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Thema des Tages „Die Einschläge kommen näher“
Thema Specials Thema des Tages „Die Einschläge kommen näher“
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13:40 11.03.2017
Quelle: r
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Göttingen

Das Thema Pressefreiheit ist so aktuell wie lange nicht mehr, denn: „Die Einschläge kommen näher“, sagt Rediske, der als damaliger TAZ-Journalist 1994 „Reporter ohne Grenzen“ mit einigen Kollegen gegründet hat. Damals seien es vor allem die Staaten, die in den Balkankrieg involviert waren, die Krisenherde in Nahost aber auch China, afrikanische Staaten und die ehemaligen Sowjetrepubliken im Süden Russlands gewesen, in denen Journalisten um ihr Leben fürchten mussten.

Heute sieht Rediske darüber hinaus Journalisten auch in der Türkei, in Polen, Ungarn, Russland und den USA [na ja, die Pressefreiheit in USA ist längerfristig in Gefahr, aber nicht die Journalisten]. „Ohne Pressefreiheit gibt es keine Freiheit und ohne Freiheit keinen Frieden“, sagt er.  Auf Missstände aufmerksam zu machen, dafür sei das Netzwerk gegründet worden.  „Reporter ohne Grenzen“ ist in 180 Ländern aktiv, in 130 Ländern direkt vor Ort präsent, Büros gebe es neben der Pariser Zentrale und den sechs westeuropäischen Sektionen in Washington, Brüssel, Tunis und in Rio de Janeiro.

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Termin

Yasmine Merei, Chefredakteurin des Magazins nimmt den Preis gemeinsam mit dem Gründungs- und Vorstandsmitglied von „Reporter ohne Grenzen“, Michael Rediske, in der Alten Aula am Wilhelmsplatz entgegen. Die Preisverleihung beginnt am Sonnabend, 11. März, in der Aula am Wilhelmsplatz

In den vergangenen Monaten verzeichnen die „Reporter ohne Grenzen“ ein steigendes Interesse an ihrer Arbeit. Nicht nur das zur Zeit wohl bekannteste Opfer, der in der Türkei inhaftierte Journalist der Zeitung „Die Welt“, Deniz Yücel, lenkt die Blicke vieler Menschen auf die Pressefreiheit. Neustes Beispiel sie die USA, wo Präsident Donald Trump  kritische Journalisten als „Feinde“ bezeichnet und von Veranstaltungen ausschließt, während seine Sprecherin „alternative Fakten“ verbreitet.

„Ohne Pressefreiheit gibt es keine Freiheit und ohne Freiheit keinen Frieden“, sagt Michael Rediske von „Reporter ohne Grenzen“. Quelle: r

Schon oft habe „Reporter ohne Grenzen“ auf Probleme aufmerksam gemacht, Kollegen geholfen. „Hebelwirkung“ nennt Rediske das, wenn seine Organisation Kontakte zu Botschaften herstellt, betroffenen Familien hilft oder das Auswärtige Amt informiert. Oft, so sagt er, bewirkten Politiker in diplomatischen Gesprächen dann beispielsweise Freilassungen. Das geschehe aber eher im Verborgenen, damit alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können.
Diese Arbeit und die der syrischen Journalistin Yasmine Merei aber ist es, die die Jury des Friedenspreises überzeugt hat.

Mit der Auszeichnung würdigt die Jury nach eigenen Angaben die Preisträger „für deren ebenso gefahr- wie verdienstvollen publizistischen, couragierten und engagierten Einsatz und die verlässliche und profunde, professionelle und relevante Berichterstattung aus den zahlreichen Krisen- und Konfliktgebieten.“ Das Netzwerk „Reporter ohne Grenzen“ dokumentiert seit mehr als 20 Jahren weltweit Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit.

Das Magazin „Saiedet Souria“ (zu deutsch: Frauen Syriens) erscheint seit 2014 und befasst sich mit dem Selbstbewusstsein und der Rolle der Frau in Syrien und im Islam. Es behandelt Themen wie Kinder- und Zwangsheirat, Vergewaltigung und Ehrenmorde, Unterdrückung der Frauen und berichtet aus den Flüchtlingscamps und den Kriegsgebieten.

„Durch ihre oft lebensgefährdende Arbeit vor Ort wird die Öffentlichkeit durch authentische Informationen in die Lage gesetzt, sich ein faktenbasiertes, objektiviertes Bild über die oft unübersichtliche und widersprüchliche Situation in den krisen- und kriegsbelasteten Gebieten in fernen Regionen unserer Welt zu machen,“ so die Jury des Göttinger Friedenspreises. Die Auszeichnung wird jährlich verliehen, sie ist mit 3000 Euro dotiert und erinnert an den Wissenschaftsjournalisten Roland Röhl.

Frieden in Syrien: „Wir geben die Hoffnung nicht auf“

Interview mit Yasmine Merei, Chefredaktuerin des syrischen Frauenmagazins „Saiedet Souria“

Sie erhalten, gemeinsam mit dem Netzwerk „Reporter ohne Grenzen“, den Göttinger Friedenspreis für ihr Frauenmagazin „Saiedet Souria“.  Wie war ihre Reaktion, als sie davon erfuhren?
Ganz ehrlich, ich habe sehr darüber gefreut. Damit wir mit unserer Arbeit und unserem Magazin etwas erreichen, ist Aufmerksamkeit sehr wichtig. Deshalb ist es toll, dass wir gemeinsam mit dem internationalen Netzwerk „Reporter ohne Grenzen“ den Preis erhalten. Hinter der Arbeit für „Saiedet Souria“ steht ja ein ganzes Team das sich über die Auszeichnung freut.
 
Wie viele Kollegen arbeiten daran und wo sind ihre Büros?
Es sind derzeit 28 Kollegen, die in Syrien arbeiten und acht, die außerhalb Syriens tätig sind. Das sind aber nicht alles Reporter. Bis vor fünf Monaten hatten wir unseren Hauptsitz in der Türkei, jetzt haben wir die Büros nach Berlin und Paris verlagert.
 

Yasmine Merei Quelle: r

Sind Sie wegen der aktuellen Entwicklung im Umgang der Regierung Erdogan mit Journalisten in der Türkei gegangen?
Sicher hat diese Entwicklung auch dazu beigetragen. Hauptgrund aber war, dass mein Kollege, der Gründer und Chefredakteur des Magazins, Mohammad Mallak, der das türkische Büro geleitet hat, massiv vom Islamischen Staat  (IS) bedroht wurde. Und der Arm des IS reicht beispielsweise von Aleppo oder Raqqa aus weit über die Grenze Syriens in die Türkei hinaus. Es war einfach lebensgefährlich, dort zu bleiben.

Wie vertreiben Sie Ihr Magazin, wo wird es gedruckt?
Zum einen erscheint es online und damit kostenlos für alle Leser und Leserinnen, die auf digitale Technik wie ein Smartphone Zugriff haben, zu lesen. Da das aber in vielen Gegenden Syriens nicht möglich ist, gibt es auch gedruckte Ausgaben. Dazu schicken wir die aktuelle Ausgabe als PDF-Datei an unsere sieben syrischen Büros, die es dann drucken und verteilen.
 
Welches sind die Themen, die Ihnen besonders wichtig sind?
In „Saiedet Souria“, was ja syrische Frau heißt, nehmen wir vor allem Themen auf, die sich um Gleichberechtigung und die Chancen von Frauen drehen. Es geht um Frauen in Syrien aber auch um Flüchtlinge und syrische Frauen auf der ganzen Welt. Wir übersetzen Berichte und Geschichten, die auf Englisch oder Französisch erschienen sind. Wir wollen den syrischen Frauen mit unserer Arbeit zeigen, welche Rechte und Möglichkeiten es gibt, aber wir wollen vor allem eins: Die Frauen Syriens in einem internationales Netzwerk verbinden.
 
Seit wann und warum leben Sie in Deutschland?
Ich bin im Januar vergangenen Jahres nach Deutschland gekommen. Das hatte sich in Los Angeles ergeben, wo ich die deutsche Choreographin Sasha Waltz kennen gelernt habe, über sie bin ich nach Berlin gekommen. Aus meiner Heimat Homs bin ich geflohen, ein Teil meiner Familie lebt aber noch in Syrien. Ich habe einen syrischen Pass und kann mich mit meinen Brüdern nur im Ausland - wie beispielsweise im Libanon treffen.
 
Wie fühlt es sich an, in Berlin zu leben, was war ihr erster Eindruck von der Stadt?
Berlin hat tatsächlich ganz eigenartige Gefühle in mir ausgelöst. Ich kannte die alten Bilder von der Stadt, die im Zweiten Weltkrieg so zerstört wurde wie Homs heute. Berlin versprüht heute so viele Energie, es ist wieder auferstanden aus den Ruinen. Das gibt mir die Hoffnung, dass es eines Tages mit Homs genauso so aufwärts geht.
 
Viele syrische Frauen sind nach Deutschland geflüchtet, wie erreichen Sie die?
Die meisten Flüchtlinge in Deutschland haben Zugriff auf ein Smartphone. Somit kann unser Magazin online gelesen werden. Das ist im Übrigen genauso kostenlos wie es die gedruckten Magazine sind.

Wie finanzieren Sie das?
Wir haben uns bislang über Stiftungen und Gesellschaften finanziert. Zurzeit müssen wir aber darum kämpfen, weithin Geld aufzutreiben. Aber bei allen Schwierigkeiten: Wir machen weiter.
 
Rechnen Sie damit, dass es in absehbarer Zeit in Syrien Frieden gibt und das Land zur Ruhe kommt?
Niemand weiß, was in nächster Zeit passiert. Wir glauben daran, dass sich der Wunsch der syrischen Menschen  nach Frieden irgendwann in der Politik niederschlägt und dieser Krieg endlich gestoppt wird. Ohne internationale Hilfe wird das nicht passieren.  Wir geben die Hoffnung nicht auf.
 
Und Sie selbst, wie geht es Ihnen als syrische Reporterin in Deutschland?
Auch das ist eigenartig: Ich fühle mich manchmal schuldig. Ich kann einfach so durch die Straßen gehen, ohne dass mir Gefahr droht. Berlin ist solch eine offene Stadt - und Freunde von mir sitzen in Syrien im Gefängnis. Ich hoffe, dass die anderen auch bald in Frieden und Freiheit leben können.
Interview: Britta Bielefeld

Friedenspreisträger

1999: Prof. Dieter Senghaas
2000: Gruppe IANUS
2001: Dr. Elisabeth Niemann
2002: Prof. Hans Küng
2003: Gesellschaft für bedrohte Völker
2004: Abt Benedikt Lindemann
2005: Forum Ziviler Friedensdienst
2006: Internationale Gärten / Stiftung Interkultur
2007: Bürgerinitiative Freiheide
2008 : Prof. Egon Bahr
2009: Andreas Zumach
2010: Pro Asyl
2011: Initiativen gegen Rüstungsexporte
2012: Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer
2013: Prof. Dr. Andreas Buro
2014: Institut für Friedenspädagogik Tübingen
2015: Irmela Mensah-Schramm
2016: Rockmusik für Demokratie und Toleranz
2017: „Reporter ohne Grenzen und „Saiedet Souria“