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Thema des Tages Dunkle Heimatgeschichte
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00:17 02.12.2016
Von Gunnar Müller
Die Munitionsfabrik Polte in Duderstadt: Vor 75 Jahren begann hier die Produktion.
Die Munitionsfabrik Polte in Duderstadt: Vor 75 Jahren begann hier die Produktion. Quelle: Archiv Baranowski
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Duderstadt

Fährt man auf der neuen Umgehungsstraße von Westerode nach Duderstadt, so macht die Bundesstraße zuletzt eine langgezogene Rechtskurve. Neben der Fahrbahn tauchen erst rote Backsteingebäude auf, dann weist ein Schild auf ein Gewerbegebiet: Euzenberg.

1938 sagten die Magdeburger Polte-Werke dem Duderstädter NSDAP-Bürgermeister Andreas Dornieden zu, ein Zweigwerk zur Herstellung von Munition in Duderstadt anzusiedeln. Mit den Bauarbeiten sollten viele Eichsfelder Beschäftigung finden. Doch der Arbeitskräftebedarf wuchs und gleichzeitig wurden immer mehr Männer zur Wehrmacht eingezogen. 600 bis 700  freiwilligen Zivilarbeiter aus Polen, Frankreich, Tschechien, Belgien, den Niederlanden und Italien waren ab 1940 am Euzenberg beschäftigt. Ende 1941 kam eine große Zahl ausländischer Frauen hinzu, ab 1943 wurden auch Eichsfelderinnen dienstverpflichtet, um Arbeiten in den Polte-Werken zu erledigen.

„Die waren auch in der Stadt sichtbar und haben teils mit Handwagen Lebensmittel geholt“, erläutert Götz Hütt von der Geschichtswerkstatt. Unter Auflagen durften die meisten die Lager verlassen. Ende 1943 beschäftigte das Poltewerk 2424 deutsche und ausländische Beschäftigte, einen Monat später waren es bereits 2487. „Das Essen war sehr schlecht. Täglich gab es nur eine wässrige, oftmals ungenießbare Suppe“, schilderte ein Zeitzeuge die Lebensbedingungen ausländischer Zivilarbeiter. Einige Fremdarbeiter holten sich vor Hunger Kartoffelschalen und Essensreste aus den Mülltonnen.  „Die Ukrainerinnen saßen wie Mumien vor den Maschinen. Sie redeten kaum und zeigten keine menschlichen Gefühle. Nur einmal, als wir Weihnachtslieder gesungen haben, fingen die Ukrainerinnen an zu weinen“, schilderte später eine Arbeiterin.

Am Westerborn wurde 1942 ein Lager für rund 800 Fremdarbeiter und Kriegsgefangene eingerichtet.
747 ungarische, zwei polnische und eine tschechische Jüdin wurden ab November 1944 in den Duderstädter Polte-Werken eingesetzt. Aus Ungarn wurden sie zunächst ins KZ Auschwitz deportiert, dann nach Bergen-Belsen weitertransportiert und letztlich nach Duderstadt verschickt. Das Außenlager am Euzenberg war dem Konzentrationslager Buchenwald unterstellt.

Am 4. November 1944 verließen sie die Waggons, in Holzschuhen, Sommerkleid und KZ-Mantel. Und kamen in den Baracken des Euzenberg-Lagers unter.
„In der Fabrik musste ich alleine an einer großen Maschine im Kriegsdienst Patronenhülsen formen. Die kleineren waren in Lauge eingelegt und ich musste sie ohne Handschuhe aus der Lauge in die Maschine legen“, schilderte eine von ihnen; die Fingernägel wetzen sich ab, die Hände zerfraßen.

„Die deutschen Meister waren ziemlich ordentlich mit uns“, erklärte nach dem Krieg eine Jüdin. Doch die SS-Aufseherinnen zeichneten sich durch eine besondere Strenge und Unnachgiebigkeit aus, schlugen, beleidigten und denunzierten. In einem Schnelllehrgang waren 18 Arbeiterinnen, die größtenteils aus den umliegenden Dörfern kamen, im KZ Ravensbrück zu SS-Aufseherinnen geschult worden. Sie haben sich ihre Tätigkeit nicht ausgesucht, beschreibt Frank Baranowski, der über die Polte-Werke bereits als Jugendlicher forschte. Widersetzt hatten sie sich jedoch auch nicht. Mindestens vier Frauen verstarben in Duderstadt, im Januar 1945 bekam das KZ-Außenlager daher „Ersatz“ aus Bergen-Belsen.

„Wer mit der Bahn fuhr, konnte in das Lager sehen, viele Arbeitswege führten direkt vorbei“, sagt Götz. Doch zugleich hätten sich auch viele SS-Leute ahnungslos gegeben: „Denen wurde erzählt, dass es sich um Angehörige von Partisanen handele.“

Wegen zunehmender Fliegeralarme kam die Produktion beinahe zum Erliegen. Anfang April 1945 sollten die 750 Jüdinnen vor der heranrückenden US-Armee evakuiert werden. Drei Wochen ging die Irrfahrt in Waggons, die im KZ Theresienstadt enden sollte. Kurz vor dem Ziel starben etliche bei einem Fliegerangriff auf den Zug. Die, die überlebten, wurden am 9. Mai 45 schließlich von der Roten Armee befreit.

„Auch das NS-Geschehen ist ein Stück Heimatgeschichte“, so Hütt. Vielen sei großes Unrecht geschehen. „Die Gegenwart kann man oft nur richtig verstehen, wenn man auch die Vergangenheit kennt“, mahnt der Vorsitzende der Duderstädter Geschichtswerkstatt.

Zukunft ungewiss:

Nachdem die britischen Alliierten im Oktober 1947 das Gelände zur zivilen Benutzung freigegeben hatte, kaufte der Bund nach und nach den größten Teil der Fläche. Wegen der Nähe zur innerdeutschen Grenze richtete der Bundesgrenzschutz ab 1956 eine Kaserne und Verwaltungsbüros ein. Die verbliebenen Flächen nutzten Firmen wie Brax-Leineweber, Piller und Opti; Ottobock startete 1946 in den Hallen 18 und 20 mit seiner Tätigkeit in Duderstadt. 1989 erwarb Klaus-Hagen Hage 15,4 Hektar der ehemaligen Polte-Werke mit den zugehörigen Hallen, als „Hobby“, wie er in einem früheren Interview sagte.

Für den Gewerbepark „Am Euzenberg“ nahm er umfassende Sanierungen und Investitionen vor. Und zugleich zeigte der gebürtige Kieler auch ein Interesse für die historische Bedeutung des Ortes. 2014 gab es eine umfangreiche Gesamtbetrachtung von Altlasten, die nicht Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges seien, sondern von einer in den 1950er-Jahren stillgelegten Teerpappenfabrik stammten. Eine akute Gefahr, stellte die Kreisverwaltung im März 2015 fest, gehe von der nachgewiesenen Restbelastung nicht aus und habe sich sogar in den vergangenen Jahren verbessert. Zuletzt gab es verschiedene Ideen, das Gelände zu nutzen. So zeigte offenbar Ottobock Interesse an dem Gelände, das in direkter Nachbarschaft zum Firmengelände liegt. Für Fragen stand Hage dem Tageblatt nicht zur Verfügung.

Zwangsarbeiterausstellung vor ernsten Problemen

Im April 2015 hat die vormalige Wanderausstellung „Auf den Spuren europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939 bis 1945“ in der Berufsbildenden Schule II ein dauerhaftes Domizil gefunden.
An 13 Stationen nähert sich die Ausstellung verschiedenen Bereichen und Orten, in denen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges herangezogen wurden. Als im Jahr 2000 bundesweit eine Diskussion über Entschädigungen der früheren Zwangsarbeiter einsetzte, reagierte der Landkreis Göttingen und beschloss, diesen Teil seiner Geschichte kritisch aufarbeiten zu lassen. Der Kulturwissenschaftler Günther Siedbürger recherchierte den Zwangsarbeitseinsatz in den Jahren des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Göttingen.
„Wir gingen damals von wenigen tausend Betroffenen aus“, schildert Siedbürger.

Doch seine Recherchen führten zu weit mehr als 50 000 Menschen, die in Südniedersachsen ihren Dienst verrichten mussten. Nachdem durch die mehrjährigen Recherchen so viel Material zusammengekommen war, habe man über eine Ausstellung nachgedacht, erklärt Siedbürger. Gefördert durch ein EU-Projekt und mit Partnereinrichtungen in den Herkunftsländern. „Das macht die Ausstellung einmalig, dass man hier auch die Perspektiven verschiedener Länder sieht“, so der Kulturwissenschaftler.
Doch zuletzt wurde ein Finanzierungsantrag auf Personalkostenunterstützung, sodass Führungen, Öffnungszeiten und vor allem Projektarbeit nicht auf Dauer gewährleistet seien, warnten die Geschichtswerkstätten Duderstadt und Göttingen.

„Wir hatten ursprünglich gehofft, eine Ausstellung in der noch bis 2008 existierenden letzten Baracke des KZ-Außenlagers in Duderstadt machen zu können“, so Siedbürger. Doch einzelne Bretter dieser Baracke sind an einigen Stationen der Ausstellung zu sehen. „In der dauerhaften Etablierung der Ausstellung hier in der Berufsbildenden Schule II und in der Verbindung von Schule und historischer Forschung ergeben sich eine große Bereicherung und hervorragende pädagogische Möglichkeiten“, äußerte die niedersächsische Bildungsministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) bei Ausstellungseröffnung. Ein Satz, dem Siedbürger zwar grundsätzlich zustimmt, aber nur, wenn eine inhaltliche und pädagogische Betreuung gewährleistet werden könne. Mit der jetzigen geringen personellen Kapazität sei dies kaum zu bewerkstelligen. „Wir wünschten uns sehr eine sichere Perspektive, die uns über einige Jahre kontinuierliche Arbeit erlaubt“, hofft der Kulturwissenschaftler, „und dazu ist eine entsprechende finanzielle Förderung notwendig.“
Die Ausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ ist mittwochs und freitags, 10 bis 16 Uhr sowie jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr und für Gruppen nach Vereinbarung in der BBS II, Godehardstraße 11, geöffnet. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen: www.zwangsarbeit-in-niedersachsen.eu http://www.zwangsarbeit-in-niedersachsen.eu/