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Thema des Tages Mehr als nur Märchen
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18:48 18.03.2017
Von Katrin Westphal
Quelle: PH
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Kassel

Schraubenschnecke, Schraubenschnur, Schraubenspindel“ – Projektionen der rund 320.000 Begriffe aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm leiten den Besucher direkt in die Ausstellung. Zehn bis zwölf Jahre hatten die Brüder zur Erstellung des Nachschlagewerks veranschlagt. Letztendlich sammelten sie ihr gesamtes Leben Wörter und schafften es gerade bis zum Buchstaben „F“ wie „Froteufel“. Das war der letzte Begriff, den Jacob noch abgeschlossen hat. Als das Werk 1962 vervollständigt und an der Göttinger Akademie der Wissenschaften digitalisiert wurde, begann gleich wieder die Neubearbeitung.
Doch Jacob und Wilhelm Grimm hatten immer mehrere Bälle in der Luft, und so gestaltet sich auch die Ausstellung. Einen historisch-chronologischen Rundgang gibt es nicht. 25 Buchstaben strukturieren die Grimmsche Themenwelt. In überraschender und abwechslungsreicher Kombination: An die wertvollen Originaldrucke und Zeichnungen schließt sich der interaktive Schimpfwörter-Trichter an.

Info

Die Grimmwelt an der Weinbergstraße 21 in Kassel ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, freitags kann sie bis 20 Uhr besucht werden. Der reguläre Eintritt kostet für Erwachsene acht Euro, ermäßigt sechs Euro. Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt. Genauere Informationen gibt es im Internet unter grimmwelt.de.

Spricht der Besucher ein unflätiges Wort ein, hört er ein altmodisches Pendant, allerdings nach dem Zufallsprinzip. Das Wort „Zicke“ kontert der Trichter mit „Donnerkröte“, „Warzengesicht“ mit „Eselskopf“. Denn mit dem Anspruch an ein vollständiges Wörterbuch enthält das Grimmsche Werk auch Schimpfwörter.
Die Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm sind seit 2005 Unesco-Weltdokumentenerbe und enthalten Stiche des Grimm-Bruders Ludwig Emil, dessen Illustrationen für den weltweit reißenden Absatz der Erzählungen gesorgt haben.

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„Die Grimms auf ihre Märchen zu reduzieren, wird ihnen nicht gerecht“, erklärt Susanne Völker, Geschäftsführerin und Programmleiterin der Kasseler Grimmwelt über die bedeutenden Sprachforscher. Jacob Grimm beherrschte 13 Sprachen, Wilhelm – mit der Ausrede, er habe schließlich Frau und Kinder – elf.
Die Ausstellung zeigt unter anderem die Grimmsche Bearbeitung der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen: Direkt nach Veröffentlichung haben die Brüder mit der Neubearbeitung begonnen. Denn die Brüder Grimm haben Überlieferungen nicht nur gesammelt, sondern auch immer weiter verändert. „Das gute Ende ist unter anderem Grimmscher Verdienst“, erklärt Völker. So sei Rotkäppchens Happy End den Grimms zu verdanken. Außerdem entsexualisierten sie die Märchen und verzichteten auf die ursprünglich sehr brutalen Elemente. Dafür schrieben sie einiges hinzu. „Inhaltlich haben sie die Stiefmutter erfunden“, sagt Völker. Ursprünglich war stets die Mutter die Böse. Durch die Einführung der Stiefmutter haben die Grimms diese Rolle eine Instanz von der Familie weggerückt. Dadurch stellten sie sicher, dass die Mütter ihrem Nachwuchs die pädagogisch wertvollen Geschichten auch vorlasen. In der Grimmwelt gelangt der Besucher durch eine künstliche Dornenhecke in die Welt der Märchen. Dort warten zahlreiche Zauberwesen, ein hüpfender Froschkönig und der Zauberspiegel von Schneewittchens Stiefmutter. Die sieben Zwerge wollen wissen, wer von ihrem Tellerchen gegessen hat, und der Wolf schläft im Bett der Großmutter. Mit ihren Märchen haben die Grimms ganze Generationen geprägt. Doch das ist noch nicht das Ende. Wer den Weg aus der Dornenhecke gefunden hat, kann sich gleich wieder in der Ausstellung verlieren. Mehr Grimm geht nicht.

Ein märchenhafter Erfolg

Maja Stohl aus Hamburg ist die 200.000. Besucherin der Kasseler Grimmwelt. „Nicht im Ernst“, sagte Stohl, als sie von Museumsleiterin Susanne Völker und Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) damit überrascht wurde.
Dabei ist die Grimmwelt noch nicht lange auf dem Kasseler Weinberg beheimatet. Sie wurde im September 2005 eröffnet und hat bereits für Architektur und Inhalt nationale und internationale Auszeichnungen und Preise gewonnen.


Kassels Oberbürgermeister ist mit der Entwicklung sehr zufrieden. „Es ist ja hier kein Walt Disney und sehr anspruchsvoll“, erklärt Hilgen. Mit der Ausstellung in Kassel sei außerdem klar, „wer hier die Hauptdtadt der Grimms war.“ Das hat sich die Stadt etwas kosten lassen und zwölf Millionen Euro investiert. Hinzu kamen sechs Millionen Euro EU-Gelder und zwei Millionen Euro Landesmittel. Außerdem fließen jährlich eine Million Euro städtische Zuschüsse in die Grimmwelt.
Seit der Eröffnung hat es bereits mehr als 2.000 geführte Rundgänge gegeben. Dafür sorgen 40 freiberufliche Vermittler. Außerdem gab es inzwischen mehr als 100 Workshops für Schulklassen, zur Lehrerfortbildung und als Ferienprogramm.
Die Grimmwelt soll Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ansprechen. Familien, Schulklassen, Märchenliebhaber, Kunst- und Sprachinteressierte sollen auf ihre Kosten kommen – unabhängig von ihrem Wissensstand. Dies spiegele sich vor allem in der Besucherstruktur wider. „Vormittags ist das Haus deutlich jünger“, erklärt Völker, die das Museumskonzept bereits in der Entstehungsphase maßgeblich geprägt hat. Nachmittags seien mehr Senioren vertreten und an den Wochenenden vor allem Familien in der Ausstellung unterwegs. In der Grimmwelt kann sogar gefeiert, geheiratet und musiziert werden. Im vergangenen Jahr ist das Foyer für den Auftritt einer japanischen Stargeigerin sogar in einen Konzertsaal verwandelt worden.

Die Grimms als Göttinger Sieben

Jacob und Wilhelm Grimm verbindet eine skandalöse Geschichte mit Göttingen: Acht Jahre arbeiteten die Brüder an der Göttinger Universität, bis sie sich 1837 mit der Auflösung der Verfassung durch König Ernst August I. von Hannover konfrontiert sahen. Sie protestierten gegen die in ihren Augen willkürliche Aufhebung der Rechtsnormen durch Staatsgewalt – zusammen mit fünf Kollegen, woraufhin die „Göttinger Sieben“ ihre Professuren verloren. Jacob und zwei weitere Kollegen wurden außerdem aus dem Königreich Hannover verbannt. Mitten im Winter verließen sie in Begleitung von Studenten die Stadt.

Der achte Zwerg

Überraschende und vertraute Einblicke in die Welt der Grimmschen Märchen gibt es in der Sonderpräsentation „Der achte Zwerg“. Dabei können die Besucher nicht nur Märchen-Klassiker wie „Dornröschen“ und „Der gestiefelte Kater“ entdecken, sondern auch etwas über den unbekannteren „Krautesel“ oder „Jorinde und Joringel“ erfahren. Dort können vor allem Kinder spielen, kreativ sein und Rapunzels 53 Meter langen Zopf bestaunen. In der Sonderausstellung wird Riesiges winzig klein, Bedrohliches ganz harmlos, und die Gesetze der Schwerkraft gelten auf märchenhafte Art und Weise nicht mehr. Die Erlebnis- und Mitmachausstellung ist noch bis zum 1. Mai zu sehen.

Besucher über die Grimmwelt

Anna Konto steht staunnend vor der Darstellung der Geschichte des Deutschen Wörterbuchs von Alexej Tchernyi. Der Künstler hat aus handgeschöpftem Papier ein Diorama in 14 Szenen geschaffen. „Ich interessiere mich für Papierkunst und die chronologische Geschichte der Brüder Grimm“, erklärt die japanische Austauschstudentin, die gerade in Heidelberg lebt. Von der Grimmwelt sei sie begeistert.
Auch Niklas Rodermund gefällt die Ausstellung, die er mit chinesischen Kollegen besucht. „Ich bin sehr überrascht, wie modern alles gestaltet ist“, sagt Rodermund. Auch die Art, in der die Inhalte präsentiert werden, finde er „großartig“.
Matti und Lilly Stohl, deren Mutter Maja die 200.000. Ausstellungsbesucherin ist, fühlen sich in der Grimmwelt sehr wohl. „Ich finde das mit den Schimpfwörtern toll“, sagt Matti. Auch den Märchenwald fand er spannend, wenn auch ein bisschen unheimlich. „Dafür konnte man sich da so schön durchzwängen“, ergänzt seine Schwester Lilly, die ebenfalls viel Spaß hatte.