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Thema des Tages Weniger Bäckereibetriebe in und um Göttingen
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20:40 07.05.2019
Jessica Wald, Auszubildende im zweiten Lehrjahr, holt den Kuchenboden aus dem Ofen. Quelle: Fotos: Franke
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Südniedersachsen

2008 waren bundesweit noch 15337 Bäckereien gelistet, hatte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) berichtet. Zehn Jahre später seien mehr als 4400 von ihnen geschlossen worden. Übrig geblieben waren noch 10926, also etwa zwei Drittel.

Gleicher Trend auf Landesebene

Der gleiche Trend lasse sich auch auf Landesebene erkennen, teilte der ZDH weiter mit. Von 1335 Betrieben im Jahr 2008 seien 2018 nur noch 916 übrig geblieben. Und auch in der Region habe sich die Zahl in einem ähnlichen Verhältnis verringert, bestätigte Gliem. In der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen sind die Bäcker-Innung Göttingen und die Bäcker-Innung Südniedersachsen vertreten. In der Göttinger Innung habe sich die Zahl von 10 auf aktuell sieben verringert. Die Zahl sei seit 2014 allerdings konstant geblieben. Darüber hinaus habe die Innung mit Thiele, Ruch und Hermann drei Betriebe, die zusammengerechnet mehr als 150 Filialen betreiben.

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Quelle: dpa-Zentralbild

Die Bäcker-Innung Südniedersachsen habe nach Gliems Angaben 2008 noch 18 Betriebe eingetragen gehabt. Damals habe sie nur aus den Bereichen Duderstadt und Hann. Münden bestanden. Die Zahl sei bis 2013 auf 14 gesunken. Nach dem Zusammenschluss mit den Bäckern aus dem Bereich Osterode habe die Innung wieder 18 Betriebe verzeichnen können, die sich wieder auf aktuell 14 reduziert hätten.

Geringe Wertschätzung

„Die Wertschätzung für die Handwerksberufe in der Bevölkerung ist nicht sehr hoch in Deutschland“, sagt Joachim Friehe, Obermeister der Bäcker-Innung Südniedersachsen. Viele Menschen hätten kein Problem, ein Handy für 800 Euro zu kaufen, aber das Essen müsse günstig sein. Und diese Forderung werde industriell bedient. In Einkaufsmärkten gebe es Brötchen zu einem Preis, der etwa nur ein Drittel von dem kostet, den ein Bäcker nehmen müsse. Auf der einen Seite stehe eine riesige Maschine, in der ein Arbeiter locker eine große Anzahl an Brötchen herstellen könne. „Bei uns arbeiten Menschen, die ihr Handwerk gelernt haben.“ Friehe beklagt eine Fehlstellung in der Sichtweise des Verbrauchers.

Andere Handwerker seien gegenüber denen im Lebensmittelbereich im Vorteil, sagt Friehe. Die Auftragslage der Handwerker im Baubereich sei derzeit so gut, dass der Kunde schon gute Verbindungen brauche, sonst komme der Handwerker erst in einigen Wochen. „Dort gibt es keine Alternative“, sagt er. „Es gibt aber die Alternative bei uns und auch bei den Fleischern.“ Und die könne günstiger produzieren.

Mehr Anfragen

„Ich glaube aber, dass sich der Trend gerade dreht“, sagt hingegen Bäckermeister Dirk Wollersen. „Der Kunde achtet mittlerweile wieder mehr darauf, was er isst.“ Und er wäge schon ab, ob er beim Discounter oder vom Handwerksbäcker kaufe.

Er sehe auch eine Trendwende in der Ausbildung. Vor zehn Jahren sei es überhaupt kein Thema gewesen, Auszubildende zu finden. Das sei dann aber weniger geworden. Vor drei Jahren seien dann sogar keinen Anfragen mehr gekommen. „Seit zwei Jahren habe ich aber wieder mehr Anfragen als ich ausbilden kann“, sagt er. Vier hätten gefragt, aber er hätte nur einen nehmen können.

Justin Otto ist Auszubildender im ersten Lehrjahr. Quelle: Rüdiger Franke

„Es gibt keinen Beruf, in dem es so leicht ist, einen Menschen glücklich zu machen“, ist Bäckermeister Dirk Wollersen überzeugt. Deshalb gibt er sein Wissen gern weiter. Und auch seine Auszubildenden Jessica Wald (19) und Justin Otto (17) haben sich anstecken lassen. „Mir mach das Backen Spaß“, sagt die Auszubildende im zweiten Lehrjahr. Eigentlich habe sie im Januar 2018 nur einen Nebenjob gesucht. Doch nach nur einer Woche stand ihre Berufswahl fest. Besonders gefalle ihr, dass sie noch alles selber mache. „Man hat den Teig noch in der Hand.“ Und auch an die Arbeitszeiten habe sie sich schnell gewöhnt. „Das hatte ich anfangs nicht gedacht“, sagt sie.Außerdem habe sie während der Ausbildung sonnabends frei. „Von meinen Freunden müssen viele am Sonnabend arbeiten.“

Und auch der 17-jährige Justin erklärt, dass er über Praktika in den Job gefunden habe. Bei ihm lag das Bäckerhandwerk auch bereits in der Familie, denn sein älterer Bruder habe den Beruf vor ihm gewählt.

Doch im Gegensatz zu Wollersen sehen Friehe und Gliem weiterhin Probleme, offene Stellen zu besetzen. „Wir gehen in die Schulen, um für unseren Beruf zu werben“, sagt Friehe. Auch die Ausbildungsvergütung sei angepasst worden. „Wir sind nicht mehr im unteren Drittel, sondern im Mittelfeld angesiedelt.“ Einzig die Arbeitszeiten könne er nicht ändern. „Wir unterstützen die Innungen in ihren Bemühungen“, sagt Gliem. Die einzige Chance sei tatsächlich, in die Schulen zu gehen und „junge Leute frühzeitig zu interessieren“. So gebe es zum Beispiel Kooperationen mit dem Felix-Klein-Gymnasium und dem Hainberg-Gymnasium, bei denen Praktikumsplätze zur Verfügung gestellt werden. „Wir haben gerade im Oberzentrum gar keine andere Chance, da es künftig keine Haupt- und Realschulen mehr gibt, als an den Gymnasien zu werben.“ Denn es lohne, statt über ein Studium über eine duale Ausbildung nachzudenken.

Weniger Bäckerbetriebe in der Region

Die Anzahl der Bäckerbetriebe ist im Zeitraum von 2008 bis 2018 bundesweit um etwa ein Drittel geschrumpft. Auch in der Region Göttingen und Südniedersachsen sank die Zahl.

Bäcker-Innung Göttingen:

2008 10 Betriebe

2009 10 Betriebe

2010 9 Betriebe

2011 8 Betriebe

2012 8 Betriebe

2013 8 Betriebe

seit 2014 7 Betriebe

„Das Besondere der Innung in Göttingen ist aber, dass die drei Mitglieder Thiele, Ruch und Hermann zusammen mehr als 150 Filialen betreiben“, erklärt Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen.

Bäcker-Innung Südniedersachsen:

Zunächst nur Duderstadt und Hann. Münden:

2008 18 Betriebe

2009 17 Betriebe

2010 18 Betriebe

2011 16 Betriebe

2012 16 Betriebe

2013 14 Betriebe

Nach Zusammenschluss mit Osterode:

2014 18 Betriebe

2015 16 Betriebe

2016 16 Betriebe

2017 15 Betriebe

2018 14 Betriebe

2019 14 Betriebe

Mit dem Brotkauf Kindern helfen

Der Tag des deutschen Brotes wird in diesem Jahr am 7. Mai begangen. Es soll ein Fest für die Brotvielfalt sein, teilt der Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks mit – verbunden mit einem guten Zweck.Deutsches Brot sei in seiner Vielfalt einzigartig, so die Innungsbäcker. Das Bäckerhandwerk habe die Brotkultur über die Jahrhunderte entwickelt und bewahrt. Fast 11 000 Bäckereien mit rund 270 000 Beschäftigten stellen einen wichtigen Wirtschaftszweig des deutschen Mittelstands. „Wir freuen uns, die Menschen jedes Jahr mit neuen Aktionen zum Tag des Deutschen Brotes zu überraschen, um so das Bewusstsein für gutes Brot der Innungsbäcker zu stärken“, erklärt Michael Wippler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks. Zum Tag des Deutschen Brotes starte auch wieder die bundesweite Aktion „Ein Brot, das Gutes tut“ zugunsten von „Ein Herz für Kinder“. Bis zum Herbst können Brot-Fans bei ihrem Innungsbäcker Charity-Brote kaufen. Im vergangenen Jahr konnte das Bäckerhandwerk der Kinderhilfsorganisation 100 000 Euro zukommen lassen. Pro verkauftes Brot gehen 30 Cent an „Ein Herz für Kinder“. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite innungsbäcker.de.

Von Rüdiger Franke