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Thema des Tages Todeszone Harz
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00:17 30.01.2017
Von Jörn Barke
Ein Tatort: der Kaiserteich in Osterode. 1945 erschoss die SS dort KZ-Häftlinge beim Aussteigen aus Güterwaggons. Die Überlebenden mussten auf einen Todesmarsch durch den Harz. Foto: Stadtarchiv Osterode
Harz

Diese Zeugenaussage machte der KZ-Überlebende 20 Jahre nach Kriegsende. Sie verweist auf das letzte Wüten der Nazi-Diktatur: Als in den Jahren 1944/45 die alliierten Truppen gegen das Deutsche Reich vorrückten, wurden KZ-Häftlinge auf Todesmärschen kreuz und quer durch das Land getrieben. Nach Angaben des Historikers Daniel Blatman starben in diesem Zeitraum mindestens 250 000 der gegen Kriegsende mehr als 700 000 KZ-Häftlinge.

Auf dem Rückzug vor den Alliierten ließ die SS Konzentrationslager auf brutale Weise räumen. Mit Bahntransporten oder auf mörderischen Fußmärschen sollten die Gefangenen in andere Lager gebracht werden. Auch der Harz wurde zum Schauplatz dieser Verbrechen.

Schwierige Rekonstruktion

Bei der Rekonstruktion der Todesmärsche ist die Forschung auf die Berichte der Überlebenden angewiesen. Zeitgenössische Quellen aus der Hierarchie der Täter gibt es kaum. Dies ist auf das Chaos am Kriegsende ebenso zurückzuführen wie auf die absichtliche Vernichtung von Beweismitteln. Da die Todesmärsche durch viele Ortschaften führten, gehen Forscher davon aus, dass Einheimische die Elendskolonnen fotografiert haben könnten. Bislang konnten solche Bilder aber nicht ausfindig gemacht werden. Was es gibt, sind von den Alliierten gemachte Fotos, die exhumierte Leichen notdürftig verscharrter Opfer zeigen. Die Alliierten ließen sie von der einheimischen Bevölkerung würdig bestatten. bar

Für die Häftlinge sind die Transporte und Todesmärsche eine Zerreißprobe: Die Befreiung durch die Alliierten vor den Augen, sehen sie dem Tod ins Gesicht. Im April 1945 waren nach Angaben von Historikern allein zwischen Harz und Heide 60 000 Häftlinge unterwegs. „Die Verbrechen ereigneten sich nicht nur in aller Öffentlichkeit, sondern wurden auch unter Beteiligung der einheimischen Bevölkerung begangen“, schreiben die Historiker Regine Heubaum und Jens-Christian Wagner.

Gedenken an die Opfer

Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen sind heute Gedenkstätten mit würdig gestalteten Friedhöfen. Auch an vielen Orten zwischen Harz und Heide erinnern Gräber und Gedenkzeichen mittlerweile an die Verbrechen während der Todesmärsche und Räumungstransporte. Lange Zeit wurden die Ereignisse jedoch nicht aufgearbeitet. Erst in den 1980er-Jahren begannen Privatpersonen und Bürgerinitiativen, den Spuren der vor Ort begangenen NS-Verbrechen nachzugehen. Im Harz gibt es heute eine Reihe von Stelen, Tafeln, Kreuzen und Gedenksteinen, die die Erinnerung an die Todesmarsch-Verbrechen wachhalten sollen. Einen Einblick in die Erinnerungskultur gibt es im Internet unter gturl.de/erinnern. bar

Das KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen wurde ab dem 4. April geräumt. 40 000 Häftlinge wurden in oftmals offenen Bahnwaggons oder zu Fuß durch Nordwestdeutschland geschickt. Kälte, Hunger und Durst quälten die geschwächten Gefangenen. Ein massenhaftes Sterben auch auf den Bahntransporten war die Folge. Die SS ließ die Leichen bei Zwischenstopps auf freier Strecke oder in der Nähe der Bahnhöfe verscharren. Als ein Transport aus den Mittelbau-Außenlagern Harzungen und Woffleben nach mehrtägiger Irrfahrt am 11. April das KZ Bergen-Belsen erreichte, notierte Häftling Emile Delaunois in sein Tagebuch: „In jedem Waggon sind zwei bis sechs Tote oder Sterbende auf dem Boden liegen geblieben. Skelette - einigen steht der Mund weit offen, und sie bewegen noch ihre Lippen und rollen beinahe erstorbene Augen.“

Am 4. und 5. April verließen vier große Transporte den Bahnhof des Mittelbau-Hauptlagers Dora. Den letzten davon hat Heubaum in einem Aufsatz ausführlich beschrieben. Er fuhr am Abend des 5. April ab und bestand aus etwa 50 Güterwaggons, in denen sich jeweils rund 80 Häftlinge drängten. Der Zug erreichte am nächsten Morgen den Ellricher Bahnhof, wo zwei Waggons mit schwerkranken Häftlingen aus dem Außenlager Ellrich-Juliushütte angekoppelt wurden. In den Waggons lagen 29 Tote. Nachts erreichte der Zug Tettenborn, wo die Lok mit einem Maschinenschaden liegen blieb. Laut Heubaum versuchte in der Dunkelheit vermutlich eine Gruppe von Häftlingen zu fliehen. Die Wachmannschaften eröffneten das Feuer. Am nächsten Morgen mussten Häftlinge auf Befehl der SS 26 Leichen im Wald begraben.

Am 8. April erreichte der Zug Osterode. Hier kam der Transport zum Stehen, weil ein Luftangriff die Bahnanlagen getroffen hatte. In der Morgendämmerung trieben die Wachleute die Häftlinge aus den Waggons heraus. Die Bewacher schossen auf jeden Gefangenen, den sie des Fluchtversuchs verdächtigten. Dabei wollten die Häftlinge laut Heubaum meistens nur Wasser aus einem nahe gelegenen Teich trinken. Mindestens 30 Gefangene wurden erschossen.

416 Häftlinge, die zu schwach waren, um weiterzulaufen, sperrte die SS in Waggons, die auf einem Abstellgleis zurückgelassen wurden. Sie blieben dort, gut sichtbar für die Anwohner, bis zum nächsten Tag stehen. Immer wieder waren aus den Waggons Rufe nach Trinkwasser und Brot zu hören. Der Transport wurde schließlich weitergeleitet und in Münchehof befreit. 23 Häftlinge überlebten die Strapazen nicht.

Die 3500 Häftlinge, die die SS in Osterode als marschfähig erachtet hatte, mussten am frühen Morgen des 8. April zu Fuß aufbrechen. Der Marsch führte über Clausthal-Zellerfeld durch das Okertal zum Bahnhof Oker. Auf dem Weg erschossen die Wachmannschaften mindestens 42 Gefangene, die zusammengebrochen waren. Manchmal wurde darauf geachtet, die Morde nicht in den Ortschaften zu begehen. Die Häftlinge mussten ihre geschwächten Kameraden in den Dörfern stützen, auf freier Strecke aber wieder loslassen. Die Leichen der Erschossenen blieben oft mehrere Tage am Straßenrand liegen.

Die Häftlingskolonnen, die sich durch das Okertal schleppten, erreichten nach mehr als zwölf Stunden Fußmarsch gegen 21 Uhr den Bahnhof Oker, wo ein Güterzug bereitstand. Reichsbahn-Beamte halfen den Wachmannschaften dabei, die erschöpften Häftlinge in die Waggons zu treiben. Laut Heubaum starben mindestens 155 Menschen auf der Etappe bis Oker. Den Überlebenden stand eine mörderische sechstägige Zugfahrt in das KZ Ravensbrück bevor, die Hunderte das Leben kostete.

Knapp 3000 Häftlinge aus Mittelbau-Außenlagern mussten auf zwei weiteren Todesmärschen den Harz durchqueren. 2000 Gefangene des Außenlagers Harzungen wurden auf einen mehrtägigen, 60 Kilometer langen Fußweg getrieben. Nach und nach wurden die Überlebenden nach ziellosem Hin und Her im nördlichen Harzvorland befreit. Rund 800 Häftlinge mussten aus den Außenlagern Osterhagen, Nüxei und Mackenrode zunächst ins Außenlager Wieda und von dort über Braunlage nach Wernigerode marschieren. Dort wurden sie mit dem Zug abtransportiert. Ein weiterer Todesmarsch mit einigen Hundert Gefangenen führte aus dem KZ Bad Gandersheim im Kloster Brunshausen über Braunlage zum KZ Dachau. 40 nicht gehfähige Häftlinge wurden gleich zu Beginn in den Cluswald getrieben, erschossen und verscharrt.

Noch Jahre nach dem Krieg fand man entlang der Todesmarschrouten oder in ehemaligen Lagern sterbliche Überreste von KZ-Opfern. Erst 1960 wurde etwa ein Massengrab im Wald bei Tettenborn in der Nähe von Bad Sachsa entdeckt, in dem sich die Knochen von 26 Erschossenen eines Räumungstransports aus dem KZ Mittelbau-Dora befanden. Trotz intensiver Suche durch Angehörige und Gedenkstätten bleiben bis heute Tausende Opfer verschollen.

Kaum einer der Todesmarsch-Täter wurde verurteilt. Es kam vor, dass Förster geflüchtete Häftlinge erschossen. Es sind aber auch Fälle überliefert, in denen Einheimische den Häftlingen halfen. Eine Familie aus Börnecke im nördlichen Harzvorland versorgte zwei geflohene KZ-Häftlinge in ihrem Haus.

Wer die Transporte oder Todesmärsche überlebte, kam in den nächsten Höllenkreis. Knapp 20 000 Häftlinge aus Mittelbau-Dora wurden in das KZ Bergen-Belsen getrieben, das zu einem völlig überfüllten Auffanglager wurde, in dem ein Massensterben einsetzte. Es wurde am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit.

Literatur

  • Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. Rowohlt Verlag, Reinbek, 862 Seiten, geb. 34,95 Euro, E-Book 29,99 Euro.
  • Zwischen Harz und Heide. Todesmärsche und Räumungstransporte im April 1945, Wallstein-Verlag, Göttingen, 135 Seiten, 14,90 Euro.
  • Regine Heubaum: Die Auflösung der Mittelbau-Lager und ein Todesmarsch über den Harz, S. 234-250 im Jahrbuch des International Tracing Service, Band 1, Wallstein-Verlag, Göttingen, 382 Seiten, 29,90 Euro.
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