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Thema des Tages Welt voller Theater-Erinnerungen
Thema Specials Thema des Tages Welt voller Theater-Erinnerungen
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00:17 09.03.2017
Von Peter Krüger-Lenz
Elektrisch betriebenes „Tuk-Tuk“ aus Produktion „Gänseliesel“. Quelle: Christoph Mischke
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Göttingen

Mathes ist an diesem Morgen mit Marcus Weide gekommen. Der technische Direktor des Theaters ist der Mann mit dem Schlüsselbund. Hinter der ersten Tür an der Rampe zwischen dem Restaurant Amavi und einer Moschee öffnet sich eine Welt voller Mobiliar, Lampen, alter Lautsprecher - alles gebraucht, vieles abgewetzt und das meiste voller Theater-Erinnerungen.

Gleich nach der Eingangstür wartet ein abgetrennter und verschlossener Bereich. Der Inhalt ist nicht unbedingt wertvoll, soll dennoch von dem Rest getrennt werden, um Beschädigungen zu verhindern. Hier stehen lange Stangen, auf die Lautsprecher montiert sind. Weide weiß auch, zu welcher Produktion sie gehören: „Schöne Fremde“. Auch alte Scheinwerfer lagern hier.

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Außerhalb dieses Raumes sind weitere Bühnenbild-Elemente abgestellt. Inmitten eher grauen Mobiliars entdeckt Tageblatt-Fotograf Christoph Mischke eine farbenfrohe Leuchtreklame. „Dann holen wir die da raus“, sagt Weide. Radio Hour steht darauf geschrieben und Chesterfield. Aus welcher Produktion sie stammt, werden Weide und Mathes später nachliefern: „Sisters of Swing“.

Nicht weit entfernt, ebenfalls eingebaut, steht ein Dreirad. „Unser Gänseliesel-Tuk-Tuk“, erklärt Weide. Es knattert in der Inszenierung „Gänseliesel träumt“ über die ­Bühne, meint der Tageblatt-Redakteur, sich zu erinnern. „Nein“, sagt Weide fast ein bisschen entrüstet, „Elektroantrieb“. Wiederum daneben ein toller runder Mond, der auch Sonne sein kann. „Aus dem Weißen Rössel“, erklärt Weide, „der hat es nie auf die Bühne geschafft“.

Auf der anderen Seite dann die „Gögö-Bar“. Auch hier kennt Mathes die Vorgeschichte. Schauspielerin Rahel Weiß, inzwischen im Ensemble des Staatstheaters Kassel, habe sich den Schrank bauen lassen und bei Festen daraus Getränke verkauft. Weide präzisiert: „Viele kleine, bunte Schnäpse“.

Ganz hinten in der Ecke steht ein Pferd. Es wendet den Besuchern das Gesäß zu. Dennoch sind die typischen dunklen Flecken auf dem weißen Fell zu erkennen. Hier wartet lebensgroß der Kleine Onkel, das Pferd, auf dem Pippi Langstrumpf in der Spielzeit 2013/13 über die Bühne im Großen Haus des DT ritt, auf einen neuen Einsatz. Schräg gegenüber liegt ein Netz zusammengelegt zu einem handlichen Paket. „Hier ist das Bühnenbild von Parzival“ - sehr sparsam in Herstellung und Lagerung.

Über allem thront eine Art Aufseherkabine. Kunstschnee in Säcken vermutet Mathes dort oben. Weit gefehlt. Ein Tisch steht dort, ein funktionierender Kühlschrank und ein Ghetto-Blaster in kleinerem Format. Hier haben sich Theatermitarbeiter einen Pausenraum eingerichtet.

Lok-Hallen-Eisbahn zwischengelagert

Um in den Kostümfundus zu gelangen, geht es durch einen Raum, in dem es leicht muffig riecht. Abseits des Durchgangs liegen Elemente, auf denen dünne Schläuche in Schlangen angebracht sind. „Hier lagert die GWG ihre Eisbahn“ sagt Weide. Einen Raum weiter riecht es etwas frischer. Luftentfeuchter brummen hier vor sich hin und halten die Luftfeuchtigkeit zwischen 45 und 50 Prozent, erklärt Weide. Mottenfallen hängen an Kleiderstangen, einmal im Jahr, wenn der Spielbetrieb im Sommer ruht, kommt der Schädlingsbekämpfer.

Gleich am Eingang stehen Garderobenwagen, darauf Kostüme. Ein schlicht geschriebenes Schild gibt die Produktion an, für die sie bestimmt sind; in diesem Fall „Homo Empathicus“.

Meter um Meter reihen sich hier die Kleidungsstücke, fein säuberlich auf Bügel gehängt. Wie ist denn hier der Überblick zu behalten? „Wenn ich sage, ich benötige ein schönes Sommerkleid, Halbarm mit Streifen, dann geht eine der Gewandmeisterinnen los. Nach zwei oder drei Minuten kommt sie wieder, „dann hat sie es in der Größe, die ich brauche.“

Probefläche

Viel Fläche zum proben

Im Herbst 2015 hat das Deutsche Theater (DT) die Räume übernommen. Im Mai 2016 seien sie mit Teilen des Fundus aus der Musa in die neuen Räume gezogen, sagt Marcus Weide, technischer Direktor des DT. Auf einer Gesamtfläche von 1500 Quadratmetern kommen die Räume, die die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung (GWG) zur Verfügung stellt. Für Umbau und Sanierung der Halle und ehemaliger Büros der Deutschen Bahn hat die GWG als Vermieterin etwa vier Millionen Euro investiert. Das DT verfügt dort jetzt über eine Probebühne, die mit einer Fläche von 380 Quadratmetern größer als die Hauptbühne am Theaterplatz ist. Das Lager für Mobiliar und ähnliche Gegenstände verfügt über 715 Quadratmeter, im Untergeschoss kommen weitere 360 Quadratmeter hinzu. Kostümkleiderstangen von 300 Metern sind hier verbaut – und dicht belegt. Weitere 230 Meter Kleiderstangen sind in dem Theaterhauptgebäude am Wall installiert. Die Decken erreichen im Lager und auf der Probebühne unter dem First 10 Meter, bis zum Gebälk 6,20 Meter. pek

Von dem langgestreckten Kleidungsfundus gehen kleinere Räume ab. Hier findet sich alles, was ein notorisches Sammlerherz begehrt. Radios, Fernseher, Monitore, Kassen, Kinderwagen, eine Drehorgel, Schreibmaschinen, Körper­teile, Grabkränze, Kürbisse, Schaukelpferde, ein gerupftes Huhn, einige Ananas, Wassermelonen, Fahrräder, Schlitten, eine ganze Batterie Stand­aschenbecher, Schlafsäcke - und zahlreiche Lautsprecher. Sie stammen vom Wertstoffhof der Entsorgungsbetriebe. Weidle erklärt: „Es ist schon erstaunlich, wie viele Lautsprecher in Göttingen weggeschmissen werden, einige sogar funktionstüchtig.“

Technik und Fundus in alter, sanierter Güterhalle Fotos: (c) Mischke