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Thema des Tages Eine positive Entwicklung
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18:57 29.11.2017
Die rote Schleife als weltweites Zeichen der Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken. Quelle: dpa
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Göttingen

„Bei mir war es damals wie eine Grippe“, beschreibt Jürgen seine Erstinfektionswoche. Er war 33 Jahre alt, als er die DiagnoseHIV positiv“ erhielt. Es waren die späten 1990er Jahre. Eine Zeit, in der der weltweite Kampf gegen das Virus erste Erfolge verzeichnete, die wirksame Therapie mit zwei und später drei Wirkstoffen aber noch in den Kinderschuhen steckte. Der medizinische Wissensstand der Betroffenen war gering, die Unsicherheit groß.

„Machen sie sich einen schönen Lebensabend“, sagte damals ein Arzt zu ihm. Für den heute 54-Jährigen brach eine Welt zusammen. Einige Jahre zuvor war einer seiner Bekannten an Aids gestorben. Die Bilder des Krankheitsverlaufs waren ihm präsent. So wollte er das für sich nicht. „Die Diagnose bedeutete einen klaren Bruch der Lebenslinie“, sagt Jürgen. Sein soziales Umfeld wandte sich teilweise von ihm ab, er musste den Beruf wechseln.

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Um gegen die Infektion vorzugehen, schluckte er täglich mehrere Tabletten, damals noch mit spürbaren Nebenwirkungen. „Man wollte sich aber auch nicht nur fremdbestimmen lassen. Deshalb aß ich Unmengen von Papayas und Ananas. Und täglich zwölf Eier“, erzählt Jürgen. Um das Gefühl der Selbstwirksamkeit zu bekommen, habe er nach jedem Strohhalm gegriffen. Zudem habe er sich zurückgezogen, habe sich selbst verordnet, nur noch mit positiven Partnern zusammen zu sein.

„Jetzt soll es ganz schnell gehen“

Frank bekam seine Diagnose 2009, eigentlich eher zufällig. Er habe Blut spenden wollen und sich einem Test unterziehen lassen. Er war HIV-positiv. Die Zahl seiner Helferzellen war auf 20 Prozent heruntergefahren. „Scheiße. Jetzt soll es ganz schnell gehen“, sei sein erster Gedanke gewesen. Er habe keine Angst vor dem Sterben gehabt, vielmehr vor einem langsamen Dahinsiechen, wie er es bei älteren Bekannten beobachtet habe.

Wenn Frank und Jürgen von der Vergangenheit erzählen, sprechen sie vom „alten Aids“. Von einer Erkrankung, die nahezu zwangläufig mit dem vorzeitigen Tod endete. Von einer Zeit, als Patienten bis zu 30 Tabletten mit einer strengen Zeittaktung einnehmen sollten, als Mitmenschen die Straßenseite wechselten. „Etwa seit der Jahrtausendwende hat es eine unglaubliche Entwicklung gegeben“, sagt Jürgen.

In Deutschland leben etwa 87 000 Menschen mit HIV

„Wir sind heute in einer anderen Epoche gelandet“, schließt sich Simone Kamin, eine der Geschäftsführerinnen der Göttinger Aids-Hilfe an. Sie stellt dem „alten Aids“ den Begriff der „lebenslangen HIV-Infizierung“ gegenüber. Denn wenn HIV heute rechtzeitig erkannt und therapiert werde, hätten die Positiven eine nahe normale Lebenserwartung. In Deutschland leben etwa 87 000 Menschen mit HIV. Diese Zahl steige seit Jahren, weil nur noch wenige Menschen an den Folgen der HIV-Infektion sterben.

In den vergangenen beiden Jahren lag die Zahl der Neuinfektionen hierzulande bei jeweils 3100 Menschen und damit im europäischen Vergleich sehr niedrig. Der Anteil der größten betroffenen Gruppe – schwule und bisexuelle Männer – ist in den letzten Jahren leicht gesunken. Ebenfalls rückläufig ist die Zahl der Diagnosen bei nicht aus Deutschland stammenden Menschen.

Simone Kamin Quelle: Richter

Leider gebe es in Deutschland aber eine zu große Zahl an Spätdiagnosen, so Kamin. 2016 waren es 1100 Menschen, die zum Zeitpunkt der Diagnose bereits an Aids erkrankt waren. Trotz heute flächendeckender HIV-Testangebote und guter Behandlungsmöglichkeiten lebten viele jahrelang mit dem Virus, ohne es zu wissen. In bestimmten Lebenswelten sei Sexualität immer noch mit Tabus belegt, sagt Kamin. Und ihre Kollegin Caroline Herberhold ergänzt: „Scham und Angst vor einem positiven Testergebnis halten Menschen vom HIV-Test ab.“ Der Appell der Aids-Hilfe lautet: Wenn man hingeht, geht die Welt nicht unter. Das kann nur passieren, wenn man nicht hingeht.

Caroline Herberhold Quelle: Richter

Zurück in der Gesellschaft

Für Frank und Jürgen ist der vierteljährliche Test selbstverständlich. Bei beiden ist durch die Therapie die Viruslast unterhalb der Nachweisgrenze. Kurz: Sie sind nicht ansteckend. Diese Gewissheit habe ihm geholfen, wieder hinter der Wand der sozialen Isolierung hervorzukommen. Er sei zurück in der Gesellschaft, sagt Jürgen. Er stelle sich den Herausforderungen im Beruf und habe sich im Kollegium geoutet. In bestimmten Kreisen sei man heute sehr viel offener für das Thema geworden. „Das ist ein Erfolg der vielen Kampagnen aber auch der eigenen Bemühungen.“

Frank verhält sich gegenüber Außenstehenden dagegen eher zurückhaltend. Zu viele schlechte Erfahrungen. „Viel schwerer als die Infektion selbst wiegt für HIV-Positive die Sorge, in ihrem Umfeld auf Vorurteile und Ausgrenzung zu stoßen. Denn leider sind Unwissen und unbegründete Ängste vor einer Ansteckung längst noch nicht überall ausgeräumt“, weiß Herberhold. Und noch heute komme es vor, dass Positive beispielsweise beim Zahnarzt keinen Termin bekommen – oder nur der allerletzten. „Aus Unwissenheit will ich heutzutage keine Stigmatisierung mehr ertragen müssen“, sagt Kamin.

Seit Kurzem beteiligt sich Frank zusammen mit Jürgen an einem Projekt der Aids-Hilfe, das Krankenpflegeschülern das Thema HIV näher bringen soll. „Da sind Gruppen dabei, die haben keine Bilder vom alten Aids mehr im Kopf.“ Eine positive Entwicklung.

Info:

Die Organisation UNAIDS hat sich bis zum Jahr 2020 unter anderem die sogenannten 90-90-90-Ziele gesteckt: 90 Prozent aller HIV-Positiven sollen von ihrer Infektion wissen, 90 Prozent der Diagnostizierten sollen Zugang zu Behandlung haben und bei 90 Prozent der Behandelten soll kein Virus mehr nachweisbar sein. In Deutschland ist man diesem Ziel schon recht nah. So wissen 86 Prozent von ihrer Infektion, 86 Prozent nehmen Medikamente und bei 93 Prozent ist HIV nicht mehr nachweisbar.

Göttinger Aids-Hilfe

Seit 32 Jahren unterstützt die Göttinger Aids-Hilfe HIV-Positive in ihrem Lebensalltag, bietet Beratung, Fortbildung und Freizeitangebote. Zudem informieren die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter über Prävention und Infektion oder werben in allen Bevölkerungsgruppen für Akzeptanz und Toleranz. Dabei reichen die Aktivitäten vom persönlichen Gespräch bis zur Werbeaktion mit Kondomverteilung bei größeren Partys.

Als neues Aufgabenfeld kam in den vergangenen Jahren der Umgang mit Flüchtlingen hinzu. In Zusammenarbeit mit anderen Akteuren versuche man, Menschen zu erreichen, die bisher durch das Aufklärungsnetz gefallen sind.

2017 wurde bei der Göttinger Aids-Hilfe ein Generationswechsel vollzogen. Nachdem im Mai der langjährige Geschäftsführer Jörg Lühmann nach 26 hauptamtlichen Jahren in den Ruhestand gegangen ist, haben seine Kolleginnen Caroline Herberhold und Simone Kamin gemeinsam seine Nachfolge angetreten, dabei allerdings ihre Arbeitsschwerpunkte Beratung beziehungsweise Öffentlichkeitsarbeit beibehalten.

Im November wurde die Riege der hauptamtlichen Mitarbeiter zudem durch Luca Siemens verstärkt. Der Sozialpädagoge soll unter anderem die Leitung des ehrenamtlichen Präventionsteams übernehmen.

Schon seit 1998 gehört Solidaritätsbär „Taddy“ zum Team der Göttinger Aids-Hilfe. Seither ist er in einigen Geschäften der Region gegen eine Spende zu haben. Zur 20. Auflage wurde er in einen solidaritätsroten Pullover gekleidet. „Wir hoffen, dass er vielen Fans gefällt oder auch als neue Bekanntschaft auf viele gemütliche Sofas eingeladen wird“, heißt es im aktuellen Infobrief. Zum Welt-Aids-Tag plant die Göttinger Aids-Hilfe am 1. und 2. Dezember von 10 bis 17 Uhr Infostände am Göttinger Kornmarkt.

Von Markus Scharf

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