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Thema des Tages Theater nach Aktenlage
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00:17 10.02.2017
Szenenfoto aus „Die Nutznießer - ‚Arisierung‘ in Göttingen“ mit Moritz Schulze, Katharina Uhland, Frederik Schmid, Benedikt Kauff und Benjamin Kempf (von links). Quelle: r
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"Die Anfälligkeit des Menschen für totalitäre Versuchung"

Gesine Schmidt, Autorin des Theaterstücks "Die Nutznießer - 'Arisierung' in Göttingen", im Interview.

Sie haben im Auftrag des Deutschen Theaters in Göttingen über den Prozess der "Arisierung" in Göttingen recherchiert. Wie gehen Sie vor, wenn Sie so einen Auftrag erhalten haben und wieviel Zeit haben Sie für die Recherche?
Zunächst lese ich sehr viel Primär-  und Sekundärliteratur. Speziell zu diesem Thema ist 1997 das Buch Lohnende Geschäfte - die Entjudung der Wirtschaft am Beispiel Göttingens von Alex Bruns-Wüstefeld erschienen. Hier werden die Auswirkungen der nationalsozialistischen Arisierungspolitik auf Göttingen bis ins kleinste Detail sehr genau dokumentiert. Auch die Veröffentlichungen von Cordula Tollmien und von Ulrich Popplow über den Nationalsozialismus in Göttingen waren entscheidend zum Verständnis der Zeitgeschichte. Danach bin ich selber in die Originalakten des Göttinger Stadtarchivs eingetaucht und mit tausenden eingescannten, noch unsortierten Dokumenten wieder aufgetaucht. Aktenvermerke, Korrespondenzen, Überwachungsberichte, penible Listen über jüdische Betriebe, über Vermögenswerte, über Versteigerungen des jüdischen Eigentums vom  Finanzamt, dem Stadtsteueramt, der Polizeidirektion, dem Wohnungsamt, dem Ordnungsamt, der Sparkasse…  Die Deportationslisten befanden sich übrigens im Sparkassenordner. – Hinzu kamen zahlreiche Akten zu den Wiedergutmachungsverfahren aus dem Staatsarchiv Hannover. Für die Recherche, die anschließende Sichtung, Auswahl, Transkription und Stückentwicklung standen mir etwa sechs Monate zur Verfügung. 

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Kritik

Die Kritik zum Theaterstück "Die Nutznießer - 'Arisierung' in Göttingen" können Sie hier nachlesen.

Haben Sie das Thema der Arisierung bzw. der Verfolgung im Nationalsozialismus bereits in anderen Stücken bearbeitet?

Nicht explizit, aber in meinem Stück Bier, Blut und Bundesbrüder über schlagende Studentenverbindungen arbeite ich neben aktuellen Interviews auch mit historischen Dokumenten.  Es war hierbei wichtig, auf historische O-Töne zurückzugreifen, um Begriffe wie Vaterland und Nation in der historischen Traditionslinie zu betrachten. Denn der volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff ist nach wie vor essentiell für das Selbstverständnis der Deutschen Burschenschaft.

Gehen Sie immer nach Dokumentenlage vor und ist für Ihre Stücke der O-Ton charakteristisch?

Ja, ich arbeite bisher immer auf der Basis von authentischem Material, mit autobiografisch-narrativen Interviews. Die Interviews werden sprachlich und inhaltlich verdichtet und nach dramaturgischen Prinzipien zu einem Stück montiert. Denn die dokumentarische Aufarbeitung eines gesellschaftlich relevanten Themas hinterlässt meiner Ansicht nach eine nachhaltigere Wirkung als ein rein fiktionaler Text. Die Realität ist vielschichtig und komplex, deshalb gebe ich keine Antworten, sondern stelle verschiedene Positionen und Perspektiven nebeneinander und mute dem Zuschauer zu, aus den Widersprüchen zu einer eigenen Haltung zu finden.

Gab es für Sie im Zusammenhang mit der Situation in Göttingen Besonderheiten?

Wenn man Ergebnisse aus Studien von anderen mittelgroßen Städten wie Marburg oder Heidelberg heranzieht, die auch vom Mittelstand und der Universität dominiert werden, dann ist Göttingen durchaus repräsentativ. Auffällig ist der große Erfolg der NSDAP in Göttingen bei allen Wahlen seit 1924. Die Wahlerfolge lagen weit über dem Reichsdurchschnitt, was  mit dem hohen Anteil der in Göttingen lebenden Beamten und Pensionäre zu tun hatte. Trotzdem geht es mir weniger um Besonderheiten, als vielmehr um strukturelle, gesellschaftliche und politische Ursachenforschung anhand historischer Dokumente. Inwieweit verflüchtigt sich das Unrechtbewusstsein des Einzelnen, wenn er als Teil einer Institution, eines bürokratischen Apparates funktioniert? Wenn er in dieser Befehl-Gehorsam-Kultur der Institutionen keine Verantwortung mehr für das große Ganze empfindet. Es geht mir auch darum, die Anfälligkeit des Menschen für totalitäre Versuchung aufzuzeigen. Es wird eine gesetzliche Legitimation geschaffen, die es dem Einzelnen erst ermöglicht, seine moralischen Skrupel zu überwinden.

Von den 96 Unternehmen in Göttingen wurden 74 liquidiert und 22 "arisiert". Neben Aufkäufen durch Konkurrenten gab es Fortführungen durch Neueinsteiger, Kunden oder ehemalige Angestellte. Durch die Beteiligung vieler Kunden, Lieferanten und Banken am Boykott jüdischer Geschäfte kam es zu den zahlreichen Geschäftsauflösungen. Indirekt profitierten davon dann wiederum die übrigen Geschäftsleute.  Und der Kunde profitierte von den Räumungsverkäufen jüdischer Geschäfte und zog in die frei werdenden Wohnungen.

Man hat geschwiegen. Nur der Gruß musste beachtet werden. Viele haben ihre Interessen gesucht. Geschäftsleute und Beamte haben es gemacht, um weiterzukommen.

Ich bin etwas gleichgültig gewesen. Es war die Hauptsache, wir hatten Brot für die Kinder, ein Dach über dem Kopf, und ich war nicht arbeitslos. Die familiären Sorgen waren vorrangig gegenüber dem politischen Interesse.

Es waren Schweinereien. Es traute sich jedoch keiner, etwas zu sagen. Manche schüttelten den Kopf. / Ein großer Teil der Bürger war dagegen. Man durfte nichts laut sagen, und konnte sich nur mit dem "deutschen Blick" verständigen. (Göttinger Bürger 1976)

Sind Sie während der aufwendigen Aktensichtung dazu gekommen, die Orte zu besuchen, um die es in Ihrem Stück "Die Nutznießer - 'Arisierung' in Göttingen" geht? Was haben Sie davon besonders in Erinnerung?

In eindrücklicher Erinnerung sind mir die unter Denkmalschutz stehende Fabrikantenvilla der Unternehmerfamilie Hahn südlich des Einkaufszentrums Gallus-Park und die großen, verfallenen Industriebauten aus Backstein, in denen die Familie Hahn ihre „Rohhäute- und Fellgroßhandlung Raphael Hahn Söhne OHG“ und die „Gallus Schuhfabrik GmbH“ betrieb. Ich bin durch einen Artikel des Göttinger Tageblatts von 2013 darauf aufmerksam geworden. Dort ging es um die „Wiedernutzung brachfallender Flächen“, die für das Grundstück der Industriegebäude weiterhin eine gewerbliche, für das Grundstück mit der Fabrikantenvilla eine gemischte Nutzung vorsehe. Ich fand diese imposanten Gebäude, die immer noch eine starke Patina und Strahlkraft im Kontrast zu den modernen Zweckgebäuden besitzen, sehr stark. Ein unübersehbares Denkmal. Unter dem Titel: „Industriebrache steht Sanierung im Wege“ beschrieb der Artikel, dass den Entwicklungsplänen „die komplizierten Eigentumsverhältnisse mehrerer Hahn- Nachkommensfamilien“ entgegenstünden. Es würde gemunkelt, dass „einige der Besitzer offenbar auf eine rasante Wertsteigerung der Brache setzten und daher derzeit weder investieren noch entwickeln oder verkaufen wollten.“ Hier werden wieder alte Klischees bedient, zumal die Industriebrache schon lange nicht mehr im Besitz der Familie Hahn ist. Das zeigt doch, wie präsent dieses Thema nach wie vor in der Stadt ist.

Sie haben auch die Nachkriegszeit thematisiert. Weil die Benachteiligung fortgesetzt wurde und wieder die Auslegung der Gesetze das ermöglichte?

Die rechtsstaatliche Antwort auf die Enteignung, Ausplünderung und Vernichtung der deutschen Juden ist kompliziert und langwierig. Bei der Rückerstattung von Vermögenswerten führten die drohenden materiellen Verluste zunächst zu Abwehrreaktionen bei den Käufern, die das jüdische Eigentum günstig erworben hatten und auch bei der Finanzbürokratie der westdeutschen Länder und später des Bundes. Die Verfahren zogen sich über viele Jahre hin. Teilweise waren die unmittelbar betroffenen NS-Verfolgten dann bereits verstorben. Schon der Begriff der Wiedergutmachung ist umstritten. Wie will man die Eingriffe in die Lebenschancen, wie den Verlust an Freiheit, Gesundheit, beruflichem Fortkommen entschädigen? Welche Kategorien setzt man an? Und wie viel ist ein Menschenleben wert? Die im Stück zitierten Auszüge aus den mehrseitigen Beschlüssen der Wiedergutmachungskammern in der Rückerstattungssache der Erben Löwenstein und Hahn zeigen das Dilemma um die Versuche von gerechter Wiedergutmachung und Entschädigung an.

 

"Es ging nur nach Recht und Gesetz, aber nicht nach Moral"

Dr. Ernst Böhme, Leiter des Stadtarchivs Göttingen, im Interview zur Recherche zu der aktuellen Inszenierung "Die Nutznießer - Arisierung in Göttingen" im Deutschen Theater Göttingen. Quelle: Harald Wenzel

Die Akten sind überschaubar zwei dicke Aktenordner mit etwa 2000 Seiten.  Sie haben das daraus entstandene Theaterstück gesehen, wie beurteilen Sie es als Historiker?

 Die Auswahl des Themas, Arisierung als Teil der Verfolgung der Juden in Göttingen,  ist von der Autorin sehr, sehr gut getroffen worden. Es gibt in Göttingen eine sehr gute Forschungslage, um sich vorzubereiten und gezielt an die Akten zu gehen. Dabei war es sicher auch sehr gut, sich auf zwei Familien zu konzentrieren, und um die herum die Geschichte zu erzählen.

 

Wie beurteilen Sie diese beiden Familien?

Die Antisemiten des 20. Jahrhunderts haben es ja erfolgreich geschafft, im Gedächtnis der Menschen den Eindruck zu hinterlassen, dass die Juden alle sehr reich gewesen seien. Das sind sie natürlich nicht gewesen. Den meisten Juden ging es materiell nicht gut, viele waren sehr arm. Die Löwensteins sind sicher eher der Normalfall gewesen hinsichtlich Wohnsituation und Vermögenslage, die materiell nicht sehr wohlbestellt waren. Ein anderer Fall sind die Hahns, die sehr sehr wohlhabend waren. Sie waren die erfolgreichsten Unternehmer Göttingens zu der Zeit. Die Hahns gehörten absolut zur Spitze der jüdischen Gemeinde und insgesamt der Göttinger Gesellschaft. Insofern passt es gut, diese beiden Familien herausgegriffen zu haben.

 

War es Ihnen klar, dass die Aktenlage ein Theaterstück möglich macht?

Zunächst einmal ist die Aktenüberlieferung zur Geschichte Göttingens im Stadtarchiv sehr gut. Es hat keine Kriegsverluste gegeben, es ist kaum etwas vernichtet worden.

Frau Schmidt hat sich die wichtigsten Akten herausgenommen und diese mit großer Präzision und bewundernswerter Zielgerichtetheit in einem engen Zeitrahmen bearbeitet. Es sind genau die Texte verwendet worden, anhand derer man die Geschichte aus den Akten heraus darstellen kann.

 

In "Die Nutznießer" sind die handelnden Personen Archivare. Wie ist Ihr Berufsstand dargestellt worden?

Es geht ja um Archivare, die in den fünfziger Jahren tätig sind. Die Anforderungen damals waren sicher andere als heute. Heute ist man als Archivar viel stärker gefordert, sich nach außen darzustellen, sich zu rechtfertigen. Das ist auch schon von meiner Vorgängerin, Frau Dr. Kühn, so gehandhabt worden. Die Archivare in dem Stück tun im Kern aber das, was Archivare tun müssen: Die schriftlichen Unterlagen, soweit sie historisch wertvoll sind, aufzubewahren, um der Gesellschaft die Möglichkeit zu geben, sich zu erinnern - und zwar sich faktisch zu erinnern, nicht sich alternativ faktisch zu erinnern. Das heißt, wenn es heute Menschen gibt, die behaupten, es hat keine Judenhäuser gegeben, dann kann aufgrund der Aktenlage bewiesen werden, es hat Judenhäuser gegeben. Die Archivare ordnen ein, sie sortieren, sie bewahren auf. Und das trifft den Kern unserer Tätigkeit ganz genau. Im Übrigen ist das ja der Widersinn in der NS-Herrschaft gewesen, dass die Nazis einerseits ganz schreckliche Dinge getan haben, die sie andererseits akribisch niedergeschrieben haben.

 

Autorin Schmidt hat auch Berichte von Zeitzeugen verwendet, die der Göttinger Lehrer Ulrich Popplow aufgezeichnet hat. Wie beurteilen Sie seine damalige Arbeit?

Er hat sich große Verdienste damit erworben. Ulrich Popplow war in den siebziger Jahren Geschichtslehrer am Felix-Klein-Gymnasium in Göttingen und galt als einer der  fortschrittlicheren Lehrer. Er hat wichtige Quellen gesichert, die es wahrscheinlich schon 20 Jahre später nicht mehr gegeben hätte. Methodisch hat er nicht nach dem Standard der heutigen Wissenschaft gearbeitet, aber ohne seine Arbeit, würden diese Berichte heute nicht existieren. Entstanden sind sie für das Projekt "Göttinger Stadtgeschichte", die in drei Bänden erschienen ist.

 

1997 erschien ein weiteres Buch, das sich mit der Arisierung in Göttingen beschäftigte und weitere  wichtige Quelle des Theaterstücks ist: "Lohnende Geschäfte". Hat das heute noch Bestand?

Ja, Alex Bruns-Wüstefeld hat damit eine grundlegende Materialsammlung gesichert mit Informationen zu den jüdischen Geschäften und ihren Inhabern in Göttingen. Es ist eine ganz zentrale Arbeit und wichtige Publikation, die das Erinnern an diese Zeit immer wieder möglich macht.

 

Zumal die Auflistung ja auch deutlich macht, dass die Arisierung systematisch erfolgte.

Arisierung ist im allgemeinen Bewusstsein eigentlich erst seit etwa 15 Jahren präsent und zwar mit Blick auf die Hochkultur. Es ist also von teuren Gemälden und von Wertgegenständen die Rede, die jetzt in Museen sind und von Privatpersonen, den Nachkommen der einstigen Besitzer, zurückgefordert werden. Aber es war ein Prozess, der die gesamte deutsche Gesellschaft durchdrungen hat und von dem jeder Nichtjude profitiert hat oder hat profitieren können. Das wird ja erst schrittweise bekannt.

In Göttingen, aber zum Beispiel auch in Bremen, hat es Versteigerungen gegeben, wo sich junge Ehepaare ihren Hausstand besorgt haben. Das war Eigentum, was man den Juden weggenommen hat. Also bis in die unteren Ebenen des Alltagslebens  ist dieses Phänomen der Arisierung durchgedrungen. Deshalb ist es auch erforderlich, dass sich jeder Mensch, jede Familie heute mit diesem Thema auseinander setzt.

 

In dem Stück geht es auch um Nachkriegszeit. Sind die zitierten Akten aus der Zeit auch im Stadtarchiv?

Dabei geht es um den sogenannten Wiedergutmachungsprozess, der verwaltungstechnisch über  Wiedergutmachungskammern bei den Gerichten gelaufen ist. Die Unterlagen dazu liegen im Hauptstaatsarchiv in Hannover. Es war wichtig, dass Frau Schmidt den Aspekt auch thematisiert hat. Eigentlich zeigt die Zeit bis etwa zum Jahr 2000, dass sich die Deutschen sozialpsychologisch mit dem  Prozess der Enteignung nicht auseinander gesetzt haben. Das wurde alles verwaltungstechnisch abgewickelt. Man hat den Geschädigten, wenn sie es nachweisen konnten, einen Ausgleich gegeben, aber mehr auch nicht. Die gesamte Dramatik dahinter wurde gesellschaftlich nicht diskutiert. Es ging nur nach Recht und Gesetz, aber nicht nach Moral.

 

Nun hat das Deutsche Theater gleich drei Stücke auf dem Spielplan, die den Nationalsozialismus und die gesellschaftlichen Veränderungen befassen. Ist es wichtig, daran zu erinnern?

Ich bin voller Bewunderung und Begeisterung für das Engagement des Deutschen Theaters, Stücke zu dem Thema in Auftrag zu geben und zu inszenieren. Es ist eine tolle Leistung des Ensembles und eine tolle Initiative des Deutschen Theaters. Und speziell an diesem Theaterstück kann man sehen, welche Bedeutung Archive und Museen haben. Nur weil diese Institutionen da sind und ihre Arbeit machen, ist diese kollektive Erinnerungsleistung möglich. Und die Tatsache, dass sie benutzt werden können, ist fundamentale Voraussetzung für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung. Beides ist in Deutschland gegeben und darauf können wir sehr stolz sein.

 

"Ein Erlebnis der Bedrückung initiieren"

Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theater in Göttingen, im Interview zur Auftragsvergabe und dem Ziel des Theaters, für gesellschaftliche Entwicklungen zu sensibilisieren. Quelle: Harald Wenzel

Was hat dazu geführt, dass Sie mit der Vergabe eines Auftragsstücks das Thema der Verfolgung der Juden in Göttingen angehen?

Das Thema hatten wir schon länger auf dem Plan. Als ich hier mit meinem Team begann, hatten wir von Anfang an den Eindruck, dass hier eine Geschichte der Aufarbeitung harrt, für die das Theater gute Mittel hat. Aber wir wollten das auch nicht gleich in den ersten beiden Spielzeiten machen, weil wir der Meinung sind, dass wir für die Aufarbeitung einer solchen Geschichte das Vertrauen des Publikums brauchen. Das Publikum muss wissen, dass wir so eine Geschichte nicht machen, weil wir an den Pranger stellen wollen oder weil wir besser wissen oder in irgendeiner Weise verurteilen. Es geht uns darum, ein Erlebnis der Beklemmung auf der Bühne zu kreieren, was vielmehr die Frage stellt, wie wir mit diesem Erbe umgehen.

 

Warum haben Sie den Auftrag an Autorin und Dramaturgin Gesine Schmidt vergeben, die in Berlin lebt?

Gesine Schmidt hat Erfahrung mit Projekten, die sich mit Archiven auseinandersetzen und mit dokumentarischem Material. Mit ihr waren wir uns sehr schnell einig, dass wir diese Prozesse, die auf der Bühne gezeigt werden, nicht mit fiktivenDialogen bestücken wollen. Weil das sehr gefährlich ist.

 

Welche Gefahr birgt das?

Weil man durch dramatische und theatrale Mittel Emotionen in Bezug auf die handelnden Figuren und dargestellten Situationen erzeugt, die im Detail nicht belegt sind. Deshalb hat sich die Autorin nur auf Material bezogen, das existiert und in Archiven zugänglich ist. Ich halte das auch für die richtige Entscheidung.

 

Macht die Inszenierung aber auch zu einer teils statischen Angelegenheit, die vom Zuschauer viel verlangt.

Ja, es gibt Zuschauer, die sagen, die Inszenierung ist anstrengend. Dagegen habe ich nichts: das Befassen mit diesem Thema ist nie unanstrengend. Auch das Befassen damit, wie wir heute Entscheidungen fällen für die Zukunft, was auch abhängig ist von der Vergangenheit, das ist anstrengend. Es gibt auch Leute, die sagen, es ist trocken. Mag sein. Aber die Trockenheit weist auch darauf hin, dass der Prozess in den dreißiger Jahren auch ein sehr sehr unmerklicher, bürokratischer, schleichender ist, der an sich trocken ist und nicht sensationell. Das gehört zur Materie hinzu.

Kritikpunkten begegne ich mit der Frage, was ist die Pflicht der Theatermacher, an welche Grundsätze müssen sie sich halten, um nicht ausfallend zu werden, nicht polemisch oder sensationslüsternd. Und um das zu erreichen, kann ich nur zurückgehen auf das Ursprüngliche und ein Erlebnis der Bedrückung initiieren. Hier ist es das langsame Verflechten zu einem Hintergrund, der sich zu einem Ganzen formt, und zu einer Lawine wird, die nicht mehr aufzuhalten ist. Daraus soll sich die Frage ergeben, wann hätte man wie eingreifen müssen, wann reicht's?

 

Und damit wird der Bogen in die Gegenwart geschlagen?

Gerade vor zwei Wochen ist ja so etwas passiert, als der Höcke etwas ausgesprochen hat, was viele hören wollten, aber auch um herauszufinden, ob die Zeit schon reif ist und die Öffentlichkeit das zulässt. Dass das Holocaust-Mahnmal als nationale Schande von AfD-Mann Björn Höcke bezeichnet worden ist, ist doch der Versuch, festzustellen, was hingenommen wird.

Das sind Prozesse, die uns bewusst sein müssen. In diesem Zusammenhang ist die Frage nach den Nutznießern ein gutes exemplarisches Erleben.

 

Und deshalb gibt es Stücke zum Thema Nazi-Vergangenheit auf dem DT-Spielplan?

Wir haben schon vor einem Jahr gesehen, dass Organisationen wie Pegida oder auch die AfD Zuspruch gewinnen. In dem Zusammenhang ist auch interessant zu beobachten, dass ein Dammbruch passiert ist mit der Beschimpfung von Politikern, also der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten in Dresden. Es ist ein Verrohen demokratischer Sitten, das vorher schon sichtbar war. Von daher war es uns ein wichtiges Anliegen in diesem Bereich, alles was mit Nazi-Vergangenheit zu tun hat, zu thematisieren. Da ist "Mein Kampf" ein Statement. Kindheit und Jugend in der NS-Zeit ist ein Thema, mit dem wir zeigen wollen, es muss zum Lehrplan dazugehören; es muss dazugehören, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Denn die Frage, die das Stück "Zeit bezeugen - Kindheit in der NS-Zeit" stellt, ist eine ganz wichtige: Wie hätte ich reagiert? Es ist also kein Zufall, dass wir diese Stücke auf dem Spielplan haben, aber es bedeutet auch nicht, dass wir die Gegenwart mit den dreißiger Jahren vergleichen. Darum kann es uns nicht gehen. Letztendlich geht es uns immer darum, Sinne zu schärfen; es geht um Sensibilität. Das ist der Kern des ganzen Engagements.

 

Kommt denn auch das Publikum, das Sie erreichen, das Sie sensibilisieren möchten, zu solchen Vorstellungen?

Da wir uns am Theater das Publikum nicht aussuchen können, ist das eine berechtigte Frage. Aber unter den Zuschauern, die sich das ansehen, finden wir sehr wohl viele, die sich für Fakten, Vorgänge, Mechanismen interessieren. Es gibt aber auch Menschen, die die Fragen des Stücks mit in den Alltag nehmen und dann reagieren. Und sicher ist  "Die Nutznießer – ‚Arisierung‘ in Göttingen" auch ein Stück, das jungen Zuschauern das Thema Arisierung am Beispiel des Schicksals von Göttinger Familien näher bringt. Es geht dabei ja auch um die Frage, wie kann ich gegen solch einen schleichenden Prozess etwas unternehmen oder ihn kontrollieren? Und was ist, wenn ich feststelle, es gibt gar nichts zu kontrollieren, weil das Unheil eine Eigendynamik erhalten hat, der kein Einhalt geboten werden kann.

 

Deshalb kann der Lautsprecherwand, die sich im Bühnenbild unaufhaltsam an den Bühnenrand schiebt und die Schauspieler von der Rampe stößt, auch nicht Einhalt geboten werden?

Die vielen Lautsprecher stehen für technische Innovationen, die bei Machtübernahmen auch immer optimal genutzt worden sind, aber auch für den Volksempfänger als Teil der Propagandamaschine der Nazis. Die  Stimmen des Klangteppichs, der zur Inszenierung gehört, entstammen aber nicht der Vergangenheit, sondern aus unserer Gegenwart. Während heutige Parolen unverständlich wahrzunehmen sind, stehen dem die Schauspieler gegenüber, die sich im Archiv zurechtzufinden versuchen. Wir haben für die Rollen absichtlich die jungen Schauspieler genommen, um zu zeigen, dass sich eine junge Truppe ein Bild machen will von Ereignissen der Vergangenheit. Der Klangteppich aus der Lautsprecherwand ist der Bezug zum Heute, der zur lauter werdenden Bedrohung wird.

Interviews: Angela Brünjes