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00:19 29.01.2018
Bei einem Stadtrundgang durch Göttingen lernen Schüler des OHG Orte kennen, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Eine Station führte sie zum Synagogen-Mahnmal in der Unteren-Masch-Straße. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Wo heute Studierende für ihre Prüfung büffeln, wurden einst Frauen und Männer mit vermeintlichen Erbkrankheiten zwangssterilisiert. Einladende Schaufenster und Läden in der Innenstadt wurden einst beschmiert, geplündert, zerstört. Und in so manch pittoreskem Fachwerkhaus verbrachten Menschen ihre letzten Stunden vor ihrer Deportation. An die Verbrechen, die im Herzen Göttingens während des NS-Regimes stattgefunden haben, erinnern sich zum Holocaust-Gedenktag Schüler des Göttinger Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG). Unter Leitung ihrer Geschichtslehrerin Isabell Müller haben sie bei einem Stadtrundgang Orte in Göttingen besucht, in denen Menschen jüdischer Abstammung einst zu Opfern wurden – und sich mit den Geschichten dieser Menschen beschäftigt.

Familie Katz gehört zu diesen Opfern. Sie führte in den 1930er-Jahren an der Groner Straße erfolgreich einen Handwerks- und Textilwarenladen. Auf dem Gehweg erinnern heute Stolpersteine an die Familie. Wo die Schüler sonst unachtsam vorbeischlendern, tummeln sie sich heute dicht zusammen und hören dem Bericht ihrer Mitschülerinnen zu. „Die Familie Katz war ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens“, erzählt Schülerin Malaike Parlak. Die Eltern Leopold und Mathilde Katz seien im Sportverein aktiv gewesen und hätten sich über das normale Maß engagiert. All dies sei plötzlich nichts mehr wert gewesen. Ihre Kindern Rosa und Ludolf seien aus Deutschland geflüchtet. Ihre Eltern blieben – und bezahlten dies mit dem Tod. Sie wurden 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert. Das Schicksal der Familie bringt so manchen Schüler zum Nachdenken: „Die Kinder Familie Katz haben Gymnasien in Göttingen besucht, so wie wir. Das macht das Schicksal so viel näher und nachvollziehbarer“, findet die 16-Jährige Greta Hunkel.

Diese Stationen steuerten die OHG-Schüler in Göttingen an.

Genau das sei auch die Idee, sagt ihre Lehrerin: „Wir machen hier Geschichtsunterricht zum Anfassen“, erklärt Isabell Müller. Keine Schulbücher, kein Lehrermonolog – die Zehntklässler haben aus altersgerechten Materialien jede einzelne Station selbst erarbeitet. Dabei stehen die Menschen und ihre Geschichten im Vordergrund. „Wir wollen das Ganze erlebbarer machen“, sagt Müller. Die Idee zu der besonderen Stadtführung hatte ein Lehrer aus dem Kollegium vor drei Jahren. Martin Biermann, Fachobmann für Geschichte am OHG, gefiel der Ansatz und ließ die Idee mit weiteren Kollegen wachsen. „Wir haben Bücher gewälzt, Material zusammengetragen und für die Schüler aufbereitet“, sagt Biermann. „Es steckt viel Arbeit in dem Projekt, und es soll sich auch weiterhin entwickeln und wachsen.“

Die Route führt die Schüler der 10c quer durch die Stadt – vom Standort des früheren sogenannten „Judenhauses“ am heutigen Parkplatz der Universität über den Campus, den Albaniplatz zu Straßen in der Göttinger Innenstadt. Die Themen sind ebenso vielfältig wie die Verbrechen des NS-Regimes: Verfolgung von Wissenschaftlern, Bücherverbrennung, Deportation, Zwangsarbeit.

Das sagt Schülerin Greta Hunkel zu dem Aktionstag ihrer Schule:

„Ich wusste nicht, dass es hier so viele Orte gab, an denen so schlimme Dinge passiert sind“, sagt die 16-jährige Chiara Stobbe. „Das ist heute wirklich unvorstellbar. Und wir laufen jeden Tag dran vorbei.“

Für viele neu war das Thema Zwangssterilisation. In den Räumen des heutigen Seminars für Deutsche Philologie am Käthe-Hamburger-Weg wurden zwischen 1934 und 1945 mehr als 780 Frauen und 800 Männer zwangssterilisiert. Grundlage war das „Gesetz zur Verhütung erkrankten Nachwuchses“. Einige überlebten den Eingriff nicht. Auch Blindheit und Taubheit zählten zu den vermeintlichen Erbkrankheiten. Kopfschütteln bei den Schülern.

Die zweieinhalbstündige Tour endet für die Jugendlichen ganz in der Nähe ihrer Schule: am Gedenkstein der Zwangsarbeiter auf dem Platz vor der Lokhalle. In der Halle seien während es NS-Regimes bis zu 2000 Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen, berichtet Tobias Leibnitz seinen Mitschülern. „Die Menschen arbeiteten zwölf Stunden und mehr. In der restlichen Zeit waren sie damit beschäftigt, ihr Überleben zu sichern, zum Beispiel auf dem Schwarzmarkt Brot zu kaufen, oder sie arbeiteten für deutsche Familien, um etwas zu Essen zu bekommen.“ Und es gibt weitere Orte in Göttingen, an denen einst Zwangsarbeit geleistet werden musste. Auch auf dem Schützenplatz etwa habe es ein Lager gegeben, sagt Müller. „Dort, wo die Schüler heute Sport treiben.“

Diesen Weg nahmen die Schüler durch die Stadt:

Gedenkstätten in der Region

KZ-Gedenkstätte Moringen

Richard Borowski, Lotte Goldmann, Alfred Grasel – drei Menschen von Hunderten, die im KZ Moringen unter dem NS-Regime schuften und leiden mussten. In dem Lager mitten in der Niedersächsischen Kleinstadt wurden zwischen 1933 und 1945 erst Männer, dann Frauen, dann Jugendliche zur Arbeit gezwungen. Sie leisteten Arbeitsdienst in der Landwirtschaft, in der betriebseigenen Schlosserei, Strickerei, Sattlerei, Schneiderei und Weberei. Vor allem für die Wehrmacht wurde produziert.

Die heutige Gedenkstätte gibt den Opfern ein Gesicht. In der Ausstellung im zentralen Werkhaus werden neben der Geschichte des Lagers Erfahrungsberichte ehemaliger Häftlinge vorgestellt. Außerdem beschäftigt sich die Schau mit der Entstehung und Wirkung von Vorurteilsstrukturen und Ausgrenzungsmechanismen.

Besucher finden die KZ-Gedenkstätte an der Langen Straße 58 in Moringen. Für eine Führung zahlen Erwachsene 3 Euro, Jugendliche 2 Euro. Diese sind nach Absprache jederzeit, donnerstagvormittags eingeschränkt, möglich. Weitere Infos gibt es hier.

KZ-Gedenkstätte Moringen: historisches Foto der Kommandantur 1933. Quelle: MRVZN Moringen

KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Tag und Nacht unter Tage – keine Sonne, kaum Nahrung, körperlich zermürbende Arbeit. So erging es vielen der 60 000 Häftlinge, die im KZ Mittelbau-Dora während des NS-Regimes zur Zwangsarbeit missbraucht wurden. Ein Drittel von ihnen überlebten diese Tortur nicht. In den Stollen des Kohnsteins ließ die SS zwischen 1943 und 1945 unter mörderischen Bedingungen Waffen produzieren. Das Lager im Südharz, das ursprünglich zum KZ Buchenwald gehörte, erstreckte sich mit fast 40 Einzellagern über den gesamten Harz.

Die Gedenkstätte zeichnet die Geschichte des Lagers anhand baulicher Relikte nach. Die Ausstellung beschäftigt sich vor allem mit den Fragen, wie das Lager im gesellschaftlichen Umfeld eingebunden war und aus welchen Motivationen heraus Menschen zu Tätern und Mittätern wurden. Teile der Stollenanlage sind für die Besucher zugänglich und geben einen Eindruck der menschenverachtenden Arbeitsbedingungen unter Tage.

Die Gedenkstätte Mittelbau-Dora ist von Oktober bis Februar von 10 bis 16 Uhr und von März bis September von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Dienstags bis freitags werden täglich um 11 und um 14 Uhr kostenlose Führungen für Einzelbesucher angeboten. Sonnabends, sonntags und an Feiertagen finden Führungen um 11, 13 und 15 Uhr statt. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos hier.

KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora: Querstollen Quelle: Claus Bach/KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag in der Region:

Von Verena Schulz

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