, wie sehr die Menschen mit ihrer Kirche verbunden sind.“ Neue Elemente wie die beweglichen Prinzipalstücke – Altar mit Taufort, Kanzel und Lesepult – sprächen für sich und würden der Gemeinde zugute kommen. Und wie steht Selter zu den Plänen für den neuen Haupteingang? „Wenn der gläserne Vorbau vor dem Südportal realisiert werden kann, so wird er nach außen hin sichtbar machen, dass drinnen Menschen zu bestimmten Themen zusammenkommen. Ähnlich, wie das beim Deutschen Theater gut gelungen ist.“

Der Eingang als Symbol für das Prinzip der Bürgerkirche? „In der offenen Bürgerkirche wird deutlich: Kirche ist kein abgeschlossenes Biotop, sondern gehört mitten in unsere Welt. So kann auch gegenseitige Wahrnehmung eine neue Qualität gewinnen.“ Er freue sich auf Gottesdienste in einem schönen Kirchraum, der Freiheit und Weite ausstrahlt und in dem die Technik funktioniert. „Vor allem aber freue ich mich auf viele spannende Begegnungen bei den unterschiedlichsten Veranstaltungsformaten.“

Ausrichtung als Bürgerkirche

Einer, der das schon umgesetzt hat, ist Nico Dietrich, Intendant des Jungen Theaters Göttingen. Er ließ die Produktion „Judas“ in der Johanniskirche aufführen. 1000 Besucher haben die Vorstellungen bislang erlebt und mit ihr die Kirche, sagt Dietrich. Dass der Altar beweglich ist, eröffne „tolle Möglichkeiten“ – auch für die Ausrichtung als Bürgerkirche. Doch „man muss sich als Gemeinde überlegen, wie man sich öffnet“. „Judas“ übrigens zieht jetzt wegen der Arbeiten in St. Johannis in die Nikolaikirche um. Und nach dem Umbau? „Pastor Schridde und ich, wir sind schon im Gespräch.“ Konkrete Kooperationen seien allerdings noch nichts vereinbart.

Angelika Daamen, Geschäftsführerin von Göttingen Tourismus ist als Kuratoriumsmitglied von dem neuen Konzept ebenfalls überzeugt. „Es bringt für beide Seiten Gewinn. Einerseits spricht die Kirche zum Beispiel mit neuen Veranstaltungsformaten Menschen an, die sie sonst nicht erreicht hätte. Andererseits erleben Göttinger und auswärtige Gäste einen spannenden Ort, den sie ansonsten vielleicht gar nicht besucht hätten.“

Historische und moderne Elemente

Die Renovierungspläne bezeichnet Daamen als sehr stimmig. „Die Gestaltung vereint historische und moderne Elemente, was ich persönlich sehr reizvoll finde.“ Mit dem Konzept sollen viele Menschen zu ganz unterschiedlichen Anlässen in die Kirche eingeladen werden. „Infolgedessen wird die Innengestaltung ansprechend und hell.“ Sie erhoffe sich, dass St. Johannis „ein lebendiger, das städtische Leben bereichernder Treffpunkt in der Innenstadt wird.“

Doch bis es soweit ist, müssen die Kulturschaffenden ein wenig zusammenrücken. Denn zeitgleich mit der Kirche werden auch Stadthalle, Kaz und Junges Theater saniert. Dazu Daamen: „Sicher ist die Konstellation schwierig. Wir verdanken sie aber unter anderem der Tatsache, dass Göttingen in den Genuss vieler Fördergelder kommt. Die Gunst der Stunde muss man nutzen.“ Insofern sehe sie die aktuelle Situation eher als Chance für die Stadtentwicklung denn als Bürde. „Auch wenn ich weiß, dass sie den Kulturschaffenden über einen längeren Zeitraum erhebliche Probleme bereitet und entsprechend viel Flexibilität abverlangt.“

Mutiger Schritt

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann war einer derjenigen, die sich in Berlin für um diese Fördergelder bemüht hat. Sein Statement zur bevorstehenden Sanierung von St. Johannis: „Die Johannis-Kirchengemeinde geht mit dem Umbau einen mutigen Schritt, sich zu öffnen und zu einem Anlaufpunkt für alle Bürger zu werden. Menschen können in der Kirche nach wie vor Ruhe finden, aber sie auch als Kultur- und Veranstaltungsort ansteuern.“

Durch die Umbauarbeiten werde sich natürlich auch der Innenraum verändern. Kirchen seien im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut worden, auch die Johanniskirche. Trotzdem sei es nun eine große Herausforderung, Altes und Neues in Einklang zu bringen, so Oppermann. „Ich halte die bisherigen Pläne für einen gelungenen Versuch, eine gotische Hallenkirche mit einer modernen Nutzungsidee zu verknüpfen.“

Sein Lob geht an alle Beteiligten vor Ort: In erster Linie lebe dieser „Aufbruch“ an St. Johannis von der großen Tatkraft der Gemeinde, des Kirchenvorstandes und Pastor Schridde. Ihn habe der Mut beeindruckt, konzeptionelle Veränderungen vorzunehmen. „In einer Zeit, in der häufiger wieder über Grenzen und Abgrenzung diskutiert wird, signalisiert die größte Göttinger Innenstadtkirche: Wir sind für jeden da. Jeder ist willkommen. Das ist die richtige Botschaft zur rechten Zeit.“

Von Markus Scharf