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Thema des Tages Studieren mit Kindern in Göttingen – eine junge Familie berichtet
Thema Specials Thema des Tages Studieren mit Kindern in Göttingen – eine junge Familie berichtet
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07:35 05.09.2019
Julian Fricke und Anastasia Emser mit Tochter Samiya am großen Sandkasten direkt vor der Wohnung der jungen Familie. Quelle: Markus Riese
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Göttingen

Anastasia Emser (27) und Julian Fricke (30) leben mit ihren beiden Kindern Amarun (3) und Samiya (1) in einer Familienwohnung des Studentenwohnheims Albrecht-Thaer-Weg (ATW). 75 Quadratmeter, verteilt auf dreieinhalb Zimmer, Küche, Bad – über zu wenig Platz kann sich die junge Familie schon mal nicht beschweren. Tut sie auch nicht: „Die Wohnung war früher mal die Krippe der Anlage“, berichtet Fricke, der seinen Master in Arbeitssoziologie gemacht hat und jetzt eine Promotionsstelle sucht.

Wohnumfeld bietet ideale Bedigungen

Nicht nur die Größe, sondern auch die Lage der Wohnung findet er „ideal“ – nach hinten raus gibt es einen Garten und einen Spielplatz, vor dem Hauseingang können die Kinder einen großen Sandkasten nutzen, der auch von den anderen Wohnparteien aus einsehbar ist. „Das ist schon sehr praktisch, denn hier kennt man sich ja, und es gibt noch viele andere Familien mit kleinen Kindern“, holt Emser aus.

Die Wohnanlage am Albrecht-Thaer-Weg bietet mehreren Hundert Studierenden Wohnraum - auch jungen Familien. Quelle: Markus Riese

Der praktische Nutzen für die junge Mutter liegt fast schon auf der Hand: „Während die Kinder draußen spielen, passt ein Elternteil auf – und verschafft den anderen Eltern aus der Nachbarschaft Zeit, um sich zum Beispiel um den Haushalt zu kümmern.“ Es sei schon sehr hilfreich, „dank der Community einfach mal sauber machen“ zu können, findet auch Fricke. Selbstverständlich ist das nicht: Die Sandkästen sollten nämlich schon entfernt werden, weil sie zu pflegeintensiv sind. „Wir mussten dafür kämpfen, dass sie erstmal bleiben“, berichtet der 30-Jährige.

Größe, Lage, Umfeld, Nachbarschaft und die örtlichen Gegebenheiten passen also für die kleine Familie. Dazu kommt noch, dass die Miete für das junge Paar im größten Studentenwohnheim Göttingens (832 Wohnplätze) im Verhältnis zum freien Wohnungsmarkt außerordentlich günstig ist: „Wir zahlen hier 545 Euro, das ist schon sehr wenig“, weiß Fricke.

Auf dem weitläufigen Gelände des Studentenwohnheims am Albrecht-Thaer-Weg gibt es immer wieder Angebote für Familien mit Kindern. Quelle: Markus Riese

Und er weiß auch, dass diese Wohnungen gefragt sind: „Es gibt immer eine relativ lange Warteliste, gerade, wenn man mit Familie sucht“, sagt er. In den Kosten enthalten seien auch „ultraschnelles Internet“, wie Fricke es beschreibt, dazu ein sehr schnell reagierender Hausmeister-Service sowie Freizeitangebote auf dem Gelände.

„Sehr genau planen“

Emser und Fricke können sich also glücklich schätzen, in einer der Familienwohnungen untergekommen zu sein; seit mittlerweile vier Jahren leben sie im ATW. In dieser Zeit kamen ihre beiden Kinder zur Welt – was hat sich dadurch verändert? „Schon einiges, vor allem im studentischen Alltag“, erzählt Emser, die Soziologie und Erziehungswissenschaften im Master studiert.

„Man muss immer gucken, wie die Vorlesungen liegen“, nennt sie eine der vielen Herausforderungen, wenn es darum geht, alle Pflichten unter einen Hut zu bekommen. An manchen Tagen sei sie acht Stunden in der Uni, gelegentlich sogar deutlich länger: Weil sie seit 2017 auch als studentische Hilfskraft arbeitet und sich so etwas hinzuverdient, sind im Extremfall auch mal 14-Stunden-Tage möglich. „Das musst du dann schon sehr genau planen. Es ist jedes Mal ein Austarieren – andererseits gibt es dann auch wieder Tage, an denen man den Luxus hat, Zeit mit der Familie verbringen zu können“, sagt sie.

Amarun haben die jungen Eltern in den ersten zweieinhalb Jahren zu Hause behalten; seit 2018 lassen die Eltern das Kind über eine Elterninitiative betreuen. Emser und Fricke wissen, dass sie auch beim Studentenwerk nach einem Kita-Platz hätten fragen können – immerhin sechs eigene Betreuungseinrichtungen hält das Studentenwerk dafür vor.

Außerhalb der Betreuungszeiten nutzen die Eltern einerseits die gute Nachbarschaft, andererseits aber auch die Möglichkeiten, die beispielsweise die Gleichstellungsbeauftragten und der Familienservice der Universität ihnen aufzeigen. Dazu gehört etwa die Übernahme von Kosten für einen Babysitter, wenn dieser durch das Studium erforderlich wird.

Informationen eher zufällig entdeckt

Emser bezieht Geld über das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), Fricke hat während seines Studiums Unterhalt von seinem Vater bekommen. Dennoch sind die beiden Eltern froh, wenn sie in bestimmten Situationen Zuschüsse in Anspruch nehmen dürfen – und genau da liegt ihrer Ansicht nach ein ganz wesentliches Problem: „Wir haben von vielen Möglichkeiten eher zufällig erfahren“, berichtet Emser.

Viele Informationen müsse man sich mühsam zusammensuchen, an unterschiedlichen Stellen nachfragen oder in verschiedenen Quellen nachschlagen. Manchmal stoße man auch nur mit Glück auf passende Infos – zum Beispiel durch den Austausch mit anderen Studierenden, die auch nicht viel Geld zur Verfügung haben. „Es wäre schon cool, das alles zu zentralisieren, beispielsweise auf einer gemeinsamen Internetseite, auf der man wirklich alles finden kann, was man als Studierender mit Kind wissen sollte“, regt Emser an.

Einen entsprechenden Überblick, etwa auf einer Webseite der Uni, wünscht sich auch Fricke. Zwar gebe es bereits Informationsangebote durch das Studentenwerk, den Familienservice der Universität, die verschiedenen Fakultäten, den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und die Stadt Göttingen. Auch richte die Uni ab und zu Familienfeste aus und frage nach Verbesserungsvorschlägen; der AStA versuche Eltern durch gemeinsame Treffen miteinander in Kontakt zu bringen. Zu denen kommt manchmal allerdings kaum jemand: „Da sind die Eltern dann natürlich auch in der Verantwortung, solche Angebote zu nutzen, wenn es sie denn schon gibt“, findet Fricke.

Berichten über das studentische Leben als kleine Familie: Julian Fricke und Anastasia Emser, hier mit Samiya. Quelle: Markus Riese

Dennoch stellen die schon aus familiär-pragmatischen Gründen eigentlich sehr gut strukturierten Studenten immer wieder fest, dass sie gerade im studentischen Alltag auf Zufälle angewiesen sind. Ein Beispiel: Als die Familie im Lern- und Studiengebäude der Universität einfach nur die Toilette nutzen wollte, erfuhr sie im „Vorbeigehen“, dass sie dort Familienräume zum Lernen buchen kann. „Das haben wir vorher einfach nicht gewusst“, sagt Fricke. Und schiebt augenzwinkernd hinterher: „Hätten wir nicht aufs Klo gemusst, wüssten wir das immer noch nicht.“

Oft geht es aber auch um ganz konkrete finanzielle Hilfen – wie zum Beispiel die Bezuschussung der Abschlussarbeit oder die Rückerstattung eines Großteils des Semesterbeitrags. „Alles Dinge, auf die man nicht sofort kommt“, beschreiben Emser und Fricke.

Ein anderes wichtiges Thema seien Fehlzeiten im Studium – gerade in der Schwangerschaft und um die Geburt herum. „Da fühlen wir uns als Eltern manchmal schon benachteiligt und ungerecht behandelt“, kritisiert das Paar. Immerhin gebe es seit Anfang 2018 eine Mutterschutz-Regelung – die man allerdings explizit beantragen müsse.

Auf der anderen Seite hätten die beiden auch gute Erfahrungen in besonderen Situationen gemacht: „Wenn ein Kind mal krank ist, bekommt man beispielsweise Fristen normalerweise verlängert“, berichtet Fricke. Das bestätigt Romas Bielke, Pressesprecher der Universität Göttingen: „Sollte die Teilnahme an einer Prüfung aufgrund der Erkrankung des Kindes nicht möglich sein, kann der Prüfungstermin verschoben werden oder der darauffolgende Prüfungstermin genutzt werden.“

Immer wieder kleinere „Aufreger“

Und doch gibt es immer wieder kleinere „Aufreger“ für die Familie im studentischen Alltagsleben. Beispiel: die sogenannte „Mensa-Kids-Card“ des Studentenwerks. „Die ist eigentlich wirklich super“, betont Fricke. Mit dieser Karte können Eltern, die in einer der Mensen ein Essen kaufen, ein weiteres Essen für das Kind kostenlos dazu bekommen. Das hat eine Zeit lang bestens funktioniert: „Es ist schon wesentlich entspannter, wenn man nicht jeden Tag selbst kochen muss“, weiß Emser aus Erfahrung.

Mittlerweile müsse das Kind bei der Essenausgabe aber regelrecht „vorgezeigt“ werden, um das kostenlose Angebot in Anspruch nehmen zu dürfen – es reiche nicht mal, wenn es in Sichtweite am Tisch sitzt. Und weil in der Regel nicht beide Elternteile gleichzeitig in der Mensa sein können, gilt es also, Tablett, Geldbörse und Kind irgendwie auf den Armen zu jonglieren. In solchen Situationen fragt sich Emser dann schon: „Warum muss man es Eltern da unnötig schwer machen?“

Gut gelaunt: Julian Fricke und Anastasia Emser mit Tochter Samiya. Quelle: Markus Riese

Im studentischen Alltag und bei Fragen und Hilfestellungen zur Studienfinanzierung sehen Emser und Fricke also noch Verbesserungsbedarf – anders als beim Lebensraum. Im direkten Umfeld wohnen gleich drei weitere Familien mit Kindern im exakt gleichen Alter. Dass man sich da auch gegenseitig hilft und abends gern mal zusammensitzt, erscheint fast selbstverständlich. Die Wohnsituation sei insgesamt schlichtweg „super“ – und „in Deutschland wahrscheinlich einzigartig“.

Familie und Studium: Angebote von Uni, Studentenwerk und AStA

Studierende mit Kind werden an der Universität Göttingen nicht gesondert erfasst. Die letzte Sozialerhebung des Studentenwerks (2016) ermittelte einen Anteil von durchschnittlich sechs Prozent aller Studierenden im Bundesgebiet. Dieser Prozentsatz ist in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben. „In Göttingen gehen wir davon aus, dass der Anteil etwas niedriger liegt, da es in den ,neuen Bundesländern’ prozentual mehr Studierende gibt, die mit Kind studieren“, sagt Romas Bielke, Pressesprecher der Universität Göttingen. Seit Einführung des Mutterschutzes für Studierende Anfang 2018 würden diejenigen erfasst, die im Laufe ihres Studiums schwanger werden. „Das waren innerhalb eines Jahres etwas mehr als 80 Studierende. Allerdings ist die Angabe freiwillig, sodass die eigentliche Zahl vermutlich höher liegt“, so Bielke.

Im Familienservice der Universität, der zentralen Anlaufstelle für Studierende mit Kind, gehen laut Bielke monatlich 40 bis 50 Informations- und Beratungsanfragen von Studierenden ein. In vielen Fällen gehe es um das Thema Kinderbetreuung, aber auch um die Studienorganisation mit Kind oder finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten.

Die flexiblen Kinderbetreuungsangeboteder Universität, die das klassische Betreuungsangebot ergänzen sollen, werden Bielke zufolge „stark genutzt“. Die Lernsamstage mit Kinderbetreuung seien sind fast immer ausgebucht, die Notfall- und Randzeitenbetreuung sowie der Zuschuss zur Kinderbetreuung für Kinder, die keinen Krippenplatz haben, seien seit der Einführung kontinuierlich gestiegen. „So nutzen pro Semester zwischen 100 und 150 studierende Eltern die flexiblen Kinderbetreuungsangebote“, berichtet der Pressesprecher.

Das von Anastasia Emser und Julian Frickeerhoffte zentralisierte Informationsangebot gibt es seit 2018 bereits in Ansätzen – in Form eines Informationsportals für Studierende mit Kind. Dort sollen die wichtigsten Informationen gebündelt werden; allerdings sind diese längst noch nicht vollständig. Immerhin werden hier aber auch ein Veranstaltungskalender und eine Vernetzungsmöglichkeit für studierende Eltern zur Verfügung gestellt. Zusätzlich stehen in verschiedenen Fakultäten und Einrichtungen Eltern-Kind-Zimmer und Wickelmöglichkeiten zur Verfügung; die Gleichstellungsbeauftragten der Fakultäten sind ebenfalls Anlaufstellen für studierende Eltern.

Das Studentenwerk Göttingen bietet Familien laut Pressesprecherin Anett Reyer-Günther Krippen- und Kita-Plätze in insgesamt sechs Betreuungseinrichtungen an, stellt Wohnangebote in Familienwohnheimen zur Verfügung und bietet außerdem verschiedene Beratungsangebote, etwa zum Thema BAföG. Der Sozialdienst des Studentenwerks berate außerdem zu besonderen finanziellen Unterstützungen in speziellen Lebenslagen. Kostengünstiges Essen für Familien biete das Studentenwerk in seinen Mensen über die „Mensa-Kids-Card“ an; in den Mensen selbst gebe es Kinder- und Familiensitzbereiche mit Spielgeräten und Hochstühlen.

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) hat auf seinen Internetseiten dem Thema „Studieren mit Kind“ einen eigenen Bereich gewidmet und hier viele Informationen zusammengestellt, nennt dort zudem Ansprechpartner wie das Servicebüro Studienzentrale am Wilhelmsplatz. Auch der AStA bietet Vernetzungsmöglichkeiten zu anderen Studierenden mit Kind – und setzt hier auch auf einen entsprechenden Erfahrungsaustausch.

Mehr Infos:

uni-goettingen.de

studentenwerk-goettingen.de

asta.uni-goettingen.de

Von Markus Riese

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