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Thema des Tages Ungebetener Besuch: Niedlich, aber schwer loszuwerden
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00:20 20.07.2018
Sehen süß aus, sind aber lästig: Waschbären nisten sich gern mal auf Balkon oder im Garten ein. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen

Hobbygärtner sind gefährdet, Hausbesitzer sowieso – eigentlich jeder, der einem Waschbären unbewusst etwas anbietet, was den kleinen, pelzigen Freund interessieren könnte.

Hört man nicht gern, aber Haus und Garten sollte für die Tiere möglichst unattraktiv gestaltet werden, damit die Waschbären erst gar nicht auf die Idee kommen, sich längerfristig heimisch zu fühlen. Denn es ist praktisch nichts vor ihnen sicher. Wobei der Allesfresser, wenn er denn die Wahl hat, durchaus ein Feinschmecker ist, weniger an Garten- und Gemüseresten, wohl aber an hochwertigen Speiseresten wie Fleisch, Brot und Fisch interessiert ist.

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Waschbären sind manchmal auf Zerstörung aus

Manchmal ist ein Waschbär aber einfach auch nur auf Zerstörung aus, wie im Fall von Melanie Kolada, die in Göttingen in der Nähe des Groner Freibades lebt. Ihre Wohnung verfügt über einen Balkon und dieser über eine Katzenleiter, die normalerweise für die zwei Samtpfoten von Kolada bestimmt ist. Dies interessierte den Waschbären überhaupt nicht. Er nahm die Einstiegshilfe dankend an und verwüstete anschließend den kompletten Balkon. „Ich habe das mitbekommen, da ich extrem schlecht schlafe“, erzählt Kolada.

Bei dem einmaligen Vorfall blieb es nicht, denn der Waschbär kam wieder, machte vor nichts halt auf dem inzwischen wieder aufgeräumten Balkon. „Erst ist man sich ja nicht sicher, aber ich habe dann typische Abdrücke von Waschbärpfoten gefunden“, berichtet die Betroffene.

Verräterisch Geräusche auf dem Balkon

Als sie wieder einmal verräterische Geräusche auf ihrem Balkon hörte, schlich sie sich nach draußen und leuchtete den ungebetenen Gast mit einer Taschenlampe an. „Er ist sofort verschwunden“, so Kolada. Dennoch konnte sie gut erkennen, dass es sich bei ihrem „Freund“ um ein ausgewachsenes Tier handelt. „Er sieht aus wie ein großer, fetter Kater“, sagt sie und lacht dabei.

Es sollte nicht bei einem Waschbär bleiben. „Jetzt sind auch noch vier Junge dabei“, sagt sie ziemlich verzweifelt. Denn inzwischen traut sie sich nicht einmal mehr, die Balkontür offen stehen zu lassen. Unwohl ist ihr auch bei dem Gedanken an ihre zwei Katzen, die bereits einmal eine kurze Begegnung mit dem Raubtier hatten. „Eine Katze zieht im Zweikampf gegen einen Waschbär eindeutig den Kürzeren“, erläutert Kolada.

Bewegungsmelder und blinkende Fahrradlichter zur Abschreckung

Sie versucht sich jetzt selbst zu helfen, hat einen Bewegungsmelder und blinkende Fahrradlichter installiert. „Bislang habe ich noch nichts wieder gehört. Ich wäre wirklich froh, wenn Ruhe herrschen würde, denn ich habe keine Lust, ständig den Balkon aufzuräumen“, sagt sie und nimmt billigend in Kauf, dass bei ihr schon ein wenig früher „Weihnachtsbeleuchtung“ angesagt ist.

Klaus-Peter Hagemann wohnt mitten in der Göttinger Innenstadt. Seit zwei Jahren „lebt“ er mit Waschbären. Nachbarn machten ihn auf Geräusche am Nordgiebel seines Hauses aufmerksam. Er entdeckte ein kleines Loch, durch das die tierischen Räuber ins Innere kamen. „Ich habe das Loch dicht gemacht, und dann war Ruhe“, erzählt Hagemann. Dachte er, doch die vier Waschbären entdeckten eine neue Vorliebe, nämlich einen Platz unter seiner Solaranlage. „Auf die Module soll man ja aufgrund drohender Verkalkung kein Wasser schütten, also habe ich es von unten versucht“, erklärt er. Schwer beeindruckt zeigten sich die Tiere von dieser Maßnahme nicht, blieben unbeirrt liegen.

Arrangement zwischen Mensch und Tier?

Und so haben sich Mensch und Tier quasi arrangiert. Der eine oder andere zerrissene gelbe Sack oder ein wenig Weißbrot auf dem Dach gehören für den Göttinger inzwischen dazu. Gefällt ihm nicht wirklich, aber er setzt einfach darauf, dass die Waschbären vielleicht in absehbarer Zeit weiterziehen.

Davon gehen die Jäger in der Region nicht aus. Denn die Zahl der Waschbären ist auf jeden Fall rekordverdächtig. Zu diesem Schluss ist sowohl die Jägerschaft Göttingen als auch die Jägerschaft Northeim gekommen. Im abgelaufenen Jahr brachten die Göttinger Jäger 1214 Exemplare zur Strecke, im Vorjahr waren es noch 936. In diesen Streckenberichten werden nicht nur die geschossenen Tiere aufgeführt, sondern auch das sogenannte Fallwild. Dazu zählen Waschbären, die beispielsweise auf der Straße überfahren werden.

Landkreis Northeim: Kontinuierliche Zunahme von Waschbären

Nicht ganz so hoch liegen die Zahlen der Jägerschaft Northeim. 622 Waschbären weisen die Streckenzahlen 2017/18 auf. Im Vergleich dazu waren es 2016/17 454. Im gesamten Landkreis Northeim liegen die Zahlen bei 1932 zu 1279. „Im Landkreis Northeim ist eine kontinuierliche Zunahme zu verzeichnen, auch wenn es durch diverse Krankheiten wie Staupe und Räude gelegentlich Einbrüche gibt. Schwerpunkt der Besiedlung des Landkreises ist das Gebiet Solling, aber auch kleinere Waldgebiete wie der Wieter bei Northeim sind seit etlichen Jahren erobert“, berichtet Ralf-Günter Rahnert, der Vorsitzende der Jägerschaft Northeim.

Er hat durchaus Verständnis dafür, dass Menschen Waschbären sehr niedlich finden, gibt allerdings zu bedenke: „In der Masse sind Waschbären eine Bedrohnung für die Fauna.“

Bemerkenswertes Gedächtnis: Der Waschbär

Waschbären sind eigentlich in Nordamerika beheimatet. Aber seit den 1930er Jahren ist er auch auf dem europäischen Festland zu finden. Aber auch im Kaukasus und in Japan ist er vertreten, nachdem er dort aus Gehegen entkommen ist oder ausgesetzt wurde. Waschbären sind überwiegend nachtaktive Raubtiere, lebenbevorzugt in gewässerreichen Laub- und Mischwäldern. Darüber hinaus sind sie extrem anpassungsfähig.

Der Waschbär ist der größte Vertreter der Familie der Kleinbären, erreicht eine Körperlänge zwischen 41 und 71 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 3,6 und 9,0 Kilogramm. Das haptische Wahrnehmungsvermögen der Vorderpfoten und die schwarze Gesichtsmaske sind typisch für den Waschbären. Des weiteren verfügen sie über ein extrem gutes Gedächtnis. In Versuchen hat sich herausgestellt, dass die Tiere, deren wissenschaftlicher Name Procyon lotor ist, sich noch nach drei Jahren an die Lösung einer früher gestellten Aufgabe erinnern.

Waschbären sind eigentlich in Nordamerika beheimatet. Quelle: dpa

Waschbären sind Allesfresser. Sie ernähren sich zu ungefähr 40 Prozent von pflanzlicher Kost, zu 33 Prozent von Weichtieren und zu 27 Prozent aus Wirbeltieren. In Gefangenschaft gehaltene Tiere tauchen ihre Nahrung oft unter Wasser, was als „Waschen“ gedeutet wurde. Viel wahrscheinlicher ist es allerdings, dass es sich dabei um eine sogenannte Leerlaufhandlung handelt, die eine Imitation der Nahrungssuche an Fluss- oder Seeufern ist. Dort sucht er unter Steinen und anderen Verstecken Krebse und andere Nahrungstiere.

Die Lebenserwartung von Waschbären in freier Natur ist mit 1,8 bis 3,1 Jahren eher kurz. Ganz anders sieht das in Gefangenschaft aus. Dort können die Tiere über 20 Jahre alt werden. Sie sind angesichts ihrer kurzen Beine nicht in der Lage, schnell zu rennen oder weit zu springen. Waschbären können hingegen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,8 Kilometern pro Stunde schwimmen und stundenlang schwimmen.

Sehr gut ausgeprägt ist ihr Gehör, dessen Hörgrenze bei 50 bis 85 kHz liegt. Damit sind sie in der Lage sehr leise Geräusche wahrzunehmen, wie sie beispielsweise im Boden eingegrabene Regenwürmer verursachen.

NABU Göttingen stellt Lebendfallen auf

Viele Menschen finden Waschbären sehr niedlich. Allerdings nur solange sie ihnen nicht zu nah kommen beziehungsweise Haus und Hof. Denn fühlen sich die Tiere erst einmal wohl, dann ist es extrem schwer, sie wieder loszuwerden.

Wenn das der Fall ist, dann klingelt beim NABU (Naturschutzbund) in Göttingen häufiger einmal das Telefon. Die Anrufer erhoffen sich Tipps und Tricks, um die ungebetenen Gäste wieder loszuwerden.

Ein Waschbär auf einem Baum im Wisentgehege in Springe. Quelle: dpa

„Es ist nicht so selten, das angerufen wird“, erzählt Dirk Zimmermann, 2. Vorsitzender des Vereins. Die Möglichkeiten, die der NABU hat, sind allerdings auch begrenzt. „Wir können nur Lebendfallen aufstellen“, berichtet er. Mit Eiern ließen sich die Tiere normalerweise gut anlocken. „Sind sie dann in der Falle, dann werden sie 50 Kilometer entfernt ausgesetzt“, erläutert Zimmermann die Maßnahme.

Wobei das Aussetzen nicht ganz ungefährlich ist, denn wenn sich die Tiere in die Enge gedrängt fühlen, dann beißen sie um sich. „Ich habe mal einen Waschbären aus einer Lebendfalle geholt und hatte nur einen Handschuh an. Er hat mir ganz heftig in die Hand gebissen“, erinnert sich der NABU-Mitarbeiter nur sehr ungern an die Aktion.

In der NABU-Einrichtung in Göttingen wurden zu früheren Zeiten beispielsweise auch verletzte Waschbären aufgepäppelt. „Das dürfen wir inzwischen nicht mehr, denn die Räumlichkeiten, die wir hier haben, sind zu klein.“

Konkrete Tipps, die Hausbesitzer in Eigenregie ausführen könnten, haben die NABU’s nicht zur Hand. „Waschbären lassen sich nicht mit einfachen Tricks vertreiben“, weiß der Experte.

Von Vicki Schwarze

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