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Thema des Tages Treffpunkt Dorfladen: Mehr als nur einkaufen
Thema Specials Thema des Tages Treffpunkt Dorfladen: Mehr als nur einkaufen
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00:22 18.04.2019
Denis Luthardt, Inhaber von Streetgriller's Back & Snack in Mingerode Quelle: Rüdiger Franke
Region Göttingen

Dorfläden sind ein wichtiges Stück Infrastruktur im ländlichen Raum. Sie sind nicht nur eine Einkaufsmöglichkeit vor Ort, sondern dienen auch als Treffpunkt. Doch für die Betreiber sind die Läden meiste eine echte Herausforderung.

Denis Luthardt hat am 15. März seinen Dorfladen in Mingerode neu eröffnet. „Der alte Laden hatte abrupt zugemacht“, sagt er. „Uns taten die älteren Leute im Dorf leid.“ Der Betreiber des Ratskellers in Mingerode wollte den Dorfladen als ein Stück der Kultur des Dorfes retten. Zwar gab es noch eine kleine Zweigstelle der Eichsfelder Landschlachterei „Am Ohmberg“ aus Bischofferode, doch das reichte ihm nicht. „Wir haben es selber gemerkt: Wenn wir beim Fleischer eingekauft haben, fehlten die Brötchen.“ Wichtig sei aber auch die Möglichkeit, sich hinzusetzen und zu unterhalten. „Es kommt ein Teil des Dorflebens zurück.“

Unterstützung für kleine Läden

„Wir sind gerade dabei, Schilder für den neuen Dorfladen in Mingerode zu erstellen“, sagt Hartmut Bernd, Regionalmanager in der Leaderregion Göttinger Land. Die Schilder sollen am Dorfeingang wie in anderen Orten auf den neuen Laden hinweisen. Die Gemeinschaftsinitiative der Europäischen Union unterstütze die Dorfläden. „Es geht darum, zu schauen, was wir tun können, wenn kleine Ladeneinrichtungen Unterstützung benötigen.“

„Wir haben über Leader angeregt, Photovoltaik-Anlagen auf den Dorfläden zu installieren, damit sie Stromkosten sparen können“, sagt Bernd. Denn unter anderem durch Kühlgeräte würden in den Einrichtungen besonders im Sommer erhebliche Stromkosten anfallen. In Roringen sei der Vorschlag beispielsweise schon umgesetzt worden.

Eigene Nische finden

Karin Klawunn, Inhaberin des Dorfladens in Herberhausen Quelle: Rüdiger Franke

„Der Laden ist ein Brennpunkt für persönliche Begegnung“, sagt Holger Zeidler. Er kommt regelmäßig mit seiner Frau zum Einkauf. Das sei besonders für ältere Leute eine gute Möglichkeit, ohne auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen zu sein. „Mir ist wichtig, nicht nur die Waren zu verkaufen, sondern auch Anlaufstelle im Dorf zu sein“, erklärt Klawunn. So organisiere sie wie andere Läden auch einmal pro Woche einen Waffelnachmittag an und einmal im Monat einen Suppenmittag.

„Der Laden ist eine ganz große Bereicherung für den Ort“, betont Zeidler. Klawunn hat im August 2016 eröffnet. Vorher sei die Einrichtung drei Monate lang geschlossen gewesen. Bevor sie sich der Herausforderung stellte, fragte sie im Dorf nach der Akzeptanz eines neuen Ladens. „Es war schon ein großes Risiko wieder aufzumachen.“ Denn Herberhausen ist ein Sackdorf ohne Laufkundschaft.

Besonderes bieten

Denis Luthardt, Inhaber von Streetgriller's Back & Snack in Mingerode Quelle: Rüdiger Franke

Frische ist auch für Luthardt in Mingerode wichtig. „Ich kann bei meinem Bäcker frische Brötchen nachbestellen“, sagt er. Und auch er denkt an die Kinder in der Grundschule des Ortes. „Wir haben ein Pausenfrühstück mit Brötchen, Tomate und Salat.“ Ihm sei wichtig, dass die Kinder nicht nur Süßigkeiten in der Schule essen. Und er weiß aus Erfahrung, dass morgens immer Stifte, Lineale, Blöcke und Geodreiecke und weiteres Schulmaterial fehlen. Deshalb gibt es eine kleine Auswahl in seinem Laden. „Wir setzen auf kein breites Angebot, sondern wollen unseren Kunden gezielt das bieten, was sie benötigen“, sagt Luthardt. „Wir fragen jeden Kunden und passen unser Sortiment explizit an.“ Geplant sei aber noch ein Mingeröder Regal mit Waren aus dem Ort. „Dann sind wir auch regional gut aufgestellt.“

Luthardt sieht sich auch nicht als Konkurrenz zu anderen Einrichtungen. „Es ist wünschenswert, dass kleine Läden zusammenarbeiten“, sagt er. So verweise er auf den Schlachter im Dorf, wenn jemand nach frischer Wurst fragt. „Wir haben auch schon versucht, zu initiieren, dass Dorfläden gemeinsam bestellen“, sagt Bernd. Denn das große Problem sei, dass diese im Einkauf deutlich höhere Preise als die Discounter zahlen müssten.

Hilferuf rüttelt wach

Krimilesung mit Renate Gatzemeier im Dorfladen Fuhrbach: Die Autorin (l.) im Gespräch mit Geschäftsführer David Ohse Quelle: Rüdiger Franke

Dorfläden leben von der Akzeptanz und der Einkaufsbereitschaft in den jeweiligen Orten. Oder wie der Leader-Regionalmanager sagt: „Unsere Botschaft für das Einkaufen lautet: Schauen Sie erst einmal, was Sie in den Dorfläden bekommen.“

Tatort Dorfladen

Eine Krimilesung als Event im Dorfladen: Das Buch „Tod nach Ladenschluss“ hat Autorin Renate Gatzemeier eigens für den Dorfladen in Fuhrbach geschrieben. Und dessen Getränkekeller bildete sowohl die Kulisse für den Mord als auch für die Lesung. Und in den Pausen wurden oben im Laden Gulaschsuppe, Salat, Kuchen und Getränke angeboten. „Die Gemeinschaft zählt“, sagt die Autorin. So ein Laden biete die Ursprünglichkeit, die sie aus ihrer Kindheit kenne. Es sei wichtig, dass alle an einem Strang ziehen, um den Laden am Leben zu erhalten. Und genau deshalb habe sie das Buch geschrieben.

Die Geschichte: Nach einem Event im Dorfladen im Februar 2019 wird am folgenden Tag eine Leiche im Getränkekeller gefunden. „Es spielen viele Fuhrbacher mit, die sich bereit erklärt haben, eine Rolle zu übernehmen“, verrät Gatzemeier. Aber niemand wusste im Vorfeld, welche Rolle ihm zugedacht war. Das wurde erst während der Lesung offensichtlich. Das Taschenbuch „Tod nach Ladenschluss“ von Renate Gatzemeier hat 208 Seiten. ISBN: 978-3-7485-1952-2

Krimilesung mit Renate Gatzemeier im Dorfladen Fuhrbach Quelle: Rüdiger Franke

Alternative Dorfmarkt

Als in Landolfshausen der Dorfladen geschlossen wurde, fand sich niemand, der das Risiko einer Neueröffnung übernehmen wollte. Aber es entstand eine andere Idee: ein wöchentlicher Markt. Seit 2016 treffen sich die Landolfshäuser nun mit Ausnahme der Wintermonate jeden Mittwoch von 16 bis 17.30 Uhr zu Kaffee und Kuchen und netten Gesprächen anfangs vor dem ehemaligen Laden und seit dem zweiten Jahr auf dem Thieplatz. Und ganz nebenbei können sie frische Produkte aus der Region einkaufen – mittlerweile im vierten Jahr. Das Modell fand sogar den Weg in die vom Landkreis Göttingen in Auftrag gegebene Pilotstudie „Wohnlokal“, in der Projekte zum Thema „Innovative Wohn- und Versorgungsformen im ländlichen Raum“ auf die Faktoren untersucht wurden, die zum Erfolg beigetragen haben.

Von Rüdiger Franke

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