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Thema des Tages Handwerker beklagen offene Rechnungen
Thema Specials Thema des Tages Handwerker beklagen offene Rechnungen
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20:36 03.02.2017
Handwerker auf einer Baustelle: Nicht selten wird umsonst gearbeitet. Quelle: Imago
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Es ist ein Fall, der bereits viele Jahre zurückliegt. „Seit 2009 warte ich auf mein Geld“, sagt Detlef Riemann (50). Der Göttinger Dachdeckermeister war im Jahr 2009  einer von zahlreichen geschädigten Handwerkern aus der Region, die am Bau eines Seniorenheims in Göttingen beteiligt waren. Die Bauherrschaft ging damals überraschend Pleite. Der Geschäftsführer der Baugesellschaft hatte beim Amtsgericht persönlich einen Insolvenzantrag gestellt. Die Firma fungierte als Generalunternehmer für einen Hamburger Investor, der das Seniorenheim gebaut hat.

Zahlen

80 Prozent der Handwerksbetriebe haben Erfahrung mit säumigen Zahlern.

90 Tage warten rund ein Viertel der Betriebe auf das Geld von Behörden.

Geschätzte 5,2 Milliarden Euro jährlich werden nicht gezahlt.

Seit 2009 hat sich kaum etwas in dieser Angelegenheit getan. „Das Verfahren läuft immer noch“, berichtet Riemann. Insgesamt seien für die betroffenen Betriebe Rechnungen von rund 800.000 Euro offen geblieben, so Riemann. Eine stattliche Summe. Seiner Ansicht nach steckt ein System dahinter. „Die letzten 10 Prozent der Rechnung werden oft verspätet oder gar nicht gezahlt“, weiß Riemann aus eigener Erfahrung. Das sei für so manchen Bauherren ein finanzieller Grundstock für das nächste Projekt. Auf diese Weise finanziert sich ein Bauprojekt auch über das Geld, welches eigentlich den Handwerkern gehört.

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Milliarden Euro gehen den Betrieben verloren

Es ist ein Schaden, der jährlich in die Milliarden geht. Vom Gesamtjahresumsatz des Handwerks von rund 546 Milliarden Euro seien nach den Ergebnissen einer Umfrage unter knapp 14.000 deutschen Betrieben über 60 Milliarden Euro zeitverzögert überwiesen worden. 5,2 Milliarden Euro seien sogar niemals gezahlt worden. Über 80 Prozent der Betriebe hätten bereits Erfahrungen mit säumigen Zahlern. Knapp 60 Prozent hätten Zahlungsausfälle hinnehmen müssen. Trotz guter Konjunktur kommt auch der Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen BDIU zu dem Schluss: Das Handwerk kämpft mit schlechter Zahlungsmoral der Kunden.

Christian Frölich

Christian Frölich, Göttinger Kreishandwerksmeister ist das Problem bekannt. „Es ist allgemein zu beobachten, dass Handwerker oft auf rund zehn Prozent der ursprünglich gestellten Forderung sitzen bleiben“, sagt er. Dabei würde häufig nach geleisteten Arbeiten nach verhandelt. Das Prinzip ähnelt sich häufig, Mängel werden vorgeschoben, beanstandet, geprüft, begutachtet und nach geraumer Zeit wird ein Abschlag verlangt. Auch sei ihm das Problem mit Insolvenzen von extra gegründeten Projektgesellschaften durchaus bekannt. „Wir Handwerker sind dann oft in der schwächeren Position“, erklärt Frölich weiter. Viele Handwerker würden auf die fehlenden Beträge verzichten, weil der finanzielle und persönliche Aufwand für das Eintreiben der Rechnungen im Gegensatz zur Forderung oftmals zu groß sei und der Handwerker letztlich aus der Insolvenz nur mit einer geringe Quote bedient wird.“
Um Ärger zu vermeiden sollten Handwerker die erste Zahlung vorab für das Material veranschlagen. Die nächste Rechnung könnte nach nach Abschluss der Vorarbeiten erfolgen. Den Rest der Summe zahlt der Kunde, wenn der Auftrag beendet ist.

Die öffentliche Hand zahlt oftmals verspätet

Schlechte Noten stellt der Inkasso-Bundesver­band (BDIU) im Januar 2017 der öffentlichen Hand bei ihrem Zahlungsverhalten aus. So kommt eine Umfrage von Creditreform zu dem Schluss, dass rund jedes vierte Unternehmen im Bauhandwerk und Ausbauhandwerk bei öffentlichen Auftraggebern zu lange warten muss, bis das Geld für in Rechnung gestellte geleistete Arbeit eintrifft. Danach warten 25,4 Prozent der Unternehmen des Bauhandwerks und 24,9 Prozent der Betriebe im Ausbauhandwerk bei öffentlichen Auftraggebern bis zu 90 Tage auf den Zahlungseingang für geleistete Arbeit. Die öffentliche Hand zahle vielfach schleppend – das sei für die Baubranche existenzbedrohend, warnte Barbara Ettinger-Brinkmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer.  

Kommunales Forderungs­management verbessern

Matthias Wächter, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen dazu: „Die Statistik zeigt, dass im Langfristvergleich so gut wie keine Besserung des Zahlungsverhaltens im öffentlichen Sektor zu sehen ist.“ Der BDIU macht für das laxe Zahlungsverhalten die schlechte Finanzierung vieler kommunalen Haushalte verantwortlich. Auch das Forderungsmanagement der Kommunen könnte verbessert werden könnte.
„Wir haben überhaupt kein Interesse daran, die Begleichung von Rechnungen zu verzögern“, sagt Detlef Johannson, Sprecher der Stadt Göttingen. Die Stadtkasse sei bei der Buchung und Anweisung deshalb auf „unverzüglich“ programmiert. „Vorangehen muss natürlich die Prüfung und Kontierung der Rechnungen in den zuständigen Fachorganisationen“, erläutert Johannson. Die Stadt erhalte Rechnungen von 3,75 Euro bis zu sechs- oder siebenstelligen Beträgen, einfach zu prüfende Rechnungen und sehr komplexe. „Es sind unter anderem Rechnungen darunter, die neben der Fachorganisation auch das Rechnungsprüfungsamt unter die Lupe nimmt“, so Johannson. Das könne schon etwas mehr Zeit kosten. „Wenn deshalb Gründlichkeit vor Schnelligkeit geht, liegt das auch im Interesse des Steuer zahlenden Bürgers“, meint Johannson. Entsprechend sei das Credo: Prüfung von Rechnungen so gründlich wie nötig, Bezahlung so schnell wie möglich. bm